Selbstbezeichnung „vegan“: Wer ist vegan und wer nicht

Selbstbezeichnung „vegan“: Wer ist vegan und wer nicht

Was bedeuten die Unterschiede zwischen Veganer:innen für die vegane Community?

Ein Vorschlag für die innervegane Diskussion

Was bedeuten die Unterschiede zwischen Veganer:innen für die vegane Community?

In unserer Auswertung mit 2161 Personen, die sich selbst als vegan beschreiben, haben wir festgestellt, dass sich vegan lebende Personen in hohem Ausmaß bezüglich der Konsequenz und ihrer veganen Lebensweise im Alltag unterscheiden.

Wir untersuchten 17 Kriterien, anhand derer sich die befragten selbst bezeichneten Veganer:innen einschätzten. Sie sollten Kriterium pro Kriterium angeben, ob sie konsequent im Alltag auf die entsprechenden Kriterien achten.

  • Diese Kriterien bezogen sich auf die nicht veganen Kernlebensmittel Fleisch, Fisch, Milch und Eier sowie auf Honig, Gelatine und andere versteckte Zusatzstoffe in Lebensmitteln oder Getränken. Ebenfalls wurde nach Leder und Wolle gefragt, sowie nach weniger gut sichtbaren Tierprodukten in Materialien und Lebensmitteln. Mit Zootierhaltung und Haustierhaltung wurden weitere Formen der vergnügungsorientierten Nutzung von Tieren erfasst. Über die reinen Konsumprozesse hinaus erfragten wir aber auch, ob sich die befragten vegan lebenden Personen für die vegane Lebensweise in ihrem unmittelbaren Umfeld einsetzen, ob sie sich politisch-gesellschaftlich für Veganismus und Tierrechte engagierten. Ein weiteres Kriterium war die Beteiligung an Tierrettungen.

Bewusst haben wir in dieser Umfrage diese Kriterien auf einer nur zweistufigen Skala bewerten lassen im Sinne von:

  • Ich achte darauf konsequent oder ich achte darauf nicht konsequent.

Bei künftigen mehrstufigen Abfragen werden sich sicherlich weitere Komplexitäten zeigen, die noch differenziertere mögliche Ausnahmen etc. erfassen werden.

Aber bereits die Verwendung dieser eher groben zweistufigen Skala zeigte ein deutliches Ausmaß an Verschiedenheit in der veganen Community:

  • Einerseits weisen die Befunde dabei schon auf eine stark verbreitete Konsequenz hin, andererseits werden aber auch zahlreiche Unterschiede sichtbar.

Aufgrund der Globalklassifikation mit einem clusteranalytischen Verfahren ließen sich die vielfältigen individuellen Unterschiede in vier globale Gruppen von veganen Lebensweisen unterteilen:

  • Einsatzorientierte Veganer:innen (50,8 %): konsequent vegan in Ernährung und Konsum, Vermeidung tierischer Stoffe wie Leder, Wolle und Zusatzstoffe, Ablehnung vergnügungsorientierter Tierhaltung, aktives Engagement für Tierrechte, Überzeugung anderer Menschen und Tierrettung, starke tierrechtliche Motivation, Veganismus als wichtiger Identitätsbestandteil, häufiger Wunsch nach veganen romantischen oder sexuellen Partner:innen, häufiger tatsächlich vegane Partner:innen.
  • Lebensstil-Veganer:innen (33,0 %): konsequent vegan in Ernährung und vielen Konsumbereichen, Vermeidung von Leder, Wolle und tierischen Zusatzstoffen, überwiegende Ablehnung von Zoo- und Haustierhaltung, Einsatz für Veganismus vor allem im Freundes- und Bekanntenkreis, kaum politisch-aktivistisches Engagement, tierethisch motivierte vegane Identität, aber geringere soziale Durchdringung als bei einsatzorientierten Veganer:innen.
  • Pragmatische Veganer:innen (13,1 %): konsequenter Verzicht auf Fleisch, Milch, Fisch und Eier, weniger Strenge bei Leder, Wolle und Zusatzstoffen, geringere Kritik an vergnügungsorientierter Tierhaltung, seltenes Engagement für Veganismus und Tierrechte, typischerweise keine Tierrettung, Veganismus eher als begrenzter Identitätsbereich und stärker als Ernährungsweise, kaum Präferenz für vegane Partner:innen.
  • Vegane Grenzgänger:innen (3,1 %): vegane Selbstbezeichnung bei nicht durchgehend konsequentem Verzicht auf Fleisch, Fisch, Milch und Eier, geringere Beachtung versteckter Tierprodukte und nicht-veganer Materialien, weniger Kritik an vergnügungsorientierter Tierhaltung, geringste tierethische Motivation und subjektive Wichtigkeit des Veganismus, teilweise dennoch politisches Engagement, mögliche Nähe zu aktivistischen Umfeldern ohne konsequente eigene Umsetzung, Hinweis auf Differenz zwischen veganer Selbstidentifikation und Alltagsverhalten.

Wer lebt vegan?

Sind die veganen Grenzgänger:innen vegan?

Manche veganen Leser:innen, Aktivisten und Aktivistinnen werden sicherlich als Erstes die Frage stellen, ob vegane Grenzgänger:innen tatsächlich vegan sind?

  • Hätten wir die entsprechenden Personen entfernt (wie wir es auch typischerweise bei anderen Auswertungen tun), würde das vierte, mit 3,6 % sehr kleine Cluster wegfallen, während die Gruppen der einsatzorientierten (aktivistischen) Veganer:innen, der konsequenten Lebensstil-Veganer:innen sowie der pragmatischen Veganer:innen bestehen bleiben würden.

Allerdings wissen wir noch viel zu wenig über die veganen Grenzgänger:innen im Detail ihres Konsumverhaltens:

  • Nahezu immer verzichten sie auf Fleisch, aber eben nur selten wirklich konsequent zusätzlich auf Fisch, Eier, Milch. Sollten sie insofern – in Abhängigkeit von ihrem Muster – als Vegetarier:innen oder Pescetarier:innen bezeichnet werden?

