Vegan.eu > Vollständige Meldung

Carnismus: Ideologie der Vorurteile

(Kommentare: 16)

Melanie Joy prägte den Begriff Carnismus

Carnismus (auch geschrieben als Karnismus) ist nach der US-amerikanischen Psychologin Melanie Joy ein ideologisches Überzeugungssystem, gemäß dem wir Tiere unterwerfen, nutzen und töten dürfen, um uns von ihrem Fleisch zu ernähren. Der Carnismus ist damit die Gegenideologie zum Veganismus und der durch ihn motivierten veganen Lebensweise, die Ausbeutung, Tötung und Konsumvon Tieren ablehnt. Im Fachjournal Appetite wurde soeben ein Forschungsartikel veröffentlicht, der sich mit der Messung von Carnismus und seinen Zusammenhängen zu Einstellungen und Verhaltensweisen gegenüber Tieren und Menschen beschäftigte.

 

Der Titel der Studie lautet „The Carnism Inventory: Measuring the Ideology of Eating Animals”.

 

Die Studie gelangt zu dem Ergebnis, dass carnistische Denkweisen einhergehen mit Fleischkonsum, negativen Einstellungen zu Tieren, Tötung von Tieren sowie auch mit rechtsgerichtetem Autoritarismus, Fremdenfeindlichkeit, Sexismus, Ablehnung von Vegetariern und Rassismus.

 

Carnismus erscheint so als eine Ideologie der Vorurteile und Ressentiments, die sich generalisiert gegen Tiere, aber letztlich auch gegen Menschen wendet.

 

Messung des Carnismus

 

Das Autorenteam hat einen Fragebogen entwickelt und anhand umfassender statistischer Analysen optimiert und überprüft. Der Fragebogen ist offenbar dazu in der Lage ist, die Ideologie des Carnismus mit guter Messzuverlässigkeit zu erfassen. Dabei zeigte sich, dass sich Carnismus als Gesamtideologie aus zwei miteinander im Durchschnitt korrelierten Überzeugungssystemen speist:

 

Carnistische Verteidigung: Menschen sollten weiterhin Fleisch essen, weil sie dies seit tausenden Jahren tun, Fleischessen ist besser für meine Gesundheit, ich habe mein ganzes Leben Fleisch gegessen und könnte niemals aufhören, die Fleischproduktion verursacht kein Tierleid.

 

Carninistische Dominanz: Tiere sind dreckig und verdienen es, gegessen zu werden, keine Tiere zu essen, ist ein Zeichen von Schwäche, ich habe das Recht, jedes Tier zu töten, welches ich töten möchte, Tiere sind nicht intelligent genug, um unter starker Bewegungseinschränkung zu leiden.

 

Carnismus: Einstellungen und Verhalten gegenüber Tieren

 

In ihren weiteren Analysen konnten die Autoren aufzeigen, dass carnistische Verteidigung und carnistische Dominanz mit Grundhaltungen korrelierten, die die Verwandtschaft und Kontinuität zwischen Tieren und Menschen in Abrede stellen, Tieren Rechte verweigern und positive Einstellungen zu Tieren verneinen.

 

Vegetarier wiesen statistisch signifikant geringere Werte in carnistischer Verteidigung und carnistischer Dominanz auf als Fleischesser (Omnivoren). Zudem korrelierte die carnistische Verteidigung spezifisch mit dem Ausmaß des Fleischkonsums bei Fleischessern und ihrem Genuss beim Fleischkonsum. Je höher carnistische Verteidigung ausgeprägt war, desto mehr Fleisch aßen die Studienteilnehmer und desto mehr Genuss am Fleischessen wurde von ihnen beschrieben. Demgegenüber korrelierte carnistische Dominanz mit der eigenhändigen Tötung von Tieren. Je höher die Ausprägung in carnistischer Dominanz war, desto eher gaben die Studienteilnehmer an, bereits selbst Tiere getötet zu haben.

 

Carnismus: Einstellungen und Verhaltensweisen gegenüber Menschen

 

Carnistische Verteidigung und carnistische Dominanz wiesen Zusammenhänge zu rechtsideologischen Einstellungen auf. So korrelierten carnistische Verteidigung und carnistische Dominanz positiv mit sozialer Dominanzorientierung, rechtsgerichtetem Autoritarismus, Fremdenfeindlichkeit, Rechtfertigung sozialer Ungleichheit sowie der Wahrnehmung von Vegetariern als gesellschaftliche Bedrohung. Carnistische Verteidigung korrelierte außerdem positiv mit Konservatismus. Carnistische Dominanzorientierung korrelierte zusätzlich positiv mit Sexismus und Rassismus gegenüber Menschen mit schwarzer Hautfarbe.

