Psychologie von Menschenverachtung und Tierverachtung und das vegane Gegenmodell

Psychologie von Menschenverachtung und Tierverachtung und das vegane Gegenmodell

Wieso treten Menschenverachtung, Umweltverachtung und Tierverachtung oft in einer Einheit auf? Warum gehen umgekehrt häufig Tierliebe, Menschenliebe und Umweltliebe miteinander einher? Wieso verkörpert der Veganismus Tierliebe, Menschenliebe und Umweltliebe und steht damit im Gegensatz zu Menschenverachtung, Umweltverachtung und Tierverachtung? Was hat dies mit dem abbrennendem Amazonas, dem milliardenfachen Tierleid, aber auch Flüchtlingselend, Folter, Geschlechter-Diskriminierung, Homophobie und Todesstrafe zu tun? Welche psychischen Strukturen lassen uns zur veganen Menschen- und Tierliebe oder aber zu Menschen- und Tierverachtung finden?

Die aktuell beobachtbare Verschärfung der gesellschaftlichen Widersprüche mit gleichzeitigem Anwachsen von Veganismus auf der einen Seite und Rechtspopulismus auf der anderen Seite hat mich zu diesem Artikel motiviert. Eine weitere Motivation ergab sich aus Zuschriften von Leserinnen und Lesern von vegan.eu, die mir deutlich machten, dass es selbst unter vegan lebenden Menschen einige Personen gibt, die sich im rechtspopulistischen Desinformationsnetzwerk verfangen haben. Im Bekanntenkreis habe ich zudem selbst so einen Fall kennengelernt. Auch an diese Personen wendet sich dieser Artikel.

Innerpsychische Basis von Tier- und Menschenverachtung

Die Gemeinsamkeit von Menschenverachtung, Umweltverachtung und Tierverachtung unterschiedlicher Couleur lässt sich in der Glorifizierung von Härte und der Ablehnung von Weichheit finden.

Eindrückliches Beispiel für eine solche Glorifizierung von Härte ist diese berüchtigte Äußerung von Heinrich Himmler zur Judenvernichtung:

  • Ich meine jetzt die Judenevakuierung, die Ausrottung des jüdischen Volkes. Es gehört zu den Dingen, die man leicht ausspricht. – ‚Das jüdische Volk wird ausgerottet‘, sagt ein jeder Parteigenosse‚ ‚ganz klar, steht in unserem Programm, Ausschaltung der Juden, Ausrottung, machen wir.‘ […] Von allen, die so reden, hat keiner zugesehen, keiner hat es durchgestanden. Von Euch werden die meisten wissen, was es heißt, wenn 100 Leichen beisammen liegen, wenn 500 daliegen oder wenn 1000 daliegen. Dies durchgehalten zu haben, und dabei – abgesehen von menschlichen Ausnahmeschwächen – anständig geblieben zu sein, das hat uns hart gemacht und ist ein niemals geschriebenes und niemals zu schreibendes Ruhmesblatt unserer Geschichte. ...

Im vergleichbaren Duktus äußerte Himmler zum millionenfachen Massensterben sowjetischer Kriegsgefangener und Zwangsarbeiter, dass diese Ausmerzung der slawischen „Untermenschen“ eine historische und natürliche Notwendigkeit sei, für die "Gemüt am falschen Platze" sei.

In beiden Äußerungen Himmlers kommt ein Bekenntnis zur Härte zum Ausdruck, auf deren Basis Vernichtung möglich wird.

Härte wird zur Tugend, Weichheit zur Charakterschwäche erklärt. Gefühle von Mitgefühl und Mitleid werden als fehl am Platz angesehen, im Gegenteil es müsse gegen sie gehandelt werden.

In einem zwar anderen Kontext - aber auch in einem Kontext, wo es um Leben und Tod geht - hat der AfD Spitzenpolitiker Gauland dazu aufgerufen, die Grenzen dichtzumachen und dann die grausamen Bilder auszuhalten, sowie sich nicht von Kinderaugen erpressen lassen.

Auch hier bei Gauland stoßen wir wieder darauf:

  • die Glorifizierung von Härte und die Verneinung eines weichen Herzens. Mitgefühl und Mitleid sollen nicht unser Handeln anleiten, sondern wir sollen uns in unserem Handeln über sie hinwegsetzen, ja das Gegenteil tun

Vermutlich geht Gauland ebenfalls davon aus, dass man trotz solcher Härte anständig bleiben könne. Tatsächlich kennzeichnen sich Vertreter der Härte in besonders hohem Ausmaß durch die Berufung auf Tugenden von Anstand, Pflicht und Disziplin, die sie eben als Ausdruck von Härte bewerten.

