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Konsum von Tieren weltweit: Keinerlei Grund für westliche Überheblichkeitsgefühle

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Bild: John LeGear

Zusammenfassung

 

Der Konsum tierischer Nahrungsmittel ist das Gegenteil einer veganen Lebensweise. Je mehr Fleisch, Fisch, Milch und Eier konsumiert werden, desto weiter entfernt ist also eine Gesellschaft vom Veganismus. Unsere Analyse des Konsums tierischer Produkte in 187 Ländern zeigt, dass es für westliche Arroganz keinerlei Berechtigung gibt. Denn der Fleischkonsum ist in Ländern mit "christlich-jüdischer Leitkultur" besonders hoch, während er beispielsweise in stärker islamisch geprägten Ländern erheblich geringer ist. Auch unter Veganern gibt es Stimmen, die im Namen des Tierschutzes andere Kulturen, Religionen und Länder aussondern und als der westlichen Lebensweise und Ethik unterlegen betrachten. Die Ergebnisse unserer Analye widerlegen diese Ansichten: Selbst wenn Unterschiede in Wohlstand und Entwicklungsstand berücksichtigt werden, bleibt der Konsum von Tierprodukten in Ländern mit "christlich-jüdischer Leitkultur" erhöht, während – entgegen mancher Vorurteile – gerade die Verbreitung des Islam mit einer Absenkung des Konsums speziell von Fleisch einhergeht.

 

 

Wir haben uns den Fleischkonsum, den Fischkonsum, den Eierkonsum und den Milchkonsum von 187 Staaten (einschließlich autonomer Gebieter, wie Hongkong und Macao) angeschaut, um die Zusammenhänge zur Religionszugehörigkeit und zum Wohlstand zu untersuchen. Die meisten Daten zum Konsum haben wir von der Statistiken-Seite der FAO entnommen, wobei hiervon der allergrößte Teil der Daten aus dem Jahr 2011 stammte. Wenn einzelne Länder 2011 nicht verfügbar waren, haben wir auch auf vorherige Datensätze und andere Quellen (siehe hier und hier) zurückgegriffen. Fehlende Angaben zum Fischkonsum haben wir spezifisch über eine Veröffentlichung des Marine Fishing Service - Office of Science and Technology aus dem Jahr 2013 ergänzt. Für den Human Development Index (HDI) als Maß für Wohlstand und Entwicklungsstand einer Gesellschaft haben wir die Statistiken 2014 der Human Development Reports des United Nations Development Programmes herangezogen. Die Verteilung der Religionszugehörigkeiten in den verschiedenen Ländern haben wir aus einer Auflistung im Pew-Forum entnommen, deren Daten sich auf das Jahr 2010 beziehen.

 

 

Wie viel Tierprodukte werden auf der Welt verzehrt in Abhängigkeit von der Religionszugehörigkeit und dem Entwicklungsstand (HDI) der jeweiligen Länder?

 

 

Zunächst haben wir uns grob angeschaut, wie viel Tierprodukte in Ländern mit verschiedenen religiösen Mehrheitsbevölkerungen im Durchschnitt pro Kopf konsumiert wurden:

 

 

  • In den 115 Staaten mit einer christlichen Mehrheitsbevölkerung wurden pro Kopf im Durchschnitt 55, 48 Kg Fleisch, 18,90 Kg Fisch und „Meeresfrüchte“, 7,23 Kg Eier und 129,96 Kg Milchprodukte konsumiert.

  • In den 46 Staaten mit einer muslimischen Mehrheitsbevölkerung wurden pro Kopf 32,92 Kg Fleisch, 15,42 Kg Fisch, 4,88 Kg Eier und 96,14 Kg Milchprodukte konsumiert

  • In den 7 Staaten mit buddhistischer Bevölkerungsmehrheit wurden pro Kopf 26,43 Kg Fleisch, 23,41 Kg Fisch, 4,36 Kg Eier und 40,30 Kg Milchprodukte konsumiert.

  • In den 3 Staaten mit hinduistischer Bevölkerungsmehrheit wurden 22,65 Kg Fleisch, 9,75 Kg Fisch, 3,07 Kg Eier und 86,45 Kg Milchprodukte konsumiert.

