Vier vegane Lebenswelten im DACH-Raum

Bislang größte deutschsprachige Studie zeigt: Die überwältigende Mehrheit vegan lebender Menschen lebt hoch konsequent — kleinere Gruppen setzen die vegane Lebensweise deutlich weniger konsequent um oder machen situative Ausnahmen
Wer vegan lebt, ist nicht einfach „vegan“. Das zeigt unsere Vegan-Umfrage, die die bisher umfangreichste Untersuchung im deutschsprachigen Raum mit Veganer:innen ist:
- 2.161 vegan lebende Menschen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz im Alter von 18 bis 84 Jahren, unter ihnen 1417 Frauen, 639 Männer sowie 105 nicht-binäre Personen, gingen in diese Auswertung ein.
Die Ergebnisse zeigen, dass vegan lebende Menschen im deutschsprachigen Raum sich in vier unterscheidbare Gruppen unterteilen. Bemerkenswert ist dabei, dass die Unterschiede zwischen den Gruppen weniger den grundlegenden Verzicht auf Fleisch, Fisch, Milch und Eier betreffen, sondern vielmehr das Ausmaß gesellschaftlichen Engagements sowie die Breite, mit der vegane Prinzipien auf weitere Lebensbereiche generalisiert werden. Die überwältigende Mehrheit vegan lebender Menschen zeigt insgesamt eine hohe Konsequenz ihrer veganen Lebensweise.

Dies sind die vier veganen Gruppen:
- Einsatzorientierte Veganer:innen (50,8 %):
Die größte Gruppe innerhalb der veganen Community lebt konsequent vegan, achtet auf die Vermeidung tierischer Stoffe in Lebensmitteln und Materialien wie Leder oder Wolle, lehnt die Haltung von Tieren zum menschlichen Vergnügen ab und engagiert sich aktiv für Tierrechte. Viele versuchen zudem, andere Menschen vom Veganismus zu überzeugen, und setzen sich für die Rettung individueller Tiere ein. Veganismus wird von Mitgliedern dieser Gruppe besonders häufig aus tierrechtlichen Gründen praktiziert und als wichtiger Teil der eigenen Identität erlebt. Die Mitglieder dieser Gruppe wünschen sich häufiger als andere Veganer:innen ebenfalls vegan lebende Personen als romantische oder sexuelle Partner:innen und haben auch tatsächlich häufiger vegane Partner:innen. - Lebensstil-Veganer:innen (33,0 %):
Die zweitgrößte Gruppe lebt ebenfalls konsequent vegan und bezieht viele weitere Konsumbereiche in die vegane Lebensweise ein, darunter Materialien wie Wolle oder Leder sowie Zusatzstoffe im Lebensmittel- oder Materialbereich. Auch vergnügungsorientierte Tierhaltung wie Zoo- oder Haustierhaltung wird überwiegend abgelehnt. Der Hauptunterschied zu den einsatzorientierten Veganer:innen besteht darin, dass sich Lebensstil-Veganer:innen zwar ebenfalls häufig im Freundes- und Bekanntenkreis für Veganismus einsetzen, jedoch kaum politisch-aktivistisch engagieren. Veganismus bildet auch für sie einen wichtigen Teil einer überwiegend tierethisch motivierten Identität, durchdringt aber das soziale Leben weniger stark als bei einsatzorientierten Veganer:innen. - Pragmatische Veganer:innen (13,1 %):
Diese erheblich kleinere Gruppe achtet konsequent auf den Verzicht von Fleisch, Milch, Fisch und Eiern, ist bei anderen Produktbereichen wie Leder, Wolle oder Zusatzstoffen jedoch weniger streng. Auch vergnügungsorientierte Tierhaltung wird weniger kritisch hinterfragt. Pragmatische Veganer:innen engagieren sich seltener für Veganismus und Tierrechte und beteiligen sich typischerweise nicht an Tierrettung. Veganismus bildet für sie eher einen begrenzten Teilbereich ihrer Identität und wird stärker als Ernährungsweise verstanden als als umfassende, den Alltag prägende Lebensform. Präferenzen für ebenfalls vegan lebende Partner:innen bestehen kaum. - Vegane Grenzgänger:innen (3,1 %):
Diese sehr kleine Gruppe bezeichnet sich als vegan, setzt die vegane Lebensweise jedoch auch bei Fleisch, Fisch, Milch und Eiern nicht jederzeit konsequent um. Zudem achten vegane Grenzgänger:innen seltener auf versteckte Tierprodukte oder nicht-vegane Materialien wie Leder oder Wolle. Auch vergnügungsorientierte Tierhaltungspraktiken werden weniger kritisch reflektiert. Die tierethische Motivation und die subjektive Wichtigkeit der veganen Lebensweise sind in dieser Gruppe am geringsten ausgeprägt. Gleichzeitig zeigt sich bei einem Teil dieser Gruppe dennoch politisches Engagement für Veganismus und Tierrechte. Offenbar bewegen sich vegane Grenzgänger:innen teilweise in einem aktivistischen Umfeld, ohne jedoch selbst konsequent nach dessen Maßstäben zu leben. Gerade diese kleine Gruppe macht deutlich, dass vegane Selbstidentifikation und tatsächliches Alltagsverhalten psychologisch nicht immer vollständig deckungsgleich sein müssen. Bemerkenswert ist zudem die geringe Größe dieser Gruppe, was auf ein für Veganer:innen eher untypisches Muster hinweist.
Die Befunde zeigen deutlich, dass zwischen mehr oder weniger prototypischen Formen veganer Lebensweise unterschieden werden kann. Mehr als 83 % der Befragten gehören zwei großen Gruppen an, die beide durch eine konsequente und auf verschiedene Lebensbereiche ausgeweitete vegane Lebensweise gekennzeichnet sind:
- Beide großen Gruppen leben konsequent vegan, sind stark tierethisch motiviert und erleben Veganismus als wichtigen Teil ihrer Identität. Beide setzen sich zudem häufig im Freundes- und Bekanntenkreis für die vegane Lebensweise ein.
Der zentrale Unterschied zwischen ihnen liegt weniger im alltäglichen veganen Konsumverhalten als vielmehr im gesellschaftlich-politischen Aktivismus:
- Während einsatzorientierte Veganer:innen sich zusätzlich intensiv politisch, gesellschaftlich und in der Tierrettung engagieren, beschränken Lebensstil-Veganer:innen ihren Einsatz überwiegend auf ihr unmittelbares soziales Umfeld.
Daneben existieren mit den pragmatischen Veganer:innen und den veganen Grenzgänger:innen zwei kleinere und deutlich weniger prototypische Gruppen, bei denen Veganismus weniger stark auf Konsum, Alltag und soziale Lebensbereiche generalisiert wird.
Die vier Gruppen weisen eine ähnliche Struktur im Hinblick auf Alter, Geschlecht/Gender, Bildungsstand, Wohnsitzland und Rekrutierungskanal für die Umfrage auf. Dies spricht für eine hohe Generalisierbarkeit der Befunde auf vegan lebende Menschen im deutschsprachigen Raum im Allgemeinen.
Insgesamt sprechen die Befunde der Umfrage für eine hohe Konsequenz der veganen Lebensweise bei der übergroßen Mehrheit der im deutschsprachigen Raum vegan lebenden Menschen — bei gleichzeitig klar erkennbaren Unterschieden im gesellschaftlichen Engagement und in der Breite der Generalisierung veganer Prinzipien.
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Inhaltsverzeichnis
- Zielstellungen der Untersuchung
- Stichprobe
- Erfasste Merkmale veganer Lebensweise
- Weitere einstellungsbezogene und soziale Merkmale
- Soziodemografische Merkmale
- Für statistisch interessierte Leser:innen
- Ergebnisse der Untersuchung
- Reduktion auf drei Grundkomponenten der veganen Lebensweise
- Vier Gruppen von Veganer:innen
- Kernskala des veganen Konsum-Ausschlusses
- Einfluss soziodemografischer Merkmale auf die vier veganen Gruppen
- Motive und Wichtigkeit veganer Lebensweise in den vier Clustern
- Partnerschaftliche und sexuelle Beziehungen
- Resümee über die Konvergenz und Diversität in der veganen Community
Zielstellungen der Untersuchung
Vorherige Auswertungen der großen Vegan-Umfrage von vegan.eu 2025 beschäftigten sich mit den politischen Einstellungen von vegan lebenden Personen, den Motiven für die vegane Lebensweise sowie mit dem Konzept der Vegansexualität als einer sexuellen Orientierung oder Präferenz für andere vegan lebende Menschen.
Die aktuelle Auswertung verfolgte das Ziel, erstmals im deutschsprachigen Raum genauer sichtbar zu machen, ob und wie sich unterschiedliche Gruppen vegan lebender Menschen anhand ihrer konkreten veganen Lebensweise unterscheiden lassen.
