Was bedeuten Unfälle, Katastrophen und Kriege für die Legitimität der Nutztierhaltung?

Was bedeuten Unfälle, Katastrophen und Kriege für die Legitimität der Nutztierhaltung?

Selbstbezug bei Unfällen und Katastrophen

In der Not sind viele Menschen sich selbst am nächsten, maximal noch eingeschlossen werden die Menschen, die uns sehr nah sind oder die wir lieben.

Wenn es darum geht, zu überleben, neigen wir entsprechend dazu, allein oder in kleinen Gruppen zu handeln, um für unser eigenes Überlegen oder das

Natürlich gibt es unzählige Gegenbeispiele, wo Menschen ihr Leben gefährden oder verlieren, um andere, fremde Menschen zu retten.

Aber typischerweise versucht jeder aus einem unter Wasser sinkenden Boot zunächst selbst herauszukommen und nur dann, wenn die eigene Sicherheit gegeben ist, auch anderen zu helfen. Die Luftnot ist so schmerzhaft, dass andere Gedanken beiseite treten.

Dieses Phänomen des zunehmenden Selbstbezugs bei Bedrohung des eigenen Lebens gilt noch stärker, wenn die anderen Tiere sind:

  • Ist unser Leben bedroht, retten wir uns und unsere Angehörigen, danach uns nicht-vertraute Menschen und üblicherweise als letzter oder gar nicht die Tiere.

Dies mag im Einzelfall anders sein, wenn Tiere uns so vertraut ist, dass wir sie als Teil unserer Familie erleben. Im Durchschnitt werden Tiere aber seltener und wenn überhaupt, später gerettet als Menschen.

Nutztiere in Katastrophensituationen

Es geht mir in diesem Artikel jetzt nicht darum, diese Verhaltensweisen von Menschen in Bedrohungssituationen zu kritisieren.

Mein Anliegen ist es, darauf aufmerksam zu machen, welche Konsequenzen sich für die von Nutztierhaltung betroffenen Tiere ergeben und vor diesem Hintergrund erneut die Frage der Legitimität dieser Nutztierhaltung zu stellen:

  • Von Katastrophen sind auch Tiere betroffen und ganz besonders wiederum die riesige Anzahl derjenigen Tiere, die durch Menschen als Nutztiere gehalten werden.

Was sagt uns dies über die ethische Legitimität der Nutztierhaltung?

Nutztierhaltung kennzeichnet sich dadurch, dass Tiere gezüchtet und gehalten werden, um diese später im Regelfall für die menschliche Ernährung oder auch für die menschliche Bekleidung zu nutzen. Hierfür wiederum verlieren die entsprechenden Tiere in aller Regel ihr Leben.

Während Proponenten der Nutztierhaltung die Nutzung und Tötung von Tieren für den Zweck der Ernährung und Bekleidung rechtfertigen, stimmen sie dennoch meistens zu, dass die Tötung eines Tieres ohne einen vernünftigen Zweck nicht legitim sei. Ebenfalls stimmen sie meistens zu, dass nur ein soweit als möglich minimales Maß an zugefügten Schmerzen hinnehmbar sei, um Tiere zu nutzen und zu töten.

Tatsächlich rechtfertigen nicht wenige Fleischesser:innen ihren Tierkonsum damit, dass es ein Tierschutzgesetz gebe und die Tiere bei der Schlachtung betäubt würden. Die Vorstellung, dass die Tiere betäubt werden, beruhigt das Gewissen, sodass sich Menschen eher die Erlaubnis zum Fleischkonsum geben.

Auch dort, wo ohne Betäubung geschlachtet wird, wirkt übrigens eine vergleichbare Gewissensberuhigung:

  • Durch den schnellen Blutverlust leide das Tier angeblich nur wenig.

Interessanterweise stellen Proponenten der Schlachtung ohne Betäubung die Leidminderung durch die Betäubung infrage – eine weitere Gewissensberuhigung, für die es aber sogar Argumente gibt:

  • Manche Formen der Betäubung, wie die Co2 Betäubung, sind selbst enorm leidbesetzt und führen zur Erstickungsqual.
  • Bei der Elektrobetäubung kann es im Einzelfall zu einem Zustand der kompletten Bewegungslosigkeit bei voll erhaltenem Schmerzempfinden kommen, der noch extremer leidvoll ist, als wenn die Betäubung unterbliebe.