Womöglich ja, aber dennoch stellt sich die Frage, woraus ihre vegane Selbstbezeichnung stammt. Genauere Befragungen dieser Personen würden – dies vermute ich aufgrund meiner eigenen 36-jährigen veganen Lebensweise – vermutlich zeigen, dass sie sich stark am veganen Leben orientieren, dass es aber in besonderen Situationen übrigens vorwiegend bezüglich der Kernlebensmittel Milch und Eier zu Ausnahmen kommt, und offenbar öfter als bei anderen.

Sind die pragmatischen Veganer:innen vegan?

Es stellt sich zudem als Nächstes die weitere Frage, ob die pragmatischen Veganer:innen als vegan zu bezeichnen sind?

Sie achten konsequent auf Ausschluss von Fleisch, Milch, Eiern und Fisch, aber kaum oder selten auf den Ausschluss der vielfältigen anderen nicht veganen Konsumgüter und auch nicht auf den Ausschluss der vergnügungsorientierten Tierhaltung.

  • In den weltweiten Ernährungsstudien würden diese Veganer:innen fraglos als vegan gelten, sie sind in den Stichproben enthalten. Tatsächlich sind beispielsweise bei den Adventistenstudien alle als vegan klassifiziert, die weniger als 5 % Tierprodukte konsumieren, wozu dann auch Fleisch, Milch etc. gehören können. Eben im Sinne von seltenen, situationsspezifischen Ausnahmen.

Pragmatische Veganer:innen sehen den Kern des Veganismus im Ausschluss von Fleisch, Milch, Eiern und Fisch. Viele andere Veganer:innen gehen darüber bei Weitem hinaus und sicherlich würde eine beträchtliche Anzahl unter ihnen den pragmatischen Veganismus eher nicht als vegan bezeichnen.

Wir können Veganer:innen auf Null reduzieren

Allerdings ist damit die Fragestellung der Abgrenzung noch nicht beendet:

Vermutlich erscheinen uns zwar die beiden Gruppen der einsatzorientierten Veganer:innen (aktivistische vegan lebende Personen) und der Lebensstil-Veganer:innen, die sich nur im direkten sozialen Umfeld für vegan einsetzen, als vegan.

Aber dies ergibt sich aus der durchaus groben Klassifizierung mithilfe der statistischen Clusteranalyse:

  • Denn bei der Clusteranalyse sind die Personen in einem Cluster keineswegs identisch. Sie weisen lediglich ähnliche Antwortmuster auf, die sich von denen anderer Cluster unterscheiden. Da aber jede einzelne Person dennoch jeweils in ein Cluster klassifiziert wird, besteht innerhalb der Cluster nach wie vor ein zwar reduziertes, aber weiterhin signifikantes Ausmaß an Unterschiedlichkeit.

Was würde also passieren, wenn wir nur diejenigen Personen als vegan bezeichnen, die in allen Konsumbereichen konsequent, jedenfalls bei dieser zweistufigen Abfrage (Ja, Nein), auf tierische Substanzen oder die Nutzung von Tieren (z. B. Zoobesuch, vergnügungsorientierte Haustierhaltung) verzichten?

Die Ergebnisse können der nachfolgenden Tabelle entnommen werden, die die Prozentsätze derjenigen anzeigt, die nach einer zunehmenden Ausschluss-Strenge als vegan verbleiben. Dabei wurden begonnen MIT dem Verzicht auf die nicht veganen Kernlebensmittel Fleisch, Fisch, Milch und Eier in der ersten Stufe. In der zweiten Stufe ist dies erweitert um die beiden prägnanten Tierprodukte Leder und Wolle in Materialien. Im dritten Schritt wurden alle Randprodukte und Zusatzstoffe in Konsumgütern einbezogen und im finalen vierten Schritt der Verzicht auf vergnügungsorientierte Tierhaltung:

Ausschluss nicht-veganer Produkte/Konsumarten bei selbstbezeichneten Veganer:innen (N = 2161)

Ausschluss

Alle

(N = 2161)

Einsatzorientiert (N = 1098)

Lebensstil ( N = 713)

Pragmatisch (N = 282)

Grenzgänger (N = 68)

Veganer Kern: kein Fleisch, Fisch, Milch und Eier

97,2 %

100,0 %

100,0 %

100,0 %

10,3 %

Veganer Kern plus kein Leder/Wolle

76,4 %

90,1 %

85,0 %

19,5 %

0,0 %

Keine nicht-veganen Konsumgüter

58,0 %

76,5 %

58,1 %

0,0 %

0,0 %

Keine nicht-veganen Konsumgüter, keine vergnügungsorientierte Tierhaltung

43,5 %

60,1 %

39,4 %

0,0 %

0,0 %

 

  • Die Sichtung der Befunde macht deutlich, dass die Anzahl der Veganer:innen sich mehr als halbieren würde, wenn wir das strengste Kriterium einer generalisierten veganen Lebensweise zugrunde legen:
  • Wie zu vermuten, würden pragmatische Veganer:innen und Grenzgänger:innen komplett wegfallen, und keine einzige Person unter ihnen wäre weiterhin als vegan zu bezeichnen.
  • Aber auch bei den Lebensstil-Veganer:innen wäre ein dramatischer Abfall um mehr als 60 % zu verzeichnen.
  • Selbst bei den aktivistischen Veganer:innen würden nur etwas über 60 % die Bezeichnung vegan behalten.

Eine noch strengere Sichtweise

Es ist sogar eine noch strengere Sichtweise von vegan denkbar:

  • Vegan kann nur dann Auswirkungen im Sinne einer tatsächlichen Verminderung allen vermeidbaren Leids haben, wenn die Tiernutzung als System abgeschafft wird. Ohne eine solche abolitionistische Haltung sind grundlegende Veränderungen nicht möglich.