Der hier durchgeführte implizierte Vergleich dient der Veranschaulichung, wie sich Härte zeigen kann und wozu sie führen kann. Er entspricht aber keiner Gleichklansetzung.

Die Vertreter der Härte sind so weit gegangen, dass sie den Begriff des Gutmenschen als Schimpfwort verwenden.

Dieser Begriff bezieht sich auf die im Rahmen einer empathiebetonten Sichtweise erkennbaren guten Eigenschaften des Menschens bezieht, nämlich unser Potenzial zu Mitmenschlichkeit, Mitgefühl, Hilfeleistung und Solidarität.

Wer diese Eigenschaften aufweist, wird aber durch Vertreter der Härte im besten Falle die Rolle eines dummen Naivlings und im schlechtesten Falle (wie beim norwegischen Attentäter Breivik) die Rolle eines zu vernichtenden Volksfeindes zugewiesen.

Ob bei Facebook oder im rechtsradikalen Blog Politically Incorrect, die Hetze gegen Gutmenschen ist weitverbreitet. Dass Menschen ein weiches Herz haben, macht sie für Vertreter der Härte zum Hassobjekt, ganz offensichtlich, weil sie (durchaus korrekt) Weichherzigkeit als das Gegenteil von Härte und damit gemäß ihrer Ideologie als unvereinbar mit ihrem eigenen Wesen erleben.

Vertreter der Härte verneinen die positiven Handlungspotentiale des Menschen zu Mitgefühl und Altruismus und machen diese zum Angriffspunkt. Mit dieser Grundhaltung gelangen sie aber notwendigerweise zu Positionen der Menschenverachtung und Tierverachtung.

Grausamkeit gegen Tiere

Ich möchte noch einmal Himmler zitieren, dem es freilich hier um Menschen und nicht um Tiere geht:

  • Ein Grundsatz muss für den SS-Mann absolut gelten: ehrlich, anständig, treu und kameradschaftlich haben wir zu Angehörigen unseres eigenen Blutes zu sein und sonst zu niemandem. Wie es den Russen geht, wie es den Tschechen geht, ist mir total gleichgültig. Das, was in den Völkern an gutem Blut unserer Art vorhanden ist, werden wir uns holen, indem wir ihnen, wenn notwendig, die Kinder rauben und sie bei uns großziehen. Ob die anderen Völker in Wohlstand leben oder ob sie verrecken vor Hunger, das interessiert mich nur soweit, als wir sie als Sklaven für unsere Kultur brauchen, anders interessiert mich das nicht. Ob bei dem Bau eines Panzergrabens 10.000 russische Weiber an Entkräftung umfallen oder nicht, interessiert mich nur insoweit, als der Panzergraben für Deutschland fertig wird.

Mit der Veränderung weniger Begriffe können wir in diese Position der Härte auch die Nutztierhaltung und -ausbeutung zwanglos einordnen - hier eine entsprechend veränderte Version des Zitats:

  • Ein Grundsatz muss für uns Menschen gelten: ehrlich, anständig, treu und kameradschaftlich haben wir zu Angehörigen unserer eigenen Spezies zu sein und sonst zu niemandem. Wie es den Kühen geht, wie es den Hühnern geht, ist mir total gleichgültig. Das, was bei anderen Tierarten nutzbares vorhanden ist, werden wir uns holen, indem wir ihnen, wenn notwendig, die Kinder rauben und sie bei uns großziehen. Ob die anderen Tiere in Wohlstand leben oder ob sie verrecken vor Hunger, das interessiert mich nur soweit, als wir sie als Sklaven für unsere Kultur brauchen, anders interessiert mich das nicht. Ob für die Nutzung der Tiere für unsere Zwecke 10.000 Kühe umfallen oder nicht, interessiert mich nur insoweit, als wir sie nutzen können.

Die Praxis der Nutztierhaltung wird allgemein akzeptiert und die hier zutage tretende Härte ist bisher nur von einer Minderheit hinterfragte gesellschaftliche Realität. Sie ist aber genauso eine Folge von Härte wie es Menschenverachtung ist.

Woher kommt Härte?

Ein umgangssprachlich hartes Herz hat, wer keine Fähigkeit zum Mitglied hat oder aber wer zwar grundsätzlich Mitleid empfinden kann, es aber gelernt hat, dies situationsspezifisch oder sogar generalisiert auszublenden.

