Was bedeutet die aktuelle Rechtswende für den Veganismus?

Was bedeutet die aktuelle Rechtswende für den Veganismus?

Die aktuelle Rechtswende in Europa und den USA stellt nach meiner Ansicht auch eine dezidierte Gefährdung des Veganismus dar. Die vegane Bewegung muss sich auf erhebliche Angriffe und ein sich für die vegane Lebensweise verschlechterndes gesellschaftliches Klima vorbereiten.

Politik der Empathielosigkeit

Gewalt gegen Tiere geht mit Empathiedefiziten einher und führt zu einer Verrohung, die auch auf den Menschen generalisieren kann. Hierauf stützt sich das Tolstoi zugeschriebene Zitat, dass es solange Schlachtfelder geben werde wie es Schlachthöfe gebe. Hierfür sprechen aber auch die immer wieder in der Biografie von Gewaltstraftätern und Serientätern zutage werdenden Tendenzen zu Tierquälerei, Jagd und Fischfang.

Aber ebenso wie Gewalt gegen Tiere zu Gewalt gegen Menschen werden kann, gilt auch die umgekehrte Generalisierungs-Richtung, nämlich dass Gewalt gegen Menschen zu Gewalt gegen Tiere werden kann bzw. dass sich beide wechselseitig verstärken:

Je roher wir mit Tieren umgehen, desto roher gehen wir meistens auch mit Menschen um. Je roher wir mit Menschen umgehen, desto roher gehen wir umgekehrt mit Tieren um.

Dies verwundert nicht, weil Egoismus, mangelnde Empathie und Grausamkeit als gemeinsame häufige Ursachen von Gewalt gegen Tiere und Menschen identifiziert werden können.

Die Rechtswende in Europa führt gegenwärtig vor unserer aller Augen zu einer massiven Eskalation der Gewalt gegen Menschen. Im Fokus staatlicher Gewalt und von Mobgewalt stehen die Schwächsten, die Flüchtlinge:

  • Europa lässt Menschen ertrinken, diffamiert Seenotretter als Schlepper, schiebt Menschen in Folter und Krieg ab, arbeitet mit Folterregimen und sogar mit Milizstrukturen in Libyen zusammen und ist dabei, Abschiebelager zu errichten, in denen Flüchtlinge wie Gefangene gehalten und ohne auch nur annähernd rechtsstaatliches Verfahren aus Europa entfernt werden sollen, oder gar nicht erst nach Europa kommen sollen. Ernsthaft wird die Einrichtung solcher Lager in Afrika erwogen.

Wenn wir aber Menschen ertrinken lassen, sie in Folter und Krieg abschieben, mit Folterregimen zusammenarbeiten und Abschiebelager errichten, dann schaffen wir ein Klima der Gewalt, welches unsere Gesellschaften tief greifend prägen wird.

Generalisierter Egoismus und generalisierte Herzlosigkeit werden sich dabei letztlich auch gegen Tiere richten. Verstärkte Barrieren gegen die weitere Ausbreitung des Veganismus werden in so einem Klima der Gewalt entstehen.

Wer es hinnimmt, Menschen in Lager zu sperren oder ihren Tod billigend in Kauf zu nehmen, der wird sich nicht empathisch für das Leben von Tieren einsetzen. Es entsteht oder verschärft sich durch solche Maßnahmen vielmehr ein gesellschaftliches Klima, welches gleichzeitig die Basis der Menschenrechte und der Tierrechte zerstört. Empathielosigkeit und Härte werden zur sozialen Norm erklärt.

Trump zeigt, was kommen kann

Die Sachlage, dass es gerade auch engstens mit der Tierausbeutungsindustrie verbundene politische Parteien und Repräsentanten sind, die am energischsten für Gewalt und Abschottung gegen Flüchtlingen eintreten, spricht Bände. Ebenso wie die Tatsache, dass seit Trump in den USA regierungsamtlicher Tierschutz dort geradezu undenkbar geworden ist. So sollen bereits verbotene besonders grausamste Methoden der Jagd erneut legalisiert und selbst den Trophäenjägern in Afrika wird Tür und Tor geöffnet. Die Organisation für den Schutz von Wildtieren hat Trump nahezu ausnahmslos mit Jägern besetzen lassen. Entsprechend möchte diese Organisation nunmehr auf nahezu alles schießen lassen, was sich bewegt. Zum ersten Mal seit 50 Jahren sollen im amerikanischen Westen Wildpferde eingefangen und in Schlachthäuser transferiert werden.