 

Carnismus als Ideologie der Vorurteile und Ressentiments

 

Die Ergebnisse der Studie weisen darauf hin, dass sich Carnismus nicht isoliert auf Einstellungen und Verhaltensweisen gegenüber Tieren bezieht, sondern auch auf den menschlichen Bereich generalisiert.

 

Carnismus ist als ideologisches System dazu geeignet, Fleischkonsum und Tötung von Tieren zu fördern. Carnismus wendet sich aber auch gegen Menschen, indem die carnistische Ideologie eine Nähe zu rechtsideologischem Denken, Fremdenfeindlichkeit, Rechtfertigung ökonomischer Ausbeutung, sozialer Dominanz, Rassismus und Sexismus aufweist.

 

Dies ist aus psychologischer Sichtweise nicht überraschend:

 

Carnismus blendet systematisch das Interesse von Tieren aus, um deren Ausbeutung, Tötung und Konsum zu rechtfertigen. In Form der carnistischen Dominanz werden Tiere zusätzlich dezidiert abgewertet und zu rechtlosen Nutzungs- und Tötungsobjekten degradiert.

 

Die primären Opfer der carnistischen Ideologie sind Tiere, also lern- und leidensfähige Wesen, denen die carnistische Ideologie Mitgefühl und Lebensrecht verweigert. Damit wird aber eine Grundhaltung erzeugt, die zwanglos auch auf andere lern- und leidensfähige Wesen, nämlich Menschen, generalisieren kann. Vorurteile, Ressentiments und Abwertung von Tieren spiegelt sich so in Vorurteilen, Ressentiments und Abwertung gegenüber Menschen wider, die anhand in Wirklichkeit oberflächlicher Merkmale, wie Hautfarbe, Nationalität, sozialem Status oder Geschlecht ebenso wie Tiere ausgesondert werden.

 

Die Befunde der Studie stützen die Annahme, dass es sich beim Carnismus und den mit ihm assoziierten Praktiken der Tötung von Tieren und des Konsums von Fleisch nicht nur um eine tierfeindliche, sondern ebenfalls um eine menschenfeindliche Ideologie und Lebensweise handelt. Hiermit stimmen wiederum Umfrageergebnisse von vegan.eu überein, die aufzeigen, dass vegan lebende Menschen in überwältigender Mehrheit rechtsgerichtete Ideologie, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus entschieden ablehnen. Rechtsgerichtete Ideologie und Carnismus können als Zwillingsgeschwister aufgefasst werden, mit denen der Veganismus als Gegenpol unvereinbar ist.

 

Hieraus ergeben sich auch aktuelle politische Implikationen:

 

Der derzeit in Europa und in den USA zu beobachtende Rechtsruck, der mit einer zunehmenden Erosion von Menschenrechten und Mitgefühl einhergeht, ist auch als eine Bedrohung des Veganismus zu bewerten. Sollte das Erstarken rechtspopulistischer politischer Kräfte nicht gestoppt werden können, ist mit verstärktem Gegenwind gegen die vegane Lebensweise und der Konsolidierung der durch den Veganismus derzeit etwas geschwächten carnistischen Ideologie zu rechnen.

 

Forderungen nach einer Kriminalisierung veganer Eltern durch Rechtspopulisten in Italien, politische Maßnahmen zu vermehrtem Schweinefleischkonsum, sowie auch Versuche konservativer Politiker, aktuell übliche Bezeichnungen für veganen Fleischersatz, wie veganes Schnitzel, verbieten zu lassen, sind als Warnzeichen eines sich womöglich verschärfenden carnistischen Abwehrkampfers gegen die vegane Lebensweise zu bewerten.

 

Verfasser: Guido F. Gebauer

Zurück

Einen Kommentar schreiben

Kommentar von Martha Kogler |

Das ist genau auch mein Empfinden: Der Zusammenhang unserer "Nutztier"-Haltung und der Einstellung Fremden gegenüber ist ein Direkter! Ich sehe es ferner so, dass durch den Konsum all dieses Tierleid tragenden Fleisches auch der Körper und vor allem der Geist jener abgestumpft und "verseucht" wird, die das Fleisch dieser Kreaturen aufnehmen. Das hinterlässt Spuren, davon bin ich überzeugt.

