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Orlando-Massaker: Gleichberechtigung ist die notwendige Antwort

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Solidarisch gegen homophobe Gewalt
(Bild: Fibonacci Blue)
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In Orlando wurden Schwule, Lesben, Bisexuelle, Transsexuelle und ihre Freunde brutal niedergemetzelt. Ziel des Massakers war die Idee und Praxis einer emanzipatorischen Gesellschaft, die Diversität als Gleichberechtigung und wechselseitige Akzeptanz versteht. Das Massaker gegen Schwule, Lesben, Bisexuelle, Transsexuelle und ihre Freunde in Orlando entpuppt sich so als tiefgreifend reaktionärer Angriff auf eine Lebensart und gesellschaftliche Struktur, die Familie und Sexualität nicht mehr ausschließlich über ein dominantes heteronormatives Leitbild praktiziert und auch die binäre Geschlechternorm zunehmend flexibilisiert. Dem Attentäter ging es um ein Rollback, um den aus Vorurteilen und Hass geprägten Versuch, eine längst nicht mehr aufhaltbare Entwicklung zu stoppen, in der überkommende Sexualitäts- und Familiennormen aufgegeben und durch einen freiheitlichen,emanzipatorischen und diversen Ansatz ersetzt werden. Mindestens wollte er aber wohl in einem hassgetriebenen Rachfeldzug diejenigen bestrafen, die mit ihrem eigenen Leben für die Auflösung des heteronormativen Leitbildes stehen.

 

Das Massaker in Orlanda geht jeden an, der sich für eine emanzipatorische Gesellschaft und den Abbau von Unterdrückungsmechanismen einsetzt. Auch Veganer und Veganerinnen dürfen zu dem Massaker und dem reaktionären-hassverzerrten Geist, der hinter ihm steht, nicht schweigen. Der Veganismus setzt sich nicht nur für die Befreiung der Tiere aus menschengemachter Ausbeutung ein, sondern sein Ansatz ist bei weitem weiter. Denn die Forderung, Tiere von Ausbeutung zu befreien, entstammt dem Streben, Leiden zu beenden oder zu mindern, wo immer es auch nur beendbar oder minderbar ist. Die Forderung nach der Befreiung der Tiere und damit nach einer vegane Lebensweise  ergibt sich hieraus notwendiger, weil Tiere leidensfähig sind. Ebenso notwendigerweise ergibt sich hieraus die Forderung zur Beendigung und Minderung menschlichen Leidens und damit zum Ausstieg aus allen Unterdrückungssystemen, ob sie sich als Rassismus, Sexismus oder Homophobie zeigen. Die vegane Lebenshaltung ist so auf das engste mit anderen emanzipatorischen Bestrebungen verbunden, ergänzt diese lediglich über den oftmals übersehenen Aspekt der Leidensfähigkeit der Tiere und der entsprechenden Unvereinbarkeit der Idee einer emanzipatorischen Gesellschaft mit Tierausbeutung, Nutztierhaltung und Fleischkonsum.

 

Was will der Terrorakt von Orlando erreichen und wie können sich die Vertreter einer emanzipatorischen, offenen und Diversität bejahenden Gesellschaft wirksam zur Wehr setzen?

 

Ob durch fundamentalistische Christen verübte Terrorattacken gegen Familienplanungseinrichtungen, durch fundamentalistische buddhistische Mönche in Myanmar erzeugte Pogrome gegen Muslime oder der jetzige, offenbar durch einen zuvor nicht durch Frömmigkeit aufgefallenen Muslim verübte Massen-Terrorakt gegen Schwule, Lesben, Bisexuelle und Transsexuelle - die Gegner einer diversen und gegenüber Verschiedenheit offenen, diese als Bereicherung auffassenden Gesellschaft wollen der Gesellschaft ihren eigenen anti-emanzipatorischen, kleingeistigen und oftmals hassgeprägten Charakter aufzwingen. Sie wollen reaktionäres und überkommenes Familienbild zum allgemeinen Maßstab erheben und verweigern denjenigen Anerkennung und Wertschätzung, die aus der heteronormativen und binären Geschlechternorm herausfallen. Alle, die nicht in ihr monolithisches Welt- und Gesellschaftsbild passen, sollen sich mindestens nicht in der Öffentlichkeit zeigen und sich verstecken, oder es wird ihnen gar Schikane, Verfolgung und im schlimmsten Fall der Tod angedroht.

