Heimat, Tradition und der Veganismus

Heimat, Tradition und der Veganismus

Heimat und Tradition – als vegan lebende Menschen werden wir mit diesen Themen immer wieder konfrontiert. Warum? Weil das Hauptargument der omnivoren sozialen Mitwelt gegen eine vegane Lebensweise und eine vegane Gesellschaft sich auf diese beiden Begriffe stützt.

Manche Veganer versuchen, dagegen zu argumentieren, indem sie auf angebliche vegane Gesellschaften verweisen oder sich engagiert darüber streiten, ob der Mensch nun per Natur ein Pflanzenesser oder ein Omnivore ist.

Diese Argumentation ist aber wenig überzeugend. Denn weltweit ist bis auf in neuester Zeit entstandene Gruppierungen (z. B. schwarze Juden) keine einzige Gesellschaft bekannt, in der sich die Mitglieder konsequent vegan ernährten.

Ich lasse mich hier gerne eines anderen belehren, aber bisher habe ich bei allen meinen Recherchen keine historische oder auch weiterhin existierende Gesellschaft gefunden, die sich vegan ernähren würde.

Wenn wir also über Heimat oder Tradition sprechen, die über unsere veganen Küchen hinausgehen soll, dann sprechen wir ausnahmslos auch darüber, dass Tiere als Nutztiere gehalten, geangelt, gejagt, getötet und gegessen werden.

Wenn wir unsere Heimat oder Traditionen aufrechterhalten oder verteidigen wollen, geht es automatisch auch um die Aufrechterhaltung oder Verteidigung der Tierausbeutung.

Dies können wir auch sehr gut erkennen, wenn wir uns beispielsweise die Countryside-Bewegung in Großbritannien anschauen, die für die Wiederherstellung der traditionellen Fuchsjagd kämpft und den Verlust von Heimat beklagt. Ähnlich zu bewerten ist die Propagierung von Schweinefleischkonsum im Namen von Heimat und Tradition durch CDU/CSU und AfD. Auf Tradition und Heimat berufen sich ebenfalls Angler und Jäger, in Spanien Stierkämpfer und in China Hundefleischesser.

Soeben las ich von einer weiteren Tradition, den sogenannten Rattlesnake Roundups , die seit 1939 in ländlichen Gebieten des mittleren-Westens und Südens der USA praktiziert werden. Klapperschlangen werden eingefangen, danach präsentiert und verschiedensten Spielen unterzogen (z. B. Kopf der Schlang ein den Mund nehmen), bevor sie vor freudiger Menschenmenge beispielsweise durch Enthauptung getötet werden. Die Tradition ist noch nicht sehr alt, aber es sind bereits Generationen mit dieser Tradition aufgewachsen, die sie als zu ihrer Heimat gehörend erleben und gegen ihre Gegner verteidigen: “I love it and my family absolutely loves it,” commented one visitor in the Jaycee’s 2015 report. “It’s been around for many years and can remember my grandparents taking us as kids, it’s nice to carry on the tradition with my own kids!”

Für solche Praktiken der Tierausbeutung ist oft das einzige Argument, dass es sich um Traditionen handele, die den Menschen ein Heimatgefühl vermittelten. Was zur Heimat gehört, gilt es zu bewahren. Einflüsse von außen werden sich verbeten. Das Kuhglocken-Thema in der Schweiz gehört in die gleiche Richtung. Das Brieftaubenzüchten oder das Aufsteigenlassen der Friedenstauben – für die Tiere oft qualvoll und tödlich - ist hier ebenso einzuordnen.

Das Grausame und Irrwitzige solcher Praktiken bleibt den Praktizierenden typischerweise verborgen. Es wird ausgeblendet. Das eigene Gebaren wird im Gegenteil sogar unter Berufung auf Tradition und Heimatpflege moralisch aufgewertet, wobei unklar bleibt, aus welchem ethischen Sachverhalt sich diese Aufwertung ergeben soll.

Allerdings würden wir uns irren, wenn wir meinten, dass die Traditions- und Heimat-Motivierten sich nicht über Traditionen empören könnten. Sie können es und tun es sogar gerne, wenn es Traditionen betrifft, die nicht die ihren sind.

