Löst das „Zweinutzungshuhn“ das ethische Problem des Eierkonsums?

Löst das „Zweinutzungshuhn“ das ethische Problem des Eierkonsums?

Immer mehr Menschen werden zu Vegetariern. Typischerweise trifft die vegetarische Lebensweise mittlerweile in ihrem sozialen Umfeld auf eine große Akzeptanz.

Letztlich ist auch den meisten Fleischessern, wenn sie genauer darüber nachdenken, nicht ganz wohl dabei, dass die Tiere, die sie essen, dafür getötet wurden. Die wenigsten Fleischkonsumenten brächten es über ihr Herz, selber zu schlachten.

Aber warum keine Eier?

Vegetarisch zu leben, ist heute für viele Menschen in Ordnung oder wird sogar als erstrebenswert angesehen, vegan gilt aber oft als unnötig und extrem. Dies denken auch Menschen, die sich ansonsten sehr wohl Gedanken darüber machen, wie Tiere behandelt werden und die mit dem Veganismus und dem Vegetarismus die Grundüberzeugung teilen, dass Tiere als leidensfähige Wesen Schutzrechte genießen und nicht wie unempfindliche Objekte zu behandeln sind.

„Für Eier müssen doch keine Tiere sterben!“, ist ein häufiger Einwand, der gegen die vegane Lebensweise erhoben wird.

Weiterhin vielen unbekannt: Tötung männlicher Küken

Ob in der konventionellen Haltung oder bei den Bio-Hühnern, für jede Legehenne stirbt zuvor ein männliches Eintagsküken.Unmittelbar nach dem Schlüpfen aus dem Ei werden sie im Akkord aussortiertund im Anschluss ohne Betäubung geschreddert oder vergast. Die gewährleistete Gasdichte stellt keineswegs sicher, dass die Küken nicht mit maximaler Erstickungsangst sterben. Nach einem TAZ-Bericht werden auf diese Weise übrigens allein in Deutschland für unseren Eierkonsum jedes Jahr 40 Millionen männliche Küken ausgelesen und zu Tode gebracht.

Grund für die Aussortierung und Tötung der männlichen Küken ist, dass aus wirtschaftlichen Gründen konventionelle und Bio-Produzenten auf sogenannte Hybridtiere zurückgreifen. Auf den Seiten der Herrmannsdorfer Landwergstätten wird dies folgendermaßen erläutert:

„Natürlich wissen Sie, dass die ländliche Idylle früherer Zeiten mit einer Schar gackernder Hühner am Misthaufen die uns Fleisch und Eier liefern mit der heutigen Realität nichts mehr zu tun hat. Aber Hand aufs Herz – gehen wir nicht davon aus, dass Bio-Freilandhühner das Beste ihrer Art sind, was man heute am Markt bekommt? Dem ist auch so, ABER: auch bei diesen Tieren handelt es sich um Hybridhühner, die von nur vier Konzernen weltweit gezüchtet und verkauft werden. Masthybriden setzen bei geringem Futterverbrauch in kürzester Zeit viel Fleisch an, legen aber wenige Eier. Legehybridrassen hingegen bestehen fast nur aus Haut und Knochen und setzen ihre gesamte Energie in Eier um. Daraus resultiert, dass auch die Brüder von Bio-Legehennen als Eintagesküken getötet werden. “

Obwohl Tierschützer diese Praktiken seit Langem anprangern, sind sie doch vielen Eierkonsumten nach wie vor nicht bekannt. Hierzu dürften wohl auch die in die Augen springenden Labels „Freilandhaltung“ oder die immer wieder beschworenen „glücklichen Hühner“ beitragen, die die damit unvereinbare tatsächliche Praxisverdecken. Dies erklärt wiederum einen Teil der Verständnislosigkeit, der vegan lebenden Menschen dafür entgegengebracht wird, dass sie nicht nur kein Fleisch, sondern auch keine Eier essen.

Langsam wird das Tierschutzdesaster der Eierproduktion bekannt

Es ist der Arbeit engagierter Tierschützer zu verdanken, dass - trotz der uns in Supermärkten und Bio-Läden überflutenden Bilder der glücklichen Hühner -das Wissen um die tagtäglich stattfindenden betäubungslosen Massentötungen von Küken schrittweisein das Bewusstsein der Öffentlichkeit gelangt. Verstärkt erfahren die Konsumenten der „Eier von glücklichen Hühnern“, dass hinter jedem vorgeblich glücklichen Huhn sich ein geschreddertes oder vergastes unglückliches Küken verbirgt.