Es ging also darum, herauszufinden, ob Veganer:innen eine weitgehend einheitliche Gruppe sind oder ob sich in Wirklichkeit unterschiedliche Arten, Gruppen oder Typen vegan lebender Menschen anhand ihres Alltags- und Konsumverhaltens unterscheiden lassen.
Sofern sich solche Gruppen in der Untersuchung zeigen würden, sollten darüber hinaus ihre Charakteristika, ihre Größe sowie ihre Prototypikalität für die vegane Community im deutschsprachigen Raum detaillierter untersucht werden.
Ein weiteres Ziel der Untersuchung bestand darin zu prüfen, ob sich diese unterschiedlichen Gruppen vegan lebender Menschen auch hinsichtlich weiterer Aspekte unterscheiden, etwa bezüglich der subjektiven Wichtigkeit der veganen Lebensweise, der Motive für die vegane Lebensweise oder auch dem Einfluss unterschiedlicher veganer Lebensweisen auf die Bereiche Beziehung und Sexualität.
Darüber hinaus sollte untersucht werden, in welchem Ausmaß mögliche Gruppierungen von vegan lebenden Personen Unterschiede in Alter, Geschlecht/Gender, Bildungsstand, Wohnsitzland oder Rekrutierungswegen für diese Umfrage widerspiegeln.
Stichprobe
Gewinnung der Teilnehmenden
Die Stichprobe umfasste insgesamt 2161 vegan lebende Personen und stellt damit eine außergewöhnlich große vegane Stichprobe dar.
Die Rekrutierung erfolgte über vielfältige Kanäle:
- Insgesamt wurden 824 Personen (38,1 %) über Facebook rekrutiert, insbesondere durch zielgruppenbezogene Werbung und Postings in veganen Facebook-Gruppen.
- Weitere 392 Personen (18,1 %) wurden über Reddit-Anzeigen erreicht.
- 463 Teilnehmende (21,4 %) kamen über Werbung in veganen Newslettern zur Studie.
- Weitere 318 Personen (14,7 %) wurden über das eigene Netzwerk von Gleichklang und Vegan.eu rekrutiert, insbesondere über Newsletter, Webseiten und eigene Facebook-Seiten.
- Hinzu kam eine heterogene Restgruppe von 164 Personen (7,6 %), die über weitere Rekrutierungswege wie Flyer-Verteilungen, Weiterempfehlungen, Google-Werbung und weitere Maßnahmen erreicht wurden.
Geschlechterverteilung
An der Umfrage beteiligten sich 1417 Frauen (65,6 %), 639 Männer (29,6 %) sowie 105 nicht-binäre Personen (4,9 %).
Die starke Überrepräsentanz von Frauen entspricht internationalen Beobachtungen aus Umfragen und Studien, wonach Frauen wesentlich häufiger vegan leben als Männer.
Die hier gefundene hohe Anzahl von Frauen unterstützt insofern eher die Generalisierbarkeit der Ergebnisse auf vegan lebende Personen insgesamt, da bekannte Befunde der Veganismus-Forschung widergespiegelt werden.
Altersverteilung
Das Durchschnittsalter der Teilnehmenden lag bei 41,6 Jahren. Die jüngste teilnehmende Person war 18 Jahre alt, die älteste 84 Jahre. Die Stichprobe deckt damit ein breites Altersspektrum des veganen Lebens ab und umfasst sowohl jüngere als auch ältere vegan lebende Personen.
Bildungsstand
Die vegane Stichprobe zeigte einen insgesamt hohen Bildungsstand:
- Insgesamt verfügten 75,9 % mindestens über Fachabitur oder Abitur.
- 42,2 % wiesen ein Fachhochschul- oder Hochschulstudium auf.
- Zusätzlich hatten 2,9 % promoviert und 0,4 % habilitiert.
- Lediglich 24,1 % hatten kein Abitur. Hiervon hatten 0,6 % keinen Schulabschluss, 4,3 % einen Hauptschulabschluss sowie 19,2 % einen Realschulabschluss.
Diese starke Verschiebung hin zu einem hohen formalen Bildungsstand im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung entspricht Befunden, wie sie für vegane Stichproben typisch sind. Es handelt sich daher nicht um eine Verzerrung der Daten, sondern um die Abbildung einer bekannten Ausgangslage, wonach vegan lebende Personen oftmals einen höheren Bildungsstand aufweisen.
Wohnsitzländer
Von den insgesamt 2161 Teilnehmenden stammten 1914 Personen (88,6 %) aus Deutschland, 143 Personen (6,6 %) aus Österreich, 86 Personen (4,0 %) aus der Schweiz sowie 18 Personen (0,8 %) aus anderen Ländern.
Für den Vergleich der Verteilung innerhalb des deutschsprachigen Raumes wurden ausschließlich Deutschland, Österreich und die Schweiz herangezogen:
- Bezogen auf diese drei Länder stammten 89,4 % der Teilnehmenden aus Deutschland, 6,6 % aus Österreich und 4,0 % aus der Schweiz.
Damit zeigt sich ein deutliches Überwiegen Deutschlands innerhalb der Stichprobe sowie eine interessante Unterrepräsentanz Österreichs und insbesondere der Schweiz.
Erfasste Merkmale veganer Lebensweise
Um mögliche unterschiedliche Gruppen vegan lebender Menschen identifizieren zu können, wurde untersucht, worauf Menschen, die sich selbst als vegan bezeichnen, in ihrer veganen Lebensweise tatsächlich achten und wie breit oder eng sie Veganismus im Alltag definieren und umsetzen.
Hierzu wurden 17 Merkmale veganen Konsumverhaltens und veganen Engagements erfasst. Diese Merkmale bildeten die Grundlage der späteren Clusteranalyse und gingen somit direkt in die statistische Gruppenbildung ein.
Bereich |
Untersuchte Merkmale |
|---|---|
Vermeidung unmittelbar erkennbarer tierischer Lebensmittel |
• Verzicht auf Fleisch • Verzicht auf Fisch • Verzicht auf Milch • Verzicht auf Eier • Verzicht auf Honig |
Vermeidung tierischer Materialien und Gegenstände |
• Verzicht auf Wolle • Verzicht auf Leder |
Vermeidung versteckter tierischer Zusatzstoffe, Bestandteile und Produktionsverfahren |
• Verzicht auf Gelatine • Achten auf weitere tierische Zusatzstoffe in Lebensmitteln • Achten auf nicht-vegane Produktions- und Klärungsverfahren bei Getränken (z. B. Verwendung tierischer Stoffe bei der Herstellung von Wein oder Säften) • Achten auf versteckte tierische Bestandteile in Materialien und Gegenständen |
Vermeidung tierbezogener Freizeit- und Nutzungskontexte |
• Ausschluss von Zoobesuchen • Ablehnung einer auf menschliches Vergnügen ausgerichteten Haustierhaltung |
Aktives Engagement für Veganismus, Tierrechte und Tiere |
• Versuch, Personen im eigenen Umfeld von Veganismus zu überzeugen • Aktives Engagement für Veganismus • Politisches beziehungsweise gesellschaftliches Engagement für Tierrechte • Aktive Tierrettung |
Weitere einstellungsbezogene und soziale Merkmale
Die Untersuchung beschränkte sich nicht nur auf die unmittelbaren Merkmale veganen Konsumverhaltens und veganen Engagements. Zusätzlich wurde untersucht, ob sich mögliche Gruppen vegan lebender Menschen auch hinsichtlich weiterer Einstellungen, Motive, Partnerschaftsaspekte und kontroverser veganer Themen unterscheiden.
Diese Merkmale gingen nicht direkt in die statistische Gruppenbildung ein, sondern wurden anschließend verwendet, um die identifizierten Gruppen genauer miteinander zu vergleichen und inhaltlich besser zu verstehen:
Bereich |
Untersuchte Merkmale |
|---|---|
Subjektive Bedeutung veganer Lebensweise |
• Wichtigkeit der veganen Lebensweise für die eigene Identität und Lebensführung |
Motive für die vegane Lebensweise |
• Tierethische Motive • Gesundheitsbezogene Motive • Ökologische Motive |
Bedeutung veganer Lebensweise für Beziehungen und Sexualität |
• Wunsch nach vegan lebenden Beziehungspartner:innen • Vegansexualität • Bedeutung von Veganismus für Sexualität und Partnerwahl |
Tatsächliche Ernährungsweise der Partner:innen |
• Ob Partner:innen pflanzenbasiert leben oder nicht (vegan, vegetarisch, pescetarisch, omnivor) |
Soziodemografische Merkmale
Zusätzlich wurde untersucht, ob mögliche Unterschiede zwischen den identifizierten Gruppen mit klassischen soziodemografischen Merkmalen zusammenhängen.