Oft wird in antispeziesistischer Literatur hier die Sklaverei als analog gesehen:

  • Um das dadurch bedingte Leid abzuschaffen, genügten keine Reformen, graduellen Prozesse etc., sondern es musste auf das Ziel der kompletten Abschaffung der Sklaverei hingearbeitet werden. Formal ist dies weitgehend erreicht, in der Praxis nach wie vor unzureichend, was deutlich macht, wie langfristig und hartnäckig solche abolitionistischen Kämpfe durchzuführen sind.

Stellen wir uns auf diesen abolitionistischen Standpunkt, folgt daraus gleichzeitig, dass eine private vegane Lebensweise den eigentlichen veganen Zielen im Sinne von nicht-karnistischen und antispeziesistischen Gesellschaften nicht gerecht wird:

  • Zusätzlich zur veganen Lebensweise ist es nach dieser Sichtweise vielmehr zusätzlich erforderlich, sich für die Ausbreitung der veganen Lebensweise und der antispeziesistischen Überzeugung aktiv einzusetzen. Wer dies nicht tut, zieht sich nach dieser Sichtweise in sein privates Kämmerlein zurück, was eher der eigenen Befriedigung als der tatsächlichen Abschaffung von Tierausbeutung dient.

Damit ergeben sich weitere Strengekriterien der veganen Lebensweise, die im Folgenden dargestellt sind:

  • In der ersten Stufe geht es erneut um den generaliserten Nichtkonsum aller nicht-veganen Konsumgüter und den Verzicht auf vergnügungsorientierte Tierhaltung.
  • In der zweiten Stufe kommt der private Einsatz im eigenen Umfeld für die vegane Lebensweise hinzu.
  • In der dritten Stufe gehört der aktive politisch-gesellschaftliche Einsatz für Veganismus und Tierrechte mit zur veganen Definition.

Konsumverzicht und Engagement bei selbstbezeichneten Veganer:innen (N = 2161)

Stufe

Alle

(N = 2161)

Einsatzorientiert

(N = 1098)

Lebensstil

(N = 713)

Pragmatisch

(N = 282)

Grenzgänger

(N = 68)

Strenger Konsumverzicht

43,5 %

60,1 %

39,4 %

0,0 %

0,0 %

Strenger Konsumverzicht und privates Engagement für vegane Lebensweise

37,9 %

55,4 %

29,6 %

0,0 %

0,0 %

Strenger Konsumverzicht, privates und politisches Engagement für Veganismus und Tierrechte

27,3 %

53,8 %

0,0 %

0,0 %

0,0 %

 

Was wir nun sehen, ist, dass sich die Anzahl von Veganer:innen in dieser sehr strengen Sicht auf nur noch 27,3 % reduziert:

  • Die Cluster der Lebensstil-Veganer:innen, pragmatischen Veganer:innen und veganen Grenzgänger:innen fallen bei solch einer Betrachtungsweise komplett weg. Aber auch innerhalb der einsatzorientierten, aktivistischen Veganer:innen verbleibt nur noch gut die Hälfte als vegan.

Vegan wird in dieser Sichtweise zu einem erheblich homogeneren Konzept, welches sich durch diejenigen einsatzorientierten veganen Aktivist:innen konstituiert, die auch in ihrem privaten Leben konsequent auf die vegane Lebensweise achten.

Tierrettung als weiterer Kern eine möglichen Definition

Selbst diese Sichtweise des Veganismus kann jedoch weiterhin verschärft werden. Ziehen wir hierzu das Beispiel der Sklaverei heran:

  • Wer war/ist ein echter Gegner der Sklaverei?

Als Voraussetzung würden wir wohl nehmen, dass die betreffende Person selbst keine Sklaven hält, sich für die Abschaffung der Sklaverei einsetzt und individuellen Sklaven und Sklavinnen, denen sie begegnet, hilft, wenn es auch nur irgend möglich ist.

Ein echter Gegner eines Unrechts lässt die Opfer nicht im Regen stehen mit abstraktem Verweis auf eine abolitionistische Zukunft.

Folgen wir diesen Überlegungen, ergibt sich als Konsequenz, dass neben einer konsequenten veganen Lebensweise sowie privatem und politischem Engagement auch die Beteiligung an individueller Tierrettung erforderlich ist.

Die Konsequenzen einer solchen Definition von vegan im Hinblick auf die Anzahl von Veganer:innen sind hier zu sehen:

Konsumverzicht, Engagement und Einsatz für Tierrettungen bei selbstbezeichneten Veganer:innen (N = 2161)

Maß

Alle

(N = 2161)

Einsatzorientiert

(N = 1098)

Lebensstil

(N = 713)

Pragmatisch

(N = 282)

Grenzgänger:(N = 68)

Strenger Konsumverzicht, privates und politisches Engagement für Veganismus und Tierrechte

30,6 %

54,7 %

0,0 %

0,0 %

0,0 %

Höchster Strengegrad: Konsumverzicht, privates und politisches Engagement sowie Einsatz für Tierrettungen

14,1 %

27,7 %

0,0 %

0,0 %

0,0 %

 

Was wir nun unter dieser im Hinblick auf die in der Umfrage erfragten Kriterien alles umfassenden Definition von vegan sehen, ist ein weiterer dramatischer Einbruch der Anzahl der Veganer:innen in der aktivistischen Gruppe:

  • Nur noch 14,1 % wären nunmehr weiterhin als vegan zu bezeichnen, natürlich weiterhin keine einzige Person aus den anderen Gruppen. Die Anzahl der Veganer:innen würde sich also nach dieser Lesart auf nur 14,1 % in der Gesamtstichprobe reduzieren. Oder in absoluten Zahlen: Von den 2161 befragten, sich als vegan bezeichnenden Personen würden tatsächlich nur 304 als vegan bezeichnet werden können.

