Vegan-Stellungnahme in Arbeit: Wird die DGE konstruktiv?

Vegan-Stellungnahme in Arbeit: Wird die DGE konstruktiv?

Stellungnahme in Arbeit: Wird die DGE konstruktiv?

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) ist dabei, eine neue Stellungnahme zur veganen Ernährung zu erarbeiten. Dies war in der Presse zu lesen und es wurde auch von Prof. Heseke, den Präsidenten der DGE, in einer Email an vegan.eu bestätigt. Zum Inhalt dieser Stellungnahme konnte sich Prof. Heseke dabei verständlicherweise noch nicht äußern.

Eine neue Stellungnahme der DGE zur veganen Ernährung ist durchaus wünschenswert - denn die DGE hinkt in ihrer bisherigen Stellungnahme, die explizit vor einer veganen Ernährung von Schwangeren, Stillenden und Kindern warnt, den angloamerikanischen Fachverbänden um Jahre hinterher.

 

Anstatt erneut die vegane Kritik an der DGE und ihren vegan kritischen Positionen zu wiederholen, wollen wir uns in diesem Artikel der Frage zuwenden, was sich vegan lebende Menschen von der DGE erhoffen?

 

Gleichbehandlung statt Herabstufung

Die DGE warnt derzeit vor einer veganen Ernährung in der Schwangerschaft, Stillzeit und Kindheit, wobei sie sich u. a. auf das Risiko eines Vitamin B12-Mangels beruft. Die Logik ist, dass es bei veganer Ernährung zu Vitamin B12-Mangel kommen könne, weshalb vor der veganen Ernährung im allgemeinen zu warnen sei.

Ganz anders verhält sich die DGE im Fall der Bewertung von möglichen Nährstoffdefiziten bei omnivorer Ernährung:

Die DGE empfiehlt, wie Prof. Heseke auch noch einmal in seiner Email an vegan.eu unterstrich, zur Prävention von Neuralrohrdefekten allen Schwangeren – unabhängig von der Ernährungsform - eine Folat-Supplementierung. Ebenfalls ist sie positiv eingestellt zur Supplementierung von Bäckermehlen mit Folat, ohne diese aber gesetzlich vorschreiben zu wollen.

Schwangerschaft und Stillzeit sind keine Erkrankungen, sondern sie sind natürliche Lebensabschnitte, die die Menschheit seit jeher begleiten. Die Sachlage des Risikos eines Folatdefizits nimmt die DGE nicht zur Ausgangsbasis, um die omnivore Ernährung grundsätzlich in Frage zu stellen. Vielmehr plädiert sie dafür, das Defizit einfach durch eine Supplementierung auszugleichen. Schwangere, die Folat supplementieren, sind nämlich nicht mehr dem Risiko eines Folatmangels ausgesetzt.

Warum aber verweigert die DGE die Anwendung der gleichen Logik bezüglich des Vitamin B12 bei veganen Ernährung, die übrigen nach Studienlage in der Regel mit einer deutlich besseren Folatversorgung einhergeht als die omnivore Ernährung? Warum warnt die DGE vor einer veganen Ernährung wegen des Risikos eines Vitamin B12 Mangels, anstatt analog und folgerichtig nur vor einer veganen Ernährung ohne Vitamin B12-Supplementierung zu warnen bzw. eine Vitamin B12-Supplementierung bei veganer Ernährung positiv zu fordern?

Die Aussonderung der veganen Ernährung durch die DGE und die Anwendung ungleicher Schlussschemata im Vergleich zur omnivoren (aber auch vegetarischen) Ernährung kommen einer Diskriminierung der veganen Lebensweise gleich, auch wenn Prof Heseke gegenüber vegan.eu versicherte, dass der DGE eine Diskriminierung von Menschen mit alternativen Ernährungsweisen fern liege.