Hierzu wurden folgende Merkmale berücksichtigt:
Erfasste Merkmale |
|
|---|---|
Geschlecht/Gender |
• Frau • Mann • Nicht-binär |
Bildungsstand |
• Kein Abschluss • Hauptschule beziehungsweise Äquivalent • Realschule beziehungsweise Äquivalent • Fachabitur • Abitur • Fachhochschulstudium • Hochschulstudium • Promotion • Habilitation |
Wohnsitzland |
• Deutschland • Österreich • Schweiz • Andere Länder |
Alter |
• Alter in Jahren |
Rekrutierungskanal der Umfrage |
• Facebook-Werbung beziehungsweise Facebook-Gruppen • Reddit-Werbung • Vegane Newsletter-Werbung • Gleichklang/Vegan.eu • Restgruppe weiterer Rekrutierungswege |
Durch die zusätzliche Berücksichtigung dieser Merkmale sollte geprüft werden, ob mögliche Unterschiede zwischen den Gruppen tatsächlich unterschiedliche Formen veganer Lebensweise widerspiegeln oder lediglich durch Unterschiede in Alter, Bildung, Geschlecht/Gender, Wohnsitzland oder Rekrutierung erklärbar sind.
Für statistisch interessierte Leser:innen
Die Untersuchung kombinierte mehrere statistische Verfahren, um unterschiedliche Formen veganer Lebensweise möglichst robust und differenziert analysieren zu können.
Zunächst wurde auf Basis der 17 erfassten Merkmale veganen Konsum- und Engagementverhaltens eine Hauptkomponentenanalyse durchgeführt. Ziel war es, grundlegende übergeordnete Dimensionen veganer Lebensweise zu identifizieren und zufällige Schwankungen einzelner Einzelvariablen zu reduzieren.
Zur Bestimmung der geeigneten Anzahl an Komponenten wurden zunächst der Scree-Plot sowie das Eigenwertkriterium größer 1 herangezogen. Beide Verfahren sprachen für eine Lösung mit drei bis vier Komponenten.
Anschließend erfolgte aufgrund der überwiegend dichotomen Struktur der Variablen eine optimale Skalierung der Daten für die weitere Hauptkomponentenanalyse.
Sowohl die Drei- als auch die Vier-Komponenten-Lösung erwiesen sich dabei als grundsätzlich interpretierbar. Die Drei-Komponenten-Lösung wurde jedoch bevorzugt, weil sie sich als besonders parsimonisch und zugleich inhaltlich gut interpretierbar erwies.
Zur Verbesserung der interpretativen Trennschärfe der Komponenten wurde anschließend eine Varimax-Rotation durchgeführt.
Auf Grundlage der identifizierten Komponenten erfolgte danach eine sogenannte Two-Step-Clusteranalyse. Ziel dieses Verfahrens war es, Gruppen vegan lebender Menschen zu identifizieren, die innerhalb der jeweiligen Gruppe möglichst ähnliche Antwortmuster aufweisen, sich aber zugleich möglichst deutlich von den anderen Gruppen unterscheiden. Die Güte der Clusterlösung lag mit einem Silhouettenmaß von etwa 0,6 im guten Bereich und spricht für eine vergleichsweise klare und gut interpretierbare Gruppenstruktur.
Zur Prüfung weiterer Gruppenunterschiede wurden abhängig vom jeweiligen Datentyp unterschiedliche statistische Verfahren eingesetzt:
– Mittelwertunterschiede wurden mittels multivariater Varianzanalysen (MANOVA) untersucht.
– Unterschiede in Häufigkeitsverteilungen wurden mit Chi-Quadrat-Tests geprüft.
Bei den Mittelwertvergleichen wurden mögliche Einflüsse von Alter, Geschlecht/Gender, Bildungsstand, Wohnsitzland und Rekrutierungsweg statistisch kontrolliert, um sicherzustellen, dass beobachtete Unterschiede tatsächlich mit unterschiedlichen Formen veganer Lebensweise zusammenhängen und nicht lediglich auf Unterschiede in der Zusammensetzung der Gruppen zurückzuführen sind.
Da zahlreiche Gruppenvergleiche gleichzeitig durchgeführt wurden, erfolgte zusätzlich eine statistische Sicherheitskorrektur mittels Sidak-Korrektur, um Zufallsergebnisse möglichst zu vermeiden.
Im Folgenden werden daher ausschließlich Unterschiede hervorgehoben, die auch unter diesen strengen statistischen Bedingungen bestehen blieben.
Ergebnisse der Untersuchung
Reduktion auf drei Grundkomponenten der veganen Lebensweise
Bevor die veganen Teilnehmenden in Gruppen klassifiziert wurden, was das eigentliche Ziel dieser Untersuchung war, wurden die 17 Merkmale veganen Konsums und Engagements zunächst mit dem statistischen Verfahren der Hauptkomponentenanalyse auf drei breite Grundkomponenten reduziert.
Inhaltlich bedeutet dies, dass die zahlreichen Einzelinformationen, die teilweise auch zufällig schwanken können, auf ihre gemeinsamen Grundmuster verdichtet wurden. Statt viele einzelne Merkmale isoliert zu betrachten, wurde untersucht, welche Merkmale typischerweise gemeinsam auftreten und deshalb Ausdruck einer übergeordneten Dimension der veganen Lebensweise sind:
- Ausschluss nicht veganer Kernlebensmittel: Die erste Komponente beschreibt die Vermeidung nicht-veganer Kernlebensmittel. Hierzu gehörender Ausschluss von Eiern, Fisch, Milch und Fleisch. Die Komponente erfasst damit den grundlegenden Verzicht auf die klassischen Kernbestandteile tierischer Ernährung.
- Generalisiert vegane Konsum: Die zweite Komponente beschreibt einen generalisierten Veganismus, der über die Kernlebensmittel hinausgeht. Hierzu gehören insbesondere der Ausschluss von Wolle und Leder, die Vermeidung versteckter tierischer Bestandteile in Materialien, das Achten auf tierische Zusatzstoffe oder nicht-vegane Klärungsprozesse sowie die Ablehnung von Zoobesuchen. Diese Komponente beschreibt somit die Ausweitung veganer Prinzipien auf verschiedenste Alltags- und Nutzungskontexte außerhalb der unmittelbaren Ernährung.
- Veganes Engagement: Die dritte Komponente beschreibt veganes und tierrechtliches Engagement. Hierzu gehören insbesondere gesellschaftliches beziehungsweise politisches Engagement für Veganismus und Tierrechte, aktive Tierrettung sowie Überzeugungsarbeit im sozialen Umfeld. Diese Komponente erfasst damit weniger das persönliche Konsumverhalten als vielmehr den gesellschaftlichen und aktivistischen Einsatz für vegane Anliegen.
Die Ergebnisse können in der Komponentenladungsmatrix nachvollzogen werden. Die dort angegebenen Werte verdeutlichen die Stärke des Zusammenhangs zwischen den einzelnen Merkmalen und den drei Grundkomponenten. Werte ab 0,30 gelten dabei als relevant, Werte ab 0,50 als substanziell. Positive Werte stehen für positive Zusammenhänge, negative Werte für gegenläufige Zusammenhänge. Aus der Tabelle lässt sich die oben gegebene Definition der drei Komponenten eindeutig nachvollziehen:
Komponenten veganen Konsum- und Alltagsverhaltens bei Veganer:innen (N = 2161, dargestellt sind Faktorenladungen der einzelnen Merkmale auf die drei identifizierten Grundkomponenten veganen Verhaltens. Fett = substanzieller oder hochgradiger Zusammenhang (≥ 0,50); kursiv = moderater Zusammenhang (0,30 bis < 0,50).
Veganer Kern |
Generalisiert vegan |
Engagement |
|
|---|---|---|---|
Ausschluss von Eiern |
0,68 |
-0,04 |
0,25 |
Ausschluss von Fisch |
0,64 |
0,03 |
0,20 |
Ausschluss von Milch |
0,61 |
0,05 |
-0,02 |
Ausschluss von Fleisch |
0,47 |
0,02 |
-0,02 |
Veganer Kern |
Generalisiert vegan |
Engagement |
|
Ausschluss von Wolle |
0,09 |
0,68 |
0,09 |
Ausschluss von Leder |
0,06 |
0,65 |
0,08 |
Ausschluss versteckter tierischer Bestandteile in Materialien |
-0,05 |
0,62 |
0,22 |
Achten auf nicht-vegane Klärungsprozesse/Zusatzstoffe in Getränkten |
-0,13 |
0,57 |
0,17 |
Ausschluss von Honig |
0,25 |
0,54 |
0,05 |
Achten auf tierische Zusatzstoffe in Lebensmitteln |
0,08 |
0,50 |
0,02 |
Ausschluss von Gelatine |
0,13 |
0,45 |
-0,10 |
Ausschluss von Zoobesuchen |
0,07 |
0,43 |
0,22 |
Ablehnung von Haustierhaltung zum menschlichen Vergnügen |
0,07 |
0,30 |
0,26 |
Veganer Kern |
Generalisiert vegan |
Engagement |
|
Aktives Engagement für Veganismus |
0,03 |
0,03 |
0,86 |
Politisches/gesellschaftliches Engagement für Tierrechte |
0,01 |
0,06 |
0,84 |
Aktive Tierrettung |
-0,05 |
0,08 |
0,54 |
Versuch, Personen im eigenen Umfeld von Veganismus zu überzeugen |
0,09 |
0,18 |
0,44 |
Die Komponente „Vermeidung nicht-veganer Kernlebensmittel“ macht deutlich, dass es einzelne Personen gibt, die sich als vegan sehen, die aber offenbar nicht unter allen Umständen und vollständig auf die Vermeidung aller nicht-veganen Kernlebensmittel achten.