Solche fortwährenden Reduktionen wirken vielleicht absurd, aber geben uns auch darüber hinaus wertvolle Informationen:

  • Was wir hier nämlich offensichtlich sehen, ist die Personifizierung eines Prototyps der veganen Bewegung, die einen Kern sichtbar macht, um den herum sich all die anderen Lebensweisen gruppieren. Für einen solch strengen Prototyp oder den innersten Kern ist 14,1, also jede siebte Person, noch erstaunlich hoch. Es wird deutlich, in welch hohem und generalisiertem Ausmaß immerhin mehr als jede siebte vegane Person bereit ist, aus dem Routineverhalten der tiernutzenden Mehrheitsgesellschaft auszusteigen und sich gleichzeitig aktiv zu positionieren.

Potenziell nicht vegane Lebensweisen innerhalb der konsequent vegan lebenden 14,1 %

Kehren wir zur Erhebungsskale zurück:

  • In unserer Umfrage haben wir die Befragten gebeten, anzugeben, ob sie auf ein bestimmtes Kriterium achten oder nicht.

Daraus ergeben sich einige Implikationen:

  • Diese zweistufige Befragung hat den Vorteil einer vereinfacht-klaren Darstellung. Tatsächlich haben sich dichotome Maße auch, gerade wenn sie aufaddiert werden, aus psychometrischer Sichtweise (Theorie hinter der Entwicklung psychisch relevanter Maße) auch als erstaunlich gut verwendbar erwiesen (Link einfügen). Sie sind typischerweise zudem hochgradig mit mehrstufigen Maßen korreliert.
  • Mehrstufige Maße wirken auf den ersten Blick womöglich angemessener, die Schwierigkeiten, die aber z. B. durch eine fünfstufige oder siebenstufige Skala (Achtest Du auf die Vermeidung der folgenden Produkte/Handlungsweisen: 1 = gar nicht bis 7 = immer) entstehen, liegen jedoch in der genau quantitativen und inhaltlichen Interpretation der sieben Abstufungen. In Ergebnisdarstellungen, die sich an die Allgemeinheit wenden, werden übrigens sehr oft auch solche mehrstufigen Maßnahmen schlichtweg zusammengefügt, bei einer vierstufigen Skala (starke Ablehnung, Ablehnung, Zustimmung, starke Zustimmung) zur Gruppe der Zustimmungen und zur Gruppe der Nicht-Zustimmungen.

Dessen ungeachtet kann als sicher betrachtet werden, dass mehrstufige Maße oftmals zusätzliche, tatsächlich inhaltliche Unterschiede/Differenzierungen ermöglichen, die bei zweistufigen Sichtweisen nicht erkennbar sind:

  • Im Fall der uns hier interessierenden Fragestellung wäre davon auszugehen, dass einige derjenigen, die aktuell angegeben haben, auf ein bestimmtes Kriterium zu achten, bei einer fünf- oder mehrstufigen Skala nicht immer die höchste Stufe (also immer) angeben würden.

Wären diese Personen sodann noch als vegan zu bewerten?

Nach einer strengsten Definition von vegan sollten vegane Verhaltensweisen ausnahmslos gezeigt werden. Wer vegane Verhaltensweisen nicht ausnahmslos zeigte, wäre demnach auch kein:e Veganer:in.

  • Einzige Ausnahmen, auf die sich wohl doch alle verständigen würden, wären Dinge, die nicht vermeidbar sind, wenn wir überleben wollen, oder auch besondere Situationen, über die wir keine Kontrolle haben, wie z. B. Zwang mit körperlicher Gewalt, nicht vegane Produkte zu verzehren, Hineinschmuggeln von Tierprodukten durch andere Personen ohne unser Wissen, Verhungernde, die keine Alternativen haben, Personen im Koma, die durch nicht vegane Sondenkost ernährt werden etc.

Für den hier diskutierten Fall, wie viele Veganer:innen es gibt, müssten wir letztlich unter solch eine strengen Perspektive jede einzelne Person genau betrachten.

Mehrstufige Maße (die wir in weiteren Umfragen unterstützend heranziehen werden) sind hierfür eine erste Möglichkeit, tatsächlich würden wohl nur umfassende protokollierte Selbstbeobachtungen und Interviews einen noch genaueren Aufschluss geben können.

Ich glaube, die Zahl der Veganer:innen würde sich bei solch einer Sichtweise nahe auf 0 reduzieren, zumal viele weitere Aspekte der veganen Lebensweise noch gar nicht berücksichtigt sind, z. B. ob nicht vegane Produkte für andere eingekauft und/oder zubereitet werden.

Beispiel nicht-vegane Essimpulse

Ich habe vor einigen Jahren einmal einen Artikel auf vegan.eu geschrieben zu nicht-veganen Essimpulsen auch am eigenen Beispiel, tatsächlich liegt dies Beispiel mittlerweile fast 25 Jahre zurück und hat sich auch nicht wiederholt.

Trotzdem bin ich nicht der Einzige, bei dem solche Essimpulse aufgetreten sind und denen ich damals gelegentlich nachgab, bis ich sie mir bewusst machte und Strategien umsetzte, um ihnen dauerhaft einen Riegel vorzuschieben.

Mein eigener Kontext war der folgende, die genauere Darstellung kann im Artikel nachgelesen werden:

Damals pendelte ich regelmäßig zwischen Hannover, wo ich wohnte, und Bremen, wo ich damals in der forensischen Psychiatrie als Psychologe arbeitete. Es ereignete sich nach der Arbeit auf dem Rückweg und immer beim Warten auf den Zug. …“

Die nicht-veganen Impulse, denen ich gelegentlich nachgab, bezogen sich auf Bäckereiprodukte. Im Bahnhof waren damals vegane Produkte nicht verfügbar – die Zeiten haben sich mittlerweile glücklicherweise verändert….“

Eine eigene innere Verarbeitung war die folgende:

Ganz nach dem Motto, ich lebe ja schon zu 99 % vegan und da sei es nicht so schlimm, wenn ich auch einmal etwas Nicht-Veganes esse. Auch entschuldigte ich mein Verhalten mit den vielen anderen, die sich ja viel schlimmer verhielten. …“

Die Lösung war schließlich:

Ich analysierte die Situation und konnte die auslösenden Faktoren erkennen. Es waren das Warten auf den Zug, die Erschöpfung nach der Arbeit, der Hunger, aber auch der Appetit und die direkte Verfügbarkeit eines nicht-veganen Warenangebotes, während die veganen Alternativen fehlten. In Kombination mit meinem inneren Schönreden genügte dies, um meine seit vielen Jahren aufgebauten Barrieren gegen den Konsum von Tierprodukten kurzzeitig zu überwinden.