  • In Israel, dem einzigen Staat mit jüdischer Bevölkerungsmehrheit, wurden 101,96 Kg Fleisch, 20,29 Kg Fisch, 10,61 Kg Eier und 188,68 Kg Milchprodukte konsumiert.

  • In den sechs Staaten mit einer nicht religiös gebundenen Bevölkerungsmehrheit (China, Hongkong, Japan, Estland, Südkorea und Tschechische Republik) wurden pro Kopf 77,07 Kg Fleisch, 39,97 Kg Fisch, 14,48 Kg Eier und 106,05 Kg Milchprodukte konsumiert.

 

 

Am meisten Tierprodukte wurden also bezüglich der religiösen Aufsplitterung in Israel als einzigem Staat mit jüdischer Mehrheitbevölkerung  konsumiert, gefolgt von einem ebenfalls hohem Konsum in den Staaten mit nicht religiös gebundener Bevölkerungsmehrheit und im Anschluss den Staaten mit christlicher Bevölkerungsmehrheit. Deutlich niedriger war der Konsum von Tierprodukten in den muslimischen Staaten, noch geringer in den buddhistischen Staaten und am geringsten in den hinduistischen Staaten. Bezüglich Israel sei darauf hingewiesen, dass es mit einer starken Zunahme der veganen Lebensweise dort ebenfalls einen ausgeprägten Gegentrend zum Fleischkonsum gibt, auch wenn dieser den hohen gesamtgesellschaftlichen Fleischkonsum bisher nicht ernsthaft begrenzen konnte. Jubelmeldungen, dass Israel bald das erste fleischfreie Land werden könnte, sind in Anbetracht des hohen Pro-Kopf-Konsums von Fleisch in jedem Fall überzogen.

 

Bezüglich der Staaten mit mehrheitlich nicht religiös gebundener Bevölkerung lag das westlich geprägte Hongkong (wurde wie ein separater Staat ausgewertet)  mit einem Fleischkonsum von 153,91 Kg auf Platz 1 der Weltrangliste der 187 Staaten und erreichte ebenfalls beim Fischkonsum mit 71,02 Kg Platz 1. Die Volksrepublik China, die der gleichen Kategorie von Staaten mit nicht religiös gebundener Mehrheitsbevölkerung angehört, lag demgegenüber beim Fleischkonsum mit 56,85 Kg auf Rangplatz 75 und wies mit 32,86 Kg Fisch auch einen deutlich geringeren Fischkonsum als Hongkong auf.

 

Übrigens wurden in der sich auf eine "christlich-jüdische Leitkultur" berufenden Bundesrepublik Deutschland durchschnittlich 87,92 Kg Fleisch pro Person konsumiert, während der entsprechende Konsum in der muslimischen Türkei lediglich bei 33,43 Kg lag.

 

Allerdings unterschieden sich die untersuchten Länder nicht nur bei Fleischkonsum und Religionszugehörigkeit, sondern natürlich auch im Wohlstand.

 

Es ist bekannt, dass Wohlstand den Konsum tierischer Produkte und speziell auch von Fleisch antreibt.. So zeigte es sich auch in den Daten:

 

 

Der sogenannte Human Development Index (HDI, Stand 2013) korrelierte stark und statistisch hoch signifikant mit dem Konsum von Fleisch (r=,796), Eiern (r=.750) und Milch (r=,691), während die Korrelation zum Fischkonsum (r=,298) zwar ebenfalls signifikant, aber nur moderat ausfiel. Wurden nach Median-Split die Staaten mit dem geringeren HDI mit den Staaten mit dem höheren HDI verglichen, zeigten sich sehr deutliche Konsumunterschiede:

 

 

  • In den Staaten mit dem geringeren HDI wurden pro Kopf 28,21 Kg Fleisch, 15,09 Kg Fisch, 3,22 Kg Eier und 60,05 Kg Milch konsumiert.

  • In den Staaten mit dem höheren HDI 69,35 Kg Fleisch, 23,20 Kg Fisch, 10,12 Kg Eier und 166,71 Kg Milchprodukte konsumiert.