Psychopathie als Extremfall

Im ersteren Fall liegt Psychopathie oder Soziopathie vor, ein Begriff, der sich insbesondere auch auf einen Ausfall von empathischen Prozessen bezieht.

Psychopathen oder Soziopathen finden sich beispielsweise im politischen Bereich bei Repräsentanten menschenverachtender Regime. Sie finden sich aber auch im Bereich individueller Kriminalität.

Ohne Zweifel waren Hitler und Himmler Psychopathen. Auch der brasilianische Präsident Bolsorano weist alle Merkmale eines empathielosen Psychopathen auf.

Merkmale eines empathielosen Psychopathens zeigen sich ebenfalls in mindestens erheblichem Ausmaß beim US-amerikanischen Präsidenten Donald Trump.

Mit hoher Wahrscheinlichkeit ist übrigens der Pegida-Mitgründer Lutz Bachmann nach meiner Einschätzung ebenfalls ein Psychopath. Bachmann hat nicht nur eine ausgeprägte kriminelle Karriere mit Einbrüchen, Drogendelikten, Bewährungsversagen und Flucht ins Ausland hinter sich und ist vor Kurzem erneut mit Volksverhetzung in Erscheinung getreten. Vielmehr scheut er sich nicht trotz dieser Biografie, auf den Straßen nach dem Motto "haltet den Dieb" zum Kampf gegen Kriminalität aufzurufen - das geht bis zum theatralischen "Trauermarsch" für ein Kriminalitätsopfer, bei dem nicht im geringsten der authentische Eindruck von Trauer entsteht.  Dass sich an diesem Trauermarsch in aktiver Verbrüderung auch AfD-Politiker Björn Höcke beteiligte, lässt tief in die Psyche auch von diesem blicken.

Aus psychologischer Sichtweise ist das "trotz dieser Biografiew" übrigens tatsächlich fehl am Platz. Denn die Pegida-Aktivitäten von Bachmann entspringen höchst wahrscheinlich den gleichen psychopathischen Motiven wie seine vorherigen Straftaten und sind insofern innerpsychisch eine folgerichtige Fortsetzung seines Werdeganges. Entsprechend wird er emotional selbst vermutlich keine Dissonanz und keinen quälenden Widerspruch erleben - den Widerspruch erleben nur diejenigen, die keine psychopathischen Merkmale aufweisen.

Selektive Ausblendung von Empathie

Es wäre allerdings simplifizierend und falsch, Praktiken von Menschenverachtung und Tierverachtung ausschließlich auf Psychopathie zurückzuführen:

Auch wenn keine generalisierte Psychopathie besteht, können Menschen zu Praktiken der Grausamkeit greifen. Abgesehen von direkten Zwangssituationen, betrifft dies Menschen, die grundsätzlich durchaus zu Empathie, Mitgefühl und Mitleid fähig sind, diese aber situationsspezifisch ausblenden.

Situationsspezifische Ausblendung von Empathie führt zur Herabregulation von Mitgefühl und Mitleid und ermöglicht damit das Auftreten und die Aufrechterhaltung antiempathischen Handelns.

Dabei können feste Gewohnheiten der Gefühlsausblendung entstehen, die die Durchführung und Aufrechterhaltung selbst von Praktiken höchster Grausamkeit ermöglichen.

Je stärker solche Gewohnheiten bereits seit früher Kindheit konditioniert und erworben wurden und je mehr sie seither durch Einbettung in ideologische und soziale Systeme stabilisiert wurden, desto schwerer fällt es den Betroffenen, das Problem überhaupt wahrzunehmen oder gar zu ändern.

Ausblendung und Tierleid

Hieraus ergibt sich nun auch unmittelbar der Zusammenhang zu milliardenfachem Tierleid, was von denjenigen als geradezu unvorstellbar und unerträglich erlebt wird, deren empathische Prozesse gegenüber Tieren intakt sind und nicht ausgeblendet werden.

Indem Menschen seit Kindheit grausames Handeln gegen Tiere vorgelebt wird und indem dieses im Rahmen der karnivoren Ideologie (Carnismus/Karnismus) normalisiert und zur Notwendigkeit erklärt wird, werden empathische Prozesse gegenüber Tieren bei weiten Bevölkerungsteilen ausgeblendet, die somit kein Mitgefühl mehr gegenüber dem Tier erleben, dessen Körperteile sie auf ihren Tellern verzehren.