 

Das Massaker gegen Schwule, Lesben, Bisexuelle, Transsexuelle und ihre Freunde wird bereits jetzt – Beispiel ist der US-Präsidentschaftskandidat Donald Trump – von menschenverachtend gesinnten Kreisen genutzt, um gegen Muslime und Einwanderer zu hetzen. Dies sollte aber nicht den Blick auf die wahren Zusammenhänge verstellen:

 

Anti-emanzipatorischer Geist trennt nicht, sondern vereint diejenigen, die nur scheinbar ärgste Gegner sind. Was sonst sollte uns in der bundesrepublikanischen Diskussion der Zwischenruf des AfD Abgeordneten Gehlmann im Landesparlament von Sachsen-Anhalt sagen?  Als über die Ausgrenzung, Schikanierung und Verfolgung Homosexueller in den Maghrebstaaten gesprochen wurde, äußerte dieser Abgeordnete ausweislich des Protokolls: „Das sollten wir in Deutschland auch machen!". Verachtung gegenüber Lesben und Schwulen lässt einen AfD Abgeordneten hier also implizit das Loblied auf Staaten mit muslimischer Mehrheitsbevölkerung singen, während seine Partei ansonsten nicht für legitime und befreiende Religionskritik, sondern für reaktionäre Islamphobie und Islamhass bekannt ist.

 

 Tatsächlich ist dies kein Widerspruch, sondern es steht im Hintergrund  ein tiefgreifendes Ressentiment gegen Diversität und Vielgestaltigkeit, welches sich gegen jede Gruppe und jeden einzelnen Menschen wendet, der nicht in das enge, anti-emanzipatorische und hochgradig kleingeistige Familien- und Gesellschaftsbild der AfD passt. Muslime gehören hier nicht dazu, aber eben Schwule, Lesben, Bisexuelle und Transsexuelle ebenso wenig. Die Ablehnung des Islam ist bei diesen reaktionären Kräften also nicht Ausdruck einer kritisch alle Religionen umfassenden Reflexion, sondern sie resultiert aus der Ablehnung von Diversität und speist sich damit aus der gleichen Quelle, aus der ebenfalls Ablehnung Hass gegen Schwule, Lesben, Bisexuelle, Transsexuelle und Intersexuelle entstehen kann. Die Ablehnung der Diversität vereint so auf einer gewissen Ebene im Geist die Kleingeister der AfD mit dem Attentäter von Orlando, womit keine Gleichsetzung ihrer Handlungen impliziert wird.

 

Es genügt aber nicht, wenn die Mehrheitsgesellschaft sich nunmehr in selbstgerechter Empörung über den Terroranschlag einig ist. Es genügt auch nicht, sich ausschließlich von der AfD, Pegida und anderen anti-emanzipatorischen Kräften zu distanzieren. Erforderlich ist vielmehr ein klares Signal an alle Opfer und potentiellen Opfer eines auf Ausgrenzung ausgelegten Gesellschaftsbild, dass die Gesellschaft sich dieser Ausgrenzung verweigert, zu ihnen steht und sie als inhärenten Teil von sich selbst versteht. Dies betrifft auch die aktuelle Diskussion um Flüchtlinge und sichere Herkunftsländer: Wer Staaten, in denen Homosexuelle, Bisexuelle und Transsexuelle schikaniert, verfolgt, inhaftiert und gefoltert werden, als sichere Herkunftsländer definiert, der spült Wasser auf die Mühlen der anti-emanzipatorischen Kräfte und erweist dem Attentäter von Orlando einen Gefallen!