Möglicherweise sind die Verantwortlichen bei der DGE sich bisher der diskriminierenden Implikationen ihrer Bewertungsweisen nicht klar gewesen. Es ist zu hoffen, dass die DGE in ihrer künftigen Stellungnahme die vegane Ernährungsweise fair bewerten wird, anstatt sie durch nur für die vegane, nicht aber für die omnivore Ernährung herangezogene Bewertungsschemata ungerechtfertigt abzustempeln.

Unterstützung statt Stigmatisierung

 

Prof. Heseke versicherte in seiner Email an vegan.eu ebenfalls, dass der DGE an einer bedarfsgerechten Ernährung selbst bei Einschränkungen der Lebensmittelauswahl gelegen sei. Dies ist erfreulich. Gegenwärtig gibt die DGE aber veganen Schwangeren, Stillenden und Eltern keine Empfehlungen, wie sie eine gesunde vegane Ernährung in Schwangerschaft, Stillzeit und Kindheit umsetzen können, womit sich die DGE negativ von den großen angloamerikanischen Fachverbänden abhebt. Vegane Schwangere, Stillende und vegane Eltern werden durch die DGE im Regen stehen gelassen.

An die Stelle von Ernährungsempfehlungen für vegane Eltern und Kinder setzt die DGE stattdessen die pauschale Warnung vor einer veganen Ernährung in diesen Phasen der menschlichen Entwicklung. Diese Warnung beinhaltet ein hohes Risiko gesellschaftlicher Stigmatisierung. So berichteten auch in einer vegan.eu-Umfrage unter 1071 Veganern 92% von erlebten Diskriminierungen, unter denen immerhin 17,8%% deutlich oder stark litten. Als besonders belastend erlebt wird dabei der Vorwurf des Kindesmissbrauch, der aus der durch die DGE mit geförderten und objektiv unrichtigen Vorstellung resultiert, dass vegane Eltern grundsätzlich - und nicht nur bei Ernährungsfehlern - die Gesundheit ihrer Kinder gefährden würden. Insofern verstehen viele Menschen eine vegane Ernährung von Kindern als Körperverletzung und werfen dies veganen Eltern auch offen vor. In einzelnen Kindertagesstätten und Schulen wird veganen Kindern unter Berufung auf die DGE sogar das Essen verweigert http://vegane-schule.de/aktions-tagebuch/gewissensfreiheit-an-berliner-schulen/. Bisher hat sich die DGE mit diesen Folgen ihres Tuns nicht auseinandergesetzt.

Die Hoffnung an die kommende Stellungnahme der DGE ist, dass die DGE in ihren Formulierungen alles unternehmen wird, um nicht weiterhin einer Stigmatisierung und Diskriminierung veganer Eltern und ihrer Kinder Vorschub zu leisten. Dies kann die DGE einfach erreichen, indem sie – wie auch die angloamerikanischen Fachverbände – klarstellt, dass eine gesunde vegane Ernährung auch in Schwangerschaft, Stillzeit und in der Kindheit möglich ist, wenn auf eine ausreichende Nährstoffversorgung geachtet und natürlich Vitamin B12 supplementiert wird.

Wenn die DGE an die Stelle ihrer pauschalen Warnung vor einer veganen Ernährung Empfehlungen für eine gesunde vegane Ernährung in diesen kritischen Entwicklungsphasen setzen würde, verhielte sie sich aufrichtig, täte einen Schritt auf vegan lebende Menschen zu und würde helfen, die derzeit noch grassierende gesellschaftliche Diskriminierung veganer Eltern und ihrer Kinder zu überwinden.

 

Differenzierung zwischen Ist-Zustand und Potentialen

 

Unstrittig ist das hohe Ausmaß an Fehlernährungen in der Gesamtbevölkerung - hingewiesen sei z.B. auf die hohe Anzahl adipöser Menschen, die selbst im Kindes- und Jugendalter zu beobachten ist. Ernährungsfehler sind also weit verbreitet.

