Buddhismus und Fleisch

Buddhismus und Fleisch

Welche Rolle spielt eigentlich die Religion für den Fleischkonsum, die Tierausbeutung und die vegetarische oder vegane Lebensweise?

Religion und Fleischkonsum

Statistisch hatten wir die weltweiten Zusammenhänge zwischen Fleischkonsum und Religion bereits in einem vorherigen Artikel einmal dargestellt. Sie können dort mit Quellenangaben nachgelesen werden. Hier werden sie nur in aller Knappheit wiederholt:

  • Der Anteil von Buddhisten in einem Land korreliert negativ mit dem Fleischkonsum. Je mehr Buddhisten in einem Land leben, desto weniger Fleisch wird also gegessen.
  • Das Gleiche gilt übrigens auch für den Islam.
  • Anders ist es bei den Christen: So höher der Anteil der Christen in einem Land ist, desto mehr Fleisch wird gegessen.
  • Ebenso mit erhöhtem Fleischkonsum hängt die Abwesenheit von Religiosität zusammen. Je höher der Anteil derjenigen Personen ohne Religion in einem Land, desto mehr Fleisch wird gegessen.
  • Alle diese Zusammenhänge bleiben auch dann gültig, wenn für den Entwicklungsstand eines Landes statistisch kontrolliert wird. Es hängt also nicht einfach damit zusammen, dass wohlhabendere Menschen mehr Fleisch essen, sondern es gibt Unterschiede zwischen den Religionen, die nicht durch Wohlstands-Unterschiede erklärbar sind.

Religion scheint also für den Fleischkonsum eine Rolle zu spielen. Welche Schlüsse sind aber daraus zu ziehen und sollten Veganer auch mit Religionsvertretern zusammenarbeiten, um die Ausbreitung der veganen Lebensweise zu fördern? Dieser Artikel geht dieser Frage aus Sichtweise des Autors für den Buddhismus nach.

Buddhistische Widersprüchlichkeit

Dass Buddhismus insgesamt mit reduziertem Fleischkonsum einhergeht, wird viele Menschen nicht verwundern. Denn immerhin gehört die Akzeptanz dessen, dass auch Tiere leiden und die Aufforderung, Leid zu vermeiden zum Grundkanon, den alle Buddhisten teilen. Trotzdem ist es ein Irrtum vieler, dass Buddhismus und Vegetarismus notwendigerweise zusammenhängen. Ein tatsächliches Fleischverbot wird nur im größten der drei großen Richtungen des Buddhismus, dem Mahayana-Buddhismus ausgesprochen, wobei dieses Verbot auch nur für Mönche gilt. Wer kein Mönch ist, kann Fleisch essen. Nur an bestimmten Tagen ernähren sich auch Laien grundsätzlich vegetarisch.

Allerdings wird im Mahayana-Buddhismus Vegetarismus auch für Laien als vorteilhaft angesehen, auch wenn er nicht verpflichtend ist. Eine Ausnahme bildet Japan, wo der Mahayana-Buddhismus kein Fleischverbot für Mönche kennt und insofern diesbezüglich dem Theravada Buddhismus entspricht. Selbst in Japan betonen aber zahlreiche buddhistische kleinere Sekten und Gruppierungen den positiven Wert des Vegetarismus.

Ganz anders sieht es im sogenannten Theravada-Buddhismus und auch im der kleinsten Richtung des Buddhismus, dem tibetischen Vajrayana-Buddhismus aus. In diesen Richtungen können selbst Mönche Fleisch essen und weder Mönche noch Laien werden in der Regel zum Vegetarismus angehalten.

Der Vorliebe für Fleischkonsum vieler tibetischer Lamas ist zudem allgemein bekannt. Der buddhistische Theravada-Mönch Bhante Dhammika schildert in seinem Blog einen Tibet-Besuch, wo ganze Herden von Rindern zur Schlachtung herangebracht wurden, weil sich Lamas (tibetische Mönche) zu religiösen Feierlichkeiten in Tibet trafen.