Zur veganen Lebensweise erklärte Trump 2016 in einem CNN Interview, dass Personen, die kein Fleisch, Milch oder Eier äßen, ins Gefängnis gehörten. Die vegane Ernährung sei eine Bedrohung für die amerikanische Gesellschaft: “We’re a Christian country, a pro-life country, and a meat-and-potatoes country. We’re supposed to go forth and multiply and eat our meat. That’s how it’s done in America.

Die Begeisterung von Europas Rechtspopulisten für Donald Trump lässt erahnen, was passieren wird, wenn sich in Europa Rechtspopulisten immer mehr durchsetzen oder wie derzeit in der Flüchtlingspolitik die gesamte Gesellschaft vor sich hertreiben.

Der Berufung Trumps auf das Christentum entsprechen Forderungen von AfD und Pegida, das angeblich bedrohte Abendland zu verteidigen. Was sie damit nicht meinen, sind Barmherzigkeit und Nächstenliebe. Was sie meinen, sind Kreuzzugsmentalität und Unterdrückung. Ihre Agitation für Unmenschlichkeit und Unterdrückung hat derweil erfolgreich das politische Spektrum in Europa verschoben, In Deutschland sind mittlerweile CDU/CSU und SPD dabei umzusetzen, was zuvor die Rechtspopulisten forderten.

Derweil kann sich die AfD immer klarer zu ihrer offenbar eigentlichen Ideologie bekennen, die in weiten Teilen der des Nationalsozialismus entspricht. Vor wenigen Jahren hätte das gesellschaftliche Klima dies noch nicht zugelassen. Aber die Widerstandskräfte gegen die Rechtswende sind deutlich erodiert und das "Wehret den Anfängen" scheint vom gesellschaftlichen Maintream vergessen zu werden.

Konsequenzen der Rechtswende

Innerpsychische Quelle der aktuellen Rechtswende in Europa sind irrationale Ängste und fehlerhafte gefühlte Wirklichkeiten, sowie Egoismus, Empathielosigkeit, Gewaltbereitschaft und Grausamkeit, die sich wechselseitig nähren. Längst können sie öffentlich auftreten, ohne als Tabubruch wahrgenommen zu werden:

Wir müssen solche Bilder aushalten, gilt nach dem ehemaligen Innenminister Thomas de Maizière für ertrinkende Menschen. Sich nicht durch Kinderaugen erpressbar machen, fordert Gauland. Für scharfe Schüsse an der Grenze tritt der rechtspopulistische grüne (!) Oberbürgermeister von Tübingen Boris Palmer auf, der zuvor - sicherlich kein Zufall - durch die Rechtfertigung auch grausamster Affenversuche in seiner Stadt und durch die Diffamierung von Tierschützern auffiel. In der Person des Boris Palmer, der übrigens offenbar ein vergleichbar narzisstisches Geltungsbedürfnis aufweist wie Donald Trump,  wird exemplarisch deutlich, wie Tierverachtung und Menschenverachtung Hand in Hand gehen.

Wir haben es hier mit den gleichen Kräften zu tun, die sich seit jeher die Ausbreitung des Veganismus und gegen den Ausstieg aus der Tierausbeutung gestellt haben. Schon werden Stimmen laut, stärker gegen Tierschützer vorzugehen und vor vegan zu warnen.

Stimmen der Menschenverachtung und Tierverachtung beruhen auf ähnlichen Motiven:

Ängste vor veganer Ernährung und angebliche Gesundheitsgefahren durch die vegane Ernährung spiegeln sich in Ängsten vor Flüchtlingen und angeblichen Islamisierungsgefahren wider, wobei sich letztere irrwitzigerweise gleich gegen Flüchtlinge aller Glaubensrichtungen wenden. Interessanterweise zeigt dabei die Auswertung der auch auf vegan.eu beworbenen Gleichklang-Umfrage, dass Menschen umso mehr für Abschiebelager, Abschiebungen nach Afghanistan und Libyen plädieren, desto weniger sie sich an den Werten von Nächstenliebe, Barmherzigkeit und Feindesliebe orientieren. Es sind also tatsächlich Positionen der Unmenschlichkeit, die hinter der Rechtswende stehen.