Psychologisch erstaunt dies nicht:

Traditions- und Heimat-Motivierte stabilisieren ihren Selbstwert, indem sie sich eine Pseudoidentität aufbauen, die auf willkürlichen und oberflächlichen Merkmalen beruht, und dennoch in ein irrationales Gefühl des moralischen Handelns sowie der Verbundenheit eingebettet wird. So wird es beispielsweise möglich, dass sich Menschen ehrenamtlich für die Sportfischerei engagieren, viel Zeit hierfür aufwenden und das Gefühl haben, etwas Gutes zu tun und in diesem Ehrenamt aufzugehen.

Die Aufwertung der eigenen Person durch Schaffung einer solchen „Identität“ geht häufig mit der Abwertung anderer Personen einher, die dieser Identität nicht entsprechen. Fremdes oder ein gemeinsamer Gegner verbindet. Oft genügt die Existenz des Fremden an sich, um als Angriff wahrgenommen zu werden. Empirisch gesichert ist dieser Zusammenhänge beispielsweise für Omnivoren, die auf Vegetarier stoßen.

Ein scheinbarer Angriff auf die eigene Identität gibt Anlass zur Einnahme einer Verteidigungshaltung, hinter der sich in Wirklichkeit im Regelfall keine Verteidigung, sondern ein eigener Angriff verbirgt.

Gute Beispiele dafür, dass dies wahnhaften Charakter annehmen kann, sind die sogenannten Reichsbürger oder auch Pegida-Demonstranten, die vor laufenden Fernsehkameras äußerten, sie marschierten hier mit, weil sie weiterhin ihr Weihnachtsfest feiern und sonntags in die Kirche gehen wollten. Dieser Wunsch nach Traditionswahrung geht sogleich einher mit einer aggressiven Traditionsverteidigung sprich einem Angriff gegen alle, die tatsächlich oder womöglich nicht Weihnachten feiern und nicht in die Kirche gehen, insbesondere in diesem Fall Muslime, aber auch viel allgemeiner Geflüchtete an sich. Die Geflüchteten werden so zu Aggressionsobjekten der Scheinidentitäten der Traditionsbewahrer.

Dass die Geflüchteten den scheinbaren Verteidigern sprich Aggressoren ihre Weihnachtsfeiern oder sonntäglichen Kirchgänge gar nicht streitig machen wollen, ist eine Tatsache, die im Wahn untergeht.

Vor Kurzem haben Christen das Osterfest mit weltweit Abermillionen getöteten Lämmern gefeiert. Christen und Nicht-Christen, die nur dem Brauch folgen, haben Eier leidender Hühner (selbst wenn sie sie glücklich nennen) milliardenfach verzehrt und aus ihren Schalen ansehnlichen, bunten Schmuck erstellt. Hasen aus Schokolade mit viel Milch und Zucker wurden von Millionen Kindern und Erwachsenen genossen.

Den Osterhasen gibt es aber auch aus Fleisch und Blut:

Kaninchenfleisch wird zu Ostern besonders gerne gegessen, liest es sich in taz.  „Zwei Drittel aller Kaninchen, die in Deutschland jährlich gegessen werden, kommen zu Ostern auf den Tisch“, weiß die Welt zu berichten.

Was es bedeutet, alle Tradititions-Verteidiger gegen sich zu haben, haben soeben die bayerische von der Arbeiterwohlfahrt (Awo) betriebene Kindertagesstätte Villa Drachenstein und ihr Mit-Inspirator Uli Kievernagel, Herausgeber des Kalenders der Kulturen, erlebt.

Die Villa Drachenstein erlaubte sich, das Osterfest um Aspekte des irischen St.-Patrick's-Brunch zu ergänzen. Doch die Berufung auf einen katholischen Heiligen im katholischen Bayern genügte nicht, um den Aufstand der Empörten zu verhindern. Eine denkwürdige - nach meiner Überzeugung eben nicht überraschende – Koalition entstand, die von der CSU-Gemeinderätin in Markt Schwaben Anja Zwittlinger-Fritz, den AfD-Bundestagsabgeordneten Jörn König bis hin zur identitären Bewegung reichte. Weil die Kita "sich an einem 'Kalender der Kulturen' orientiere, sei für ein christlich-europäisches Osterfest offensichtlich kein Raum da", beklagte der Afd-ler. Die Identitären lieferten sogleich eine Kiste mit Osterhasen und erzürnten sich., dass die Awo das Osterfest entgegen des kulturellen Leitbildes gestrichen" habe. Die Awo würde ihre soziale Verantwortung missbrauchen, um ihre Multikulti-Agenda auf den Rücken von Kindern auszutragen".