Dabei sind vielfältige Gründe hierfür denkbar, wie Impulse zu nicht-veganem Konsum, denen kurzfristig nachgegeben wird, Ausnahmen in besonderen Situationen etc.
Der Einbezug dieser Personen in die Untersuchung ermöglichte es, die Verbreitung dieses Phänomens wie auch ihre Bedeutung für weitere Aspekte der veganen Lebensweise untersuchen zu können.
Insgesamt waren es nur wenige Menschen, die nicht vollständig auf den Ausschluss nicht-veganer Kernlebensmittel in dieser Befragung achtete:
Merkmal |
Achten auf Vermeidung |
Achten nicht durchgängig auf Vermeidung |
|---|---|---|
Eier |
2119 Personen (98,1 %) |
42 Personen (1,9 %) |
Fisch |
2138 Personen (98,9 %) |
23 Personen (1,1 %) |
Milch |
2150 Personen (99,5 %) |
11 Personen (0,5 %) |
Fleisch |
2158 Personen (99,9 %) |
3 Personen (0,1 %) |
Die Zahlen machen also in Anbetracht der Gesamtstichprobengröße deutlich, dass die überwältigende Mehrheit der Teilnehmenden dieser Umfrage alle Kernlebensmittel vermeidet:
- Nur eine sehr kleine Anzahl an Personen achtete weniger streng auf die Vermeidung von Eiern und Fisch, noch seltener auf Milch und fast niemand (0,1 %) achtete nicht durchgängig auf die Vermeidung von Fleisch.
Vier Gruppen von Veganer:innen
Es erfolgte nun auf der Basis der drei Komponenten veganen Konsums und Engagements die eigentlich interessierende Gruppenbildung, die das Hauptziel dieser Untersuchung war.
Auf der Grundlage der drei zuvor identifizierten Komponenten veganen Konsum- und Engagementverhaltens wurde entsprechend eine statistische Clusteranalyse durchgeführt. Ziel war es zu prüfen, ob sich innerhalb der vegan lebenden Personen unterschiedliche Gruppen veganer Lebensweise identifizieren lassen.
Die Analyse ergab als statistisch beste Lösung eine Vier-Cluster-Struktur mit guter Modellqualität (Silhouette-Maß = 0,6). Die vier Cluster wurden somit nicht vorab festgelegt, sondern ergaben sich aus den tatsächlichen Antwortmustern der Teilnehmenden.
Diese Cluster wurden aufgrund ihrer jeweiligen Merkmale benannt als:
- Einsatzorientierte Veganer:innen (50,8 %): Diese größte Gruppe kennzeichnet sich durch eine hochgradig konsequente vegane Lebensweise in allen Konsumbereichen (Lebensmittel, Materialien, versteckte Zusatzstoffe). Sie lehnt vergnügungsorientierte Tierhaltung ab und setzt sich im Freundes- und Bekanntenkreis für die vegane Lebensweise ein. Vor allem aber zeigt diese Gruppe zusätzlich ein hohes Ausmaß an Aktivismus im Sinne eines politisch-gesellschaftlichen Engagements für Veganismus und Tierrechte sowie oft auch für die Rettung einzelner Tiere.
- Lebensstilorientierte Veganer:innen (33,0 %): Diese zweite große Gruppe von Veganer:innen kennzeichnet sich vorwiegend durch eine sehr konsequente vegane Lebensweise in allen Bereichen, einschließlich Lebensmittel, Materialien und Ablehnung einer vergnügungsorientierten Tierhaltung. Sie setzen sich ebenfalls oft für die vegane Lebensweise im direkten Freundes- und Bekanntenkreis ein, zeigen aber typischerweise kein aktivistisches Engagement im politisch-gesellschaftlichen Bereich für Veganismus, Tierrechte oder Tierrettung.
- Pragmatische Veganer:innen (13,1 %): Diese wesentlich kleinere Gruppe von Veganer:innen achtet zwar konsequent auf den Verzicht auf Fleisch, Milch, Eier und Fisch, erweitert die vegane Lebensweise jedoch deutlich seltener auf andere Bereiche, wie nicht-vegane Zusatzstoffe in Lebensmitteln oder Materialien wie Wolle oder Leder. Ebenfalls werden vergnügungsorientierte Formen der Tierhaltung seltener reflektiert. Trotz des erheblich weniger konsequenten veganen Lebensstils entfaltet diese Gruppe aber teilweise ein größeres sozial-gesellschaftliches Engagement für die vegane Lebensweise als die Gruppe der lebensstilorientierten Veganer:innen.
- Vegane Grenzgänger:innen (3,1 %): Diese sehr kleine Gruppe von sich als vegan verstehenden Personen ist die einzige Gruppe, die nicht konsequent und ausnahmslos auf den Verzicht auf die nicht-veganen Kernlebensmittel Fleisch, Fisch, Milch und Eier achtet. Bei anderen Formen von nicht-veganen Lebensmitteln und Materialien sowie bei der Thematik vergnügungsorientierter Tierhaltung zeigen die Mitglieder der Gruppe im Wesentlichen ähnliche Muster wie die der pragmatischen Veganer:innen. Vegane Grenzgänger:innen engagieren sich häufiger für Veganismus, Tierrechte und Tierrettung als die lebensstilorientierten Veganer:innen, aber seltener als die einsatzorientierten Veganer:innen. Die Bezeichnung Grenzgänger:innen macht deutlich, dass die Bezeichnung als vegan für diese Gruppe kritisch hinterfragt werden kann. In ihrem Selbstverständnis handelt es sich aber dennoch um Veganer:innen, die allerdings Ausnahmen stärker generalisiert zulassen als dies bei den anderen Gruppen und auch den pragmatischen Veganer:innen der Fall ist.
Zusammenfassend zeigen die Cluster, dass sich die vier Gruppen von Veganer:innen insbesondere anhand zweier Faktoren voneinander unterscheiden lassen:
- Konsequenz des veganen Konsumverzichtes
- Engagement für die vegane Lebensweise
Daraus lassen sich diese Hauptdifferenzierungen zwischen den vier Clustern herleiten:
- Die einsatzorientierten und lebensstilorientierten Veganer:innen unterscheiden sich vorwiegend anhand des höheren Engagements für die vegane Lebensweise seitens der einsatzorientierten Veganer:innen, während sie eine ähnliche Konsequenz aufweisen, auch wenn die einsatzorientierten Veganer:innen eine leicht höhere Konsequenz zeigen.
- Die pragmatischen Veganer:innen und veganen Grenzgänger:innen unterscheiden sich von den einsatzorientierten und lebensstilorientierten Veganer:innen vorwiegend durch ihre geringere Konsequenz bei der Umsetzung der veganen Lebensweise im Alltag.
- Die veganen Grenzgänger:innen unterscheiden sich wiederum von allen drei Gruppen dadurch, dass sich ihre geringe Konsequenz auch auf die veganen Kernlebensmittel Fleisch, Fisch, Milch und Eier bezieht.
Die oben gegebenen Beschreibungen sind anhand dieser Befunde nachvollziehbar (im Text benannt werden dabei ausschließlich diejenigen Unterschiede, die auch nach Korrektur für multiple Tests [Holm-Korrektur] weiterhin signifikant bleiben und insofern als robust betrachtet werden können):
Lebensmittelkonsum der vier veganen Cluster:
Ausschluss von Fleisch, Fisch, Milch und Eiern |
Ausschluss aller tierischen Lebensmittel einschließlich Honig, Gelatine und Zusatzstoffe |
|
|---|---|---|
Einsatzorientierte (50,8 %) |
100,0 % |
88,0 % |
Lebensstilorientierte (33,0 %) |
100,0 % |
76,2 % |
Pragmatische (13,1 %) |
100,0 % |
15,2 % |
Grenzgänger:innen (3,1 %) |
10,3 % |
20,6 % |
Umgang mit tierischen Materialien und Gegenständen:
Ausschluss von Wolle und Leder |
Ausschluss versteckter tierischer Bestandteile in Materialien |
|
|---|---|---|
Einsatzorientierte (50,8 %) |
90,1 % |
84,5 % |
Lebensstilorientierte (33,0 %) |
85,0 % |
71,7 % |
Pragmatische (13,1 %) |
19,5 % |
2,8 % |
Grenzgänger:innen (3,1 %) |
26,5 % |
22,1 % |
Einsatzorientierte und lebensstilorientierte Veganer:innen achten konsequenter auf den Ausschluss aller Materialien als die pragmatischen Veganer:innen und veganen Grenzgänger:innen.
