Wie beginnen Menschen vegan zu leben? Eine psychologisch begründete Analyse mit Handlungsempfehlungen zum Grausamkeits-Stopp beim Essen

Wie beginnen Menschen vegan zu leben? Eine psychologisch begründete Analyse mit Handlungsempfehlungen zum Grausamkeits-Stopp beim Essen

Barbara McDonald untersuchte bereits 2000 den Prozess der Annahme eines veganen Lebensstils mithilfe eines qualitativen Interviews von 12 Personen. Auch wenn seither Zeit vergangen und die Stichprobe sicherlich klein gewesen ist, finden sich in dem Artikel doch Beschreibungen und Einordnungen, die relevant, um besser verstehen zu können, wie es kommt, dass eine kleine Minderheit von Menschen sich irgendwann entscheidet, künftig vegan zu leben. Gerade wenn wir eine Ausbreitung des veganen Lebenswandel anstreben - gesprochen wird von einer Veganisierung der Welt - kann es sehr hilfreich sein, den Prozess der Annahme eines veganen Lebenswandels besser zu verstehen.

Die Ergebnisse der Auswertung von McDonald lassen sich in folgenden Punkten zusammenfassen:

1. Offenbar kommt eine vegane Lebensweise kaum aus heiterem Himmel, sondern bereits vor jeder Idee, vegan zu leben, scheinen viele Veganer sich zu Tieren hingezogen gefühlt zu haben, z.B. eine Beziehungen zu Haustieren erlebt zu haben.

2. Entscheidend für die spätere Wahl einer veganen Lebensweise scheint die Konfrontation mit Informationen über die gegen (Nutz)Tiere gerichtete gesellschaftliche Grausamkeit zu sein. Die Konfrontation mit dieser Grausamkeit wirkt demnach bei einigen Menschen als katalytisches Erlebnis, welches sich letztlich nachfolgend in einer veganen Lebensweise manifestiert.

3. Nicht immer führt die Konfrontation mit der gegen Tiere gerichteten gesellschaftlichen Grausamkeit zu einem sofortigen Einstellungs- oder gar Verhaltenswandel. Manche Menschen drängen vielmehr die oftmals hochgradig emotional verarbeitete Information zunächst zurück, blenden sie aus, wohl um die eigene innerpsychische Belastung zu vermindern. Aber selbst wenn die Informationen zunächst zurückgedrängt werden, können sie später reaktiviert werden und dann eine maßgebliche Rolle bei der Annahme eines veganen Lebenswandels führen.

4. Ergeben sich aus der initialen Konfrontation mit der gegen Tiere gerichteten gesellschaftlichen Grausamkeit unmittelbar oder verzögert individuelle Konsequenzen, mögen diese sich entweder in der sofortigen Annahme eines veganen Lebenswandels zeigen, oder aber in dem Beginn eines Prozesses der Neuorientierung, der sich als bewusst gewollter Lernprozess charakterisiert und sich durch die aktive Suche nach Informationen (1) zum besseren Verständnis der gegen Tiere gerichteten gesellschaftlichen Grausamkeit, und (2) über die Möglichkeit eines veganen Lebenswandels bezieht.

5. Ergebnis ist schließlich (früher oder später) eine Entscheidung für einen veganen Lebenswandel, wobei diese Entscheidung mit der zunehmenden Annahme einer neuen weltanschaulichen Betrachtungsweise einhergeht, die den engen Bezug zwischen tierischen und menschlichem Leben und die moralische Notwendigkeit der veganen Lebensweise betrifft, eine Weltanschauung, die auch im weiteren Verlauf durch die eigenen Erfahrungen mit der veganen Lebensweise in der Gesellschaft weiter differenziert wird.

Vier bedeutsam erscheinende Aspekte seien aus dieser Analyse herausgegriffen, die für die Verbreitung des Veganismus aktiv pädagogisch und aufklärerisch genutzt werden können:

1. Anschluss an vorhandene Bezüge zu Tieren

Bei der Vermittlung der veganen Lebensweise mag es förderlich sein, an frühere Bezüge zu Tieren, selbst wenn diese lange verschpüttet sein mögen, anzuknüpfen. In Erinnerung oder in das Bewusstsein zu rufen, dass ein Person bereits selbst in Vergangenheit positive Gefühle und/oder Kognitionen in Bezug auf Tiere erlebte oder diese aktuell erlebt und dieses eigene Erleben als Ausdruck einer sachgerechten Betrachtung der Tier-Mensch-Bezüge,mag die Bereitschaft von Menschen erhöhen, sich mit der Thematik auseinanderzusetzen und Einstellungs- sowie Verhaltensänderung zu erwägen. Auch wenn es möglich ist, dass eine ursprüngliche Affinität zu Tieren nicht immer einer Entscheidung für eine vegane Lebensweise vorhergehen muss, lassen sich vermutlich solche Bezüge doch im Regelfall, gerade wenn auch Kindheitserlebnisse mit berücksichtigt werden, identifizieren und nutzbar machen.