Das Zweinutzungshuhn als Lösungsvorschlag

Maßgeblich gefördert durch die zunehmenden Bedenken der zu einem wachsenden Anteil über die Brutalität der Kükenauslese informierten Öffentlichkeit, beginnen sich in den letzten Jahren Brütereien, Mastbetriebe und Legehennenhalter Gedanken über Alternativen zu Hybridtieren und Kükentötung zu machen.

Lösungsvorschlag ist das „Zweinutzungshuhn“, welches im Bio-Bereich beispielsweise von der Hetzenecker Küken Biogeflügel Zucht und Brüterei vertrieben wird. Vermarktet wird das Huhn LesBleues, dessen weibliche Küken als Biolegehennen aufgezogen werden und dessen männliche Küken zu Masthähnchen werden. Hierfür werden sie nach Erzeugerangaben drei Wochen nach ihrer Geburt von den weiblichen Küken getrennt. Das Fleisch sei – so heißt es – „durch Auslaufhaltung äußerst geschmackvoll und trotzdem saftig“.

Jetzt hat aber auch mit Lohmann Tierzucht aus Cuxhaven ein großer Anbieter ein Zweinutzungshuhn gezüchtet, welches auf die Maximierung sowohl der Eier- als auch der Fleischproduktion ausgerichtet ist. "Marktreif" ist das Huhn nach Angaben von Lohmann zwar noch nicht, aber es bestehen offenbar aus Erzeugersicht gute Aussichten, die Wirtschaftlichkeit des sogenannten „Lohman Dual“ weiter zu verbessern und es dadurch auf dem konventionellen wie auch am Biomarkt etablieren zu können.

Was ist zum Zweinutzungshuhn aus veganer Sichtweise zu sagen?

Aus Tierschutzsicht stellt das Zweinutzungshuhn, wenn es denn kommt, einen Fortschritt dar. Denn wenn sich ein Zweinutzungshuhn durchsetzen würde, wäre es möglich, die Anzahl ausgebrüteter Hühner um ungefähr die Hälfte zu reduzieren.Unter den Bedingungen einer fleischkonsumierenden Gesellschaft, die ihr Verhalten nicht von einem auf den anderen Tag aufgeben wird, ist dies aus Perspektive der betroffenen Tiere begrüßenswert.

Dennoch kann das Zweinutzungshuhn Veganer nicht vom Eierkonsum überzeugen. Auch wenn das Zweinutzungshuhn eingeführt werden würde, bliebe die Eierproduktion auf das Engste mit Tierleid und Tiertötung verbunden. Denn das Aussortieren der Küken im Alter von 3 Wochen, ihr Transport in die Legehennen- oder Mastanlagen, der erneute Transport der männlichen Junghähne nach wenigen Monaten und der Legehennen nach circa zwei Jahren in den Schlachthof, sowie der leidbesetzte Vorgang der Schlachtung an sichbleiben durch das Zweinutzungshuhn unverändert bestehen.

Das Zweinutzungshuhn ist weiterhin ein Huhn, dessen Leben ausschließlich der Eier- und Fleischproduktion untergeordnet wird.Ein Zweinutzungshuhn ist kein glückliches Huhn, sondern vor allem ein genutztes Huhn. Aus Tierschutzgründen ist es nur deshalb innerhalb einer fleischkonsumierenden Gesellschaft zu befürworten, weil es die Anzahl erzeugter Hühner und damit das ihnen zugefügte Leid mindert.

Probleme für ovo-Vegetarier

Vegetarier, die Eier konsumieren, aber eigentlich deshalb vegetarisch leben, weil sie nicht wollen, dass Tiere für ihren Konsum getötet werden, geraten in ein unauflösbares Dilemma. Denn ob Hybrid- oder Zweinutzungstier, die Eierproduktion wird immer und unauflösbar mit der Fleischproduktion verbunden bleiben. Beim Hybridhuhn sind es die Legehennen, die nach Erschöpfung ihrer Legekapazitäten in den Schlachthöfen und danach in den menschlichen Suppentellern enden, während die männlichen Küken der anderweitigen Tierkörperverwertung anheim fallen oder als Futter für Hunde und Katzen verwandt werden. Beim Zweinutzungshuhn geraten weibliche wie männliche Hühner nach ihrer Schlachtung auf unsere Speisepläne.