 

Sofern es die omnivore Ernährung betrifft, schließt die DGE nicht von der Verbreitung von Ernährungsfehlern auf die omnivore Ernährung an sich, sondern gibt Hinweise, wie die Ernährungsfehler überwunden werden können. Gleiches ist für die vegane Ernährung zu fordern.

Auch wenn Veganer sich nach wissenschaftlichen Studien typischerweise gesünder ernähren und oft auch gesünder sind, gibt es fraglos Defizite im Ist-Zustand der veganen Ernährung, wobei der gröbste Fehler die Vernachlässigung der Vitamin B12 Versorgung sein dürfte. Solche Defizite sind herauszuarbeiten, aber sie sollten die DGE nicht dazu verleiten, wiederum einen Fehlschluss von Daten des Ist-Zustandes auf das Potential der veganen Ernährung zu ziehen.

 

Es wäre wünschenswert, wenn die DGE in ihrer künftigen Stellungnahme in empirischen Stichproben auftretende Defizite nicht weiterhin unkritisch auf die vegane Ernährung als Ganzes generalisieren würde und stattdessen im Rahmen ihrer Empfehlungen Möglichkeiten zur Überwindung empirisch auftretender Defizite aufzeigte. Außerdem sollte die DGE unbedingt davon absehen, offensichtlich nicht geeignete Stichproben, wie Personen mit makrobiotischer Ernährung oder religiöse Sondergruppen mit Restriktion pflanzlicher Lebensmittel weiterhin als Grundlage vegan kritischer Bewertungen heranzuziehen.

Berücksichtigung möglicher Vorteile

In ihren Bewertungen zur veganen Ernährung ist die DGE nahezu vollständig auf tatsächliche, vermeintliche oder mögliche Defizite ausgerichtet, verkennt aber das mittlerweile große Ausmaß an wissenschaftlichen Befunden, die auf mehr oder weniger gesicherte gesundheitliche Vorteile und Chancen einer veganen Ernährung verweisen.

 

Wer Risiken darstellt, muss aber ebenfalls Vorteile und Chancen benennen, wenn er kein einseitig-verzerrtes, sondern ein objektives und umfassendes Bild einer Ernährungsform vermitteln möchte. Vielleicht gelingt es der DGE in ihrer künftigen Bewertung der veganen Ernährung, ihre einseitige Defizitorientierung zu überwinden und zu einer vollständigeren und damit gleichzeitig gerechteren und objektiveren Bewertung der veganen Ernährung zu gelangen.

 

Auswirkungen auf Ökologie und Ernährungssicherheit

Im angloamerikanischen Bereich werden bei der Herausarbeitung wissenschaftlicher Ernährungsempfehlungen bereits Aspekte der Nachhaltigkeit mit berücksichtigt. Dies ist auch dringend erforderlich, denn eine nicht-nachhaltige Ernährung gefährdet die Ernährungssicherheit künftiger Generationen oder wirkt sich sogar bereits jetzt ungünstig auf die Ernährungssicherheit von Menschen in weniger privilegierten Ländern aus.

Zahlreiche Studien belegen, dass eine vegane Ernährung am wenigsten schädliche Auswirkungen auf die Umwelt hat und einen bei weitem höheren Nachhaltigkeitsgrad erreicht als die omnivore Ernährung. Dies wirkt sich direkt auch auf die Ernährungssicherheit künftiger Generationen aus. Zudem wird die Nährstoffversorgung durch die omnivore Kost bei uns in der dritten Welt beeinträchtigt, weil durch den massenhaften Aufkauf von Soja und Getreide als Tierfutter die Preise in den Erzeugerländern steigen und sich ärmere Teile der Bevölkerung so keine angemessene Ernährung mehr leisten können.

Es wäre erfreulich, wenn es der DGE gelänge, ihre partikuläre Sichtweise hinter sich zu lassen und auch die Interessen von Menschen in der dritten Welt und künftiger Generationen bei ihren Ernährungsempfehlungen zu berücksichtigen.

