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Karnismus: Ideologie der Vorurteile

Karnismus: Ideologie der Vorurteile

Karnismus (auch geschrieben als Carnismus) ist nach der US-amerikanischen Psychologin Melanie Joy ein ideologisches Überzeugungssystem, gemäß dem wir Tiere unterwerfen, nutzen und töten dürfen, um uns von ihrem Fleisch zu ernähren. Der Karnismus ist damit die Gegenideologie zum Veganismus und der durch ihn motivierten veganen Lebensweise, die Ausbeutung, Tötung und Konsum von Tieren ablehnt. Im Fachjournal Appetite wurde soeben ein Forschungsartikel veröffentlicht, der sich mit der Messung von Karnismus und seinen Zusammenhängen zu Einstellungen und Verhaltensweisen gegenüber Tieren und Menschen beschäftigte.

Der Titel der Studie lautet „The Carnism Inventory: Measuring the Ideology of Eating Animals”.

Die Studie gelangt zu dem Ergebnis, dass carnistische Denkweisen einhergehen mit Fleischkonsum, negativen Einstellungen zu Tieren, Tötung von Tieren sowie auch mit rechtsgerichtetem Autoritarismus, Fremdenfeindlichkeit, Sexismus, Ablehnung von Vegetariern und Rassismus.

Karnismus erscheint so als eine Ideologie der Vorurteile und Ressentiments, die sich generalisiert gegen Tiere, aber letztlich auch gegen Menschen wendet.

 Messung des Karnismus

Das Autorenteam hat einen Fragebogen entwickelt und anhand umfassender statistischer Analysen optimiert und überprüft. Der Fragebogen ist offenbar dazu in der Lage ist, die Ideologie des Karnismus mit guter Messzuverlässigkeit zu erfassen. Dabei zeigte sich, dass sich Karnismus als Gesamtideologie aus zwei miteinander im Durchschnitt korrelierten Überzeugungssystemen speist:

Karnistische Verteidigung: Menschen sollten weiterhin Fleisch essen, weil sie dies seit tausenden Jahren tun, Fleischessen ist besser für meine Gesundheit, ich habe mein ganzes Leben Fleisch gegessen und könnte niemals aufhören, die Fleischproduktion verursacht kein Tierleid.

Karninistische Dominanz: Tiere sind dreckig und verdienen es, gegessen zu werden, keine Tiere zu essen, ist ein Zeichen von Schwäche, ich habe das Recht, jedes Tier zu töten, welches ich töten möchte, Tiere sind nicht intelligent genug, um unter starker Bewegungseinschränkung zu leiden.

Karnismus: Einstellungen und Verhalten gegenüber Tieren

In ihren weiteren Analysen konnten die Autoren aufzeigen, dass karnistische Verteidigung und karnistische Dominanz mit Grundhaltungen korrelierten, die die Verwandtschaft und Kontinuität zwischen Tieren und Menschen in Abrede stellen, Tieren Rechte verweigern und positive Einstellungen zu Tieren verneinen.

Vegetarier wiesen statistisch signifikant geringere Werte in karnistischer Verteidigung und karnistischer Dominanz auf als Fleischesser (Omnivoren). Zudem korrelierte die karnistische Verteidigung spezifisch mit dem Ausmaß des Fleischkonsums bei Fleischessern und ihrem Genuss beim Fleischkonsum. Je höher karnistische Verteidigung ausgeprägt war, desto mehr Fleisch aßen die Studienteilnehmer und desto mehr Genuss am Fleischessen wurde von ihnen beschrieben. Demgegenüber korrelierte karnistische Dominanz mit der eigenhändigen Tötung von Tieren. Je höher die Ausprägung in karnistischer Dominanz war, desto eher gaben die Studienteilnehmer an, bereits selbst Tiere getötet zu haben.

