Lammessen in der Gnadenkirche

Lammessen in der Gnadenkirche

Feiertage sind Tötungstage - so lautete ein früherer Artikel auf vegan.eu, der dieser Tage wieder traurige Gültigkeit erreicht.

Die evangelische Kirchengemeinde Wetzlar lädt zu einem Lammessen in der Gnadenkirche am Gründonnerstag ein:

Wir laden herzlich zu einem Abendmahlsgottesdienst mit Lammessen in der Gnadenkirche ein. Die Teilnehmerzahl ist auf 28 Personen begrenzt, daher bitten wir um unbedingte Voranmeldung bei Küsterin Andrea Hawryluk unter Tel. 7 27 28 oder e-mail: Andrea.Hawryluk@ekir.de. Sie haben nur dann einen Platz, wenn Sie von uns eine Bestätigung bekommen. Hinterlassen Sie darum bitte eine Telefonnummer, unter der Sie erreichbar sind. Die Teilnahme ist kostenlos. Wir erbitten eine Spende für das Essen. Termin und Ort: 29. März von 18 bis 22 Uhr , Gnadenkirche

Die Bedeutung dieser Einladung geht über ein Einzelereignis hinaus. Sie ist symptomatisch für milliardenfaches Tierleid im Namen von Religion und Festlichkeiten. Die Zeit vor Ostern und Weihnachten gehört tatsächlich  zu den weltweit größten Schlachtetagen. Aufgrund der größeren Anzahl der Christen im Vergleich zu den Muslimen wird für diese Tage mehr Blut vergossen als für alle Feiertage aller anderen Religionen weltweit, einschließlich des muslimischen Opferfestes.

Deutlich wird gleichzeitig, wie einfach Begriffe, wie Liebe oder Gnade, pervertiert werden können, indem einzelne Arten oder Individuen ausgeblendet werden:

  • Wir feiern Liebe und Gnade, indem wir Tierkinder von ihren Eltern trennen und sie töten, damit wir ihr Fleisch essen können.
  • Wir reden von Liebe und Menschlichkeit und lassen gleichzeitig tausende Menschen im Mittelmeer ertrinken oder liefern sie in libysche Folter-, Vergewaltigungs- oder Tötungslager aus, weil die reichsten Staatewn der Welt bei weitem weniger Geflüchtete aufnehmen wollen als die Länder der dritten Welt, denen dies als Verpflichtung aufgetragen wird.
  • Beides, Fleischessen und Menschenrechtsverletzungen, entstehen aus dem gleichen Geist der Ausblendung von Menschen und Tieren aus moralischen Werten, die wir in anderen Kontexten durchaus vehement vertreten.

Fragen an die Küsterin

Jedenfalls habe ich mir erlaubt, der zuständigen Küsterin einige Fragen zukommen zu lassen, die sie mir leider nicht beantwortet hat. Deshalb veröffentliche ich meine Anfrage ehier auf vegan.eu und habe mir außerdem erlaubt, die Fragen aus veganer Sichtweise zu kommentieren:

  • Findet ein Lammessen statt? Wenn ja: In welchem Rahmen und zu welchem Zweck findet das Lammessen statt?

Dies war nur eine Einleitungsfrage. Tatsächlich ist die Sachlage des Lammessens unumstritten und das Lammessen findet angesichts der kommenden Ostertage statt. Es soll Menschen offenbar mit dem Leben und Weg von Jesus vertraut machen.

  • Ist Ihnen bekannt, dass Tiere Angst, Furcht und Schmerzen erleben und dass mittlerweile auch wissenschaftlich gesichert ist, dass selbst bei "optimaler" Durchführung von Zucht, Versorgung, Transport und Tötung Leid verursacht wird?

Vermutlich ist dies der Küsterin wie auch anderen Verantwortlichen durchaus bekannt. Sie blenden es aber offensichtlich aus, wenn es um das eigene Essen geht. Für das Essen wird ein Lamm ein reines Objekt, als ob es nie gelebt, nur Schmerzen oder Angst erlebt hätte.

  • Sehen Sie es nicht auch als fragwürdig oder widersprüchlich an, Begriffe, wie Liebe oder Gnade, damit zu verbinden, leidensfähige Wesen von ihren Eltern zu trennen, ihnen Angst und Schmerzen zuzufügen, sie zu töten, um sie sodann zu essen? Würden Sie solches Tun als Akt der Liebe bezeichnen?