 

Anerkennung der moralischen Motivation

Nach einer aktuellen Umfrage von vegan.eu unter 1085 Veganern ist für 67,68 % die Minderung von Tierleid der Hauptgrund für die vegane Ernährung. Danach kommen gesundheitliche, ökologische und soziale Motive. Gewichtsabnahme und Fitness spielen kaum eine Rolle.

Die große Mehrheit vegan lebender Menschen hat sich zu einer gravierenden Veränderung ihres Lebensstils entschlossen, weil sie den Konsum von Tierprodukten für unmoralisch, verwerflich, nicht legitimierbar oder gar verbrecherisch hält.

Wenn die DGE an Veganer die Forderung stellt, sich selbst mit Tierprodukten zu ernähren oder ihren Kindern zur Ernährung Tierprodukte zu geben, fordert sie sie de facto auf, ihre eigenen moralischen Werte aufzugeben oder gegen ihre Überzeugungen zu handeln mit allen daraus resultierenden Konsequenzen. Eine solche durch eine Fachgesellschaft vorgetragene und in der Gesellschaft verbreitete Aufforderung stellt einen tiefgreifenden Eingriff in die Integrität der betroffenen Menschen dar und kann von ihnen als ein Angriff auf ihre Menschenwürde verstanden werden. Es sollte Konsens darüber herrschen, dass ein derartig tiefgreifendes Eingreifen in die Grundüberzeugungen von Menschen und ihr Lebensmodell nur gerechtfertigt werden kann, wenn nicht nur erhebliche Risiken bestehen (z.B. Vitamin B12 Mangel), sondern diesen zudem nicht durch weniger stark eingreifende Maßnahmen (z.B. Vitamin B12-Supplementierung) abgeholfen werden kann.

Fraglos hatten sich die angloamerikanischen Fachverbände nicht entschlossen, das Leben von Kindern zu gefährden, als sie ihre Stellungnahme herausgaben, gemäß derer eine gut geplante vegane Ernährung auch für Schwangerschaft, Stillzeit und Kindheit geeignet sei. Die Stellungnahme der angloamerikanischen Fachverbände beruht vielmehr auf der Sachlage, dass möglichen Risiken abgeholfen werden kann und umgekehrt mit einer veganen Ernährung auch viele positive Gesundheitspotentiale verbunden sein können.

Wenn die DGE nicht weiterhin als eine Gegnerin der veganen Ernährung und vegan lebender Menschen erlebt werden möchte, sollte sie diesen in ihrer neuen Stellungnahme Fairness entgegenbringen, die moralische Motivation zur veganen Lebensweise anerkennen und deshalb von ihrem bisherigen Versuch Abstand nehmen, veganen Eltern und ihren Kindern durch erzeugten gesellschaftlichen Druck den Konsum von Tierprodukten aufzuzwingen.

Wenn die DGE Risiken einer veganen Ernährung identifiziert, sollte der Schwerpunkt ihrer neuen Stellungnahme daher auf deren Überwindung im Rahmen einer veganen Ernährung liegen und nicht auf der durch Druck und Ausgrenzung quasi erzwungenen Verabreichung von Tierbestandteilen.

Wird die neue Stellungnahme der DGE den Hoffnungen veganer Menschen entsprechen?

 

Die DGE wird es bald zeigen. Vielleicht sollten die Verantwortlichen in der DGE dabei bedenken, dass es zwar uns Menschen oft schwerfällt, von alteingesessenen Vorstellungen, Vorurteilen und verstaubten Ideologien Abstand zu nehmen, dass ein solcher Prozess aber auch ein Prozess der Selbstbefreiung sein kann. Zu wünschen ist, dass der DGE in ihrer neuen Stellungnahme eine konstruktive Auseinandersetzung mit der veganen Ernährung gelingen wird.

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