Dabei sind einsatzorientierte Veganer:innen diesbezüglich noch etwas konsequenter als lebensstilorientierte Veganer:innen.
Beim Ausschluss verdeckter tierischer Bestandteile in Materialien sind aber auch die veganen Grenzgänger:innen etwas häufiger konsequent als die pragmatischen Veganer:innen, was aber nur ein Nebenbefund ist, der schwer zu interpretieren ist und der die Hauptunterschiede nicht verdecken sollte.
Umgang mit tierbezogener Freizeit- und Nutzungshaltung:
Ablehnung von Zoos und Haustierhaltung zum menschlichen Vergnügen |
|
|---|---|
Einsatzorientierte (50,8 %) |
75,9 % |
Lebensstilorientierte (33,0 %) |
60,4 % |
Pragmatische (13,1 %) |
32,6 % |
Grenzgänger:innen (3,1 %) |
30,9 % |
Einsatzorientierte und lebensstilorientierte Veganer:innen achten stärker auf den Ausschluss vergnügungsorientierter Tierhaltung als die pragmatischen Veganer:innen und veganen Grenzgänger:innen.
Erneut sind die einsatzorientierten Veganer:innen auch in diesem Bereich etwas konsequenter als die lebensstilorientierten Veganer:innen.
Demgegenüber besteht zwischen pragmatischen Veganer:innen und veganen Grenzgänger:innen kein signifikanter Unterschied.
Gesellschaftliches und politisches Engagement für Veganismus und Tierrechte:
Einsatzorientierte (50,8 %) |
Lebensstilorientierte (33,0 %) |
Pragmatische (13,1 %) |
Grenzgänger:innen (3,1 %) |
|
|---|---|---|---|---|
Information und Überzeugungsarbeit im Freundes- und Bekanntenkreis |
89,7 % |
67,2 % |
60,6 % |
57,4 % |
Gesellschaftliches beziehungsweise politisches Engagement für Veganismus |
97,7 % |
9,8 % |
47,9 % |
54,4 % |
Gesellschaftliches beziehungsweise politisches Engagement für Tierrechte |
99,1 % |
17,8 % |
51,1 % |
57,4 % |
Aktive Beteiligung an Tierrettung |
44,5 % |
10,1 % |
15,2 % |
30,9 % |
Die Gruppe der einsatzorientierten Veganer:innen unterscheidet sich von allen drei Gruppen durch einen sehr häufigen Einsatz für die vegane Lebensweise im Freundes- und Bekanntenkreis. Zwischen den drei weiteren Gruppen, die sich ebenfalls mehrheitlich im Freundes- und Bekanntenkreis für die vegane Lebensweise einsetzen, bestehen keine signifikanten Unterschiede.
Eine deutlichere Dynamik zeigt sich beim politisch-gesellschaftlichen Engagement. Ausschließlich die Gruppe der einsatzorientierten Veganer:innen unterscheidet sich von allen anderen drei Gruppen durch ein höheres Engagement für die vegane Lebensweise und Tierrechte:
Nahezu alle einsatzorientierten Veganer:innen sind auch Aktivist:innen, während lebensstilorientierte Veganer:innen am seltensten von allen Gruppen sich aktivistisch politisch-gesellschaftlich für die vegane Lebensweise oder Tierrechte engagieren. Pragmatische Veganer:innen und vegane Grenzgänger:innen, obgleich in ihrer persönlichen Lebensweise deutlich weniger konsequent, treten demgegenüber häufiger mit politischem Aktivismus in Erscheinung, wenn auch deutlich seltener als die einsatzorientierten Veganer:innen. Zwischen pragmatischen Veganer:innen und veganen Grenzgänger:innen besteht diesbezüglich kein Unterschied.
Bei der individuellen Tierrettung sind deskriptiv betrachtet einsatzorientierte Veganer:innen erneut am häufigsten aktiv, während pragmatische Veganer:innen und lebensstilorientierte Veganer:innen sich nur selten an individueller Tierrettung beteiligen. Interessanterweise beteiligen sich aber auch relativ viele der veganen Grenzgänger:innen an einzelnen Tierrettungen, sodass sie sich diesbezüglich statistisch nicht einmal signifikant von den einsatzorientierten Veganer:innen unterscheiden.
Diese etwas komplexeren Befunde machen insgesamt noch einmal deutlich, dass die einsatzorientierten Veganer:innen das höchste Ausmaß an Engagement und Aktivismus für Veganismus, Tierrechte und Tierrettung zeigen, aber gleichzeitig auch Personen, die wenig im eigenen Lebensstil konsequent sind, sich durchaus für vegane Belange, Tierrechte und Tierrettung einsetzen können.
Kernskala des veganen Konsum-Ausschlusses
Wird Veganismus vorwiegend auf direkte Konsumbereiche bezogen und weniger auf Bereiche wie gesellschaftliches Engagement, Tierhaltung oder versteckte tierische Bestandteile, lässt sich zusätzlich ein konsumorientierter manifester Kernveganismus definieren:
- Verzicht auf Fleisch, Fisch, Milch, Eier, Honig, Gelatine, Wolle und Leder.
Dies ist der Anteil der Befragten in den jeweiligen Clustern, die (mindestens) diesen konsumorientierten Kernveganismus im Alltag strikt einhält:
Cluster |
Konsumorientierter Kernveganismus
(Verzicht auf Fleisch, Fisch, Milch, Eier, Honig, Gelatine, Wolle, Leder) |
|---|---|
Einsatzorientierte Veganer:innen (50,8 %) |
92,5 % |
Konsequenter veganer Lebensstil (33,0 %) |
88,5 % |
Pragmatische Veganer:innen (13,1 %) |
20,7 % |
Vegane Grenzgänger:innen (3,1 %) |
0,0 % |
Alle in der Tabelle ersichtlichen Unterschiede zwischen den vier Gruppen erreichen statistische Signifikanz. Einsatzorientierte Veganer:innen zeigen die höchste Konsequenz im Kernkonsum, dicht gefolgt von den lebensstilveganen Veganer:innen.
Erheblich seltener sind pragmatische Veganer:innen bezüglich der definierten Kernkonsummerkmale konsequent, während sich vegane Grenzgänger:innen diesbezüglich durch eine nahezu ausnahmslose Nicht-Konsequenz auszeichnen.
Einfluss soziodemografischer Merkmale auf die vier veganen Gruppen
Wie verteilen sich Merkmale wie Geschlecht/Gender, Bildungsstand, Alter, Wohnsitzland und der Rekrutierungsweg für diese Untersuchung auf die vier Gruppen?
Diese Frage ist wichtig, weil sich bei starken Unterschieden zwischen den Gruppen im Hinblick auf Alter, Geschlecht, Bildungsstand oder Wohnsitzland die Frage stellen würde, ob die Gruppen nicht vorwiegend Unterschiede in diesen Merkmalen widerspiegeln.
Geschlecht/Gender
Durch bereits die reine kursorische Sichtung der Befunde zeigt, dass dies offensichtlich nicht der Fall ist:
Cluster |
Frauen (%) |
Männer (%) |
Nicht-binär (%) |
|---|---|---|---|
Einsatzorientierte Veganer:innen (50,8 %) |
66,3 |
29,1 |
4,6 |
Lebensstil-Veganer:innen (33,0 %) |
65,2 |
30,2 |
4,6 |
Pragmatische Veganer:innen (13,0 %) |
64,9 |
29,1 |
6,0 |
Vegane Grenzgänger:innen (3,1 %) |
60,3 |
33,8 |
5,9 |
Die Unterschiede im Hinblick auf die Verteilung von Geschlecht/Gender zwischen den vier Clustern sind minimal und sie verfehlen zudem die statistische Signifikanz, lassen sich also alleine durch den Zufall bedingt verstehen.
