Wie Überzeugen

Die ewige Diskussion zwischen Veganern und Nicht-Veganern

Ethisch motivierte Veganer wünschen sich eine weltweite Ausbreitung des Veganismus. Sie haben daher typischerweise das Bedürfnis, auch andere Menschen über den veganen Lebensstil zu informieren, sie zu einem veganen Leben zu motivieren oder sie bei der Umsetzung einer veganen Lebensweise zu unterstützen. Dies Bedürfnis folgt aus den ethischen Gründen für den veganen Lebensstil, die vor allem eine Anerkennung der Rechte der Tiere auf Leben und Nicht-Zufügung von Leid durch den Menschen beinhalten. Angestrebt wird eine Welt, auf der Menschen und Tiere mit weniger Leid konfrontiert gemeinsam leben können. Erreichen lässt sich dieses Ziel jedoch nur, wenn der vegane Lebensstil sich zunehmend ausbreitet und weltweit durchsetzt. Hierzu möchten Veganer ihren Beitrag leisten.

Die Frage der Art und Weise, wie Überzeugungsarbeit geleistet werden kann, führt auch innerhalb der veganen Community immer wieder zu Diskussionen und Kontroversen. Werden zum Beispiel die Diskussionen in Foren verfolgt und ausgewertet, lassen sich grundsätzlich drei wiederkehrende Grundpositionen erkennen:

  1. Menschen können am ehesten durch positive Informationen über den Veganismus und durch das eigene Beispiel gewonnen werden. Kritik und Vorwürfe bezüglich des Fleischkonsums sollten eher vermieden werden.
  2. Aufklärung über das Leid der Tiere, die Bedingungen ihrer Haltung und Tötung, einschließlich des Verweises auf die persönliche Verantwortung desjenigen, der tierische Produkte konsumiert, sind notwendig.
  3. Eigeninitiative Überzeugungsarbeit sollte nicht stattfinden, da das nur als lästige Mission empfunden wird. Toleranz und Akzeptanz auch gegenüber einem nicht-veganen Lebensstil sollten deutlich gemacht werden. Das eigene vegane Beispiel genügt, wobei bei durch andere formuliertem Interesse hierzu natürlich Fragen jederzeit beantwortet werden können.

Wird als Zielstellung die Verbreitung des veganen Lebensstiles gesehen, ist die Entscheidung für eine der möglichen Alternativen letztlich vorwiegend an ihrer Wirksamkeit festzumachen. Tatsächlich beinhalten wohl alle drei Grundpositionen Aspekte, die bedenkenswert sind und bei individuellen Fällen mehr oder weniger wirksam, unwirksam oder schädlich sein können.

Positive Informationen über den Veganismus, wie von Grundposition 1 betont, sind zweifelsohne wesentlich. Denn Menschen werden am ehesten dann ihr Verhalten ändern, wenn das alternative Verhalten einen positiven Anreizwert hat. Informationen, die die Machbarkeit, relative Einfachkeit und die Vorteile einer veganen Lebensweise betonen, können diesen Anreizwert schaffen.

Oft sind Menschen dann nicht mehr offen für Argumente, wenn sie sich angegriffen oder verletzt fühlen. Insofern besteht die Gefahr von Kritik und Vorwürfen darin, dass sich die Adressaten einer Auseinandersetzung mit einer Thematik ganz entziehen. Auf diese Gefahr weisen Grundposition 1 [&] 3 hin.

Andererseits werden Menschen nicht nur durch positive Anreize angezogen oder durch Kritik zum Wegschauen gebracht, sondern Kritik, gegebenenfalls auch starke Kritik, kann vielmehr Anlass für ein „Aufwachen“ und eine dadurch bedingte Verhaltensänderung sein. Zudem ist die entscheidende ethische Begründung für den Vegetarismus die Überzeugung, dass das Zufügen von Leid und die Tötung von Tieren für den eigenen Konsum falsch ist. Auf die Formulierung dieser ethischen Begründung zu verzichten, hieße, die vegane Lebensweise zu etwas Beliebigem zu erklären, eine Art Mode, die man annehmen oder ablehnen mag. Die vegane Lebensweise ist aber mehr als eine Mode, sondern begründet sich gemäß ihres Selbstanspruches mit einer ethischen Argumentation. Zudem liegt die Verantwortung für Tiertötung und Tierleid eben nicht nur bei den Erzeugern und Anbietern dieser Produkte, sondern auch bei den einzelnen Konsumenten, denen man es insofern schwerlich ersparen kann, sie auch auf ihre individuelle Verantwortung hinzuweisen. Diese Aspekte werden am Besten von Grundposition 2 beschrieben, während bei Grundposition 1 und noch stärker bei 3 die Gefahr besteht, dass wesentliche Fragestellungen nicht erörtert werden und dadurch unter Umständen durchaus mögliche Einsichtsprozesse, auch in die eigene Verantwortung, nicht stattfinden.