Welche Tötungsmethoden auch immer präferiert wird, alle Personen, die für Tierkonsum eintreten, rechtfertigen Nutzung und Tötung von Tieren und die damit einhergehende nicht vermeidbare Leidzufügung.

Es gibt aber nur wenige Menschen, die es rechtfertigen würden, Tiere einfach so ersticken zu lassen oder durch Verletzung, Hunger, Durst oder Überhitzung zu Tode zu bringen.

Auch gibt es nur wenige, die es in Ordnung fänden, Tiere in Massen zu töten, ohne diese in irgendeiner Weise zu nutzen, ohne dass diese Tiere, wie z.B. Ratten, in die uns selbst zugeschriebenen Räume eingedrungen wären.

Unfälle und Katastrophen setzen Leid-Schranken außer Kraft

Genau hieraus ergibt sich nun aber nach meiner Ansicht ein weiteres starkes Argument für die vegane Lebensweise, welches noch zu wenig vertreten und verbreitet wird:

Die Unterstützer:innen der Nutztierhaltung nehmen tatsächlich nicht nur die „normale“ Haltung uns Tötung der Nutztiere in Kauf, sondern auch ihr Sterben in extremen Leid durch Atemnot, Hitze, Durst, Hunger oder Verletzung, sowie ihre Vernichtung in Massen, ohne sie zu nutzen:

  • Unfälle, Katastrophen oder gefährliche Erkrankungen treten immer irgendwann auf. Sie lassen sich niemals ausschließen. Das gleiche gilt, wie wir dieser Tage erneut tragischerweise sehen, für Kriege.

Es ergeben sich Fragen:

  • Was bedeutet es für Tiere, wenn eine riesige Anlage mit Schweinen, Kühen oder Hühnern in Brand gerät?
  • Was geschieht mit den Tieren,wenn LKW´s mit Tieren als Fracht verunglücken?
  • Was wird bei solchen Unfällen getan, um das einzelne Tier zu retten und es bei Schmerzen und Leid medizinisch zu behandeln?
  • Was passiert bei einem kompletten Ausfall der Kühl-Systeme mit den Tieren in der Massentierhaltung?
  • Was geschieht bei regionalen oder nationalen Katastrophen mit den Nutztieren?
  • Wie ergeht es den Nutztieren im Krieg, wenn ihre Wohnstätten getroffen oder ihre Versorgung nicht mehr gewährleistet werden kann?
  • Was passiert bei Vogelgrippe, Schweinepest oder anderen Infektionserkrankungen?

Ich werde die Antworten hier nicht im Details geben, jeder kennt sie:

  • Erinnern wir uns an die zehntausenden Nerze in Dänemark, die sich mit Corona infizierten. Denken wir an die abertausenden Tiere, die jedes Jahr in Stallanlagen verbrennen oder auf den Straßen schwer verletzt werden oder zugrunde gehen. Oder denken wir an großflächige Überflutungen, Sturmkatastrophen oder Krieg.

Denken wir an die Tierseuchenbekämpfung:

  • Um jedes Risiko einer Ausbreitung zu vermeiden, einschließlich gesundheitlicher und ökonomischer Gefahren, werden beispielsweise bei Vogelgrippeausbrüchen Tiere in unvorstellbarer Anzahl vernichtet und der Tierkörperbeseitigung zugeführt.

Tritt ein Notfall ein, denken Menschen zuerst an sich selbst, an ihre Angehörigen und Freunde und als letztes an die Tiere. Tritt eine Katastrophe oder ein Krieg ein, ist sich der Mensch der nächste:

  • Wir wissen von verhungernden Tieren in Zoos, von den Insassen der Nutztierhaltungs-Anlagen wird weniger gesprochen, aber sie sind nicht weniger betroffen:

Die Tiere werden einem oft leidvollen und nicht selten langsamen Massentod preisgegeben. Ersticken, verdursten, verhungern, verschüttet sein:

  • Wer Tierhaltungsanlagen betreibt, kalkuliert dies Risiko mit ein und ist bereit, es in Kauf zu nehmen, anders geht es nicht.
  • Alles Leid, was selbst hartgesottene Befürworter der Nutztierhaltung eigentlich nicht legitimieren wollen, tritt im Katastrophenfall ein.