 

 

Da gerade die christlichen Staaten und die religiös nicht gebundenen Staaten im Durchschnitt einen signifikant höheren HDI und die muslimischen Staaten einen signifikant geringeren HDI aufwiesen, war davon auszugehen, dass ein Teil der Unterschiede im Fleisch- und Tierproduktkonsum in Wirklichkeit auf die bestehenden Unterschiede im Entwicklungsgrad rückführbar sein würde. Dies galt auch für Israel, welches einen hohen HDI von 101,96 aufwies und damit weltweit den Rangplatz 19 einnahm.

 

 

Unter statistischer Kontrolle der Unterschiede im HDI zwischen den Staaten ergaben sich folgende Werte zum Konsum von Fleisch, Fisch, Milch und Eiern:

 

 

  • In den 115 Staaten mit einer christlichen Mehrheitsbevölkerung wurden bei Kontrolle des Wohlstandes über den HDI pro Kopf im Durchschnitt 51,79 Kg Fleisch, 19,90 Kg Fisch und „Meeresfrüchte“, 7,08 Kg Eier und 120,48 Kg Milchprodukte konsumiert.

  • In den 45 Staaten (wo ein HDI-Wert vorlag) mit einer muslimischen Mehrheitsbevölkerung wurden bei Kontrolle des Wohlstandes über den HDI pro Kopf 40,06 Kg Fleisch, 17,09 Kg Fisch, 5,25 Kg Eier und 90,28 Kg Milchprodukte konsumiert

  • In den 7 Staaten mit buddhistischer Bevölkerungsmehrheit wurden bei Kontrolle des Wohlstandes über den HDI pro Kopf 40,19 Kg Fleisch, 17,12 Kg Fisch, 5,27 Kg Eier und 90,63 Kg Milchprodukte konsumiert.

  • In den 3 Staaten mit hinduistischer Bevölkerungsmehrheit wurden bei Kontrolle des Wohlstandes über den HDI 40,08 Kg Fleisch, 17,09 Kg Fisch, 5,25 Kg Eier und 90,36 Kg Milchprodukte konsumiert.

  • In Israel, dem einzigen Staat mit jüdischer Bevölkerungsmehrheit, wurden bei Kontrolle des Wohlstandes über den HDI 80,10 Kg Fleisch, 26,70 Kg Fisch, 11,51 Kg Eier und 193,32 Kg Milchprodukte konsumiert.

  • In den sechs Staaten mit einer nicht religiös gebundenen Bevölkerungsmehrheit wurden bei Kontrolle des Wohlstandes über den HDI pro Kopf 73,94 Kg Fleisch, 25,23 Kg Fisch, 10,55 Kg Eier und 177,48 Kg Milchprodukte konsumiert.

 

 

Bei Berücksichtigung der Unterschiede im HDI wurden die Unterschiede zwischen den Staaten mit divergierender religiöser Mehrheitsbevölkerung also zwar insgesamt abgemildert, blieben aber grundsätzlich insofern dennoch bestehen, dass insbesondere Israel, aber auch die religiös nicht gebundenen Staaten und die christlichen Staaten einen erhöhten Konsum von Fleisch und Tierprodukten zeigten, während die muslimischen, buddhistischen und hinduistischen Staaten sich von einander nicht unterschieden und einen deutlich geringeren Konsum aufwiesen. Der erhöhte Konsum von Tierprodukten in den Staaten mit jüdischer, christlicher und nicht-religiös gebundener Bevölkerungsmehrheit lässt sich also demnach nicht ausschließlich mit Wohlstandsunterschieden erklären. Demgegenüber scheinen die Unterschiede zwischen den weniger Tierprodukte konsumierenden muslimischen, buddhistischen und hinduistischen Staaten offenbar großteils nicht durch die Religionen, sondern durch Wohlstandsunterschiede bedingt zu werden.

 

 

Jedoch mag diese Analyse zu kurz greifen. So könnte sich auch der prozentuale Anteil einer Religion in einem Land auf den Konsum von Fleisch, Fisch, Eiern und Milch selbst dann auswirken, wenn es sich nicht um die mehrheitliche religiöse Orientierung in diesem Staat eignet.

