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Vegan und Bio-Fleisch

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Zwischen der veganen Lebensweise und der biologischen Landwirtschaft besteht wegen der Nutztierhaltung ein Spannungsverhältnis

Biolandwirtschaft ist gut für die Umwelt, wenn sie auf Nutztierhaltung verzichtet

Gemeinsame Grundeinstellungen

 

Zwischen Vertretern der veganen Lebensweise und der biologischen Landwirtschaft bzw. der Konsumenten von deren Produkten bestehen viele Gemeinsamkeiten, die sie eigentlich als natürliche Bündnispartner erscheinen lassen:

 

So wendet sich die biologische Landwirtschaft mit ihren verschiedenen Anbauverbänden gegen die Zerstörung unserer Umwelt, gegen die nicht vorhersehbaren Risiken der Gentechnologie in der Landwirtschaft, und für die Erhaltung von Artenvielfalt und Biotopen. Sie bemüht sich um eine umweltverträgliche Landwirtschaft, die damit auch menschen- und tiergerecht sein soll. Sie verzichtet auf die Steigerung der Erträge und der Gewinne um jeden Preis und vermeidet daher die Verwendung chemischer Pestizide und Düngemittel, die kurzfristig Erträge steigern, langfristig aber mit erheblichen oder mindestens möglichen Umwelt- und auch Gesundheitsrisiken einhergehen.

 

Vertreter der biologischen Landwirtschaft anerkennen zudem die negativen Folgewirkungen von Fleischkonsum auf die menschliche Gesundheit und die Umwelt und plädieren vor diesem Hintergrund für Fleischreduktion. Sie betonen die Notwendigkeit einer artgerechten Tierhaltung und zeigen mithilfe von Maßnahmen, wie Vorschriften zu Platz und Auslauf, Vermeidung leiderzeugender operativer Eingriffe ohne Betäubung oder maximaler Transportzeiten, Bemühungen, Leid von Tieren zu begrenzen. Vertreter der biologischen Landwirtschaft stimmen grundsätzlich mit dem Veganismus dahingehend überein, dass Tiere leidensfähige Wesen sind, deren Bedürfnisse mit zu berücksichtigen sind. 

 

Vertretern von Veganismus und biologischer Landwirtschaft ist so letztlich gemeinsam das Bekenntnis zu einer umwelt-, tier- und menschenfreundlichen Welt, die individuellen und gesellschaftlichen Werten von Nachhaltigkeit, Fairness und Verträglichkeit Priorität zuweist vor Gewinnstreben.

 

Differenzen zwischen Veganismus und der biologischen Landwirtschaft mit Nutztierhaltung

 

Ein Großteil der der Massentierhaltung kritisch gegenüber stehenden Personen sieht die Lösung der auch durch sie beklagten Problematik von Tierausbeutung und Umweltzerstörung in einer Förderung der Produktion und des Konsums von Bio-Fleisch.

 

Eine vergleichbare Argumentation wird im Rahmen von Öffentlichkeitsarbeit und Werbung der Öko-Produzenten immer wieder zum Ausdruck gebracht wird.

 

Auch die aktuellen Demonstrationen gegen den agro-chemischen Komplex sind von dieser Grundüberzeugung geleitet, sehen das Übel bezüglich der Nutztierhaltung allein in der Massentierhaltung, die sie daher durch eine tiergerechtere Alternative im Sinne der Bio-Haltung ersetzen möchten.

Dieser Argumentation stimmt der Veganismus aus tierrechtlicher, ökologischer und sozialer Sichtweise nicht zu  und steht der ökologischen Tierhaltung mit ihrer Produktion von Bio-Eiern, Bio-Milch und Bio-Fleisch vielmehr ablehnend gegenüber.

 

Auf diese vegane Position reagieren wiederum nicht-vegan lebenden Protagonisten von biologischer Landwirtschaft und Öko-Nutztierhaltung nicht selten mit Unverständnis, wobei dieses Unverständnis von fleischessenden wie auch von vegetarisch lebenden Personen zum Ausdruck gebracht wird. Der Vorwurf lautet, dass die vegane Argumentation hier eine Extremposition darstelle und damit letztlich sogar die Interessen der Tiere gefährde, da sie nicht für eine Ersetzung der Massentierhaltung durch eine ökologisch orientierte Tierhaltung eintrete.