Da wir aber wissen, dass Katastrophe jederzeit eintreten können und dies auch immer wieder tun, sind wir als Halter:innen und Konsument:innen keine harmlosen Zeugen dieses Leides, sondern wir lassen es zu und tragen Verantwortung in dem Moment, wo wir Tiere züchten, halten und konzentrieren:

  • Jeder Halter einer Legehennen weiß es vorher und nimmt es hin, dass alle seine Tiere vernichtet werden (ohne jede Nutzung), wenn die Vogelgrippe auftritt, die jederzeit auftreten kann. Kein Tag, auf dem nicht irgendwo in der Welt ganze Herden vernichtet werden. Das gilt für Bio-Haltung ebenso wie für die konventionelle Haltung.
  • Nutztierhalter:innen wissen und akzeptieren es, dass im Katastrophenfall ihre Tiere einem leidvollen und gegebenenfalls langandauernden Todeskampf ausgesetzt werden.
  • Jeder Nutztierhalter weiß, dass bei Transporten Unfälle passieren können und dies auch immer wieder tun und dass die Tiere keine Schutzgurte haben.
  • Sicherlich, es ist nicht das Ziel der Halter:innen, dass der Katastrophenfall eintritt, aber sie wissen um die Gefahr, nehmen diese Gefahr in Kauf und versichern sich typischerweise auch gegen Verluste.

Gleiches gilt für die Konsument:innen:

  • Sie haben nicht das Ziel, dass Millionen Tiere gekeult und ihre Körper vernichtet werden. Aber sie nehmen dies mit jedem Ei, was sie essen, in Kauf, weil genau dies bei einem Ausbruch der Vogelgrippe eintritt. Da hilft keine Selbstberuhigung mit den angeblich glücklichen Hühnern.

Jedes Tier, was in brennenden Stallanlagen sein Leben verliert, auf der Autobahn nach einem Unfall Schmerzen erleidet, im Kriegsfall unter Trümmer vergraben wird oder in Anlagen bei ausgefallener Belüftung erstickt, ist ein (vorhersehbares) Opfer.

Natürlich gibt es auch viele Menschen, die bei Autounfällen oder in Wohnungsbränden sterben. Wir können nicht jeden Unfall verhindern, manches scheint Schicksal.

Bei Menschen gibt es jedoch völlig andere Rettungspläne und -bemühungen, sodass schon deshalb ein Vergleich kaum möglich ist.

Vor allem aber gibt es einen entscheidenden Unterschied:

  • Die Tiere werden sinnlos in Stallanlagen gepresst und auf Autobahnen transportiert. Ihr Leben wird sinnlos der Funktionstüchtigkeit von Belüftungsanlagen und Fütterungssystemen anvertraut. Sie werden sinnlos dem Risiko von Masseninfektionen und darauf folgenden Massenvernichtungen ausgesetzt.
  • Sinnlos, weil Menschen kein Fleisch, keine Milch, Eier und auch kein Leder brauchen, um gesund ernährt und ausreichend gekleidet in dieser Welt zu leben.
  • Im Gegenteil, eine rein pflanzenbasierte Ernährung ist in der Gesamtbilanz gesünder, ist bei weitem klimaschonender und könnte zudem – wie wissenschaftliche Befunde zeigen – die weltweite Ernährungssicherheit erhöhen.

Grausam und unverantwortlich

Die Nutztierhalter:innen und Konsument:innen setzen die Milliarden von ihnen genutzten Tieren dem Risiko enormen Leides aus. Es ist kein rein abstraktes Risiko, sondern ein konkretes Risiko, welches sich jeden Tag an zahlreichen Orten auf der Welt irgendwo in den Strukturen der Nutztierhaltung realisiert.

Alle Konsument:innen von Tierprodukten nehmen insofern unermessliches Leid der betroffenen Tiere in Kauf und tragen gleichzeitig dazu bei, dass eine pflanzenbasierte Gesellschaft nicht entsteht, sodassdies unermessliche Leid immer weiter eintreten wird.

Nutztierhaltung ohne qualvolles Massensterben und ohne Massenvernichtung von Tieren bei auftretenden Unfällen oderKatastrophen ist undenkbar. Was aber nicht als mitfühlende Praxis gedacht werden kann, kann auch nicht richtig sein.

Der Mensch wird sich immer im Katastrophenfall der Nächste sein und selbst wenn es anders wäre, ließen sich nicht alle Katastrophenfolgen verhindern.

Schon allein deshalb weil es Unfälle und Katastrophen immer geben wird, ist eine humane Nutztierhaltung nicht möglich. Das durch Unfälle, Erkrankungen und Katastrophen verursachte Leid der Nutztiere wird und kann nur aufhören, wenn Menschen vegan leben.

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