2. Über die gesellschaftliche Grausamkeit gegen Tiere informieren

Für die Annahme der veganen Lebensweise scheint der auch emotional verarbeitete Konfrontation mit dem durch die Gesellschaft den Tieren zufügten Leid, also mit der Hölle auf Erden, die unsere fleischessende Gesellschaft den Nutztieren verursacht, eine herausragende Bedeutsamkeit zuzukommen. Die eindeutige und schonungslose Offenlegung dieser Grausamkeit kann den katalytischen Prozess unterstützen, der letztlich bei Einzelnen zur Annahme der veganen Lebensweise führt.

3.Positiv, die Umsetzbarkeit und Praktikabilität der veganen Lebensweise vermitteln

So wichtig die Konfrontation mit dem Tieren zugefügten Leid, so ist es ebenso wichtig, Menschen nicht nur emotional zu berühren, sondern ihnen konkrete Handlungsmöglichkeiten und Strategien zu vermitteln, die es ihnen erleichtern, verhaltensbezogene Konsequenzen zu ziehen, also eine vegane Lebensweise für sich selbst anzunehmen. Hierzu gehören Informationen über vegane Produkte und Kochmöglichkeiten als Alternativen zur Tierproduktküche, aber auch Hilfestellungen zum Umgang mit initial sicherlich oft noch auftretenden Impulsen zu Fleisch- oder anderen Tierproduktekonsum, Bereitstellung von sozialer Unterstützung und Vermittlung von Verhaltens- und Argumentationsmöglichkeiten, um in der der Interaktion mit der fleischessenden Gesellschaft bestehen zu können. Es reicht nicht, Menschen nur das Leid der Tiere vor Augen zu führen, sondern sie müssen ebenso detailliert über die Möglichkeiten und die Praktikabilität des veganen Lebenswandels als Option zum Ausstieg aus der individuellen Verantwortlichkeit für Tierausbeutung und Tiertötung informiert werden.

4. Akzeptanz für schrittweise Prozesse!

Das Wissen über das unermessliche Leid, welches der Tierkonsum den Tieren zufügt, resultiert - zunächst durchaus erwünscht - in emotionalen Reaktionen, die jedoch, wenn wir diese nicht konstruktiv regulieren, schnell zu einer nicht mehr hilfreichen negativen und damit abschreckenden Auseinandersetzung mit den Fleisch- und andere Tierprodukte konsumierenden Mitmenschen führen kann. Wenn wir aber Menschen vorwiegend mit Vorwürfen und Verurteilungen begegnen, besteht die Gefahr, dass sie sich abwenden, sich in ihrer Mehrheitsmeinung zusammenschließen und dadurch umso weniger für Einstellungs- und Verhaltensänderungsprozesse erreichbar werden. Deshalb ist es essentiell, die negative Message des Leidens der Tieren mit der positiven Message der Möglichkeit seiner Überwindung zu verbinden und Menschen auf dem Weg, ihre individuelle Verantwortlichkeit für das Tierleid abzulegen, konstruktiv zu unterstützen.

Mit besonderem besonderem Gewicht weist hieraus zudem eine neue Untersuchung von Haverstock [&] Forgays (2012) hin, die aufzeigt, dass gerade diejenigen Veganer bleiben, die im Rahmen einer längeren Lern- und Veränderungsphase die vegane Lebensweise annehmen, wobei hier der Veränderungsprozess sehr oft Fleischreduktion und die Annahme einer vegetarischen Ernährung führt, die schließlich in die vegane Lebensweise mündet. Demgegenüber ist nach dieser Studie die Stabilität der veganen Lebensweise bei denjenigen oftmals eher gering, die unmittelbar im Rahmen einer vorwiegend emotionalen Reaktion anfangen, vegan zu leben.

Eine weitere Studie von Larsson et. al(2003) weist zusätzlich darauf hin, dass die Annahme einer veganen Lebensweise vorwiegend durch Anpassung an eine Gruppe ("konforme Veganer") zu einer weniger reflektierten und dadurch auch weniger stark in der Identät verankertem Veganismus führt.