Alter und Bildungsstand
Die Gruppen wurden im Hinblick auf ihr durchschnittliches Alter und ihren durchschnittlich erreichten höchsten Bildungsstand miteinander verglichen:
Cluster |
Durchschnittsalter in Jahren (Minimum–Maximum) |
Durchschnittlicher Bildungsstand * |
|---|---|---|
Einsatzorientierte Veganer:innen (50,8 %) |
43,36 |
4,85 |
Lebensstil-Veganer:innen (33,0 %) |
37,73 |
5,42 |
Pragmatische Veganer:innen (13,0 %) |
42,93 |
5,37 |
Vegane Grenzgänger:innen (3,1 %) |
46,71 |
5,19 |
* Bildungsstand: 1= kein Abschluss, 2 = Hauptschule, 3 = Realschule, 4 = Fachabitur, 5 = Abitur, 6 = Fachhochschulstudium, 7 = Hochschulstudium, 8 = Promotion, 9 = Habilitation.
Die Unterschiede sind statistisch signifikant, wobei in der Gruppe der Lebensstil-Veganer:innen jüngere Personen vertreten sind als in den anderen Gruppen und zudem einsatzorientierte Veganer:innen einen etwas geringeren Bildungsstand aufweisen als die anderen drei Gruppen.
Aber auch wenn dies statistisch signifikante Unterschiede sind, überwiegt doch die Ähnlichkeit die Unterschiede zwischen den veganen Clustern. Die Hauptunterschiede zwischen den vier Clustern liegen nicht in Alters- oder Bildungsunterschieden, sondern in Merkmalen des Konsumverhaltens und Engagements.
Wohnsitzland
Ebenfalls wurde die Verteilung der Wohnsitzländer zwischen den vier Clustern verglichen:
Cluster |
Deutschland (%) |
Österreich (%) |
Schweiz (%) |
Anderes Land (%) |
|---|---|---|---|---|
Einsatzorientierte Veganer:innen (50,8 %) |
87,6 |
6,8 |
4,8 |
0,7 |
Lebensstil-Veganer:innen (33,0 %) |
89,8 |
6,3 |
3,1 |
0,8 |
Pragmatische Veganer:innen (13,0 %) |
89,0 |
6,0 |
3,5 |
1,4 |
Vegane Grenzgänger:innen (3,1 %) |
89,7 |
8,8 |
1,5 |
0,0 |
Die Unterschiede sind minimal und verfehlen die statistische Signifikanz, lassen sich insofern per Zufall erklären.
Einfluss der Rekrutierungswege für die Umfrage
Die Teilnehmenden wurden über unterschiedliche Wege für die Umfrage gewonnen. Es wurde daher untersucht, wie sich diese Rekrutierungswege in den vier Clustern widerspiegeln:
Cluster |
Facebook (%) |
Reddit (%) |
Vegane Newsletter (%) |
Gleichklang/Vegan.eu (%) |
Restgruppe (%) |
|---|---|---|---|---|---|
Einsatzorientierte Veganer:innen (50,8 %) |
57,0 |
41,8 |
51,0 |
48,1 |
45,7 |
Lebensstil-Veganer:innen (33,0 %) |
32,3 |
42,9 |
27,2 |
27,4 |
40,2 |
Pragmatische Veganer:innen (13,0 %) |
8,7 |
12,5 |
18,1 |
19,8 |
8,5 |
Vegane Grenzgänger:innen (3,1 %) |
1,9 |
2,8 |
3,7 |
4,7 |
5,5 |
In den Daten werden teilweise deutliche Unterschiede in den Häufigkeiten der vier Cluster in Abhängigkeit von den verschiedenen Rekrutierungswegen erkennbar, die auch oft statistische Signifikanz erreichen.
Da unterschiedliche Rekrutierungskanäle potenziell verschiedene Aspekte der veganen Lebensweise ansprechen können, ist dies auch nicht verwunderlich.
Dennoch ist inhaltlich erneut vorwiegend die hohe Konvergenz hervorzuheben:
- In allen Rekrutierungswegen sind einsatzorientierte Veganer:innen und Lebensstil-Veganer:innen die mit Abstand größten beiden Gruppen, die veganen Grenzgänger:innen sind die kleinste Gruppe und die pragmatischen Veganer:innen kommen in deutlichem Abstand zu den beiden größten Gruppen an dritter Stelle.
Motive und Wichtigkeit veganen Lebensweise in den vier Clustern
Unterscheiden sich die vier vegane Gruppen im Hinblick auf die benannte Wichtigkeit der veganer Lebensweise oder die Motive für die vegane Lebensweise?
- Zur genaueren Differenzierung der Motive für die vegane Lebensweise wurde das Vegetarian Eating Motives Inventory eingesetzt, ein wissenschaftlich entwickelter Fragebogen, der die drei Hauptmotive Tierethik, Ökologie und Gesundheit mit jeweils mehreren Items erfasst. Die Antworten erfolgten auf einer siebenstufigen Skala von „völlig unwichtig“ bis „sehr wichtig“. Die Fragen wurden zuvor ins Deutsche übersetzt und es wurde für alle drei Skalen jeweils der Mittelwert gebildet.
Zusätzlich wurde untersucht, welche subjektive Bedeutung die vegane Lebensweise für die eigene Identität und Lebensführung besitzt. Die Antworten erfolgten hier auf einer vierstufigen Skala von geringer bis hoher Wichtigkeit.
Gesundheitliche und ökologische Motive
Für gesundheitliche und ökologische Motive ergaben sich keine statistisch signifikanten Unterschiede zwischen den vier veganen Gruppen. Bezüglich der Bedeutung gesundheitlicher und ökologischer Motive zeigt sich somit insgesamt eine hohe Ähnlichkeit zwischen den Clustern.
Umfassende Informationen zur Stärke ökologischer, gesundheitlicher und weiterer Motive der veganen Lebensweise können in diesem vorherigen Artikel auf vegan.eu nachgelesen werden.
Tierethische Motive
Bei Zugrundelegung einer möglichen Ausprägung von minimal 1 bis maximal 7 fällt ein hohes tierethisches Motiv bei allen vier veganen Gruppen auf, das von etwa 5,6 Punkten bei den veganen Grenzgänger:innen bis zu knapp 7 Punkten bei den einsatzorientierten Veganer:innen reicht:

Die höchste tierethische Orientierung zeigen die einsatzorientierten Veganer:innen, dicht gefolgt von den Lebensstil-Veganer:innen. Zwischen beiden Gruppen besteht statistisch kein signifikanter Unterschied, sodass beide Gruppen insgesamt eine vergleichbar hohe tierethische Orientierung aufweisen.
Demgegenüber zeigen pragmatische Veganer:innen und insbesondere vegane Grenzgänger:innen deutlich geringere tierethische Orientierungen:
- Während einsatzorientierte Veganer:innen signifikant höhere Werte als pragmatische Veganer:innen und vegane Grenzgänger:innen erreichen, weisen auch Lebensstil-Veganer:innen signifikant höhere tierethische Orientierungen als vegane Grenzgänger:innen auf.
Zwischen pragmatischen Veganer:innen und veganen Grenzgänger:innen sowie zwischen pragmatischen Veganer:innen und Lebensstil-Veganer:innen werden dagegen keine statistisch signifikanten Unterschiede erreicht.
Insgesamt verdeutlichen die Befunde somit eine besonders starke tierethische Orientierung bei einsatzorientierten und Lebensstil-Veganer:innen, während pragmatische Veganer:innen und insbesondere vegane Grenzgänger:innen geringere tierethische Orientierungen zeigen.
Subjektive Wichtigkeit der veganen Lebensweise
Die subjektive Wichtigkeit der veganen Lebensweise wurde auf einer vierstufigen Skala von starker Ablehnung bis starker Zustimmung erfasst. Die durchschnittliche Wichtigkeit in den vier Clustern schwankt zwischen knapp unter drei (vegane Grenzgänger:innen) bis hin zu fast 3,6 (einsatzorientierte Veganer:innen). So stellt sich der Gruppenvergleich für die subjektive Wichtigkeit der veganen Lebensweise dar:

Die höchste subjektive Wichtigkeit der veganen Lebensweise berichten die einsatzorientierten Veganer:innen. Etwas darunter folgen die Lebensstil-Veganer:innen. Danach folgen die pragmatischen Veganer:innen sowie die veganen Grenzgänger:innen mit den niedrigsten Werten.
Statistisch signifikant sind dabei die Unterschiede zwischen den einsatzorientierten Veganer:innen einerseits sowie den pragmatischen Veganer:innen und veganen Grenzgänger:innen andererseits:
- Die einsatzorientierten Veganer:innen messen ihrer veganen Lebensweise somit signifikant höhere subjektive Wichtigkeit bei als diese beiden Gruppen.
Der Unterschied zwischen einsatzorientierten und Lebensstil-Veganer:innen verfehlt die statistische Signifikanz nur knapp (p = .07), sodass sich zugleich eine Tendenz für eine höhere subjektive Wichtigkeit der veganen Lebensweise bei den einsatzorientierten Veganer:innen im Vergleich zu den Lebensstil-Veganer:innen zeigt.