 

 

Hier werden die Korrelationen zwischen dem Konsum der entsprechenden Tierprodukte und dem prozentualem Anteil der verschiedenen religiösen Richtungen in den 187 Staaten gezeigt: 

 

 

  • Der Anteil von Personen mit christlicher Religionszugehörigkeit korrelierte in den 187 Staaten signifikant positiv mit dem Konsum von Fleisch (r=,257) und Milch (r=,181), nicht aber mit dem Konsum von Fisch (-,002) und Eiern (r=,104).

  • Der Anteil von Personen mit muslimischer Religionszugehörigkeit korrelierte in den 187 Staaten signifikant negativ dem Konsum von Fleisch (r=-,368), Eiern (r=-,268) und borderline-signifikant mit dem Konsum von Fisch (r=-,142), während keine signifikante Korrelation zum Milchkonsum auftrat (r=-,124).

  • Der Anteil von Personen mit buddhistischer Religionszugehörigkeit korrelierte in den 187 Staaten signifikant positiv mit dem Konsum von Fisch (r=,146) und signifikant negativ mit dem Konsum von Milch (r=-,205), während keine signifikanten Korrelationen zum Konsum von Fleisch (r=-,11) und Eiern (r=,015) auftraten.

  • Der Anteil von Personen mit hinduistischer Religionszugehörigkeit korrelierte in den 187 Staaten nicht signifikant mit dem Konsum von Fleisch (r=-, 109), Fisch (r=-,030) und Milch (r=-,066), aber borderline-signifikant negativ mit dem Konsum von Eiern (r=-, 139). .

  • Der Anteil von Personen mit jüdischer Religionszugehörigkeit korrelierte in den 186 Staaten, zu denen Daten vorlagen, borderline-signifikant mit dem Konsum von Fleisch (r=,139), während keine signifikanten Korrelationen mit dem Konsum von Fisch (r=,005), Eiern (r=,068) und Milch (r=,074) auftraten.

  • Der Anteil von Personen ohne religiöses Bekenntnis korrelierte signifikant positiv mit dem Konsum von Fleisch (r=,410), Fisch (r=,146), Eiern (r=,468) und Milch (,245).

 

 

Insgesamt zeigte sich in dieser Auswertung also, dass insbesondere der zunehmende Anteil von Personen ohne religiöses Bekenntnis mit einer Erhöhung des Konsums von Tierprodukten einherging, wobei aber auch ein wachsender Anteil der Christen in einem Staat und ebenfalls ein wachsender Anteil von Personen mit jüdischem Bekenntnis mit einem erhöhten Fleischkonsum zusammenhingen. Ein zunehmender Anteil von Christen korrespondierte zusätzlich mit einem erhöhten Milchkonsum. Demgegenüber ging ein wachsender Anteil von Muslimen mit sinkendem Konsum von Fleisch, Eiern und auch Fisch einher. Wachsende Anteil von Hindus waren lediglich mit erniedrigtem Eierkonsum assoziiert, während wachsende Anteile von Buddhisten mit erniedrigtem Milchkonsum, aber ansteigendem Fischkonsum einhergingen.

 

 

Damit scheint sich nach dieser Analyse insbesondere ein wachsender Anteil von Muslimen absenkend auf den Konsum von Tierprodukten in den einbezogenen 187 Staaten auszuwirken.

 

 

Allerdings waren in dieser Analyse wiederum noch nicht die Überlagerungen mit Unterschieden im Wohlstand der einbezogenen Länder berücksichtigt worden.

 

Wurden die Unterschiede im HDI aus den Zusammenhängen herausgerechnet, ergaben sich folgende durchaus veränderte Befunde:

 

 

  • Der Anteil von Personen mit christlicher Religionszugehörigkeit korrelierte unter Kontrolle des HDI nur noch positiv mit Fleischkonsum (r=224), nicht mehr aber mit Milchkonsum (r=,076) und weiterhin nicht mit Eierkonsum (r=,022) und Fischkonsum (r=-,059).