Ich machte einen konkreten Plan gegen den nicht-veganen Konsum. Dieser beinhaltete, möglichst eine vegane Alternative dabei zu haben, mir aber auch innerlich ein klares Stopp zuzurufen, wenn ich Impulse zum Konsum nicht-veganer Lebensmittel bei mir wahrnahm.“

Sollte ich also nunmehr sagen, wegen dieser punktuellen Rückfälle, dass ich seit 25 und nicht seit 36 Jahren vegan lebe?

Über mein eigenes Beispiel hinausgehend hatten wir damals solche nicht veganen Essimpulse auch in einer Befragung untersucht:

  • Bei den 1447 Befragten zeigte sich, dass nicht-veganer Konsum auch unter Menschen vorkommt, die sich selbst vegan ernähren. Insgesamt berichteten 28 % der Teilnehmenden, also 410 Personen, dass sie in den zurückliegenden Wochen mindestens einmal wissentlich ein Lebensmittel gegessen hatten, das Fleisch, Milch oder Eier enthielt. Dies betraf vegane Frauen ebenso wie vegane Männer. Besonders bemerkenswert ist dieser Befund, weil die befragten Personen im Durchschnitt bereits seit mehr als drei Jahren vegan lebten.
  • Auch eine zusätzliche Auswertung, bei der nur Personen berücksichtigt wurden, die seit mindestens zehn Jahren vegan leben, änderte dieses Bild nicht grundsätzlich. In dieser Gruppe gaben immer noch 15 % an, innerhalb der letzten vier Wochen bewusst Lebensmittel mit Fleisch, Milch oder Eiern konsumiert zu haben.
  • Wäre nicht nur nach einem Zeitraum von vier Wochen gefragt worden, sondern beispielsweise nach den vergangenen zwölf Monaten, wäre der Anteil der Personen mit nicht-veganem Konsum vermutlich noch deutlich höher ausgefallen.

Dabei ist auch zu berücksichtigen, dass diese Fragen eben nicht das gesamte Spektrum veganen Konsumverzichts einbezogen, sondern lediglich nach Konsum von Produkten fragten, die die veganen Kernlebensmittel enthielten, in meinem Fall waren es in den Backstuben wohl Milch und Eier.

Würde alles genau erfasst oder besser protokolliert, würden die Zahlen derjenigen mit nicht veganem Verhalten sicherlich weiter explodieren.

Aus diesen Daten ergibt sich für mich, dass die Häufigkeit nicht-veganen Konsums mit zunehmender Dauer der veganen Lebensweise zwar sinkt, dieser Zusammenhang aber nur begrenzt ausgeprägt ist. Auch nach vielen Jahren oder sogar Jahrzehnten veganer Lebensweise können demnach weiterhin nicht-vegane Konsumdurchbrüche auftreten.

Auch möchte ich noch einmal meine Schlussfolgerung von damals zum Zeitpunkt der Verfassung des Artikels zitieren, wie wir mit diesem Sachverhalt als vegan lebende Personen und innerhalb der veganen Community nach meiner Einschätzung umgehen sollten:

Für nicht-vegane Essimpulse brauchen sich Veganer nicht zu schämen. Denn solche Impulse sind durchaus natürlich. Sie entsprechen der jahrelangen, für manche gar jahrzehntelangen Konditionierung durch die vollständig auf Tierausbeutung beruhende gesellschaftliche Ernährungspraxis.

Die Entscheidung für die vegane Lebensweise bedeutet nicht, dass diese konditionierten Impulse von einem auf den anderen Tag verschwinden würden. Im Gegenteil können sie selbst über Jahrzehnte erhalten bleiben und immer wieder reaktiviert werden. Umso wichtiger ist es, dass die vegane Community beginnt, über dies Problem zu reden und es so als das zu betrachten, was es ist: ein wegzuräumendes Hindernis auf dem Weg zu einem von Tierausbeutung befreiten Leben.“

Wie weit geht vegan – was sich aus all dem entnehmen lässt

Aus einer strengen und nach meiner Einschätzung rigiden Bewertungshaltung heraus ließe sich wohl sagen, dass alle Personen, die irgendetwas Nichtveganes konsumieren, oder sogar zusätzlich all die, die sich nicht umfassend und in allen Bereichen für Veganismus, Tierrechte, Tierrettung einsetzen, tatsächlich nicht vegan sind.

Im Ergebnis würden wir die Anzahl der Veganer:innen auf nahe Null reduzieren.

Treten wir den entsprechenden Personen zudem noch mit Vorwürfen, Hostilität und Feindseligkeit gegenüber, würden wir sie vermutlich nicht in einem positiven Sinne erreichen, sondern abschrecken.

Auch würden wir womöglich gerade bei Beginnenden negative Folgen erzeugen, weil wir in den Daten sehen, dass bei diesen nicht vegane Konsumdurchbrüche besonders häufig sind.

Schließlich würden wir Nicht-Veganer:innen den Übergang zur veganen Lebensweise erschweren oder sie davon sogar abhalten:

  • Es ist das eine, auf die nicht veganen Kernlebensmittel Fleisch, Fisch, Milch und Eier zu verzichten, auch Honig ist sicherlich auch für Neulinge machbar. Ebenso ist es nicht besonders schwer, kein Leder und keine Wolle mehr zu kaufen. Aber in allen Bereichen bis hin ggf. zu den mit Kasein versetzten Deckeln von Flaschen auf einer sofortigen veganen Lebensweise zu bestehen, würde für viele, die sonst erreichbar wären, vermutlich schlichtweg zu viel sein.