Die gefühlte Wirklichkeit der Bedrohung weicht bei den Befürwortern der Tierausbeutung und bei den Befürwortern der Abschottungspolitik von den Fakten fundamental ab:

  • So ist die vegane Ernährung für Menschen aller Altersstufen eine gesunde Option. Veganer gefährden nicht die Gesundheit der Bevölkerung oder ihrer Kinder. Trotzdem wollen rechtspopulistische und konservative Kräfte vor der veganen Ernährung warnen, Eltern bestrafen und treten für den Erhalt von Fleischkonsum als zu bewahrendes Kulturgut ein, welches durch den Veganismus bedroht werde. Eine besonders perfide anti-vegane Strategie ist dabei, Fehlverhalten einzelner Eltern der veganen Ernährung an sich anzulasten. Genau das gleiche tun die Fremdenfeinde, indem sie einzelne kriminelle Verhaltensweisen heraussuchen und diese dann allen Flüchtlingen anlasten.
  • Aufgrund der durch Krieg, Verfolgung und Unrecht bedingten Fluchtbewegung haben Menschen in Europa tatsächlich auf nichts verzichten müssen. Je mehr Flüchtlinge kamen, desto mehr wuchs sogar die Wirtschaft, das ist der einzige gesicherte Effekt. Trotzdem besteht die gefühlte Wahrnehmung, von Flüchtlingen ausgebeutet zu werden, obgleich die Tatsachen genau umgekehrt liegen. In geradezu bizarrer Art und Weise konnte ich diese fast schon wahnhaft verzerrte gefühlte Wirklichkeit vor einiger Zeit im Gespräch mit einem Herrn wahrnehmen, der in sehr privelegierten und wohlhabenden Verhältnissen lebt, die ihm auch aufgrund einer Erbschaft möglich wurden. In seiner subjektiven Wahrnehmung erlebte sich dieser Herr, dem es materiell an nichts mangelt, aber als Opfer einer Ausbeutung durch Flüchtlinge. Dabei war er nicht dazu in der Lage wahr, auch nur einen einzigen Aspekt zu benennen, wo er hätte wegen Flüchtlingen auf irgendetwas verzichten müssen.
  • Das Risiko, Opfer von Gewalt oder Sexualkriminalität zu werden, sinkt übrigens seit ca. 20 Jahren kontinuierlich und dieser Trend besteht fort. Es leben zudem heute beispielsweise in Deutschland weniger Flüchtlinge als 1994 und nicht mehr als in den 80er Jahren. 84 % der Flüchtlinge werden von den Ländern der dritten Welt aufgenommen und vor einigen Monaten hat eines der ärmsten Länder der Erde (Bangladesch) innerhalb weniger Wochen mehr als 600000 Flüchtlingen aufgenommen, die natürlich alle mangels Alternativen "illegal" die Grenzen überschritten.

Der Hyperegoismus der europäischen Gesellschaften ist ein Hyperegoismus der Privilegierten, die selbst dann Angst haben, teilen zu müssen, wenn sie nicht einmal etwas abzugeben brauchen. Der eigene Egoismus wird aber durch die Flüchtlingsgegner kaum wahrgenommen, sondern es gewinnen fiktive Bedrohungsszenarien an Zulauf. Dies fördert die Eskalations-Dynamik. Die Angreifer auf die Werte von Mitgefühl und Solidarität definieren sich als Verteidiger und leiten eine Eskalation von menschlicher Grausamkeit gegenüber Geflüchteten in die Wege, die wir in ähnlicher Form tagtäglich in der Tierausbeutungsindustrie und Massentierhaltung beobachten können.

Gegenwehr ist nötig

Die aktuelle Rechtswende geht zulasten derjenigen Tugenden und Möglichkeiten, über die Menschen durchaus auch verfügen können, nämlich Empathie, Hilfsbereitschaft, Nächstenliebe und Barmherzigkeit. Die Vertreter der Rechtswende appelieren an die schlechtesten Eigenschaften von Menschen und treten für die Zerstörung von Werten des Solidarität, der Hilfe und des Teilens ein.

Je mehr sich die Rechtswende durchsetzt und von daher Empathie, Hilfsbereitschaft, Nächstenliebe und Barmherzigkeit noch weiter zurücktreten werden, desto stärker werden auch die Aussichten für eine vegane Gesellschaft sinken. Je stärker sich die Rechtswende auch dauerhaft verankern kann, desto länger wird es dauern bis die Überwindung der Tierausbeutung hoffentlich dereinst doch noch gelingen wird.

Die Rechtswende in Europa und in den USA ist ein direkter Angriff auf die Grundwerte der Menschlichkeit und damit auch auf den Veganismus. Das Eintreten gegen die Rechtswende ist entsprechend für all diejenigen oberste Pflicht, die an den Werten von Empathie und Barmherzigkeit festhalten und die Ausbeutung von Tieren und Menschen überwinden wollen.

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