  • Der Anteil von Personen mit muslimischer Religionszugehörigkeit korrelierte unter Kontrolle des HDI in den 187 Staaten nur noch negativ mit dem Konsum von Fleisch (r=-,255), nicht mehr aber mit dem Konsum von Eiern (r=-,049) und Fisch (r=-,035) und weiterhin nicht mit dem Konsum von Milch (r=,121).

  • Der Anteil von Personen mit buddhistischer Religionszugehörigkeit korrelierte unter Kontrolle des HDI in den 187 Staaten nunmehr signifikant negativ mit dem Konsum von Fleisch (r=-,172) und stärker noch von Milch (r=-,264), während keine signifikante Korrelation mehr zum Konsum von Fisch (r=,120) und weiterhin keine signifikante Korrelation zum Konsum von Eiern (-,001) auftrat.

  • Der Anteil von Personen mit hinduistischer Religionszugehörigkeit korrelierte unter Kontrolle des HDI weiterhin signifikant negativ mit dem Konsum von Eiern (r=-,161), korrelierte aber weiterhin nicht signifikant mit dem Konsum von Fleisch (r=-,107), Fisch (r=,007) und Milch (r=-,083).

  • Der Anteil von Personen mit jüdischer Religionszugehörigkeit korrelierte unter Kontrolle des HDI in den 186 Staaten weder mit dem Konsum von Fleisch (r=,094), Fisch (r=-,029), Eiern (r=-,020) oder Milch (r=-,002).

  • Der Anteil von Personen ohne religiöses Bekenntnis korrelierte unter Kontrolle des HDI weiterhin signifikant positiv mit dem Konsum von Fleisch (r=,169) und Eiern (r=,275), nicht mehr aber mit dem Konsum von Fisch (r=,034) und Milch (-,037).

 

 

Diese Ergebnisse machen deutlich, dass bei Berücksichtigung der Unterschiede im HDI zwischen den beteiligten Ländern vor allem wachsende Anteile an Christen und religiös nicht gebundenen Personen mit einem erhöhten Fleischkonsum in den betreffenden Ländern einhergingen, während wachsende Anteile an Muslimen und in schwächerem Ausmaß auch an Buddhisten mit einer Absenkung des Fleischkonsums in den entsprechenden Ländern assoziiert waren. Wachsende Anteile von Buddhisten gingen zudem einher mit abnehmendem Milchkonsum, während wachsende Anteile von Hindus mit abnehmendem Eierkonsum korrespondierten. Demgegenüber nahm der Eierkonsum mit wachsenden Anteilen religiös nicht-gebundener Personen zu.

 

 

Interpretation

 

Unsere Analyseergebnisse deuten darauf hin, dass der Konsum von Tierprodukten, insbesondere von Fleisch, Eiern und Milch, aber zu einem geringeren Anteil auch von Fisch, mit wachsendem Entwicklungsgrad und Wohlstand zunimmt. Unterschiede im Entwicklungsgrad erklären auch einen Teil der Unterschiede, die sich im Konsum von Tierprodukten zwischen Ländern in Abhängigkeit von ihrer religiösen Zusammensetzung zeigten.

 

 

Während Länder mit hinduistischer und buddhistischer Mehrheitsbevölkerung am wenigsten Tierprodukte konsumierten, verschwindet dieser Unterschied zu den muslimischen Ländern komplett, wenn die Unterschiede im Entwicklungsgrad mithilfe des HDI berücksichtigt wurden. Demgegenüber blieb der Konsum von Ländern mit christlicher und religiös nicht gebundener Mehrheitsbevölkerung deutlich höher, auch wenn Unterschiede im HDI kontrolliert wurden. Gleiches galt für Israel, wo ein besonders hoher Konsum an Tierprodukten stattfand.