Es handelt sich also bei der Mehrheit der Fleischesser eben nicht um allgemein gefühlskalte Psychopathen, sondern um durchaus zu Mitgefühl fähige Menschen, die ihr Mitgefühl aber situationsspezifisch auszublenden gelernt haben.

Ohne Ausblendung von Empathie und Mitgefühl wäre das gegenwärtige Tierleid nicht vorstellbar:

  • ohne Ausblendung oder Ausfall von Empathie können wir keine Tiere in Tötungsstationen treiben, sie in CO2 Gas unerträglicher Erstickungspanik aussetzen und ihnen letztlich die Körper aufschneiden, um an ihr Fleisch heranzukommen
  • ohne Ausblendung oder Ausfall von Empathie können wir keine Tiere schwängern, um ihnen nach der Geburt ihre Kinder zu entreißen, sie mästen, töten oder als neue Milchkühe versklaven
  • ohne Ausblendung oder Ausfall von Empathie kochen wir keine Hummer lebendig, schreddern keine Küken und gehen nicht auf die Jagd
  • ohne Ausblendung oder Ausfall von Empathie können wir auch keine Wälder anstecken, dadurch abertausende Tiere einem grausamen Tod ausliefern und künftigen Generationen die Lebensmöglichkeiten, die Umwelt und den Sauerstoff nehmen
  • eben sowenig können wir ohne Ausblendung von Empathie die Körper der geschundenen Tiere nicht als Fleisch essen oder ihre Milch trinken

Entsprechend zeigen auch psychologische Studien, dass Fleischesser tatsächlich dazu neigen, das lebendige Tier, sein Lebensinteresse und sein Leiden auszublenden, wenn sie die Körper der einstmalig lebendigen Tiere verzehren. Dies muss Fleischesser keineswegs daran hindern, Liebe und Mitgefühl gegenüber ihren Hunden oder Katzen zu erleben.

Trotzdem ist es eine positive Nachricht, dass die meisten Fleischesser durchaus keine gefühlskalten Psychopathen sind:

  • Prozesse der selektiven Ausblendung von Empathie lassen sich durch Aufklärung unterbrechen und empathisches Erleben kann so aktiviert werden, weil die Basis der Empathiefähigkeit vorhanden ist.

Veganismus als gelebte generalisierte Empathie

Vegan lebende Menschen blenden Mitgefühl und Mitleid nicht aus, sondern stellen die Fähigkeit zur Empathie in das Zentrum ihres individuellen und gesellschaftlichen Denkens. Sie lassen eine Generalisierung von Empathie zu, die ihr ethisches und politisches Handeln durchdringt.

Aus einem solchen empathischem Zugang folgen gesellschaftlich-politische Einstellungen, die weit über den Bereich der Tier-Mensch-Beziehung hinausgehen.

Damit werden auch die folgenden Ergebnisse einer Befragung von vegan.eu, an der sich 707 vegan lebende Personen beteiligten sofort nachvollziehbar:

Tabelle: Welchen emanzipatorischen Themen stimmen Veganer zu?

Emanzipatorisches Thema Zustimmungsrate
Gleichberechtigung Homo- und Bisexueller, einschließlich Heirats- und Adoptionsrecht 89.8%
Einsatz für Flüchtlinge - Beendigung der Abschottungspolitik 87.7%
Gleichberechtigung der Geschlechter, Überwindung patriarchalischer Strukturen 96.2%
Gesellschaftliche Emanzipation von Transgender und drittem Geschlecht (Intersexualität) 84.2%
Friedliche Konfliktlösung - Beendigung von Kriegen 98.7%
Beendigung der Ausbeutung der dritten Welt 98.6%
Soziale Gerechtigkeit 98.2%
Umweltschutz 99.6%
Überwindung der Tierausbeutung 99.6%
Chancengleichheit für Menschen mit Behinderungen und Erkrankungen 96.4%
Überwindung von Rassismus und Antisemitismus 97.6%
Friedlicher Dialog der verschiedenen Weltanschauungen und Religionen 92.6%
Rechtspopulismus und Rechtsradikalismus stoppen 94.4%

Die Haltung der befragten vegan lebenden Personen ist in hohem Ausmaß uniform, weil sich die Befragten als Veganer an der Beseitigung von Leid ausrichten.

