Vegane Option fehlt bei künstlicher Ernährung

Vegane Option fehlt bei künstlicher Ernährung

Ein Brief dreier Ärzte des Southend University Hospital in Großbritannein an das Fachjournal Critical Care Nursing macht auf das Fehlen veganer Optionen für schwererkrankte Patienten aufmerksam, die enteral über eine Sonde oder parenteral über Infusionen ernährt werden müssen. Die Thematik verweist auf ein grundsätzlicheres Problem des Umgangs von Veganern mit medizinischen Behandlungsmaßnahmen, welches auf vegan.eu bereits in einem vorherigen Artikel thematisiert wurde und nunmehr aus aktuellem Anlass noch einmal aufgegriffen wird.

In ihrem Brief berichten die Ärzte über den Fall eines schwerkranken veganen Patienten, dessen Angehörige seine Ablehnung einer nicht-veganen enteralen Ernährung gegenüber den Ärzten durchsetzten. Ärztlicherseits konnte für den Patienten keine kommerziell verfügbare enteraler Ernährungsoption angeboten werden, da solche - anders als im Fall von koscherer oder Halal-Kost - für die vegane Ernährung bisher nicht zur Verfügung stehen. Aber auch für die oftmals weniger optimale parenterale Ernährungsmöglichkeit gibt es derzeit keine kommerziell erhältlichen Produkte, so dass dies keine Ausweichoption darstellt. Das Problem ist dabei nach den Schilderungen im Brief, dass in allen verfügbaren Produkten die Protein- und/oder Fettkomponente oder das Vitamin D aus tierischen Produkten entstamme.

Letztlich konnten die Ärzte bei ihrem veganen Patienten ausschließlich eine enterale Ernährung mit Sojamilch durchführen. Eine solche enterale Ernährung mit Sojamilch, die die Ärzte in diesem Fall mangels Alternativen wählten, ist aber nach ihren Darlegungen inadequat, da mehr als vier Liter Sojamilch täglich zugeführt werden müssten, um die grundlegenden kalorischen Bedürfnisse eines 70 Kilogramm schweren Menschen zu decken, wobei aber nach wie vor nicht alle Nährstfferfordernisse hierdurch erfüllt werden würden.

Der Brief schließt mit dem eindringlichen Verweis, dass für Veganer bisher Angebote für eine künstliche Ernährung fehlen und bittet um Vorschläge, wie künftig mit solchen Fällen umgegangen werden sollte.

Diskussion

Die Sachlage, dass keine veganen Angebotefür enterale und parenterale Ernährung zur Verfügung stehen, macht deutlich, dass es dem Veganismus nach wie vor an einer ausreichend wirksamen Lobby mangelt. Denn selbstverständlich wäre es ohne weiteres möglich, angemessene Produkte für die enterale und parenterale Ernährung schwerkranker veganer Patienten zur Verfügung zu entwickeln.

Da die Entscheidung für die vegane Lebensweise typischerweise hauptsächlich ethisch fundiert ist und der Konsum von Tierprodukten entsprechend grundsätzlich abgelehnt wird, stellt die aktuelle Situation Veganer und ihre Angehörigen vor ein schwerwiegendes Dilemma. Die Ablehnung tierischer Produkte kontrastiert mit dem Fehlen veganer Angebote, so dass letztlich zwischen der Aufgabe der eigenen ethischen Anforderung und der eigenen Gesundheit abzuwägen ist.

Dass die Thematik überhaupt von (offenbar) nicht-veganen Ärzten aufgegriffen wurde, ist dabei unbedingt positiv zu bewerten, weil dies auf ein entstehendes Problembewusstsein und somit verbesserte Aussichten für künftige Lösungen hinweist.

Grundsätzlich unterscheiden sich vegan lebende Menschen, wie auch Umfragen von vegan.eu zeigten, im Hinblick auf die Stringenz, mit der sie tierische Stoffe vermeiden. Während der Verzicht auf Fleisch, Milch, Eier und Fisch von allen Veganern geteilt werden, scheiden sich die Geister bereits beim Honig, der von ca. noch 25% der Veganer konsumiert wird. Dabei zeigen unsere Umfragen aber ebenfalls, dass Veganer mit den Jahren ihrer veganen Lebensweise zunehmend stringenter werden und immer mehr tierische Stoffe aus den unterschiedlichsten Bereichen vermeiden. Vegan ist insofern ein Entwicklungsprozess. Es sollte dabei nach unserer Einschärtzung unbedingt von vorschnellen Verurteilungen von Menschen mit zunächst noch geringerem Konsequenzgrad abgesehen werden, da diese sich letztlich auf den veganen Entwicklungsprozess durch Frustration kontraproduktiv auswirken könnten.