Damit aber spricht auch die abolitionistische und antispeziesistische Sichtweise, die ich mir selbst ebenfalls zu eigen mache, sowie das Streben, vegan so weit als irgend möglich tatsächlich in allen Bereichen umzusetzen, dagegen, die Hürden zu hoch zu legen:

  • Denn legen wir die Hürden so hoch, dass sie immer weniger oder sogar gar keine Menschen mehr nehmen können oder werden, rückt das Ziel einer veganen und tierausbeutungsfreien Gesellschaft in noch weitere Ferne.

Ich halte daher für den besten Ansatzpunkt, vegan als einen Weg zu sehen, der uns in immer schönere Landschaften bringt, aber – jedenfalls in der gegenwärtigen Gesellschaft – niemals endet.

Damit konsistent ist der oben zitierte Befund, dass mit wachsender Dauer der veganen Lebensweise nicht vegane Essimpulse abnehmen, ebenso wird es wohl in anderen Bereichen des veganen Lebens sein.

Vegan als Spektrum

Letztendlich führen mich all diese Überlegungen wieder auf die rein empirischen Ergebnisse unserer Clusteranalyse mit den vier Gruppen von Veganer:innen zurück. Wobei sich innerhalb dieser Gruppen freilich wiederum Individuen befinden, die sich noch einmal auch bei gleicher Gruppenzugehörigkeit voneinander unterscheiden und die ihrerseits sich alle auf dem Weg befinden.

Komplett harte Ausschlusslinien braucht es für vegan nicht zu geben, wenn wir uns darüber einigen, dass vegan der Versuch ist, Tierprodukte und Tierausbeutung in allen ihren Formen so weit irgend möglich zu vermeiden.

Natürlich reicht es nicht, zu erklären, ich bin vegan, und sodann regelmäßig am Wochenende mit der Familie Fleisch zu essen. Es macht Sinn, einen ausreichend Einstiegsstandard zu definieren, ab dem wir von einem veganen Weg sprechen.

Die Grenzgänger:innen und die pragmatischen Veganer:innen bilden dabei in meiner Sichtweise den Beginn des Wegs, die Lebensstil-Veganer:innen sind bereits ein ganzes Stück weitergekommen und die einsatzorientierten Veganer:innen haben einen noch fortgeschritteneren Teil des Weges betreten.

Am eigentlichen Ziel werden wir jedoch alle erst ankommen können, wenn der Aufbau einer tierausbeutungsfreien Gesellschaft gelungen ist. Der Weg wird also für alle von uns noch lang sein.

Solidarische und reflektierte Selbstoptimierung

Der Begriff der Selbstoptimierung ist oftmals neoliberal konnotiert, tiefgreifend in ein auf Ausbeutung von Mensch und Tier sowie die Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen unseres Planeten ausgerichtetes Wirtschaftssystem mit all seinen ideologischen Rechtfertigungen.

Unsere vorherigen Auswertungen zu politisch-gesellschaftlichen Überzeugungen von Veganer:innen und ihrer Positionierung auf dem Links-Rechts-Spektrum haben bereits eindrucksvoll gezeigt, wie stark sich Veganer:innen im Durchschnitt von den ideologischen Rechtfertigungen für dieses System bereits entfernt haben und in welch hohem Ausmaß sie in allen Bereichen - auch beim Umgang mit Menschen - Empathie und die gesellschaftliche Verpflichtung, vermeidbares Leid zu vermeiden, in den Vordergrund ihres Denkens stellen.

Es gibt allerdings Positionen, die eine Nähe von veganer Lebensweise und rechtsgerichtetem, menschenfeindlichem Denken herstellen wollen. Bekannt ist im deutschsprachigen Raum Mira Landwehr mit ihrem Buch "Vier Beine gut, zwei Beine schlecht": Zum Zusammenhang von Tierliebe und Menschenhass in der veganen Tierrechtsbewegung. Aber auch in einem Video des YouTube-Videokanals KoRo NACHSCHLAG, in dem ich ebenfalls zu Wort kommen durfte, schimmert eine ähnliche Tendenz durch, wenn auch deutlich subtiler, reflektierter eingebettet, durch.

(Wobei mir die Anmerkung erlaubt sei, dass meine Äußerungen dort hochgradig selektiv ausgewählt wurden, sodass meine zentralen methodischen Argumente, die der Tendenz des Berichts widersprachen, nicht zum Ausdruck kamen. Ganz anders handhabte dies Andreas Speit in seinem Buch Verqueres Denken. Gefährliche Weltbilder in alternativen Milieus, in dem er die auf vegan.eu formulierten Positionen ausführlich und unverzerrt darstellt und dadurch den Leser:innen ermöglicht, sich faktenbasiert selbst ein Bild zu machen.)

Versuche, einen systematischen Bezug zwischen veganer Lebensweise und rechtsgerichtetem Denken herzustellen, beruhen nicht auf Fakten, sondern auf Stereotypen und Vorurteilen gegenüber vegan lebenden Menschen. Nicht nur unsere Umfragen, sondern auch internationale Umfragen und peer-reviewte Studien zeigen, dass Veganismus näher bei egalitären, herrschaftskritischen, feministischen und auf Leidvermeidung bezogenen Orientierungen steht, während rechte, konservative, autoritäre und sozial-dominanzorientierte Einstellungen stärker mit Fleischkonsum, Tierausbeutung und Abwertung von Fleischverzicht verbunden sind:

  • In der peer-reviewten Arbeit Moral Foundations of Dietary Behavior and Its Linkage to Sustainability and Feminism wird gezeigt, dass Veganer:innen stärkere moralische Grundlagen wie Leidvermeidung und Fairness betonen und dass Ernährungsverhalten mit Umweltverhalten und feministischen Idealen zusammenhängt.
  • Dhont und Hodson zeigen in Why do right-wing adherents engage in more animal exploitation and meat consumption?, dass rechte Ideologie eine stärkere Akzeptanz von Tierausbeutung und höheren Fleischkonsum vorhersagt. Erklärt wird dies unter anderem durch Vorstellungen menschlicher Überlegenheit gegenüber Tieren und durch die Wahrnehmung von Vegetarismus als Bedrohung der bestehenden Ordnung.
  • Eine Arbeit von Bastian Jäger zeigt, dass Rassismus, Speziesismus und andere Ungleichwertigkeitsideologien miteinander verbunden sind.
  • Hodson und Earle zeigen ergänzend, dass Konservatismus bei ehemaligen und aktuellen Veganer:innen beziehungsweise Vegetarier:innen eine höhere Wahrscheinlichkeit vorhersagt, wieder zum Fleischkonsum zurückzukehren. Vermittelt wurde dies durch geringere soziale Gerechtigkeitsanliegen und geringere soziale Unterstützung.