  • Diskriminierung jeder Form, Abschottung gegenüber Flüchtlingen, Kriege, soziale Ungerechtigkeit und Tierausbeutung haben als Gemeinsamkeit, dass diese Praktiken Opfer erzeugen, denen Leid zugefügt wird. Dem stellen sich vegan lebende Menschen aufgrund ihrer Ablehnung von Härte und ihrem Erleben generalisierter Empathie entgegen.

Veganismus ist insofern auch ein Bekenntnis zu einem weichen Herzen als Richtschnur individuellen und gesellschaftlichen Handelns:

  • wer ein weiches Herz hat, der kann aber eben weder Tiere für die Fleischproduktion töten, noch kann er bei Demonstrationen "Absaufen lassen" rufen
  • mit weichem Herzen vertreten wir keine AfD-Positionen, sind wir keine Trump-Anhänger, haben keine Sympathien für den tier- und menschenverachtenden Orban und sicherlich auch nicht für den Brandstifter des Amazonas, den brasilianischen Präsidenten Bolsorano
  • mit weichem Herz können wir die milliardenfache Tierausbeutung eben sowenig dulden wie menschliches Leid. Mit weichem Herzen wollen wir nicht töten, vernichten oder ausliefern, sondern helfen und retten
  • entsprechend können wir beispielsweise mit weichem Herzen auch keine Menschen in Bedrohung oder Tod nach Afghanistan abschieben lassen und wir können nicht dafür plädieren, Menschen im Meer als Fanal der Abschreckung ertrinken zu lassen
  • mit weichem Herzen werden wir Menschen aus den Folter- und Sklavenlagern in Libyen retten, anstatt sie zur lebensgefährlichen Flucht über das Mittelmeer als letzte Alternative zu zwingen
  • haben wir ein weiches Herz und blenden wir unsere Empathie nicht in gefühlsentleerter Abstraktion aus, gelangen wir bei entsprechender Informationen und bei Überwindung von Ausblendungs-Praktiken zum Veganismus

So erklärt sich, warum der Veganismus nicht nur für den Schutz der Tiere, sondern ebenso der Menschen eintritt, und warum der Veganismus sich aus eben dieser Motivation heraus ebenfalls für den Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen auf unserem Planeten einsetzt.

Wie steht es mit Vegetariern?

Die große Mehrheit der heute vegan lebenden Menschen lebte in der Vergangenheit vegetarisch, bevor sie zur veganen Lebensweise wechselte.

Mittlerweile ist die vegane Ernährung sehr viel einfacher geworden aufgrund der großflächig vorhandenen veganen Produkte. Außerdem ist das Bewusstsein dafür gewachsen, dass auch die vegetarische Lebensweise durch den Konsum von Eiern und Milch unerträglichen Tierleid führt.

Womöglich werden daher in der Zukunft vermehrt Menschen direkt von Fleischkonsum zur veganen Ernährung wechseln.

Alle unsere Umfragen von vegan.eu in den letzten Jahren zeigen, dass die meisten vegetarisch lebenden Menschen eine dezidiert positive Einstellung zur veganen Lebensweise haben. Viele denken darüber nach, zur veganen Lebensweise zu wechseln.

Zudem bewerten vegan lebende Personen vegetarisch lebende Personen in der Regel deutlich positiver als fleischessende Personen.

Dies sehen wir selbst in einem so sensitiven Bereich, wie der Partnersuche:

  • so können sich nur wenige der veganen Mitglieder unserer Kennenlernen-Plattform Gleichklang.de eine Partnerschaft mit einem Fleischesser vorstellen, wohl aber ca. die Hälfte mit einer vegetarisch lebenden Personen

Auch wenn es ebenso wie beim Veganismus beim Vegetarismus Menschen gibt, die vorwiegend oder sogar nur aus gesundheitlichen Gründen sich für diese Lebensweise entschieden haben, gibt doch eine Mehrheit der vegetarisch lebenden Personen vorwiegend oder mindestens zusätzlich ethische Gründe an.

Fast alle vegan lebenden Personen und auch eine deutliche Mehrheit der vegetarisch lebenden Personen macht sich um Tierleid Gedanken und möchte dies beenden.

Im Sinne der hier verwandten Begrifflichkeiten des Mitleids, des Mitgefühls, der Empathie und der Weichherzlichkeit weisen also nicht nur vegan lebende Personen, sondern auch vegetarisch lebende Personen diese in erhöhtem Ausmaß auf.

Wie ist es aber möglich, dass vegetarisch lebende Personen dennoch daran festhalten, Tierprodukte zu konsumieren, die mit massivem Leid (und übrigens auch Umweltzerstörung) verbunden sind?