Ich nehme an, dass die Küsterin und die anderen Verantwortlichen bei etwas Nachdenken dieses Verhalten nicht als Ausdruck von Liebe bewerten würden. Die Nicht-Antwort auf meine Fragen macht wohl deutlich, dass man sich durchaus des problematischen Charakters des eigenen Tuns bewusst ist.

  • Welcher Mensch würde Ihrer Ansicht nach eher mit dem Begriff der Liebe vereinbar handeln?
  1. Ein Mensch rettet das Leben eines Lammes, bringt es zum Tierarzt, versorgt es und findet einen Lebensplatz für das Lamm.
  2. Ein anderer Mensch nimmt ein Lamm, trennt es von der Mutter, lässt sich durch sein Schreien nicht abhalten, bringt es in ein Auto, fährt es zu einem Schlachthof, um es töten und sein Fleisch essen zu können.

In den Tat glaube ich, dass die Küsterin und die anderen Verantwortlichen intuitiv das Retten eines Lammes im Gegensatz zum Töten eines Lammes als Ausdruck von Liebe erleben können. Nur wollen sie diese intuitive richtige Bewertung, die unserer Fähigkeit zur Empathie entspricht, nicht zulassen. Deshalb stellen sie sich auch nicht der Diskussion, sondern haben meine Anfrage unbeantwortet gelassen.

  • Denken Sie, dass der Zufügen von Leid sich aus der christlichen Tradition heraus rechtfertigt? Wenn dem so ist, warum sollte diese Tradition nicht ebenso verändert werden können, wie ebenfalls sich in der Tradition findende aus heutiger Sichtweise problematische Umgangsweisen, mit Frauen, Homosexuellen oder Sklaven?

Das Lammessen wird mit Tradition begründet. Die Tradition besteht eben darin, zu Ostern Lämmer zu töten und zu essen.

Es lassen sich zahlreiche Stellen im alten und im neuen Testament finden, die Tiertötung zulassen oder sogar glorifizieren. Genau so lassen sich aber Stellen finden, die Frauendiskriminierung und Sklaverei bejahen.Hier nur zur Verdeutlichung drei Stellen aus dem neuen Testament:

1 Kor 14,33b-36: Wie in allen Gemeinden der Heiligen sollen die Frauen in den Gemeindeversammlungen schweigen; denn es ist ihnen nicht gestattet zu reden, sondern sie sollen sich unterordnen, wie auch das Gesetz sagt. Wenn sie aber etwas lernen wollen, so sollen sie zu Hause ihre Männer befragen. Schändlich ist es nämlich für [die] Frau, in [der] Gemeindeversammlung zu reden. Oder ist von euch das Wort (des) Gottes gekommen? Oder ist es zu euch allein gelangt?

Kol 3,22: Ihr Sklaven, seid gehorsam in allen Dingen euren irdischen Herren!

1 Tim 6,1: Alle, die als Sklaven unter dem Joch sind, sollen ihre Herren aller Ehre wert halten.

Wenn heute - jedenfalls immer mehr - Christen und Kirchen gegen Frauendiskriminierung und Sklaverei eintreten, warum sollten sie sich nicht ebenso von der christlichen Tradition der Tierausbeutung und Tiertötung verabschieden können.

  • Falls Sie der Meinung sind, dass eine religiöse Tradition das Zufügen von Leid legitimieren kann, würden Sie dies auch anderen Religionen und für andere Fragestelllungen zugestehen?

Wahrscheinlich nicht. Wenn es um andere Religionen geht, werden die Fehler und Überschreitungen der anderen schnell gesehen und verurteilt. Nach wie vor scheint hier der Splitter im Augen des anderen eher gesehen zu werden als der Balken im eigenen Auge.

Sehr deutlich wird diese Tendenz dieser Tage auch bei den angeblichen Tierschützern unter Abschiebebefürwortern, Rechtspopulisten, Rassisten und Rechtsradikalen, die allen ernstes den Islam aus tierschutz- und menschenrechtlicher Sicht verurteilen, ohne auch nur  auf die schwerwiegenden Verbrechen des Christentums gegen Tiere und Menschen einzugehen.

Aus veganer Sichtweise können wir aus all dem wohl nur ersehen, dass die gesellschaftlichen Missstände nach wie vor enorm sind und weiterhin viel Aufklärungsbedarf besteht. Feiern, Glück, Fröhlichkeit, Hoffnung, Liebe und Gnade - all dies ist für die überwältigende Mehrheit der Menschen nach wie vor mit Blutvergießen und Tiertötung verbunden.

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