 

 

Allerdings mag allein die Berücksichtigung von Mehrheitsbevölkerungen einen ausreichend differenzierten Blick verhindern. Wurden die Anteile der jeweiligen religiösen Orientierungen an der Gesamtbevölkerung der untersuchten Länder berücksichtigt, zeigte sich auch bei Kontrolle der HDI, dass offenbar vorwiegend ein wachsender Anteil von Muslimen mit einer Senkung des Fleischkonsums in den betreffenden Ländern einherging, wobei dies zu einem geringeren Ausmaß aber auch für einen wachsenden Anteil an Buddhisten galt, der gleichzeitig mit sinkendem Milchkonsum assoziiert war. Demgegenüber wirkten sich wachsende Anteil an Christen und Personen ohne religiöses Bekenntnis statistisch förderlich auf den Konsum von Fleisch aus und bezüglich der Personen ohne Bekenntnis auch auch den Konsum von Eiern. Der Anteil an Hindus ging demgegenüber lediglich mit einer Reduktion des Eierkonsums einher, keine Auswirkungen zeigen sich für Anteile von Personen mit jüdischem Bekenntnis, wobei aufgrund deren sehr geringer Anzahl in anderen Ländern als in Israel allerdings die Identifikation eines möglichen Effektes erschwert war, was in geringerem Ausmaß im übrigen auch für Hindus galt.

 

 

Welche Handlungsimplikationen ergeben sich aus veganer Sichtweise?

 

 

Machen wir uns zunächst noch einmal klar: Die Nutztierhaltung ist für den bei weiten überwiegenden Anteil des direkt durch den Menschen erzeugten Tierleides verantwortlich. Sie trägt zudem maßgeblich zu Umweltverschmutzung, Erderwärmung und Landverbrauch bei. Die Nutztierhaltung hat aber auch tiefgreifend antisoziale Auswirkungen, weil sie auf der Verfütterung von Lebensmittel an Nutztieren beruht, die der menschlichen Ernährung so entzogen werden. Entsprechend steigen die Preise für Getreide- und Sojaprodukte in der dritten Welt, so dass sich die Armen dort eine ausreichende Ernährung oft nicht mehr leisten können. Hinzukommt, dass die Nutztierhaltung psychologisch mit der Einübung von Gewalt und Grausamkeit verbunden ist, die letztlich auch auf den Menschen generalisieren kann. Sicherlich nicht zufällig haben fast alle sadistischen Serienmörder mit dem Quälen von Tieren begonnen, bevor sie sich dem Menschen als Objekt zur Auslebung ihrer Gewaltfantasien zuwandten.

 

 

Ein erhöhte Konsum von Fleisch, Fisch, Eiern und Milch geht insofern mit mehr Tierleid, stärkerer Umweltzerstörung und mehr Hunger und Nahrungsunsicherheit einher. Dies macht die erhaltenen Befunde zu den Zusammenhängen zwischen dem Konsum von Tierprodukten, der Religionszugehörigkeit und dem Wohlstand in mehrfacher Hinsicht gerade auch aus veganer Perspektive hochgradig bedeutsam:

 

 

  • Wir müssen aufpassen, dass der Tierschutz nicht für den Zweck der Verbreitung von Fremdenfeindlichkeit missbraucht wird. Es gibt aus veganer und tierethischer Sichtweise keinen Grund für westliche Überheblichkeit oder für die Annahme einer überlegenen europäischen, christlichen oder christlich-jüdischen Leitkultur. Denn es sind gerade die Vertreter dieser angeblich überlegenen Wertegemeinschaft und Leitkultur, die am meisten Tierprodukte verzehren.

 

  • Die wohlhabendsten Länder mit dem höchsten HDI sind die westlichen Industriestaaten, die gleichzeitig den höchsten Konsum an Tierprodukten zeigen. Damit brechen sie die Solidarität zu den ärmeren Staaten und sind zudem maßgeblich verantwortlich für einen großen Teil des grassierenden menschengemachten Tierleides.

 