Kommentar von Drawida |

Frau Joy macht da wirklich einen guten Job. Die Psychologische Seite des Ganzen ist die Wichtigste. Der Carnismus bewirkt den Glauben, Menschen trügen "das tötende Prinzip" in sich.
Tatsächlich rechtfertigen Menschen ihre Fleischgier bzw. ihre Weigerung, darauf zu verzichten, mit dieser kranken Ideologie. Dazu möchte ich auch den heute von der Psychologieforschung einwandfrei widerlegten angeblichen "Aggressionstrieb" nennen, der von Sigmund Freud erfunden und von Konrad Lorenz eifrig aufgegriffen wurde. Eine glatte Fehlinterpretation Darwins. Man kann dies in dem Buch "Schmerzgrenze" von dem Neurobiologen, Arzt und Psychotherapeut Prof. Dr. med. Joachim Bauer auch nachlesen.

Kommentar von Jessica Krull |

Diese Zusammenhänge herzustellen, finde ich sehr problematisch. Ein paar Umdrehungen weniger würden der öffentlichen Diskussion (und dem Veganismus) gut tun. Ich lebe selbst seit einigen Jahren vegan, bin überzeugt davon, dass das richtig ist. Ich liebe Tiere sehr und finde die vegane Lebensweise auch aus Klimaschutzgründen und nicht zuletzt zur Bekämpfung des Welthungers wichtig. Aber Fleischesser derart mit Klischees zu überhäufen dürfte eher negativ auf Veganer zurückfallen. Wir Veganer werden offenbar nicht zu Unrecht als militant gesehen. Ich kenne viele Fleischesser. Auch mein Partner isst Fleisch. Aber rechtsradikal, sexistisch und vorurteilsbehaftet ist keiner von ihnen. Ich finde es anmaßend, derart negativ über Menschen zu urteilen, nur weil sie anders denken und handeln als wir. Dem Artikel nach zu urteilen, sind wir Veganer es, die Vorurteile haben. Klar wünsche ich mir, dass sich mehr Menschen für die vegane Lebensweise entscheiden. Mit Missionierungsdrang und Vorverurteilung wird das aber nicht gelingen.

Kommentar von Robin V |

Wer hätte es gedacht, dass die Ausbeutung und das Essen von Lebewesen für die Ausgebeuteten schädlich ist und warum nennt ihr es nicht einfach lebensfeindlich, anstatt tier- und menschenfeindlich?

Mir fällt auf, dass bei den Neo-/Ernährungsveganern wieder penibel unterschieden wird zwischen "das Tier und wir Menschen". Solange Veganismus nur als eine Ernährungsweise definiert und publiziert wird, ist dies Öl ins Feuer der Speziesisten.

Speziesismus, Rassismus, Nationalismus, Sexismus etc. ist ein Problem des Konservatismus, ist links wie rechts zu finden. Allerdings neigen Rechte eher zu einem reaktionär, konservativem Verhalten und sind empfänglicher für solch abgrenzende und destruktive Verhaltensweisen, die Unterdrückung und Gewalt zur Folge haben.

Kommentar von Hans Gschwender |

Das klingt ja wie fundamentalistische Religion! Langsam bekomme ich Angst vor einer veganen Charia. Ich will nicht in einem VS leben. Was ist mit den Pflanzen?? Auch Pflanzen sind sensible Lebewesen, aber sie werden sogar grausam lebendig verspeist.
Da lob ich mi die Einstellung der Argentinier: "alles was am oder unter dem Boden wächst ist für Tiere" Ich respektiere diese Haltung und freue mich über die Energien, die Tiere aus Pflanzen für mich angereichert haben und genieße das carnivorrische Leben.

Kommentar von Guido F. Gebauer |

@ Jessica Krull

Diese Zusammenhänge werden ja nicht konstruiert, sondern sie zeigen sich nun einmal empirisch, und zwar mittlerweile in immer mehr Untersuchungen. Die Zusammenhänge entstehen dadurch, dass die befragten Personen sich eben nun einmal umso fremdenfeindlicher äußern, desto carnistischer sie sich äußern. Niemand sagt aber, dass Fleischesser generell rechtsradikal seien. Was gesagt wird, ist, dass die Rechtfertigung von Fleischkonsum und die Vertretung einer Dominanzposition gegenüber Tieren die Wahrscheinlichkeit von Fremdenfeindlichkeit etc. erhöht. Das ist schon ein wichtiger Befund, auch für ansonsten progressiv eingestellte Fleischessern. Denn es gibt ihnen ja eine Motivation, zu reflektieren, dass der Carnismus eigentlich ihren sonstigen Werten widerspricht.

@ Hans Geschwender

Ich kann da keine Gefahr einer veganen Scharia erkennen. Übrigens werden durch den Fleischkonsum sehr viel mehr Pflanzen getötet durch den veganen Konsum, weil die Nutztiere ja nun einmal erst sehr viele Pflanzen essen, bevor wir die Nutztiere töten, um sie sie zu essen.