Tatsächlich gab es in der Kindertagesstätte die grünen Brote und Säfte des St.-Patrick's-Brunch gemeinsam mit gebackenen Osterlämmern und Schokoeier.

Hier wird es wieder deutlich:

Traditionalismus will oft und vor allem auch ausschließen. Das Servieren von Österlämmern und Schokoeiern genügt nicht, außerdem müssen die grünen Brote und Säfte weg, damit sich der Traditionalist so richtig wohl und zu Hause fühlt.

Aber zurück zur veganen Position

Es ist kein Zufall, dass trotz alledem (Tierleid, Umweltzerstörung, Gesundheitsgefahren, Welthunger) bisher nur sehr wenige Menschen vegan leben. Der Grund hierfür liegt in dem, wofür die Begriffe der Tradition und Heimat stehen.

Die Tierausbeutung ist tiefgreifend, inwendig und weltweit in Traditionen verwurzelt und mit Heimat verbunden. Dies gibt millionenfach Anlass zu einem zwar irrational und inhaltlich leerem, aber dennoch wirksamen Gefühl von Verbundenheit und moralischer Legitimation für Fleischkonsum und Tierausbeutung.

Es ist kein Zufall, dass mit einer gänzlich anderen Methodik (Fragebogenauswertungen) psychologische Studien übereinstimmend zum gleichen Ergebnis gelangen:

  • Je konservativer jemand ist, desto mehr Fleisch isst er, desto mehr lehnt er Vegetarier und Veganer ab, desto stärker ist er aber auch insgesamt fremdenfeindlich und veränderungsresistent.

Für die aktuelle gesellschaftliche Situation gilt:

  • Je stärker konservative und traditionsorientierte Kräfte das gesellschaftliche Klima prägen, auf desto mehr Widerstand wird die Ausbreitung der veganen Lebensweise stoßen.

Veganer sollten keine Zeit für den fruchtlosen Versuch verschwenden, die vegane Lebensweise in ein irgendwie geartetes Bündnis mit den Scheinwerten von Konservatismus und Traditionalismus zu bringen. Das maximale, was Veganer von so einem Bündnis erwarten könnten, wäre, dass es mit Späßen toleriert wird, dass sie Gemüse essen, solange sie keinen Widerspruch gegen das Spanferkel am Grill erheben.

Vegan bedeutet grundlegende Veränderung, Überwindung jahrtausendealter Traditionen der Tierausbeutung, Verweigerung, etwas als richtig zu bewerten, weil es bereits seit Langem so praktiziert wird. Konservativ bedeutet das Lamm als Braten zu Ostern, zum Passahfest oder zum muslimischen Opferfest.

Weil es nie eine vegane Gesellschaft gegeben hat, gibt es für den Veganismus keinen echten positiven Rückbezug auf Vergangenes, sondern der Vergangenheitsbezug reflektiert das Unrecht gegen Tiere, was den Menschen geschichtlich begleitet. Positiver Anreiz für Veganer ist demgegenüber der Vorwärtsbezug von der Gegenwart auf eine tierausbeutungsfreie Zukunft. Dieser Sachlage sollten sich Veganer stellen, sich dem konservativen Rückbezug verweigern und gemeinsam alles tun, was möglich ist, um die Tradition der Tierausbeutung zu überwinden und dadurch weltweit eine neue Gesellschaftsform zu schaffen.

