Wie stehen Veganer zum Tierschutz?

Wie stehen Veganer zum Tierschutz?

Die Tierschutzbewegung hat in Europa und in den USA in den letzten beiden Jahrhunderten scheinbar dramatische Fortschritte erzielt. Humane Tierhaltung und humane Tiertötung sind jedenfalls als gesetzliche Anforderungen in Europa und in den USA fest verankert. Die Entwicklung von Massentierhaltung und Fleischkonsum lassen aber ernsthafte Zweifel daran aufkommen, ob diese Fortschritte tatsächlich zum Wohle der Tiere gewesen sind. In diesem Artikel wird durch den Verfasser Guido Gebauer aus veganer Sichtweise die Position vertreten, dass eine nicht an die vegane Lebensweise gekoppelte Tierschutzbewegung in Wirklichkeit einen gesellschaftlich anästhesierenden Effekt ausübt und dadurch die Aufrechterhaltung von Tierleid fördert. Ein Tierschutz, der die Abkehr von Nutztierhaltung und Tiertötung nicht in den Mittelpunkt stellt, kann so den Tieren am Ende schaden.

Tierschutzbewegung, Fleischkonsum und Massentierhaltung

Im 20. Jahrhundert hat die Tierschutzbewegung in Europa und in den USA erheblichen Einfluss gewonnen. Das Thema Tierschutz ist überall präsent, wo das Leben von Tieren betroffen ist. Tierquälerei wird gesellschaftlich allgemein geächtet. Tierschutzgesetze verbieten grausame und nicht notwendige Verletzungen und Tötungen von Tieren. Tierschutzbeauftragte sind in Institutionen eingezogen, die Tiere halten. Tierversuche müssen Genehmigungsverfahren durchlaufen. Schlachtungen sind im Regelfall mit Betäubung durchzuführen. Gibt es kein Betäubungsgebot, sind prozedurale Vorschriften zu beachten, die das Leid der Tiere auf ein Minimum absenken sollen. Schlachthäuser werden tierärztlich kontrolliert.

Auf den ersten Blick sieht es also durchaus so aus, als ob die Tierschutzbewegung durchgreifende Fortschritte erzielt hätte. Aber entspricht dies auch einer Realität, die mehr ist als Worte und Papier?

Der Blick auf die Entwicklung des Fleischkonsums in Europa und den USA lässt hieran ernsthafte Zweifel aufkommen:

Abgesehen von der Zeit des Zweiten Weltkrieges war der Fleischkonsum im 20. Jahrhundert in Europa kontinuierlich ansteigend. Das Gleiche gilt für die USA. Auch in den ersten Jahren des 21. Jahrhunderts setzte sich die Zunahme des Fleischkonsums fort. Erst in den letzten Jahren ist es offenbar zu einer gewissen Stagnation des Fleischkonsums in Europa und in den USA gekommen. Seit 2008 scheint der Fleischkonsum in den USA leicht zu sinken. Auch in Deutschland sinkt nach Angaben der Statistischen Bundesamtes der Fleischkonsum offenbar leicht, aber die Zahlen geschlachteter Tiere nehmen zu. Demnach wurden 2014 729 Millionen Vögel geschlachtet (plus 3,8 Prozent), 59 Millionen Schweine (plus 0,2 Prozent) und 3,5 Millionen Rinder (plus 1,9 Prozent). Der sinkende Fleischkonsum scheint demnach durch den Export von Fleisch durch die Schlachtindustrie überkompensiert zu werden.

Hinter diesen Zahlen verbergen sich Einzelschicksale, Schicksale von Tieren, die wegen ihres Fleisches gezüchtet, gehalten und getötet wurden.

Die steigende Entwicklung des Fleischkonsums im 20. und 21. Jahrhundert ging mit einer Ausdehnung der Massentierhaltung einher. Die Mehrheit der für ihr Fleisch getöteten Tiere wird heute in Europa und den USA in Anlagen der Massentierhaltung gehalten.

Bezüglich der Schlachtungen ist zu ergänzen, dass die routinemäßige Betäubung von Schweinen mit Co2 mit Erstickungsgefühlen und Hautreizungen einhergeht. Die Elektrobetäubung kann zu einem Zustand einer kompletten Bewegungslosigkeit ohne Bewusstseinsverlust führen, in dessen Verlauf die Tiere unter großen Schmerzen und bei vollem Bewusstsein aufgeschnitten werden. Die Betäubung für Hühner und andere Vögel ist oftmals mit einem extrem belastenden Aufhängen an den Beinen verbunden. Grundsätzlich greifen Betäubungen niemals bei allen Tieren. Selbst bei Einhaltung aller Anforderungen und Vorkehrungen gibt es immer eine signifikante Anzahl an Tieren, die de facto betäubungslos geschlachtet werden. In der Regel ohnehin betäubungslos getötet werden zudem Fische und Krustentiere.

Wie lässt sich der zeitgleiche gemeinsame Aufschwung der Tierschutzbewegung, des Fleischkonsums und der Massentierhaltung erklären?

In Gesprächen mit zahlreichen Fleischkonsumenten wurde dem Verfasser immer wieder versichert, dass diese ebenfalls für den Tierschutz seien. Fleischkonsumenten begrüßten die Betäubung vor der Schlachtung und plädierten oft sogar für eine weitere Verschärfung von Tierschutzgesetzen und bessere Kontrollen. Der Verfasser konnte den starken Wunsch der Betreffenden spüren, dass die Tiere, die sie essen, nicht leiden sollen. Oftmals reagierten die Betreffenden wenig erfreut, wenn der Verfasser ihnen eröffnen musste, dass dieser Wunsch nur ein Wunschtraum sei, der mit der Realität nichts zu tun habe.