Sachlage ist, dass Tiertötung nur beendet werden kann, wenn ein Wechsel zur veganen Lebensweise stattfindet. Sachlage ist ebenfalls, dass alle Studien zeigen, dass die vegane Lebensweise die nachhaltigste und umweltverträglichste Lebensweise ist

Weshalb halten also Menschen, die durchaus durch Motive von Weichherzlichkeit und Empathie motiviert sind, an der vegetarischen Lebensweise als einer Praxis fest, die zu Tierleid und Umweltzerstörung führt?

Hilfreich mag es sein, sich an sich selbst zurückzuerinnern, nämlich an die Zeit, in der die Ernährung noch nicht vegan, sondern vegetarisch war.

Wie erlebten wir dies damals selbst und wie erlebten wir uns selbst?

  • aus Gesprächen mit vielen aktuellen und ehemaligen Vegetariern und aus der eigenen Erinnerung entnehme ich, dass das Festhalten an der vegetarischen Lebensweise tatsächlich auf einer bei grundsätzlich vorhandener Empathie selektiven Informationsverzerrung und Ausblendung des Leides, welches Hühnern und Kühen zugefügt wird
  • hinzutreten Rechtsfertigungshaltungen nach dem Motto, man tue ja schon mehr als andere
  • außerdem gibt es einen impulsiven Konsum, der gegen die eigenen Werthaltungen läuft. Dieser kann übrigens selbst nach Wechsel zur veganen Lebensweise im Sinne nicht veganer Essensimpulse auftreten
  • die Ausblendung von Informationen und Empathie mag auch dadurch erleichtert werden, dass Fleisch offensichtlich mit Tötung und Gewalt assoziiert ist, während Milch und Eier nur in indirekter Art und Weise eine gleichgerichtete Assoziation aufweisen. Dies macht es leichter, die Grausamkeit des menschlichen Konsums von Eiern und Milch in der eigenen emotional-kognitiven Verarbeitung auszublenden

Dieser Prozess der Ausblendung ist bei Vegetariern jedoch in der Regel bereits fragil, leicht störbar und daher schneller korrigierbar als bei Fleischessern, da Vegetarier grundsätzlich bereits in erhöhtem Ausmaß über Empathie für Tiere verfügen und bereits viele Ausblendungsmechanismen überwunden haben.

Vegetarier sind daher diejenige Zielgruppe, die am einfachsten und am nachhaltigsten für die veganer Lebensweise gewonnen werden kann. In der Argumentation kann bereits an vorhandene Empathie mit Tieren angeknüpft werden.

Mithilfe von Aufklärung, Information und Hilfestellung für den Wechsel zur veganen Lebensweise lassen sich vegetarisch lebende Menschen im Durchschnitt deutlich einfacher für die vegane Lebensweise gewinnen als Personen, die weiterhin Fleisch essen.

Einstellungen der Härte bei Veganern?

Trotz all dem oben Geschilderten wäre es ein Irrtum, zu meinen, dass der Wechsel zur veganen Lebensweise in jedem Fall und bei jedem auf der Basis generalisierter empathischer Verarbeitungsweisen beruhen würde.

  • so gibt es vegan lebende Menschen, die aus rein gesundheitlichen, fitnessbezogenen, ästhetischen Gründen, oder aus Gründen der sozialen Konformität mit ihrem sozialen Bezugsnetz zur veganen Lebensweise wechseln

Nach Umfragen von vegan.eu ist dies zwar ein nur kleiner Anteil vegan lebender Personen, genau bei diesem Kreis liegt aber keine ethisch und empathisch fundierte vegane Lebensweise vor, so dass gerade hier noch eine Anfälligkeit für Positionen der Härte und damit für Menschen- und Tierverachtung bestehen kann.

Aber selbst bei Menschen, die aus ethischen Gründen und aufgrund von Mitgefühl für Tiere zur veganen Lebensweise wechselten, mögen situationsspezifisch dennoch Empathiemängel zum Ausdruck kommen.

Auch in unserer Umfrage zu Einstellungen vegan lebender Personen lassen sich tatsächlich in Einzelfällen mit Empathie nicht vereinbare Einstellungen auch bei Veganern nachweisen.

Zwar ist es beeindruckend, dass die überwältigende Mehrheit der vegan lebenden Menschen in allen Bereichen Empathie getragene Einstellungen zeigt und sich überall gegen Diskriminierung und Leidzufügung ausspricht.