Tatsächlich ist die Einführung des Zweinutzungshuhnes gebunden an die Bereitschaft der Menschen, das Fleisch dieser Tiere zu kaufen und zu verzehren. Klar herausgestellt wird dies auch von der Initiative „Ei-Care“, die unmissverständlich schreibt: „Der Erfolg von ei care hängt davon ab, dass wir auch das Fleisch vermarkten.“

Der Ausstieg heißt vegan

Ein Ausstieg aus der Brutalität, mit der die menschliche Gesellschaft mit Tieren umgeht, ist weder durch Zweinutzungstiere noch durch eine ovo-lacto vegetarische Lebensweise möglich. Wenn wir alle eierkonsumierende Vegetarier wären, würden ebenso viele Hühner getötet werden wie wenn wir weiterhin Fleisch äßen. Einziger Unterschied wäre, dass die getöteten Hühner nicht durch Menschen gegessen, sondern vorwiegend der anderweitigen Tierkörperverwertung zugeführt werden würden.

Objektiv ist das Dilemma des ethisch motivierten Vegetariers, der Eier isst, nur durch den Wechsel zu einer veganen Lebensweise lösbar. Wenn wir keine Eier und kein Fleisch essen, brauchen wir auch künftig keine Hühner mehr zu züchten, deren Leben und Lebensende weitaus mehr unerträglich als erträglich ist. „Vegan“ ist so betrachtet nicht extrem, sondern milde.

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6 Kommentare auf "Löst das „Zweinutzungshuhn“ das ethische Problem des Eierkonsums?"

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hannelore wuzdorff
Gast

der artikel spricht mir aus der seele.

lange zeit vegetarisch gelebt, konnte ich mich

dem tierleid nicht mehr entziehen und lebe jetzt

vegan. mir geht es gut damit und den tieren wohl auch. eure artikel sind für mich ebenfalls große motivation.

Fuchs Christine
Gast

Bis zu meinem 65.Geburtstag habe ich vegetarisch gegessen. Als ich die schrecklichen Haltungsbedingungen von Hühnern und Milchkühen im Internet sah habe ich mich ganz spontan entschlossen VEGAN zu essen. Ich fühle mich hervorragend und werde die vegane Esskultur beibehalten! Ich hoffe dass endlich mehr Menschen nachdenken!!!

seethaler helmut
Gast

Typisch neuzeitliche dekadenz. Nur moeglich in westlichen konsumdiktaturen . Und in einigen esoterisch fixierten sekten. Leute, denen fad ist und nicht wissen, wofuer sie sich sonst engagieren sollen. Fuer die echte verbesserung der welt sinds unfaehig+zu feig. Na dann setz ma uns halt fuer degenerierte haus+nutz-tiere ein. Froent einem absurden sich kasteienden veganismus. Und verhaetschelt ueberzuechtete haustierchen wie babys. Waehrend taeglich zahlreiche wertvolle echte tierarten der natur aussterben. Eben wegen unserer ignoranten art.
http://www.facebook.com/zetteldichter

lena
Gast

Helmut, immer die gleiche Leier von Menschen, die wohl viel eher als ignorant zu bezeichnen sind als Veganer, die mit ihrem Lebensstil eben genau das Gegenteil beweisen.
Mit Blick auf ihre Internetseite könnte man doch glatt den ersten Teil ihres Kommentars auf ihr künstlerisches Engagement beziehen. Ich mag Kunst. Aber ob sie die Welt eher ändert als ein konsequenter, das Leben und die Natur schützender, Lebensstil? Sie ist wohl eher der neuzeitlichen Dekadenz einer gelangweilten westlichen Konsumkultur geschuldet.

Roberto
Gast

Mein Onkel und meine Tante waren Vegetarier und hatten einen Bio-Gemüsehof. Sie setzten zwei Enten, die auch einen Teich hatten, gegen das Ungeziefer ein. Es war ein idyllischer Zustand, denn keine Strasse führte direkt zum Hof. Diese zwei Enten lieferten auch ab und zu Eier. Ich glaube wohl, dass man unter diesen idyllischen Bedingungen kein schlechtes Gewissen haben muss, wenn man diese Eier verspeist, ansonsten hätte sie man weggeworfen. Bei der Massenproduktion gehe ich mit Euch einig.

seethaler helmut
Gast

inzwischen leb ich fast vegan. aus vielen gruenden. aber mit meiner kritik an esoterischen, sich kasteienden veganerinnen bleibi konform. und: wie kann man "eigene" (haus)tiere mit anderen deshalb getoeteten tieren fuettern ? das ist tier-rassismus. http://www.zettelpoet.at.

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