 Karnismus: Einstellungen und Verhaltensweisen gegenüber Menschen

Karnistische Verteidigung und karnistische Dominanz wiesen Zusammenhänge zu rechtsideologischen Einstellungen auf. So korrelierten karnistische Verteidigung und karnistische Dominanz positiv mit sozialer Dominanzorientierung, rechtsgerichtetem Autoritarismus, Fremdenfeindlichkeit, Rechtfertigung sozialer Ungleichheit sowie der Wahrnehmung von Vegetariern als gesellschaftliche Bedrohung. Karnistische Verteidigung korrelierte außerdem positiv mit Konservatismus. Karnistische Dominanzorientierung korrelierte zusätzlich positiv mit Sexismus und Rassismus gegenüber Menschen mit schwarzer Hautfarbe.

Karnismus als Ideologie der Vorurteile und Ressentiments

Die Ergebnisse der Studie weisen darauf hin, dass sich Karnismus nicht isoliert auf Einstellungen und Verhaltensweisen gegenüber Tieren bezieht, sondern auch auf den menschlichen Bereich generalisiert.

Karnismus ist als ideologisches System dazu geeignet, Fleischkonsum und Tötung von Tieren zu fördern. Karnismus wendet sich aber auch gegen Menschen, indem die karnistische Ideologie eine Nähe zu rechtsideologischem Denken, Fremdenfeindlichkeit, Rechtfertigung ökonomischer Ausbeutung, sozialer Dominanz, Rassismus und Sexismus aufweist.

Dies ist aus psychologischer Sichtweise nicht überraschend:

Karnismus blendet systematisch das Interesse von Tieren aus, um deren Ausbeutung, Tötung und Konsum zu rechtfertigen. In Form der karnistischen Dominanz werden Tiere zusätzlich dezidiert abgewertet und zu rechtlosen Nutzungs- und Tötungsobjekten degradiert.

Die primären Opfer der karnistischen Ideologie sind Tiere, also lern- und leidensfähige Wesen, denen die karnistische Ideologie Mitgefühl und Lebensrecht verweigert. Damit wird aber eine Grundhaltung erzeugt, die zwanglos auch auf andere lern- und leidensfähige Wesen, nämlich Menschen, generalisieren kann. Vorurteile, Ressentiments und Abwertung von Tieren spiegelt sich so in Vorurteilen, Ressentiments und Abwertung gegenüber Menschen wider, die anhand in Wirklichkeit oberflächlicher Merkmale, wie Hautfarbe, Nationalität, sozialem Status oder Geschlecht ebenso wie Tiere ausgesondert werden.

Die Befunde der Studie stützen die Annahme, dass es sich beim Karnismus und den mit ihm assoziierten Praktiken der Tötung von Tieren und des Konsums von Fleisch nicht nur um eine tierfeindliche, sondern ebenfalls um eine menschenfeindliche Ideologie und Lebensweise handelt. Hiermit stimmen wiederum Umfrageergebnisse von vegan.eu überein, die aufzeigen, dass vegan lebende Menschen in überwältigender Mehrheit rechtsgerichtete Ideologie, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus entschieden ablehnen. Rechtsgerichtete Ideologie und Karnismus können als Zwillingsgeschwister aufgefasst werden, mit denen der Veganismus als Gegenpol unvereinbar ist.

Hieraus ergeben sich auch aktuelle politische Implikationen:

Der derzeit in Europa und in den USA zu beobachtende Rechtsruck, der mit einer zunehmenden Erosion von Menschenrechten und Mitgefühl einhergeht, ist auch als eine Bedrohung des Veganismus zu bewerten. Sollte das Erstarken rechtspopulistischer politischer Kräfte nicht gestoppt werden können, ist mit verstärktem Gegenwind gegen die vegane Lebensweise und der Konsolidierung der durch den Veganismus derzeit etwas geschwächten karnistischen Ideologie zu rechnen.

Forderungen nach einer Kriminalisierung veganer Eltern durch Rechtspopulisten in Italien, politische Maßnahmen zu vermehrtem Schweinefleischkonsum, sowie auch Versuche konservativer Politiker, aktuell übliche Bezeichnungen für veganen Fleischersatz, wie veganes Schnitzel, verbieten zu lassen, sind als Warnzeichen eines sich womöglich verschärfenden karnistischen Abwehrkampfers gegen die vegane Lebensweise zu bewerten.

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