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9 Kommentare auf "Heimat, Tradition und der Veganismus"

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Drawida
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Ja, dieses Thema kenne ich nur zu gut, ich habe oft genug solche Diskussionen geführt, weil ich über viele Jahre darüber sehr viel recherchiert und nachgedacht habe. Eigentlich ein Thema für ein ganzes Buch. Zunächst einmal müssen wir uns dazu ansehen, für welche Art Nahrung wir von Natur aus ursprünglich angelegt sind. Körperlich sowie seelisch. Das hat Sri Yuktewar Giri in seinem einzigen Büchlein “Die heilige Wissenschaft” sehr klar und für jeden nachprüfbar aufgeschrieben. Yukteswar war u.a. studierter Mediziner und kannte sich in der menschlichen sowie in der tierischen Anatomie genau aus. Er stellt die 4 Grundgruppen der Säugetiere mit… Read more »
Drawida
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Der bekannte Dr. Johann Georg Schnitzer gehört übrigens auch zu denjenigen, die unsere wahre Ernährungsanlage am Gebiss (durch seinen ehemaligen Zahnarztberuf)erkannt haben.

Daniela Zibi
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Hallo Guido, wie in deinem letzten Absatz empfohlen, so argumentiere ich auch immer: “Wir wollen uns doch weiterentwickeln, nicht nur mit technischen Fortschritt, sondern auch empathisch und ethisch. Dann brauchen wir keine Tiere mehr zu mästen und zu töten. Oder wollt ihr immer noch in Höhlen leben?” Daniela Zibi, zert. vegane Ernährungsberaterin und zert. Vitamin D-Beraterin

MaLu
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Zur Ergänzung: Die Hunzas sind ein vegan lebendes Volk. Hier ein sehr lesenswerter Artikel:
https://bewusst-vegan-froh.de/das-geheimnis-des-volkes-hunza-und-wie-sie-das-sagenhafte-alter-von-140-jahren-erreichen/

Madelaine
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Auch ich verstehe unter “Tradition” nicht einfach “Ist-Zustände” der Vergangenheit, sondern Entwicklungen. Moralisches Handeln der Menschen entwickelt sich weiter: Es ist z.B. nicht mehr legitim, Sklaven zu halten, Kinder zu schlagen, Frauen zu unterdrücken usw. In diesem Fällen beruft sich ja auch keiner auf die Tradition. Dass Menschen schon immer Fleisch gegessen haben, ist deshalb ja ein völlig absurdes Argument. Ich kann es nicht als “Tradition” anerkennen. Z.B.: Obwohl Menschen schon immer Krieg geführt haben, befürworten wir doch nicht das Führen von Kriegen. Deshalb finde ich es überhaupt nicht wichtig, ob Menschen in grauen Vorzeiten vegan gelebt haben. Ich brauche… Read more »
Drawida
Gast
Ich kann Ihre Ausführungen gut nachvollziehen. Dass es richtig sein soll, Fleisch zu essen, weil Menschen angeblich “schon immer” Fleisch gegessen haben, ist ein typisches unüberlegtes Spiesserargument. Demnach könnte man ja auch sagen, es sei richtig, dass Menschen sich gegenseitig umbringen, weil sie das schon immer getan hätten. Beides ist übrigens keinesfalls erwiesen. Ich gebe Ihnen auch recht, dass wir in der “grauen Vorzeit” keine Rechtfertigung suchen brauchen für unsere vegane Lebensweise. Dennoch ist es einfach schlicht logisch, dass Menschen einmal Veganer waren, weil ihr Organismus darauf angelegt ist. Auch heute noch, nach unzähligen Jahrtausenden. Er ist weder dafür Geschaffen,… Read more »
Drawida
Gast

Dr. Ralph Bircher schreibt in seinem Buch: “Geheimarchiv der Ernährungslehre” u.a. Folgendes:
“Dass der Mensch eine karnivore, also der Eskimoernährung entsprechende Anlage habe, wird von niemandem im Ernst vertreten. Manche halten die menschliche Anlage für omnivor, wofür mir jedoch, trotz jahrzehntelangen Suchens noch keine stichhaltige Begründung vorgekommen ist. Die Indizien scheinen vielmehr alle für eine frugivore(Fruchtesser-)Anlage zu sprechen. Das stimmt auch gut mit der Urgeschichte überein, nach welcher der Mensch durch Vorstöße der Eiszeit in Landfallen abgesprengt zum Eisrand-Jäger unter Selektion der Überlebensfähigen wurde. Nicht eine hypothetische omnivore Anlage, sondern eine außerordentliche Anpassungsfähigkeit ermöglichte diese Spezialisierung.”

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