Auch der Dalai Lama als oberster Vertreter des tibetischen Buddhismus ist, trotz einiger positiver Statements, kein Vegetarier, geschweige denn ein Veganer. Die Botschaft des Dalai Lama ist widersprüchlich, indem er einerseits gegen die Schlachtung von Tiere in Indien plädiert, andererseits selbst Fleisch isst.

Für Bhante Dhammika war die Konfrontation mit dem Leid der Tiere auf einem Markt in Kambodscha erster Ausgangspunkt für seine spätere Annahme des Vegetarismus, die aber auch er im Übrigen nicht konsequent zu Ende führte und sich nach wie vor als nur zu 95 % vegetarisch bezeichnet:

It was a Saturday morning and I was in Phnom Penh walking through the central market looking for some fruit to buy. I unknowingly soon found myself in the meat section. Even a blind person would know they were there. The stench was overpowering. Chickens with wet feathers and blank expressions sat in tiny cages, probably oblivious to what was soon to happen to them. The goats certainly knew. You could see it in their eyes. But there was nothing they could do and they just stood there, heads bowed, resigned to their fate. Meat hung on hooks, knives and cleavers lay on chopping blocks and everything was covered with blood and flies. For a non­human animal it would be a vision of hell.

Für einen Theravada-Mönch mag die letztlich nach wie vor inkonsequente Haltung von Bhanta Dhammika wohl bereits ein Fortschritt, da die meisten Theravada-Mönche Fleisch täglich essen. In Kambodscha kann ich regelmäßig beobachten, dass sie gezielt Fleischstände und Restaurants bei ihren täglichen Bittgängen ansteuern, offenbar um unbedingt ihre Lust auf Fleisch zu befriedigen. Gleiches gilt für andere durch den Theravada-Buddhismus geprägte Länder. Übrigens trinken Mönche auch den ganzen Tag über gerne Milchgetränke, da sie ab Mittags nichts mehr essen dürfen, das Trinken von Milchgetränken aber nicht als feste Nahrung und somit als erlaubt gilt. In den Cafés in Kambodscha sind sie tagtäglich dabei zu beobachten.

Regeln zum Fleischkonsum im Theravada-Buddhismus

Im Theravada-Buddhismus dürfen Mönche Fleisch essen, wenn es ihnen gegeben wird, sie nicht Zeuge der Tötung wurden und sie nicht annehmen müssen, dass das Tier extra für sie getötet wurde. Nicht reflektiert wird, dass damit Tiertötung allgemein als ein legitimes Verhalten propagiert und somit gefördert wird. Wenn die hochrespektierten Mönche Fleisch essen, tun es auch die Laien, die den Mönchen gerne die blutige Arbeit abnehmen. Indem sie Mönchen Fleisch bringen, erhoffen sie sich Glück und ein besseres Leben nach Tod und Wiedergeburt.

Eigentlich sollte jedem Mönch klar sein, dass er nicht nur durch seine Vorbildfunktion Fleischkonsum und Tiertötung indirekt fördert, sondern dass Tiere durchaus auch für ihn extra getötet werden. Denn an religiösen Feiertagen werden den Mönchen große Essensmengen vorbeigebracht, für die selbstverständlich Tiere vorab in größerer Zahl geschlachtet werden.

Die Argumentation des Theravada-Buddhismus für Fleischkonsum der Mönche fördert insofern nicht nur insgesamt den Konsum von Fleisch, sondern ist zudem reine Lüge und Heuchelei.

Dass der Buddhismus insgesamt den Fleischkonsum dennoch statistisch restringiert – im Gegensatz zum Christentum – dürfte insofern vorwiegend am Mahayana-Buddhismus liegen, auch wenn selbst hier die große Mehrheit der Anhänger, nicht aber der Mönche, Fleisch essen.