Bei der Rechtfertigung ihres Fleischkonsums gegenüber sich selbst und anderen spielen Tierschutzgesetze, humane Haltung, humaner Transport und humane Tötung für viele Fleischkonsumenten offenbar eine große Rolle.

Das Wissen um die Tierschutzgesetze, die Kontrollen und die Betäubung bei der Schlachtung senkt Schuldgefühle und Unbehagen. Es erleichtert einen entspannten und genussvollen Konsum, der das Fleisch auf dem Teller von Grausamkeit und Barbarei sorgsam zu trennen weiß.

Wird das Leid der Tiere doch thematisiert, so wird auf Ausnahmen oder Verstöße verwiesen, zu beseitigende Hindernisse, die auch einem künftigen Fleischkonsum nicht im Wege zu stehen brauchen. Die Verschärfung der Tierschutzgesetze und Kontrollen verbleibt so subjektiv als Ausweg, der eine Aufgabe des Fleischkonsums überflüssig macht. So können offenbar beide gemeinsam und harmonisch miteinander florieren: Tierschutz und Fleischkonsum. Zu erinnern sie an die Grillfeste mit Spanferkel, die jedenfalls früher in Tierschutzvereinen noch allgemein üblich waren.

Tierschutzgesetze wirken sich auf Menschen und dadurch auf Tiere aus, ihre Auswirkungen sind aber komplex:

Zunächst einmal mögen Tierschutzgesetze tatsächlich die Auswirkungen haben, die ihre Proponenten erwünschen, indem sie den Umgang des Menschen mit Tieren verbessern und dadurch Tierleid senken. Der zeitgleiche Aufstieg von Tierschutzbewegung, Massentierhaltung und Fleischkonsum lässt aber vermuten, dass die Stärke dieses positiven Effektes gering ist.

Umgekehrt mögen Tierschutzgesetze aber auch das Gegenteil dessen bewirken, was sie zu bewirken beanspruchen. Tierschutzgesetze kann nämlich das Gewissen betäuben und dadurch die Fortsetzung von Tierausbeutung, Tiertötung und Fleischkonsum im großen Stil fördern.

Eine Tierschutzbewegung, die die Förderung der veganen Lebensweise nicht in den Vordergrund ihres Wirkens stellt, droht, den Betäubungseffekt von Tierschutzgesetzen auf die Konsumenten zu maximieren.

So lässt es sich erklären, dass die Bilanz der Tierschutzbewegung nur auf dem Papier großartig ist, in Wirklichkeit aber auch in Europa und in den USA mehr Tiere leiden als jemals zuvor. Tierschutz, der die vegane Lebensweise nicht als unverzichtbare Voraussetzung betrachtet, entpuppt sich nicht als Tierschutz, sondern als Schutz für die Fleischkonsumenten vor ihrem eigenen schlechten Gewissen und damit auch als Schutz der Fleischindustrie vor dem Veganismus.

Was folgt hieraus für den Tierschutz?

Tierschutz und vegane Lebensweise müssen eine untrennbare Einheit bilden. Tierschutz dient dann nicht mehr der Gewissensbetäubung, wenn er die Grausamkeit jeder möglichen Form des Fleischkonsums in den Vordergrund stellt und die Überwindung der Nutztierhaltung damit als unverzichtbare Zielstellung konsequent vertritt.

Der traditionelle Tierschutz hat diese Notwendigkeit nicht erkannt und hat dadurch in der Gesamtbilanz keinen tierschützenden, sondern einen anästhesierenden Effekt ausgeübt, der zwanglos mit der Ausbreitung von Massentierhaltung und Fleischkonsum vereinbar war.

Wirksamer Tierschutz darf denjenigen, die Tierausbeutung betreiben oder ihr Vorschub leisten, nicht einreden, dass sie Tierschützer wären. So muss echter Tierschutz darauf hinweisen, dass Verbraucher, die Fleisch mit dem Siegel des Tierschutzbundes einkaufen, kein gutes Werk für die Tiere tun, sondern lediglich für sich selbst (Gewissenberuhigung), die Fleischindustrie (Imagegewinn: „Man kann ja doch human töten“) sowie für den Tierschutzverband, der sich leider in Verkennung der Sachverhalte immer wieder mehr für die Interessen der Fleischindustrie als für die Tiere einsetzt. Positiv ist, dass der Tierschutzbund nun offenbar endlich seinen Rückzug aus dem sogenannten "Tierwohllabel" erklärt hat. Nach wie vor gelingt es dem Tierschutzbund aber nicht, sich klar für die vegane Lebensweise zu positionieren, obwohl diese Lebensweise die einzige Lebensweise ist, die den Belangen des Tierschutzes gerecht werden kann.

Tierschützer können sich analog zu Gegnern der Todesstrafe betrachten. Gegner der Todesstrafe setzen sich für deren Abschaffung ein und wollen nicht lediglich die Schmerzintensität bei der Tötung mindern. Ebenso sollten Tierschützer die Verbreitung der veganen Lebensweise und den damit verbundenen Ausstieg aus der Nutztierhaltung in den Fokus ihres Handelns rücken, damit künftig Errungenschaften des Tierschutzes den Tieren und nicht der Fleischindustrie zugute kommen.

Verfasser: Guido F. Gebauer

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