Das Leben der Insekten

Das Leben der Insekten

Im Fokus der veganen Lebensweise steht die Vermeidung der Nutzung von Tierprodukten, wie Fleisch, Milch, Eiern, aber auch Leder und Pelzen. Typischerweise nutzen vegan lebende Personen aber auch keinen Honig, keine Seide und vermeiden Farbstoffe, die aus Insekten gewonnen werden.

Es gibt aber bezüglich Insekten keinen eindeutigen Konsens. So beziehen manche Menschen Insekten nicht mit ein in ihre vegane Lebensweise. Auch das Zerdrücken von Fliegen oder anderen als störend erlebten Insekten lässt sich gelegentlich bei ansonsten vegan lebenden Personen beobachten.

Wie ist dies zu bewerten?

Grundsätzlich teilen Insekten mit anderen Tieren ein im Verhalten erkennbares Streben, zu leben. Wie immer sie es auch subjektiv erleben mögen, tendieren Insekten im Durchschnitt ebenso wie andere Tiere dazu, Quellen von Gefahren, Verletzungen und Tod aus dem Weg zu gehen.

Außerdem werden gegenwärtig beispielsweise zunehmend Belege für emotionales Erleben von Bienen veröffentlicht. Bienen, die nicht kontrollierbaren negativen Erfahrungen, wie Schütteln, ausgesetzt wurden, zeigen in ihrem Verhalten nachfolgend - im Vergleich zu nicht geschüttelten Bienen - eine größerer Vorsicht gegenüber neuen, ihnen noch nicht vertrauten Situationsbedingungen.

Inwiefern Insekten in einer vergleichbaren oder ähnlichen Art und Weise Leid erleben wie Menschen oder andere Wirbeltiere, wissen wir letztlich nicht. Auch wenn sicherlich die Skepsis nach wie vor dominiert, beruht diese Skepsis tatsächlich nicht auf wissenschaftlichen Beweisen für ein Nicht-Erleben von Schmerz, sondernauf theoretischen Überlegungen, Analogien und vermutlich wohl auch auf unserem Anthropozentrismus, aufgrund dessen es uns schwer fällt, denjenigen inneres Erleben zugestehen zu wollen, die mit uns eine – mindestens äußerlich – nur geringe Ähnlichkeit aufweisen.

Wissenschaftlich gibt eine Übersichtsarbeit von Sherwin (2001) im Journal Animal Welfare nach wie vor die wohl ehrlichste Antwort. Demnach können, trotz einfacher Nervensysteme,Prozesse des Kurzzeit- und Langzeitgedächtnis, assoziatives, räumliches und soziales Lernen, Präferenzwahlen, sowie Verhaltensweisen und physiologische Reaktionen, die auf Schmerz hindeuten, bei mehreren Insektenarten beobachtet werden. Es handelt sich hier gemäß des Autors um Reaktionen, die durchaus einen Ähnlichkeitswert zu Reaktionen bei Wirbeltieren aufweisen, so dass es eine plausible, wenn auch nicht bewiesen,e Annahme ist, dass Insekten ebenfalls leiden können.

Für den Veganismus ist aber ein stichhaltiger Beweis für die Leidensfähigkeit vonInsekten nicht erforderlich, um auch ihrem Leben Schutz zu gewähren vor trivialen Konsumbedürfnissen und Tötung aus Spaß oder Lästigkeit.

Denn wenn wir Leid so sicher als möglich vermeiden wollen, sollten wir immer von einem „Im Zweifelsfall für die Leidensfähigkeit“ ausgehen, anstatt im Gegenteil einen zweifelsfreien Beleg für das Vorhandensein der Leidensfähigkeit zu fordern.

Es ist unstrittig, dass wir als Menschen ständig Insekten töten werden und müssen, um zu leben. Mit jedem Schritt vor die Tür werden Insekten zertreten und an unseren modernen Verkehrmitteln endet tagtäglich das Leben unzähliger Insekten ebenso wie an den durch den Menschen in die Umwelt gesetzten künstlichen Lichtern. Es ist wünschenswert, solche Verletzungen und Todesfälle durch achtsames Verhalten zu vermeiden oder auch Insekten in Bedrängnis zu helfen. Dies wird aber oft nicht möglich sein. Auch gibt es Situationen, wo es keine Alternative zur intentionalen Tötung gibt, beispielsweise wenn Insekten direkt unsere Gesundheit bedrohen oder wenn ein Heuschreckenschwarm sich irgendwo in Afrika anschickt, alle Lebensgrundlagen der dortigen Menschen zu vernichten. Dies aber sind Notwehrsituationen, die nicht vergleichbar sind mit Situationen, wo wir aus trivialen Gründen töten.

Der beste Umgang mit Insekten aus veganer Sichtweise ist es also, sie - außerhalb von Notwehrsituationen-leben zu lassen und sie darüber hinaus aus Bedrängnis zu retten, wo dies möglich ist. Stören Insekten in den Innenräumen, können sie leicht entfernt und nach draußen gesetzt werden. Sie hierfür zu töten, ist eine unberechtigte Verschwendung von Leben.

Die Sachlage, dass unzählige Insekten trotzdem durch uns ihr Leben verlieren, ist bedauerlich, aber es lässt sich hieraus nicht folgern, dass wir deshalb die Anzahl der betroffenen Tiere noch weiter erhöhen sollten oder dürften. Als vegan lebende Menschen sollten wir vielmehr Achtung vor dem Leben aller Tiere haben, auch vor dem Leben der Insekten.

Am Ende mag ein achtsamer Umgang mit Insekten auch für das menschliche Miteinander hilfreich sein. Lernen wir und unsere Kinder, gegenüber den Schwächsten Respekt und Achtung zu zeigen, Leben zu erhalten, anstatt es zu vernichten, so dürfte es uns auch innerhalb der menschlichen Gesellschaft eher gelingen, Solidarität und Friedfertigkeit als Alternative zu Egoismus und Gewalttätigkeit zu etablieren.

Quelle:

Sherwin, C.M. (2001). Can Invertebrates Suffer? Or, How Robust is Argument-by-Analogy? Animal Welfare, 10, Suppl. 1, 103-118

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2 Kommentare auf "Das Leben der Insekten"

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J.N.
Gast
Herrje, ich finde es auch unmöglich, wieviele Menschen einfach alles lebendige töten. Ich habe Ameisen, Motten und Obstfliegen in meiner Wohnung – alle drei Arten stören mich kein bisschen. Gut, mag sein, dass mal eine Motte kurz vor meinen Augen hinweg fliegt – aber dies ist noch lange kein Grund dazu, gleich alles zu eliminieren. Die Ameisen finde ich sogar zuckersüß. Eine hab ich letztens beobachtet, wie sie eine tote Obstfliege weg geschleppt hat. Die Ameisen sind total sensibel. Man braucht nur Zentimeter weit weg einen Finger auf den Tisch legen und schon wenden sie spontan. Die Obstfliegen sitzen meist… Read more »
Rika
Gast

Viele Dank für diesen Beitrag!
Als ich mich für eine vegane Ernährung und Lebensweise entschieden habe, war für mich auch klar, dass ich ebenso Insekten und Spinnen nicht bewusst töte. Ich habe schon vorher Spinnen und Bienen oder Wespen "ausgesetztE", wenn sie sich in der Wohnung befanden. Mittlerweile werden auch kleine Raupen auf dem Salat oder im Apfel auf den Balkon gebracht. Ob Schmerzempfinden oder nicht: es geht um ein Lebewesen. Wer gibt MIR das Recht, über sein Leben zu entscheiden (Notwehr ausgenommen)?

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