Auswirkungen des Mahayana-Buddhismus auf vegane und vegetarische Lebensweise

Der Theravada-Buddhismus und der tibetische Buddhismus sind nicht als Förderer der vegetarischen oder veganen Lebensweise zu betrachten. Sie fördern vielmehr ein Denken, wie es auch westliche FLeischesser oftmals aufweisen:

Wenn ich anderen die Drecksarbeit überlasse, kann ich meine eigenen Hände in Unschuld waschen.

Anders ist die Situation aber beim Mahayana-Buddhismus. Hier hat gerade auch eine wissenschaftliche Arbeit eine förderliche Auswirkung des Mahayana-Buddhismus auf die Verbreitung vegetarischer und veganer Lebensweisen sowie auf die Umwelt (Reduktion von Treibhausgasen) festgestellt.

Die Studie ist im Journal of Religion and Health unter dem Titel "Equivalent reduction in greenhouse gas emissions by mahayana buddhists practicing vegetarian diets" veröffentlicht. Die Studie gelangt zu dem Ergebnis, dass Mahayana-Buddhismus durch die Förderung von vegetarischer und veganer Lebensweise einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz leistet.

Nach dem in der Studie dargelegten Zahlen kann davon ausgegangen werden, dass über 4 % der Anhänger des Mahayana-Buddhismus vegan und mehr als 16 % vegetarisch leben.

Wenn beispielsweise für Deutschland eine optimistische Schätzung von 3,5% vegetarisch und maximal 1 % vegan zugrunde gelegt wird, sind diese Zahlen bezüglich der Anhänger des Mahayana-Buddhismus aus Sichtweise des Veganismus sehr erfreulich.

Diese positiven Auswirkungen des Mahayana-Buddhismus entsprechen übrigens auch meinen eigenen Beobachtungen beim Vergleich von Kambodscha und Vietnam:

In Kambodscha gibt es zwar viele gut besuchte vegetarische Restaurants. Diese sind aber fast nie vegan und sie werden fast immer von chinesisch- oder vietmamesischstämmigen Familien betrieben, die dem Mahayana-Buddhismus anhängen, der eine kleine Minderheitenreligion in Kambodscha ist. Vegetarier unter den Anhänger des mehrheitlichen Theravada-Buddhismus sind sehr selten.

Demgegenüber ist die Anzahl der vegetarischen und veganen Restaurants in Vietnam bei weitem größer und hier lassen sich auch sehr viel mehr Vegetarier und Veganer finden. Erklärung dürfte sein, dass sich in Vietnam im Gegensatz zu Kambodscha die meisten Buddhisten zum Mahayana-Buddhismus bekennen, wodurch das Klima für die Ausbreitung von veganen und vegetarischen Lebensweisen gefördert wird.

Übrigens ging die ursprüngliche Entwicklung von Fleischersatz auf Seitan-Basis, der die entsprechenden Fleischgerichte täuschend ähnlich nachahmt, ebenfalls ursprünglich von buddhistischen Mahayana Mönchen in China aus.

Nach den Ergebnissen der Studie gibt es weltweit 330.94 Millionen Mahayana-Buddhisten, was einem Anteil an der Weltbevölkerung von 4,5 % entspricht.

Die relativ hohen Anteile von Vegetarismus und Veganismus in Ländern, wie China (4-5 % der Gesamtbevölkerung vegan oder vegetarisch) oder Taiwan (10 % vegan und vegetarisch zusammen) erklärt sich offenbar mit der dort ebenfalls starken Verbreitung des Mahayana-Buddhismus.

Der Unterschied zwischen China und Taiwan lässt sich mit einer stärkeren Verbreitung des Mahayana-Buddhismus in Taiwan und einer erheblich höheren Rate von Mahayana Mönchen in Taiwan erklären.