  • DIe Assoziation zwischen Wohlstand und Konsum von Tierprodukten beruht auf einem falschen Verständnis, welches geändert werden muss. Während jedes Land einen Anspruch auf Wohlstand und Entwicklung hat, wird es wesentlich sein, an einer Entkoppelung von Wohlstand und Fleischkonsum (sowie Eier-, Milch- und FIschkonsum) zu arbeiten. Denn ansonsten würden mit wachsendem Wohlstand immer mehr Ressourcen für die Nutztierhaltung zweckentfremdend und damit zum Schaden von Tier, Umwelt und Mensch eingesetzt werden. Gerade weil ein wachsender Wohlstand für die Länder der dritten Welt unverzichtbar ist, muss aus veganer Perspektive an der Vereinbarkeit zwischen Wohlstand und dem Verzicht auf Tierprodukte und Nutztierhaltung gearbeitet werden. Hierfür wird nicht nur Überzeugungsarbeit in den westlichen Industriestaaten, sondern ebenfalls in den Ländern der dritten Welt und in den Schwellenländern, wie China, erforderlich sein. Geschieht dies nicht, werden wir in den nächsten Jahrzehnten mit einer sich rapide ausweitenden Nutztierhaltung konfrontiert werden. Um Tierleid effektiv zu mindern wird es notwendig sein, dass sich Veganer nicht ausschließlich auf die Verbreitung der veganen Lebensweise fokussieren, sondern zusätzlich selbst gegenüber Nicht-Veganern, die derzeit nicht vegan werden wollen, deutlich machen, dass eine Reduktion des Konsums von Tierprodukten erforderlich ist.

 

  • Spezifisch zeigen unsere Auswertungen in überraschender Eindeutigkeit, dass gerade Vorwürfe im Namen des Tierschutzes gegenüber dem Islam unberechtigt und oftmals heuchlerisch sind. Die Verbreitung der muslimischen Religion geht tatsächlich konsistent nicht mit einem besonders hohen, sondern mit einem besonders niedrigem Konsum von Fleisch einher! Fraglos gibt es unzählige tierrechtswidrige Praktiken in muslimischen Länder, die zu kritisieren und abzuschaffen sind (einschließlich des Fleischkonsums). Das größte Ausmaß der Tiertötung und Nutztierhaltung geht aber gerade nicht von den muslimischen Ländern aus, sondern hierfür sind diejenigen Länder verantwortlich, die sich als eine westliche, christliche oder christlich-jüdische Leitkultur verstehen und für sich oftmals den Anspruch moralischer Überlegenheit erheben. Diese Anspruch ist unbegründet und Veganer sollten es daher unbedingt vermeiden, ihre Kritik auf andere Kulturen oder Religionen zu fokussieren, die tatsächlich sogar mit einem geringeren Ausmaß an Tierleid assoziiert sind als es in den westlichen Staaten zum Alltag gehört.

 

  • Besonderer Berücksichtigung bedürfen aus veganer Sichtweise die Menschen, die sich keinem religiösen Bekenntnis zuordnen. Diese zeichnen sich derzeit offenbar mindestens durch einen deutlich erhöhten Konsum von Fleisch, aber auch von Eiern aus. Wahrscheinlich wird dies vorwiegend verursacht durch Personen, die ihre Ablösung von religiösen Bindungen leider mit einer Anpassung an eine neoliberale Gesellschaftsstruktur und die Befriedigung von ethisch nicht reflektierten Konsumwünschen verbunden haben. Der Abschied von restriktiven und oftmals unbegründeten Werten hat hier unglücklicherweise zu einem allgemeinen Werteverlust geführt, der sich in der Bejahung oberflächlicher Konsumbedürfnisse zeigt. Es wird daher wesentlich sein, tierethische Überlegungen gerade auch bei dieser Personengruppe stärker zu verankern und dadurch ihrem Trend zum erhöhten Konsum von Tierprodukten entgegenzuwirken.

 

  • Veganer wollen eine bessere Welt, in der das durch Menschen verursachte unnötige Tierleid abgeschafft, die Umwelt geschont und die weltweite Ernährungssicherheit gewährleistet wird. Dem steht derzeit in allen Ländern auf der Welt die Gewohnheit der Nutzung und des Konsums von Tieren entgegen. Auch wenn es Unterschiede zwischen den verschiedenen Ländern, Religionen und Kulturen gibt, wird die vegane Sache durch keine Kultur tatsächlich repräsentiert und weist damit notwendigerweise einen die gegenwärtigen Religionen und Kulturen überschreitenden Charakter auf. DIes sollte betont werden, anstatt einen Kulturkreis für Kritik auszusondern und dadurch in den Verdacht von Fremdenfeindlichkeit zu geraten.

 

Verfasser: Guido F. Gebauer, E-Mail: gebauer@gleichklang.de

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