Ebenso muss aber festgestellt werden, dass es je nach Inhaltsbereich bis zu 15 % aller befragten vegan lebenden Menschen in Einzelbereichen keine tatsächlich empathiefundierte Einstellung aufwies.

Wie können vegan lebende Menschen empathieferne Positionen vertreten?

Obwohl im Durchschnitt bei vegan lebenden Menschen ein erhöhtes Ausmaß an Empathie und ein geringeres Ausmaß an Ausblendungs-Prozessen vorhanden ist, können auch Veganer Informationsdefizite aufweisen und zur selektiven Empathie- und Gefühlsausblendung greifen.

Im Extremfall kann dies sogar zur Unterstützung dezidiert anti-veganer, tierverachtender und menschenverachtender Positionen führen. So unterstützten in der genannten Umfrage nur sehr wenige, aber dennoch immerhin 1,7 %  die AfD.

Mechanismen, die bei Veganern zu Hartherzigkeit und Empathiedefiziten führen können, sind die gleichen, wie bei Fleischessern und Vegetariern, fallen nur typischerweise bei vegan lebenden Menschen auf weniger fruchtbaren Boden.

Wer sich konsequent mit der veganen Lebensweise auseinandersetzt und diese als Generalisierung von Empathie umsetzt, wird auch in einzelnen Bereichen kaum Hartherzigkeit aufbauen.

Hartherzige Einstellungen von vegan lebenden Menschen weisen insofern darauf hin, dass tatsächlich noch keine ausreichend vertiefte Verankerung der veganen Lebensweise und ihrer durch Empathie getragenen Begründung stattgefunden hat.

Ein Beispiel bezüglich der Thematik Flüchtlinge mag dies verdeutlichen:

  • auch Veganer mögen der Falschinformation aufsitzen, dass es eine nicht mehr zu bewältigende Anzahl an Flüchtlingen gebe, die zudem nicht bereit sei, sich an Gesetze und Normen zu halten und die innere und soziale Sicherheit in den Aufnahmeländern gefährde
  • bei einer vertieften Verarbeitung der veganen Lebensweise als empathiegetragene Praxis werden Veganer bei dieser Falschinformation allerdings in der Regel nicht stehen bleiben und vor allem aus ihr keine handlungssteuernden Schlüsse zum Umgang mit Flüchtlingen ziehen

Warum?

  • in dem Moment, wo die sterbenden Flüchtlinge zur Kenntnis genommen werden, wird Empathie bei empathiebereiten Menschen in einem solchen Ausmaß aktiviert, dass der Gedanke gar nicht mehr möglich wäre, diese Flüchtlinge nicht zu retten
  • gleichzeitig löst eine solche Empathie getragene Verarbeitung das Streben aus, mehr über die Situation dieser Menschen und die tatsächlichen Gründe ihrer Flucht zu erfahren
  • ebenfalls ist bei vorhandener und nicht ausgeblendeter Empathie Menschen unmittelbar klar, dass kein Mensch ein so hohes Risiko auf sich nehmen würde, wenn es dafür keine zwingenden Gründe gäbe
  • durch diese emathiegetragenen Verarbeitungsprozesse können Veganer im Regelfall die Falschinformationen, die im Internet und anderswo durch menschenverachtende Kreise verbreitet werden, hinterfragen, als Falschinformationen erkennen und nach den wirklichen Gründen suchen
  • hören empathieorientierte Menschen dann wiederum von den Folter-, Versklavungs- und Vergewaltigungslagern in Libyen, wird ihnen nicht einmal im Ansatz der Gedanke möglich sein, man solle die Flüchtlinge nach Libyen zurückbringen
  • darüber hinausgehend können sich durch generalisierte Empathie charakterisierte Menschen von vornherein nicht mit der Einstellung identifizieren, dass man zufrieden sein könne und auch ein Recht darauf habe, selber gut zu leben, während andere immensen Leid ausgesetzt sind
  • von daher weisen Empathie getragene Menschen bereits gefühlsmäßig das Ansinnen zurück, dass wir uns selber auf Inseln des Glücks abkapseln könnten während andere leiden. Eine Politik der Grenzschließung kommt daher für empathiegetragene Menschen nicht infrage

Wie sind also vegan lebende Menschen beurteilen, die für Grenzschließung plädieren und damit das Leid der anderen nicht zu ihrem eigenen Leid machen, sondern sich abschotten wollen? Wie ist mit ihnen in der veganen Community umzugehen?