Demgegenüber erreichen die Unterschiede zwischen Lebensstil-Veganer:innen, pragmatischen Veganer:innen und veganen Grenzgänger:innen keine statistische Signifikanz.
Insgesamt zeigen die Befunde damit deskriptiv eine stufenförmige Abstufung der subjektiven Wichtigkeit der veganen Lebensweise über die vier Cluster hinweg, wobei insbesondere einsatzorientierte Veganer:innen der veganen Lebensweise eine hohe persönliche und identitätsbezogene Bedeutung beimessen.
Partnerschaftliche und sexuelle Beziehungen
Es wurde ebenfalls untersucht, inwiefern sich die Gruppen unterscheiden bezüglich des Single-Anteils, des Wunsches, dass Partner:innen ebenfalls vegan leben, der tatsächlichen Ernährungsweise bestehender Partner:innen sowie der spezifischen sexuellen Anziehung zu anderen veganen Personen (Vegansexualität).
Single-Anteil
Dies ist der Single-Anteil in den vier veganen Gruppen:
Vegane Gruppe |
Nicht Single (%) |
Single (%) |
|---|---|---|
Vegane Grenzgänger:innen |
55,9 |
44,1 |
Pragmatische Veganer:innen |
61,0 |
39,0 |
Einsatzorientierte Veganer:innen |
61,2 |
38,8 |
Lebensstil-Veganer:innen |
64,1 |
35,9 |
Die Verteilung unterscheidet sich nicht signifikant voneinander, sodass sich die Schwankungen gut mit dem Zufall erklären lassen.
Wunsch nach veganen Partner:innen
Die Teilnehmenden wurden gefragt, wie pflanzlich die Ernährung ihrer Partner:innen idealerweise sein sollte. Die Antwortsskala reichte dabei von „Partner:innen dürfen auch Fleisch essen“ über pescetarische und vegetarische Ernährung bis hin zu „Partner:innen sollen vegan leben“.
Höhere Werte entsprechen somit einem stärkeren Wunsch nach pflanzlich lebenden Partner:innen. Die Punkteverteilung schwankt von unter 2,5 (vegane Grenzgänger:innen) bis fast 5 (einsatzorientierte Veganer:innen):

Die stärkste Präferenz für pflanzlich lebende Partner:innen zeigen die einsatzorientierten Veganer:innen. Etwas darunter folgen die Lebensstil-Veganer:innen. Deutlich geringere Anforderungen an die pflanzliche Ernährung von Partner:innen zeigen dagegen die pragmatischen Veganer:innen sowie die veganen Grenzgänger:innen.
Die statistische Auswertung bestätigt diese Unterschiede weitgehend:
- Einsatzorientierte Veganer:innen wünschen sich signifikant häufiger pflanzlich lebende Partner:innen als alle drei anderen Gruppen. Auch Lebensstil-Veganer:innen bevorzugen signifikant häufiger pflanzlich lebende Partner:innen als vegane Grenzgänger:innen. Gegenüber pragmatischen Veganer:innen zeigt sich zudem eine statistische Tendenz (p = .06) in dieselbe Richtung.
Zwischen pragmatischen Veganer:innen und veganen Grenzgänger:innen ergeben sich demgegenüber keine statistisch signifikanten Unterschiede.
Insgesamt verdeutlichen die Befunde, dass insbesondere einsatzorientierte und – etwas abgeschwächt – auch Lebensstil-Veganer:innen eine starke Präferenz für pflanzlich lebende Partner:innen aufweisen, während pragmatische Veganer:innen und vegane Grenzgänger:innen deutlich geringere Anforderungen an die Ernährung ihrer Partner:innen stellen.
Vegansexualität
Unter Vegansexualität wird die Tendenz verstanden, sich sexuell besonders stark zu vegan lebenden Personen hingezogen zu fühlen beziehungsweise nicht vegan lebende Personen sexuell als weniger attraktiv oder sogar abstoßend zu erleben.
Zur Erfassung der Vegansexualität wurden 24 Aussagen eingesetzt, die unterschiedliche Aspekte sexueller Anziehung, sexueller Präferenz und sexueller Aversion gegenüber vegan beziehungsweise nicht vegan lebenden Personen abbildeten. Die Teilnehmenden beantworteten alle Aussagen auf einer fünfstufigen Skala von starker Ablehnung bis starker Zustimmung. Anschließend wurde über alle 24 Aussagen ein Durchschnittswert gebildet.
Ein Wert von 3 entspricht dabei einer neutralen Haltung, Werte oberhalb von 3 einer Zustimmung zur Vegansexualität und Werte unterhalb von 3 eher einer Ablehnung von Vegansexualität. Die erzielten durchschnittlichen Werte zeigen bei den vier veganen Clustern einen Schwankungsbereich von minimal 2,6 (vegane Grenzgänger:innen) bis maximal 3,7 (einsatzorientierte Veganer:innen):

Die höchsten Werte der Vegansexualität zeigen mit deutlichem Abstand die einsatzorientierten Veganer:innen. Ihre durchschnittlichen Werte liegen bereits im Zustimmungsbereich zur Vegansexualität.
Demgegenüber bewegen sich Lebensstil-Veganer:innen insgesamt im Neutralitätsbereich, während pragmatische Veganer:innen und vegane Grenzgänger:innen Vegansexualität durchschnittlich eher ablehnen.
Die statistische Auswertung zeigt dabei eine klare Sonderstellung der einsatzorientierten Veganer:innen:
- Einsatzorientierte Veganer:innen weisen eine statistisch signifikant höhere Vegansexualität auf als alle anderen drei Gruppen.
Demgegenüber ergeben sich zwischen Lebensstil-Veganer:innen, pragmatischen Veganer:innen und veganen Grenzgänger:innen keine statistisch signifikanten Unterschiede.
Insgesamt sprechen die Befunde damit vor allem für eine deutlich erhöhte Vegansexualität bei den einsatzorientierten Veganer:innen, während sich die übrigen drei Gruppen statistisch nur gering voneinander unterscheiden.
Umfassende theoretische und empirische Analysen zum Konzept der Vegansexualität werden in diesem Artikel auf vegan.eu dargestellt.
Tatsächliche Ernährungsweise von Partner:innen
Diejenigen Teilnehmenden, die aktuell in einer Beziehung waren, wurden ebenfalls gefragt, ob ihre Partner:innen sich vegan, vegetarisch, pescetarisch oder omnivor (Mischkost mit Fleisch) ernährten. Die prozentuale Verteilung ist hier ersichtlich:
Vegane Gruppe |
Vegan (%) |
Vegetarisch (%) |
Pescetarisch (%) |
Fleisch (%) |
|---|---|---|---|---|
Einsatzorientierte Veganer:innen |
54,6 |
15,5 |
1,3 |
28,6 |
Lebensstil-Veganer:innen |
45,7 |
17,1 |
2,2 |
35,0 |
Pragmatische Veganer:innen |
39,5 |
17,4 |
1,2 |
41,9 |
Vegane Grenzgänger:innen |
31,6 |
18,4 |
2,6 |
47,4 |
Statistisch zeigt sich auch bei der Ernährung von Partner:innen eine Sonderrolle der einsatzorientierten Veganer:innen:
- Einsatzorientierte Veganer:innen haben häufiger vegan lebende Partner:innen und seltener fleischessende Partner:innen als die anderen drei Gruppen, zwischen denen sich keine signifikanten Unterschiede bezüglich der Partnerernährung zeigen.
Resümee über die Konvergenz und Diversität in der veganen Community
Veganer:innen sind keine einheitliche Gruppe, sondern lassen sich in vier Cluster einteilen, die sich sowohl in der Konsequenz ihrer veganen Lebensweise als auch im Ausmaß gesellschaftlichen Engagements unterscheiden:
- Mit über 83 % kennzeichnet sich die große Mehrheit vegan lebender Menschen durch eine konsequente und auf verschiedene Lebensbereiche ausgeweitete vegane Lebensweise. Diese beinhaltet nicht nur den Verzicht auf Fleisch, Milch, Eier und Fisch, sondern auch den Verzicht auf nicht-vegane Materialien wie Wolle oder Leder, auf versteckte Tierprodukte in Lebensmitteln und Materialien sowie auf Tierhaltung für menschliches Vergnügen in Form von Zoobesuchen oder Haustierhaltung.
Die große Mehrheit der konsequent vegan lebenden Personen lässt sich dabei in zwei große prototypische Gruppen unterteilen:
- Einsatzorientierte Veganer:innen stellen mit rund 51 % die größte Gruppe dar. Sie kennzeichnen sich durch eine hochgradig konsequente vegane Lebensweise in nahezu allen Alltagsbereichen sowie durch starkes politisch-gesellschaftliches Engagement für Veganismus, Tierrechte und individuelle Tierrettung.