Wenn wir also rechte Tendenzen innerhalb veganer Zusammenhänge diskutieren, kann es nicht darum gehen, dies quasi als ein inhärentes Merkmal des veganen Lebensstils und eine von vegan ausgehende Gefahr zu sehen, sondern umgekehrt zu untersuchen, wie es sein kann, dass trotz veganer Lebensweise bei Minderheiten innerhalb der veganen Community dennoch rechtsgerichtetes Denken Raum einnehmen kann.

Genau diesem Thema wollen wir uns auch bei vegan.eu demnächst ausführlich widmen, um diese kleine Gruppe von vegan lebenden Personen besser verstehen und herausfinden zu können, was dies für die vegane Community als Ganzes bedeutet.

Der langen Vorrede kurzer Sinn:

  • Gerade wegen der hohen progressiven gesellschaftlichen Positionierung von Veganer:innen mag das Wort Selbstoptimierung in veganen Kreisen zunächst auf einen gewissen Widerstand stoßen, da dadurch Assoziationen an neoliberale Ideologie geweckt werden.

Solidarische Selbstoptimierung bezieht sich jedoch auf etwas anderes:

  • Solidarische Selbstoptimierung beschreibt einen neoliberale Ideologien überschreitenden Prozess, bei dem wir versuchen, in Konsistenz mit unseren Werten – in diesem Fall der veganen Lebensweise – zu leben.

Das solidarisch bezieht sich dabei auf zwei miteinander verbundene Aspekte:

  • Solidarisch ist diese Form der Selbstoptimierung einerseits, weil sie aufgrund ihres Fokus mit dazu beiträgt, eine solidarische Welt zu schaffen, in der wir unseren Planeten nicht zerstören und nicht nur den Menschen, sondern ebenso Tieren ein Recht auf Unversehrtheit und Leidfreiheit zugestehen, sofern es uns als Menschen möglich ist, dies herzustellen.
  • Solidarisch sollte die Selbstoptimierung aber auch dadurch sein, dass sich die vegane Community wechselseitig unterstützt, die eigene vegane Lebensweise weiter zu verbessern und so gemeinsam auf dem Weg zu einer nicht karnistischen und nicht speziesistischen, veganen Welt voranzuschreiten.

Pragmatik gehört insofern mit zu dieser Form der Selbstoptimierung dazu, weil die überwiegende Mehrheit der Menschen nicht nur einen Schritt tun wird, sondern weil es ein langer Weg ist und viele und nicht endende Schritte notwendig und möglich sein werden, um dem Ziel näherzukommen.

Aufgrund dieser Befunde und Überlegungen würde ich dafür plädieren, selbst die veganen Grenzgänger:innen und natürlich auch die pragmatischen Veganer:innen als Teil der veganen Community zu betrachten und ihre Selbstbezeichnung als vegan zum motivationalen Anlass zu nehmen, um sie solidarisch zu unterstützen, die Konsequenz ihrer veganen Lebensweise zu erweitern, ebenso wie wir die Lebensstil-Veganer:innen einladen können und sollten, sich auch am veganen Aktivismus zu beteiligen.

Gefahr zu lockerer Grenzziehungen vermeiden

Trotzdem sollten wir auch nicht ins Gegenteil verfallen und Grenzziehungen zu weit lockern. Der populäre Begriff des Flexitarismus macht uns davon ausgehende Gefahren sofort deutlich:

  • Eine besonders aussagekräftige Einordnung bietet das Nationale Ernährungsmonitoring nemo Erwachsene des Max Rubner-Instituts. In dieser Untersuchung wurden 2024 insgesamt 3.155 deutschsprachige Erwachsene im Alter von 18 bis 80 Jahren befragt. Die Stichprobe wurde bevölkerungsrepräsentativ nach Alter, Geschlecht, Schulbildung und Bundesland gezogen und gewichtet. Dabei bezeichneten sich 28,2 % der Befragten selbst als flexitarisch.

Nach der theoretischen Definition der Untersuchung bedeutete Flexitarismus nicht einfach nur, gelegentlich weniger Fleisch zu essen, sondern durchschnittlich nicht häufiger als zweimal pro Woche Fleisch oder Wurst und gegebenenfalls zusätzlich Fisch zu verzehren. Eine Begrenzung des Konsums von Milch, Eiern oder anderen tierischen Produkten war gar nicht verbunden. Mit zweimal Fleisch pro Woche und gerne zusätzlich Fisch ist selbst diese Definition zudem bereits sehr locker, insbesondere wenn wir an die systematische Zerstörung unserer Weltmeere denken.

Umso aufschlussreicher ist, dass sich bereits in der näheren Auswertung derselben Untersuchung zeigte, dass etwa 75 % der Befragten in Wirklichkeit häufiger als zweimal pro Woche Fleisch aßen. Damit wird deutlich, dass „flexitarisch“ offenbar vorwiegend ein sozial erwünschtes Selbstetikett ist. Gesellschaftlich wird dieses Selbstetikett womöglich gerade deshalb so stark gefördert, weil dadurch der Eindruck einer sich positiv verändernden Gesellschaft entsteht.