Die Antwort lautet:

  • die Betreffenden mögen tatsächlich kein Fleisch, keine Milch und Eier konsumieren und keine Lederprodukte erwerben, tatsächlich vegan im Sinne des auf generalisierter Empathie beruhenden Veganismus sind sie jedoch nicht.
  • wer für Massentierhaltungsanlagen oder Schlachthöfe eintritt, ist auch dann nicht vegan, wenn er keine Tierprodukte verzehrt. Ebenso wenig ist vegan, wer dafür eintritt, Menschen im Meer ertrinken oder in Bedrohungssituationen abschieben zu lassen.
  • wer Tiere ausbeutet, für die Aufrechterhaltung von Tierausbeutung plädiert oder die Aufrechterhaltung von Tierausbeutung zum eigenen Vorteil duldet, lebt nicht vegan, egal, was er isst und trägt.
  • Menschen sind eine Tierart. Der vegane Bezug gilt selbstverständlich nicht nur für andere Tiere, sondern ebenfalls für Menschen.
  • wer für die Zufügung oder Aufrechterhaltung von Leidzufügung gegenüber Menschen plädiert (oder die Aufrechterhaltung von Leid zum eigenen Vorteil duldet), lebt daher ebenfalls nicht vegan, egal, was er isst und trägt.

Es mag sogar Psychopathen geben, die oberflächlich vegan leben. So mögen wir einen Menschen zwingen, kein Fleisch, keine Eier, keine Milch zu konsumieren oder es mag andere, wie oben erwähnt, nicht auf Empathie beruhende Gründe hierfür geben.

  • jemand, der vegan isst, aber in anderen Bereichen menschen- oder tierfeindliche Einstellungen vertritt oder praktiziert, ist ebenso wenig oder ebenso stark ein Veganer, wie ein Christ ein oder besser kein Christ ist, der nicht glaubt, aber trotzdem aus anderen Gründen an Gottesdiensten teilnimmt oder gar Ämter in der Kirche ausfüllt

In aller Regel sind es natürlich keine Psychopathen, sondern es sind erneut selektive Ausblendungen von Empathie, die auch bei ansonsten vegan lebenden Menschen in ähnlicher Form wie bei Fleischessern auftreten und zu mitleidslosen Einstellungen führen können.

Liegen solche Ausblendungen vor, zeigt dies, dass die vegane Lebensweise noch zu oberflächlich und nicht wirklich verinnerlicht und generalisiert ist, ihr also noch die kognitiv-emotionale empathische Fundierung fehlt.

Je selektiver die Ausblendung ist, umso eher mag es gelingen, an vorhandene empathische Ressourcen anzuschließen und eine Korrektur der Fehleinstellungen zu erreichen und damit den Betroffenen zu einer vertieften veganen Lebensweise und generalisierter Empathie zu verhelfen.

Wichtig ist aber, derartige Empathiedefizite bei Veganern nicht innerhalb der veganen Community zu normalisieren, sondern ihnen mit konsequenter Benennung und Aufklärung entgegenzutreten. Werden derartige Empathiedefizite nämlich normalisiert, könnte die empathiegetragene Basis des Veganismus erodieren und damit letztlich der Veganismus selbst.

Resümee

  • Veganismus bedeutet nicht nur, kein Fleisch, keine Milch, keine Eier zu essen, keine Lederprodukte zu tragen und auch keine anderen Tierprodukte zu nutzen. Veganismus ist vielmehr eine Philosophie und Praxis des Mitgefühls, des mitleidsgeprägten Handelns und der Empathie. Die Vermeidung von Tierprodukten ist Ergebnis dieser empathieorientierten Haltung
  • der Veganismus ist der Gegenpol zu einer Philosophie und Politik der Härte, die Weichherzigkeit verspottet und ein Handeln ohne Gemüt fordert. Veganismus ist eine ethische und politische Grundhaltung, die sich gegen Härte und für Empathie positioniert
  • Vertreter einer Haltung der Härte sind die Verursacher und Rechtfertiger milliardenfachen Tierleids, aber auch von Menschenleid. Positionen der Härte stehen hinter allen Menschheitsverbrechen im Großen und hinter jedem Akt im Kleinen, wo Tieren oder Menschen bewusst Leid zugefügt wird
  • der Veganismus richtet sein Streben und Handeln auf eine grundlegend erneuerte Gesellschaft aus, in der die positiven Handlungspotentiale des Menschen zu Mitgefühl und Mitleid im Sinne von Menschlichkeit, Hilfestellung und Solidarität maximiert und so handlungssteuernd werden

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