Letztlich macht eben auch der Ton die Musik, eine konstruktiv vorgetragene Kritik und eine auch grafische Darlegung des durch eine nicht vegane Lebensweise bedingten Tierleidens mag sehr wohl nicht selten in Kombination mit positiven Informationen zu einer veganen Lebensweise einen Veränderungs- und Überzeugungsprozess maßgeblich unterstützen. Dabei ist allerdings zu erwarten, dass einzelne Personen unterschiedlich reagieren und von daher ein pauschal für alle möglichen Adressaten geeignetes oder optimales Vorgehen nicht benannt werden kann.

Grundposition 3 betont stärker als die beiden anderen Grundpositionen den Sinn einer positiven Beziehung zu nicht vegan lebenden Personen und möchte diese Beziehung weder durch Kritik noch durch als gegebenenfalls als missionarisch bewertete positive Informationsvermittlung über den Veganismus gefährden.

Eine positive emotionale Beziehung zwischen Menschen ist sicherlich am besten aufbaubar, wenn Toleranz und Akzeptanz in den Vordergrund gestellt werden. Auch ist es fraglos richtig, dass das eigene Beispiel oftmals ein besonders wirksamer Einflussfaktor sein kann, Interessen und Nachfragen auslösen kann.

Andererseits geht mit Grundposition 3 in besonders hohem Ausmaß die Gefahr der Beliebigkeit einher. Denn während nicht vegan lebende Menschen einerseits natürlich als Menschen vollauf zu akzeptieren und in ihrer Wertigkeit als empfindendes Gegenüber anzuerkennen sind, geht es zu weit, auch den Teil ihres Lebensstiles positiv anzuerkennen, der eben der als aus ethischen Gründen für erforderlich gehaltenen veganen Lebensweise widerspricht.

Es handelt sich um den Spagat zwischen Anerkennung als menschliches Gegenüber und dennoch notwendiger Kritik an dem nicht veganen Anteil des Lebensstils. Dabei hat Grundposition 3 aber sicherlich nicht selten recht, dass es durchaus sinnvoll und effektiv sein kann, sich zunächst einmal auf die eigene Beispielposition zu konzentrieren und dadurch Interesse und Neugier zu bewirken als Ausgangspunkt für eine vertiefte gemeinsame Auseinandersetzung mit der Thematik.

Alle drei Grundpositionen enthalten wichtige Hinweise. Sie sollten nicht als sich ausschließend, sondern als ergänzend bzw. unter Umständen auch als zu wechselnde Strategien betrachtet werden. Am ehesten zum Erfolg führen dürfte letztlich der folgende kombinierter Ansatz führen:

Mit gutem Beispiel vorangehen, Interesse und Neugier beim Gegenüber erwecken, positive Informationen über die vegane Lebensweise vermitteln, dabei aber ebenso in einer menschlich angemessenen Art und Weise erforderliche Aufklärungsarbeit und Kritik leisten, um so Einstellungs- und Verhaltensänderungen beim Gegenüber bewirken zu können.

Unabhängig von der konkreten Konstellation ist ein konsequentes Vorleben der veganen Lebensweise bei stringenter Argumentation für ihre Begründung als unverzichtbar zu bewerten. Denn sozialpsychologische Untersuchungen zeigen, dass Minderheiten am ehesten dann eine Mehrheit in ihrem Sinne beeinflussen, wenn sie ihre Positionen konsequent vortragen. Werden demgegenüber vermehrt Abstriche gemacht, z.B. indem man für seine nicht veganen Freunde Fleisch kocht oder gar selbst unter Umständen, z.B. aus Höflichkeit, nicht vegane Lebensmittel konsumiert, dürfte am Ende nicht die nicht vegane Mehrheitsposition sich verändern, sondern man verändert sich am ehesten selbst im Sinne von Konformität durch Anpassung an die Mehrheitspraktiken. Ein freundliches, zugewandtes, aber doch konsequentes Kommunikationsverhalten bezüglich der veganen Lebensweise ohne Angst vor dem Dissenz ist daher ratsam.

Die Hauptanziehungskraft der veganen Lebensweise resultiert aus der in ihrem Zentrum stehenden einfachen und entsprechend leicht vermittelbaren Wahrheit, dass Tiere grundsätzlich leidensfähig sind und leben wollen, wobei der Mensch die Möglichkeit hat, dies zu respektieren, indem er auf Leidzufügungen und Tötungen von Tieren zum Zwecke eigenen Konsums verzichtet.

Je besser es gelingt, diese Denkweise und gleichzeitig die Möglichkeit und Umsetzbarkeit einer veganen Lebensweise bekannt zu machen, desto eher dürfte es gelingen, gesellschaftliche Überzeugungs- und Veränderungsprozesse anzuregen.

Natürlich ist Überzeugungsarbeit nicht nur oder immer eine 1:1-Kommunikationsprozess, sondern es wirken sich ebenfalls gesellschaftliche Trends und Nachrichten auf individuelle Denk- und Verhaltensweisen aus. Die Unterstützung der Bekanntmachung der veganen Lebensweise durch Engagement in veganen Organisationen und Vereinen wie auch der öffentlichkeitswirksame Hinweis auf Tierleid und Tiertötungen im Rahmen politischer Aktionen schaffen verbesserte Voraussetzungen auch für die individuelle Überzeugungsarbeit und werden daher von vielen Veganern praktiziert.

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