Wissenschaftler können irren und Krustentiere leiden

Wissenschaftler können irren und Krustentiere leiden

Abermilliarden Krustentiere, wie Hummer oder Garnelen, werden durch die Lebensmittelindustrie gefangen oder gezüchtet, um sie für die menschliche Ernährung zu verwenden. Dabei genießen diese Tiere nicht einmal den geringsten Schutz gegen grausame Behandlung. Es kann mit ihnen prinzipiell alles getan werden, was gewollt wird, eine Praxis, die sich mit der Annahme begründet, dass Krustentiere keinen Schmerz erleben. Sie reagieren angeblich nur reflektorisch auf Schmerzreize, ohne diese aber tatsächlich als unangenehm zu erleben.

Die Vorstellungen, dass Krustentiere keine Schmerzen erleiden können, sind schwerlich vereinbar mit einer neueren Untersuchung von Magie und Elwood (2013), die soeben im Journal of Experimental Biology (2013) veröffentlicht wurde:

Hummer konnten in diesem Experiment zwischen einer dunklen Höhle und einem hellen Aufenthaltsort wählen, wobei sie die dunkle Höhle aufsuchten. Dort erhielten sie einen nicht starken, aber doch deutlichen Elektroschock. Im Anschluss konnte sie erneut wählen und wählten zunächst erneut die dunkle Höhle. Erneut erhielten sie einen Elektroschock, entschieden sich nun aber bei erneuten Wahlmöglichkeit in einemdritten Durchgang sofort gegen die Höhle und für den hellen Aufenthaltsort.

Der evolutionäre Vorteil von Schmerz ist, dass dieser einem Organismus dazu verhelfen kann, Gefahren zu vermeiden. Weil die Hummer den Elektroschock als aversiv erlebt und ihn mit der eigentlich präferierten Höhle assoziiert sowie sich diese Assoziation einprägt, kann er sich nachfolgend gegen das erneute Aufsuchen der Höhle und für den eigentlich nicht vorgezogenen hellen Aufenthaltsort entscheiden.

Natürlich ist es grundsätzlich schwierig, das innere Erleben eines Organismus, mit dem eine direkte sprachliche Verständigung nicht möglich ist, zu ergründen. Sicher ist aber, dass das beobachtete Verhalten der Hummer exakt dem Verhalten entspricht, welches auch von allen anderen Menschen und Tieren bekannt ist, wenn sie Schmerzen erleben.

Die Befunde machen gleichzeitig deutlich, wie fragwürdig es ist, Tieren den Schutz zu verweigern aufgrund einer angeblichen Unfähigkeit, Schmerzen zu erleben.Denndie angebliche Schmerzfreiheit ist in Wirklichkeit keine Tatsache, sondern immer nur eine Theorie, die ebenso gut falsch sein kann. Den Fehler,Tiere nach ihrer Leidensfähigkeit klassifizieren und ihnen erst auf Basis einer solchen Klassifikation ein Recht auf Schmerzfreiheit zuweisen zu wollen, machte übrigens bereits in Animal Liberation der ursprünglich aus Australien stammende Philosoph Peter Singer, der dort diskutierte, inwiefern man beispielsweise selbst als Vegetarier Austern essen könne, da diese über keine Leidensfähigkeit verfügten.

Später fokussierte sich Peter Singer stärker auf den Personen-Begriff im Sinne eines Bewusstseins seiner selbst und erklärte auf dieser Basis, dass eine Alternative zu Experimente mit Schimpansen die Durchführung von medizinischen Experimenten mit Komapatienten seien, die sich in einem Zustand ohne Bewusstsein befänden. Mittlerweile haben die Neurowissenschaften enorme Fortschritte gemacht und aufgrund immer sensitiver werdenden Messverfahren werden zunehmend bewusste Prozesse in Komapatienten im angeblichen vegetativen Zustand entdeckt, die vor Jahrzehnten oder sogar erst wenigen Jahren noch als ausgeschlossen galten (siehe auch hier).

Wäre der Vorschlag von Peter Singer, den dieser niemals widerrufen hat, aufgriffen worden, wären an einer Reihe dieser Menschen womöglich schmerzhafte und tödliche Experimente tatsächlich durchgeführt worden.

Oftmals wird die vegane Lebensweise mit den Ansichten von Peter Singer in Zusammenhang gebracht, der selbst nicht jedoch nicht vegan lebt und auch keine vegane Lebensweise fordert.Tatsächlich ist die vegane Lebensweise jedoch mit dem Gedankensystem von Peter Singer inkompatibel, da sie nicht bereit ist, das Lebensrecht von Menschen oder Tieren möglicherweise bereits in wenigen Jahren widerlegten Annahmen über deren angebliche Bewusstlosigkeit zu opfern.

Die vegane Sichtweise vermeidet die Gefahren der Bio-Ethik von Peter Singer, indem sie nicht auf gegebenenfalls später widerlegte Hypothesen setzt, dass bestimmte Menschen oder Tiere nicht bewusst und nicht leidensfähig seien, sondern indem sie im Sinne eines „Im Zweifel für die Leidensfähigkeit“ für alle Menschen und Tiere eine Behandlung einfordert, die von der Annahme bewusster Prozesse und von Leidensfähigkeit ausgeht. Sie benötigt daher auch keine Experimente, die letztlich ebenfalls grausam sind, auch wenn deren Ergebnisse (wie die hier dargestellten), wenn es zu Gunsten der Tiere geht, dennoch zitierfähig sind. Deshalb werden vegan lebende Menschen niemals Komapatienten für medizinische Versuche missbrauchen. Veganer werden aber auch Krustentiere nicht als Objekte ohne Bewusstsein und Wert einordnen, sondern ihnen allen Schutz gewähren, wie sie ihn auch für andere Tiere einfordern. Die vegane Perspektive lautet daher: Hummer gehören weder in kochendes Wasser noch auf den Speiseplan, sondern in die Meere, wo sie frei und unbehelligt leben können sollen.

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1 Kommentar auf "Wissenschaftler können irren und Krustentiere leiden"

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Ehrengard Becken-Landwehrs
Gast

Woher nimmt der Mensch die Arroganz und Überheblichkeit, Tieren Keine Gefühle zuzugestehen? Dazu brauche ich als Empathie besitzender Mensch keine großen Untersuchungen! Wer Tiere beobachtet, wird feststellen müssen, daß viele Tiere ein komplexes und ausgeprägtes Sozialgefüge besitzen, an der der sich viele Menschen ein Beispiel nehmen könnten. Aber sie wollen es nicht und sie wollen es auch nicht wahrhaben. Ist es Neid, weil dem Menschen klar geworden ist, daß ihm gerade in den letzten Jahrzehnten soziales Verhalten abhanden gekommen ist?! Dieses immer weniger wird? Der Mensch als unsoziales Wesen?

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