Wenn wir schrittweise Prozesse nicht akzeptieren, sondern sie kritisiere, anstatt sie zu bekräftigen, laufen wir Gefahr, die Ausbreitung der veganen Lebensweise zu blockieren und vorwiegend solche Menschen für den Veganismus zu gewinnen, die ihn später aufgrund eines in Wirklichkeit geringen Internalisierungsgrades aufgeben werden.

Die hieraus ableitbare Empfehlung, bereits positiv auf Fleischreduktion und umso mehr auf eine vegetarische, noch nicht vegane Lebensweise zu reagieren, bedeutet nicht, dass nicht aufgeklärt werden sollte, über die weiterhin bestehende persönliche Verantwortlichkeit für Tierausbeutung und Tiertötung von Menschen, die Fleisch lediglich reduzieren oder vegetarisch, aber nicht vegan leben. Im Gegenteil, sollte die Notwendigkeit der veganen Lebensweise immer deutlich gemacht werden, was aber kein Hindernis dafür darstellen sollte, alle Schritte in diese Richtung als gegenüber einem Stillstand oder gar Rückschritt positiv zu bewerten darzulegen.

5. Einengung auf Gesundheits-, Fitness- und Genussthemen vermeiden

Die Konfrontation mit dem Tierleid und die bewusste Auseinandersetzung über die Möglichkeit einer veganen Lebensweise scheinen die wesentlichen Faktoren zu sein, die mit erhöhter Wahrscheinlichkeit zu einem dauerhaft praktizierten Veganismus führen. Demgegenüber findet sich eine dominante gesundheitsbezogene Argumentation eher bei solchen Veganern, die in Wirklichkeit nicht dauerhaft Veganer bleiben.

Es scheint Mode zu werden, Veganismus immer stärker mit Begriffen von Gesundheit und Fitness zu verbinden, was sich auch bereits an den Titeln diverse Kochbücher erkennen lässt. Während die Betonung von Gesundheit und Genuss nicht schädigend sind, sondern sogar helfen mögen, wenn sie im Rahmen der Vermittlung von Wissen über die Praktizierbarkeit der veganen Lebensweise stattfinden, ist eine Einengung auf eine solche zunächst vielleicht als positiver erlebte Vermittlung des Veganismus kontraproduktiv. Denn wenn Begrifflichkeiten von Genuss und Fitness auf Kosten der plastischen und konkreten Vermittlung der gesellschaftlichen Grausamkeit gegen Tiere gehen, dann wird letztlich ein indifferenter, inkonsequenter und vor allem auch instabiler "veganer" Lebensstil entstehen, der aufgrund seines Inkonsequenz und Instabilität zum Hindernis für das eigentliche Ziel des Veganismus werden könnte, welches in der Etablierung einer dauerhaften und insofern zur personalen Identität gehörenden Lebensweise besteht, die dazu in der Lage ist das gesellschaftliche Unrecht, welches Tieren heute geschieht, zu beenden.

Zusammenfassend ergibt sich, dass die klare, sicherlich auch visuelleHerausstellung der gegen Tiere gerichteten gesellschaftlichen Grausamkeit, wenn sie verbunden wird mit Informationsvermittlung zur Praktikabilität der veganen Lebensweise und einer Akzeptanz für schrittweise Veränderungen, die allerhöchgsten Aussichten beinhaltet, Menschen möglichst dauerhaft für die vegane Lebensweise zu gewinnen.

Quelle

McDonald, B. (2000) Once You Know Something, You Can’t Not Know It: An Empirical Look at Becoming Vegan, Society [&] Animals,8 (1), 1-23.

Larsson, C. L., Rönnlund, U., Johansson, G., Dahlgren, L. (2003). Veganism as status passage - The process of becoming a vegan among youth in Sweden, Appetite 41, 61-67.

Haverstock, K., [&] Forgays, D. K. (2012) To eat or not to eat. A comparison of current and former animal product limiters, Appetite, 58, 1030–1036.

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2 Kommentare auf "Wie beginnen Menschen vegan zu leben? Eine psychologisch begründete Analyse mit Handlungsempfehlungen zum Grausamkeits-Stopp beim Essen"

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Kevin O'Keeffe
Gast

Genauso, wie hier im Ablauf beschrieben, habe ich selbst den Wandel hin zur veganen Lebensweise und Weltanschauung erlebt. Ich bedaure nur, dass der Prozess bei mir so lange gedauert hat. Rückblickend scheint alles so einfach zu sein.

Ralf Makowski
Gast

In der Tat scheint mir die o.g. gesellschaftliche Grausamkeit der Hauptschlüssel zu sein. Das können wir doch besser, wenn auch etwas spät. Der Planet müsste dann allerdings die Geschichte erklären…

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