Solche Argumentationen lassen sich – ähnlich wie Bio-Fleisch oder sogenanntes Tierwohl – anästhetisierend nutzen, wodurch durch Verweis auf scheinbare Errungenschaften Missstände stabilisiert werden, frei nach dem Motto:

  • Wenn sich bereits 28,2 % der Bevölkerung als flexitarisch bezeichnen, kann es ja mit dem Fleischkonsum und der Tierausbeutung nicht so schlimm sein.“

Die Tatsachen sprechen jedoch ein anderes Bild :

  • Der Fleischkonsum verharrt trotz der angeblichen 28,2 % Flexitarier:innen auf hohem Niveau und ist zuletzt sogar wieder gestiegen. Nach Angaben der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung nahm der Fleischverzehr in Deutschland 2024 gegenüber dem Vorjahr wieder zu. Insgesamt belief er sich auf 4,44 Millionen Tonnen und lag damit 0,8 % höher als im Vorjahr.

Spektrum vegan bedeutet also nicht, vegan als ein weitgehend sinnentleertes Etikett zu verwenden wie den Begriff flexitarisch, sondern einen ernsthaften, nachvollziehbaren und anhaltenden Schritt zu unternehmen, um die eigene Lebensweise so drastisch gegenüber der Allgemeinbevölkerung zu verändern, dass eine Bezeichnung als vegan gerechtfertigt erscheint.

Im Rahmen unserer eigenen Auswertung verläuft die Grenzlinie dabei nach meiner Einschätzung bei den veganen Grenzgänger:innen, die manche noch als vegan, andere bereits als nicht vegan einschätzen mögen.

Resümee „Wer ist vegan?“

Die vegane Community zeichnet sich im Durchschnitt insofern durch hohe Konsequenz aus, als dass eine Lebensweise umgesetzt wird, die sich in sehr hohem Ausmaß davon unterscheidet, wie die meisten Menschen mit Konsum und Tieren umgehen.

Gleichzeitig sind diejenigen, die sich als vegan bezeichnen, keine homogene Gruppe, sondern es lassen sich mindestens vier breitere Gruppen veganer Lebensweisen unterscheiden.

Innerhalb dieser Gruppen gibt es zudem ebenfalls erneut individuelle Unterschiede.

Vor dem Hintergrund der Zielstellung einer tierausbeutungsfreien, nicht speziesistischen und entsprechend nicht karnistischen Gesellschaft ist es aus empirischen und theoretischen sowie strategischen Gründen am sinnvollsten, vegan als einen sich fortsetzenden Weg zu betrachten, wobei aber bereits eine signifikante Grenzlinie überschritten worden sein sollte, bevor Menschen oder diese sich selbst als vegan bezeichnen.

Eine völlig eindeutige Bestimmung dieser Grenzlinie ist nicht möglich, und unterschiedliche Grenzziehungen werden erfolgen.

  • Als in besonderem prototypischem Ausmaß vegan sind dabei Menschen zu betrachten, die in allen möglichen Bereichen auf Tierprodukte und die Nutzung von Tieren verzichten und sich gleichzeitig privat und gesellschaftlich für Veganismus, Tierrechte und die Rettung einzelner Tiere einsetzen.

In diesem Sinne gibt es ein veganes Spektrum, innerhalb dessen wir uns im Rahmen einer solidarischen Selbstoptimierung mit wechselseitiger Unterstützung in Richtung des Kerns des veganen Prototyps bewegen können – und auch innerhalb dieses Prototyps unsere progressive Weiterentwicklung unentwegt fortsetzen, bis in der Zukunft das Ziel einer tierausbeutungsfreien Gesellschaft eines Tages erreicht sein wird.

6 junge vegan lebende Personen.

Newsletter-Anmeldung

Bleibe auf dem Laufenden. Mit diesem Service senden wir Dir regelmäßig vegane Neuigkeiten zu. Trage hier Deine Email-Adresse ein!

Loading

Die Kommentarfunktion war seit Anfang 2023 abgeschaltet und ist nun wieder verfügbar.

2 Antworten

  1. Ich halte es schon für sinnvoll, dass man zumindest die Definition der Vegan Society kennt und versteht und dementsprechend keine tierischen Produkte konsumiert, wenn man sich vegan nennt. Ansonsten kann man ja von pflanzlich oder plant-based sprechen, aber eben nicht von vegan.

    Denn es hat Auswirkungen darauf, wie vegan lebende Menschen wahrgenommen werden. Angefangen bei Aussagen wie, man solle sich „nicht so anstellen“, weil andere Veganer:innen es ja angeblich auch nicht so eng sehen würden, bis hin zu Personen, die sich als vegan bezeichnet haben und dann „aufgehört“ haben. Solche Narrative nehmen aus meiner Sicht deutlich zu, wenn mit dem Begriff vegan sehr offen umgegangen wird.

    • Grundsätzlich sehe ich es ähnlich. Andererseits besteht aber die Gefahr, dass wir die Anzahl der Veganer:innen auf null herunterrechnen, wenn wir alle grundsätzlich möglichen Kriterien zugrunde legen. Insofern sehe ich vegan eher prototypisch und alles drumherum als mehr oder weniger sich in die Nähe bewegend. Richtig ist natürlich, dass gerade Menschen, die sich als vegan bezeichnen, ohne selbst auf Kernlebensmittel etc. wirklich zu achten oder auch ausschließlich Lebensmittel vermeidend, aber ein Problem mit Leder etc. haben, häufiger aufhören, vegan zu sein, und auch weniger ethische Grundlagen mit ihrer Lebensweise verbinden. Vielleicht sollten wir sie als auf dem Weg begreifen und sie dabei unterstützen, nun auch die weiteren Schritte nach vorn anstatt zurück zu gehen.

Newsletter-Anmeldung

Bleibe auf dem Laufenden. Mit diesem Service senden wir Dir regelmäßig vegane Neuigkeiten zu. Trage hier Deine Email-Adresse ein!

Loading