- Lebensstil-Veganer:innen leben fast ebenso konsequent vegan wie die einsatzorientierten Veganer:innen und setzen sich ebenfalls häufig im Freundes- und Bekanntenkreis für die vegane Lebensweise ein. Im Unterschied zu den einsatzorientierten Veganer:innen zeigen sie jedoch kaum darüber hinausgehendes politisch-gesellschaftliches Engagement für Veganismus, Tierrechte oder Tierrettung.
Der Hauptunterschied zwischen den beiden größten veganen Gruppen liegt insofern weniger im alltäglichen veganen Konsumverhalten als vielmehr im gesellschaftlich-politischen Aktivismus.
Daneben existieren zwei kleinere und deutlich weniger prototypische Gruppen:
- Pragmatische Veganer:innen achten zwar ebenso konsequent auf den Verzicht von Fleisch, Milch, Fisch und Eiern, generalisieren die vegane Lebensweise jedoch deutlich seltener auf andere Konsumbereiche wie Materialien, Zusatzstoffe oder Tierhaltung.
- Vegane Grenzgänger:innen bezeichnen sich zwar als vegan, achten jedoch nicht jederzeit konsequent auf den Verzicht von Fleisch, Fisch, Milch oder Eiern und zeigen insgesamt die geringste Generalisierung veganer Prinzipien auf ihren Alltag.
Bemerkenswert ist zugleich, dass pragmatische Veganer:innen und vegane Grenzgänger:innen sich dennoch teilweise politisch oder gesellschaftlich für Veganismus und Tierrechte engagieren. Dies verdeutlicht, dass gesellschaftlicher Aktivismus und eigener Lebensstil psychologisch nicht immer vollständig deckungsgleich sein müssen — ein Phänomen, das auch aus anderen Aktivismusfeldern bekannt ist, etwa wenn sich Menschen stark für Klimaschutz engagieren, gleichzeitig aber Flugreisen unternehmen.
Die Befunde deutlich jedoch, dass eine solche Diskrepanz innerhalb der veganen Community eher die Ausnahme als den Regelfall darstellt. Die größte Gruppe der einsatzorientierten Veganer:innen verbindet vielmehr eine hochgradig konsequente vegane Lebensweise mit starkem gesellschaftlichem Engagement.
Die Ergebnisse verdeutlichen außerdem, dass Veganismus von der Mehrheit vegan lebender Menschen nicht lediglich als Ernährungsweise verstanden wird, sondern als identitätsbezogene Lebensform, die Konsumverhalten, soziale Beziehungen und gesellschaftliches Engagement einschließt.
Entsprechend zeigen einsatzorientierte Veganer:innen auch die höchste subjektive Wichtigkeit der veganen Lebensweise, die stärkste tierethische Motivation, die höchste Ausprägung von Vegansexualität sowie die stärkste Präferenz für ebenfalls vegan lebende Partner:innen. Lebensstil-Veganer:innen liegen in diesen Merkmalen im Trend näher bei den einsatzorientierten Veganer:innen als bei den pragmatischen Veganer:innen oder veganen Grenzgänger:innen.
Die in dieser Untersuchung beobachteten Gruppenstrukturen erwiesen sich zudem weitgehend unabhängig von Geschlecht/Gender, Wohnsitzland, Bildungsstand, Alter oder Rekrutierungsweg. Die Befunde sprechen daher dafür, dass die dargestellten Cluster zentrale Strukturen der veganen Community im deutschsprachigen Raum realitätsnah abbilden.
Die Untersuchung zeichnet damit insgesamt das Bild einer veganen Community, deren prototypische Lebensweise durch hohe Konsequenz, starke tierethische Motivation und eine weitreichende Generalisierung veganer Prinzipien auf Alltag, Konsum und gesellschaftliches Engagement geprägt ist.






Ich erkenne mich in den engagierten Veganer:innen wieder und dennoch kommt es gelegentlich in meinem Leben zu Momenten, in denen ich nicht völlig konsequent bin. Es passierte etwa auf Reisen, wo ich schon einmal Dinge gegessen habe, über deren Zusammensetzung ich mir nicht wirklich klar gewesen bin. Ich bemühe mich auch dort, mache stillschweigend aber doch manchmal Abstriche. Werde ich dennoch den engagierten Veganer:innen zugeordnet?
Letztlich sind alle Gruppeneinteilungen immer Vereinfachungen. Wir benötigen diese Vereinfachungen, um Dinge zu verstehen und miteinander kommunizieren zu können, dennoch können Gruppen per Definition nie jedem Einzelnen gerecht werden. Wenn Du selbst bei der Beantwortung der Fragen aufgrund Deiner vermutlich 95 % der Zeit höheren betreffenden Konsequenz Dich schlichtweg als konsequenter beschrieben hättest, wärest Du bei den Lebensstil-Veganer:innen gelandet. Wenn nicht, dann wärest Du wahrscheinlich bei den pragmatischen Veganer:innen gelandet. Es gibt also in der Realität zwischen all diesen Gruppen noch Grenzübergänge und es gibt Personen, die je nach Entscheidung, wie sie bei gleichem Verhalten antworten, ggf. unterschiedlichen Gruppen zugewiesen worden wären. Trotzdem ist die Analyse relevant. Denn wenn es auch im Einzelfall Zweifel geben kann, wird die übergeordnete Struktur deutlich und hier zeigen die statistischen Parameter auch, dass sich die Gruppen wirklich gut trennen lassen, innerhalb der Gruppen viel Ähnlichkeit besteht und zwischen den Gruppen viel Unähnlichkeit.
Ich finde die Abgrenzung zwischen Einsatzorientierten und Lebensstil-Veganer:innen schwierig bzw. hätte ich da eher erwartet, dass unter Letztere diejenigen fallen, die jegliche Diskussionen vermeiden. Das scheint aber gar nicht der Fall zu sein, da diese ja anscheinend im Freundes- und Bekanntenkreis dennoch aktivistisch wirken.
Was ich ein bisschen schade finde ist, dass die familiäre Situation nicht einbezogen wurde, denn bei Eltern sieht aktivistisches Engagement meist anders aus, da sie halt seltener Infostände betreuen können oder bei Demos dabei sein können. Allerdings würde ich es durchaus als Aktivismus sehen, was sie in ihrem Umfeld gestalten, gerade weil sie sich mit Kitas und Co. auseinandersetzen dürfen und dadurch auch für andere Vorarbeit leisten.
Wurde irgendwo erhoben, ob diese Gruppen sich konstant so verhalten oder, ob es auch Phasen sein können, so dass beispielsweise Einsatzorientierte Veganer:innen Phasen als Lifestyleveganer:innen haben und umgekehrt?
Ich finde den Befund, dass Lebensstil-Veganer:innen trotzdem im Freundes- und Bekanntenkreis aktiv sind, sogar recht gut nachvollziehbar. Sie sind ja sehr konsequent vegan, auch tierethisch motiviert, vegan ist ihnen wichtig. Und wenn uns etwas persönlich wichtig ist und dies auch noch aus ethischen Gründen, dann bringen wir dies gegenüber unseren Freunden und Bekannten typischerweise zum Ausdruck. Aber das bedeutet noch lange nicht, dass wir nun auch politisch-gesellschaftlich aktiv werden, wie es Aktivist:innen tun. Der Einsatz im Freundes- und Bekanntenkreis spiegelt insofern die tiefe vegane Überzeugung und auch die ethische Motivation wider.
Übrigens sehe ich sogar in den geringgradigen Unterschieden zwischen engagierten und Lebensstil-Veganer:innen inhaltlich ziemlich überzeugende Prozesse wirksam werden:
Die einsatzorientierten Veganer:innen sind eben ein Stück weit doch noch überzeugter von der eigenen veganen Lebensweise, sind auch eben doch leicht konsequenter als die Lebensstil-Veganer:innen. Und bei so hoher Überzeugung und hoher Konsequenz liegt es vermutlich nahezu zu sagen: „Ich muss noch mehr tun, als mich im privaten Freundes- und Bekanntenkreis zu engagieren.“
Die familiäre Situation ist in die Umfrage einbezogen worden, aber hier noch nicht gezeigt. Einer der nächsten Artikel/Auswertungen wird genau zu dem Thema Eltern und Kinder gehen. Und dort werden wir dann auch noch einmal auf die Gruppen eingehen. Am Ende, wenn wir mit allen Auswertungen fertig sind, wird noch einmal ein Globalartikel erscheinen und auch ein Handbuch ist geplant.
Aktuell ist das nur eine Querschnittserhebung gewesen, es gibt also keine Beobachtungen im Verlauf. Wir möchten gerne im Verlauf auch solche Veränderungsbeobachtungen untersuchen, brauchen dazu aber eine große und auch konstant zur Auskunft (z. B. jedes Jahr) bereite Gruppe. Das ist ziemlich aufwendig, irgendwann werden wir das aber angehen.