 

Wie sollte, nein muss eine emanzipatorische Gesellschaft auf den Terrorakt von Orlando also reagieren?

 

Den Gegnern von Emanzipation und Diversität darf nicht nachgegeben werden.  Die einzig richtige und notwendige Antwort auf den Terror lautet deshalb, die vollständige Gleichberechtigung Homosexueller, Bisexueller und Transsexueller entschieden voran zu treiben, ebenso wie die Gleichberechtigung von Menschen mit drittem Geschlecht im Sinne einer Aufgabe der binären Geschlechternorm. Veganer sollten diese Forderung lautstark erheben, um sich als Teil einer Emanzipationsbewegung zu erweisen, für die Menschenrechte und Tierrechte untrennbar sind. Die Praxis der Diversität ist die  wirksamste Methode, um den Fanatikern einer monolithischen Gesellschaft mit nur einer Religion, einer Form der Familie, einer Kultur, einer Lebensart und einer Denkweise Einhalt zu gebieten. Es wäre zu wünschen, wenn sich dies auch in der Bundesrepublik Deutschland die Bundesregierung zu herzen nehmen würde, um endlich die Gleichberechtigung Homosexueller, Bisexueller, Transsexueller und Intersexueller zu gewährleisten, die nach wie vor – auch im europäischen Vergleich – einen dramatischen Rückstand aufweist.

 

Das Massaker von Orlando ist – wie alle anderen Hasstaten – ein Aufruf an uns alle und entsprechend auch an die vegane Community, sich dem anti-emanzipatorischem Geist zu verweigern und sich mit denen zu solidarisieren, die Opfer von Unterdrückung, Ausgrenzung und Gewalt sind oder zu werden drohen. Der Platz von Veganern ist dabei an der Seite der Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Transsexuellen und Intersexuellen, die für ihre vollständige Gleichberechtigung kämpfen.

 

Verfasser: Guido F. Gebauer

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Kommentar von Martin |

Der Text wiederholt sich öfters, ansonsten finde ich ihn aber sehr gut geschrieben. Ich frage mich, wieviele Veganer eigentlich der hier ausgedrückten Meinung zustimmen, dass Tierrechte auch Menschenrechte einbeziehen müssen, gerade weil ich öfters mal im Internet von Veganern lese, dass Menschen so böse seien und vom Planeten ausradiert werden sollten. Aber tatsächlich finde ich es auch selbst etwas problematisch, im Rahmen einer veganen Aktion auf Menschenrechte einzugehen, weil damit der ursprüngliche Fokus aus den Augen verloren gehen könnte und, so dumm sich das jetzt auch anhört, sich bereits sehr viele andere Organisationen um Menschenrechte kümmern. Und in der Summe werden wir stark. Wenn alle veganen Aktivisten auch noch Menschenrechte in ihr Programm mitaufnehmen, sehe ich die Gefahr, dass den Tieren, die eben immer noch ein tristes oder gar qualvolles Leben in den Ställen führen und zu Milliarden abgeschlachtet werden, nicht so schnell geholfen wird, weil sonst fast niemand für sie kämpft. Aber immerhin würde man damit aktiv dem Vorurteil begegnen, dass sich Veganer angeblich ausschließlich für nichtmenschliche Tiere interessieren und [ hier beliebiges humanitäres Problem ] viel wichtiger sei. Auch wenn es natürlich enge Zusammenhänge zwischen Karnismus, Rassismus, Sexismus und Homophobie gibt, würde es heutzutage vielleicht noch zu Verwirrungen führen, wenn ein veganer Infostand etwa über alle diese Themen gleichzeitig informiert. Erfahrungsgemäß sind die Leute bereits mit dem Karnismus überfordert oder leugnen gar, dass es so etwas gibt.