In ihren statistischen Analysen gelangen die Studienautoren zu dem Ergebnis, dass dass der hohe Anteil an Vegetariern und Veganern unter Anhängern des Mahayana-Buddhismus offenbar kausal bedingt ist. Die Verbreitung des Mahayana-Buddhismus erhöht demnach die Anzahl der Vegetarier und Veganer.

Auf dieser Grundlage kamen die Autoren in statistischen Berechnungen dann auch des weiteren zu dem Ergebnis, dass die Verbreitung des Mahayana-Buddhismus einen signifikanten Beitrag zum Umweltschutz durch die  Reduktion von Treibhausgasen leistet.

Demnach führt der durch den Mahayana-Buddhismus verbreitete Vegetarismus zu einer Reduktion von 48,83 Tonnen von Kohlendioxid-Äquivalenten, was 11,3 % der totalen Freisetzung an entsprechenden Gasen durch die Bevölkerung Frankreichs entspricht. Da nur 4,5 % der Weltbevölkerung und dem Mahayana-Buddhismus angehören und von diesen wiederum „nur“ 20 % vegetarisch oder vegan leben, ist dies eine durchaus stolze Zahl.

Veganismus: Welche Rolle hat die Religion?

Die Mehrheit der Veganer in westlichen Ländern nicht religiös gebunden und es wird oftmals großer Wert auf eine Trennung von Religion und der Verbreitung der veganen Lebensweise gelegt.

In einer vegan.eu-Umfrage führten Atheismus und Agnostizismus die Selbsteinschätzung an, wobei aber auch der Buddhismus mit 27 % eine offenbar bei weitem überrepräsentative Verbreitung unter Veganern aufweist.

Demgegenüber ergibt sich in den buddhistisch geprägten Ländern Süd-Ost-Asiens ein anderes Bild. Hier werden vegane und vegetarische Lebenswege in der Regel religiös begründet. Maßgeblich hierzu beiträgt insbesondere der Mahayana-Buddhismus. Durch den Mahayana-Buddhismus haben Vegetarismus und Veganismus in Ländern, wie China, einen höheren Verbreitungsgrad erreicht als in Europa oder in den USA.

Die Rolle der Religion für die Annahme einer veganen oder vegetarischen Lebensweise ist in den Verbreitungsgebieten des Buddhismus stark. Es kann nach meiner Einschätzung nicht übersehen werden, dass im Hauptverbreitungs-Gebiet des Mahayana-Buddhismus in Asien Vegetarismus und Veganismus nahezu ausschließlich angekoppelt an den Mahayana-Buddhismus existieren. Dies wirkt sich selbst auf die Verbreitungsgebiete des Theravada-Buddhismus aus, wo eine vegetarische Lebensweise aufgrund der entsprechenden Mahayana-Praktiken (in allen Ländern leben Theravada-Buddghismus leben auch Mahayana-Buddhisten) genauso nahezu universell als Ausdruck einer religiös motivierten Lebensweise verstanden wird.

Weltweite Bemühungen eines Zusammenschluss vegan lebender Menschen für die Verbreitung des Veganismus werden daher diese Sachlage zur Kenntnis nehmen und sich einer Ausgrenzung religiöser vegetarisch-veganer Traditionen entgegenstellen müssen. Alles andere würde dazu führen, dass sich der westliche Veganismus den Vorwurf von Eurozentrismus oder USA-Zentrismus und Arroganz gegenüber denjenigen Menschen im Verbreitungsgebiet des Mahayana-Buddhismus gefallen lassen müsste, die vegetarische und vegane Lebensweisen bereits viel länger und in größerer Zahl praktizieren.

Dass Entscheidende ist die Ausbreitung des Veganismus, um das durch die Tierausbeutung bedingte unermessliche Leid beenden zu können. Hierfür müssen und sollten es nach meiner Einschätzung Veganer akzeptierten, dass es unterschiedliche Motive und Wege zur veganen Lebensweise gibt, unter denen der religiöse Zugang ebenfalls einen Platz hat.

Artikel leicht erweitert am 21.01.2018

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