Kommentar von Geronymo |

Herr Gschwender hat wieder mal eine Überdosis aus seinem Medizinschrank genascht und kriegt daher die Zusammenhänge nicht mehr auf die Reihe. Oder sind es die "Energien" der (totgequälten) Tiere?

Kommentar von Marius Greuèl |

Lieber Herr Gebauer, herzlichen Dank für diese sehr lesenswerte Zusammenfassung, beeindruckend die Ergebnisse und Auslöser für weiteres Nachdenken und Lesen.
Ich schaue jetzt auch einmal auf der Homepage von Frau Joy zu Karnismus nach, ob ich die Studie finde. Gute Zeit. Gruß M. Greuèl

Kommentar von Klaus Grünseich |

Das der offensichtlich nichts begreifende, somit wohl hoffnungslose Fall „Mr. Gschwender“ wiedermal seinen Senf beitragen und irgend einen intellektuell überaus defizitären Unsinn zurechtfabulieren werden wird, war nur eine Frage der Zeit! Jeder Erstklässler begreift mehr und es besser, als „Mr. Gschwender“!

Vielleicht wäre für ihn in einer Vorschule, oder, bzw. im Anschluss einer Schulform für Menschen mit Lernschwächen noch ein Platz frei. Wenn nicht, dann vielleicht im Kindergarten. Auch dort wäre er sicherlich besser aufgehoben als hier, da sich hier nunmal >>erwachsene<< Menschen mit >>vorhandenem<< Intellekt austauschen! Zudem könnte er dort mit Holzklötzchen spielen und würde dabei auch noch pädagogisch betreut! ;-)

Kommentar von Drawida |

Bedenklich, dass dieses völlig verkehrte Argument, der Veganismus "zerstöre" mehr von der Pflanzenwelt, als der Karnismus, immer wieder auftaucht, sodass immer wieder von neuem erklärt werden muss, dass es genau umgekehrt ist! Den Carnisten gehen wohl einfach die Argumente aus! Seht Euch doch mal die Rede von Philip Wollen in Australien von 2013 an! Da ist alles drin!

Kommentar von otto |

Wie ist dann meine Einstellung? Ich esse 70 % Pflanzen und den Rest Tiere. Übringens Adolf Hitler war Veganer, war das kein Rechter?

Kommentar von Robin V |

Herr Gschwender, haben Sie jemals im Leben darüber nachgedacht, was Kühe, Schweine, Hühner und sonstige Opfer unserer Spezies, in ihrem qualvollen Leben essen bevor sie umgebracht werden?

Ihre überhebliche Art lässt vermuten, dass Sie hier nur herumstänkern wollen, da Sie bestimmt wissen, dass es sich bei vegan.eu nicht um eine neue Plattform der Tierausbeuterlobby handelt.

Kommentar von Drawida |

Schönes Kommentar von Robin! Es ist doch reiner Schwachsinn, für starrsinnige Uneinsichtigkeit, die sich so vernichtend auf das gesamte Leben auswirkt, Toleranz zu fordern! Veganer/innen sind von Natur aus in der Regel gegen jede Art von Gewalt und mehr Toleranz kann man nicht verlangen. Sollen wir tolerant sein gegenüber Gefühllosigkeit und Lebensverachtung?

Kommentar von Guido F. Gebauer |

@ Otto

Hitler war weder Veganer noch Vegetarier. Wenn du selbst Mitgefühl in den Vordergrund deiner Einstellungen stellst, würde es für dich nahe liegen, nun den nächsten Schritt zu tun und die 30% tierische Kost durch Pflanzen zu ersetzen.

Kommentar von Drawida |

Wie groß muss doch das Sucht- und Verdummungs- Potenzial sein, das in Fleisch und Tierqualprodukten steckt, dass immer noch wieder verzweifelt mit den selben unsinnigen und unwahren Argumenten versucht wird, Stimmung gegen den Veganismus zu erzeugen!

Kommentar von Drawida |

Veganer können auf eine schier unendlich lange Liste gleichgesinnter in der gesamten bekannten Menschheitsgeschichte hinweisen. Und zwar ausnahmslos auf Namen genialer Persönlichkeiten mit friedlicher, gewaltfreier Gesinnung. Die Karnisten dagegen müssen sich immer wieder mit ihrem erbärmlichen Hitler-Argument als angeblichem Gegenbeweis begnügen, das zudem noch nicht einmal auf Wahrheit beruht! Schämt Ihr Euch eigentlich für gar nichts?