Bei der Frage der künstlichen Ernährung und medizinischer Behandlungsmaßnahmen sehen wir die Grenze erreicht, wo nicht mehr auf einer tatsächlich sicheren veganen Lebensweise bestanden werden kann und sollte. Dass sich die Gesellschaft und das Medizinsystem für den Einbau tierischer Produkte in nahezu allen Bereichen entschieden haben, ist nicht die Schuld vegan lebender Menschen, die dies im Gegenteil ändern wollen. Es erscheint nicht sinnvoll, dass Veganer auf tatsächlich erforderliche medizinische Behandlungsmaßnahmen verzichten und damit ihre Gesundheits aufs Spiel setzen und letztlich ihre Lebenserwartung verkürzen. Vielmehr sollte sich die vegane Bewegung darauf fokussieren, dass Problem des Einbaus tierischer Stoffe auch im gesamten Medizin- und Medikamentenbereich zu thematisieren und Anreize für die Bereitstellung veganer Alternativen zu schaffen. Dadurch können Veganer fraglos bedeutsam mehr für die Überwindung der Nutztierhaltung und Tierausbeutung tun, als wenn sie sich im Sinne einer in der gegenwärtigen Gesellschaft tatsächlich nicht umsetzbaren reinen Lehre quasi suizidieren würden.

So bitter es auch ist, Veganer müssen sich derzeit weiterhin daraufeinstellen, gegebenfalls auf nicht-vegane medizinische Behandlungsmaßnahmen zurückgreifen zu müssen. Dass dies auch Nicht-Veganer, wie die Verfasser der Briefes, als Problem erkennen können, zeigt, dass die Akzeptanz für den Veganismus doch bereits gewachsen ist und gibt damit Hoffnung, dass für immer mehr medizinische Behandlungsmaßnahmen und Medikamente demnächst vegane Alternativen zur Verfügung stehen werden.

Wer Veganern, die im Rahmem medizinischer Behandlungen nicht-vegane Stoffe zu sich nehmen, Heuchelei vorwirft, dem sei Folgendes aus unserem vorherigen Artikel zum Thema entgegnet:

"Es ist keine Heuchelei, bestehende Grenzen einzuräumen, es wäre aber Heuchelei, sie zu verschweigen. Es ist unterstützenswert, wenn wir auch bei Medikamenten versuchen, vegane Produkte zu nutzen. Bei der Auswahl können Ärzte und Apotheker auch durchaus hilfreich sein, wenn man ihnen die Problematik erläutert. Bei behandlungsbedürftigen Erkrankungen wird uns dies aber nur zu einem kleinen Anteil gelingen und auch als Veganer werden wir letztlich unter diesen besonderen Bedingungen nicht vegane Produkte konsumieren und damit am durch den Menschen erzeugten Tierleid partizipieren. Dies ist nicht veränderbar. Sollten nun Fleischesser Veganern die Nutzung von Medikamenten vorwerfen, wären sie aber die wahren Heuchler. Denn während Fleischesser aus völlig trivialen Geschmacks- und Bequemlichkeitsgründen sich an der Aufrechterhaltung einer gigantischen Tierausbeutungsindustrie beteiligen, versuchen Veganer alles ihnen mögliche zu tun, um dieser Industrie ein Ende zu bereiten."

Es ist also wichtig, am Thema dran zu bleiben!

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4 Kommentare auf "Vegane Option fehlt bei künstlicher Ernährung"

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Luigi
Gast

das bedürfnis für ein vegane label auf jegliche produkt, wird immer deutlicher

Max
Gast

Das ist doch jetzt eine Marktlücke, die für jemand Cleveren eine neue Geschäftsidee darstellt!
Da der Anteil der Veganer ständig steigt, gibt es hier auch gute Wachstumschancen.
Allerdings sind Veganer ja insgesamt gesünder und sind deshalb in aller Regel seltener von solchen Maßnahmen betroffen ; )

Marion
Gast

Danke für den Hinweis. Ich werde meine Patientenverfügung dahingehend ergänzen, dass meine Ernährung im Notfall nur aus sauberem Wasser bestehen darf, da ich die ganze Chemie eh nicht vertrage und statt Medikamenten aus der Pharmaindustrie Heilkräuter verwende.

Twilight
Gast

Gute Idee mit der Patientenverfügung, auch wenn mit unnötigem ironischen Kommentar ergänzt. Habe diese "Marktlücke" an eigenem Leibe erfahren :-(. Wird ohnehin meiner Meinung nach viel zu rasch zur enternalen Ernährung gegriffen, da gäbe es wohl meist natürlichere Wege.

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