 

Mit diesem Beitrag möchten wir es nicht-vegan lebenden, aber ökologisch orientierten Menschen, erleichtern, die vegane Sichtweise zu verstehen. Umgekehrt möchten wir vegan lebenden Menschen, die sich mit der Kritik nicht-vegan lebender Menschen in ihrem Alltag  auseinandersetzen müssen, aus unserer Sichtweise überzeugende Argumente für den veganen Standpunkt an die Hand geben.:

 

Tiere als Subjekte mit Rechten versus Nutzobjekte

 

Aus veganer Sichtweise werden Tiere, zu denen biologisch auch der Mensch zählt, als Wesen betrachtet, die leidensfähig sind und ein Streben nach Leben zeigen. Dem dürften auch nahezu alle Vertreter der ökologischen Nutztierhaltung zustimmen. Die vegane Ethik legt aber darüber hinausgehend legitime und illegitime Handlungsweisen für uns Menschen gegenüber diesen Wesen fest, indem sie Rechte für Tiere postuliert, 1. nicht außerhalb von Notwehrsituationen durch uns getötet zu werden (Lebensrecht) sowie 2. vor vermeidbarem und außerhalb von Notwehrsituationen zugefügtem Leid durch uns geschützt zu werden. Tiere werden in der veganen Sicht also als Subjekte mit einem Recht auf ein, soweit es das menschliche Handeln betrifft, möglichst leidfreies Leben betrachtet.

 

Die Öko-Tierhaltung weist demgegenüber Tieren im Hinblick auf menschliche Handlungen keine Rechte auf Leben und auch nicht auf Leidfreiheit zu. Ein Recht auf Leben wäre unvereinbar mit der Schlachtung von Tieren. Auch wenn Öko-Betriebe den durch sie gehaltenen Tieren ein etwas längeres Leben zugestehen  als konventionelle Betriebe, orientiert sich die Bestimmung der Lebensdauer der Tiere bei diesen ebenso wie bei konventionellen Betrieben anhand betriebswirtschaftlicher Kriterien. Tiere haben in der Bio-Tierhaltung also kein Lebensrecht, sondern sie dürfen ,getötet werden, wenn dies aufgrund des Erreichens eines bestimmten Gewichtes oder nachlassender Eier- oder Milchproduktion aus wirtschaftlicher Sichtweise als sinnvoll erscheint. Ebenso wenig haben Tiere in der Öko-Nutztierhaltung ein Recht auf nicht durch den Menschen zugefügtes Leid, da aus wirtschaftlicher Sichtweise erforderliche Prozesse des Transportes und der Schlachtung nicht leidfrei möglich sind. 

 

Tiere in der Öko-Haltung sind keine Subjektive mit Rechten auf Leben und Leidfreiheit, sondern Nutzobjekte. Rechte werden ihnen nur insofern zugestanden, als dass sichergestellt bleibt, dass diese Recht nicht den Nutzobjektcharakter der betroffenen Tiere verändert. Übrigens bleibt es auch in der Sprache, wenn über die Tiere gesprochen wird, bei Begriffen, wie Schlachtgewicht oder Schlachtkörper, die deutlich machen, dass das Leben dieser Tiere auf ihren Zweck als  Nutzobjekt für den Menschen ausgerichtet ist.

 

Anders als aus veganer Sichtweise können Tiere aus Sichtweise der Öko-Nutztierhaltung - wie andere Güter auch - käuflich erworben und veräußert werden und der Besitz über sie ist so total, dass er auch das Recht zur Tötung einschließt. Auch in der Öko-Tierhaltung ist das Tier so letztlich hilflos dem Menschen, der ihm das Leben nimmt, ausgeliefert. Die vegane Sichtweise lehnt diesen Nutzobjektcharakter von Tieren ab und steht damit notwendigerweise auch der Öko-Nutztierhaltung ablehnend gegenüber.

 

Bessere Behandlung versus Abschaffung von Unrecht

 

In der Öko-Nutztierhaltung soll das Leid der Tier soweit gemindert werden wie dies möglich ist und den wirtschaftlichen Interessen der Betriebe nicht entgegen steht. Es geht um die Minderung von durch menschliches Handeln bedingten Stress und Leidens, aber in den Grenzen, die durch den wirtschaftlichen Zweck der Nutztierhaltung gesetzt werden. Begrifflichkeiten, wie „respektvoller Umgang mit dem Tier“,  bedeuten hier nicht, dass dem Tier ein Subjektcharakter mit Rechten auf Leben und Leidfreiheit  zugestanden wird. Der geforderte „respektvolle“ Umgang mit Tieren in der Öko-Nutztierhaltung ist insofern, wenn er mit den konkreten Sachverhalten der Züchtungen, Transporte und Tötungen kontrastiert wird, entweder sehr abstrakt oder er steht im Widerspruch zur eigenen Praxis.

 

Die Tierhaltung in der biologischen Landwirtschaft erhebt nicht den Anspruch, das Tieren durch Menschen zugefügte Leid abzuschaffen, sondern sie strebt eine Beschränkung dieses Leidens auf ein bei Berücksichtigung der wirtschaftlichen Interessen verantwortbares Maß an, wobei allerdings unbestimmt bleibt, wie dies verantwortbare Maß festgelegt wird und  zu welchen Anteilen hier Interessen des Tieres und wirtschaftliche Überlegungen einfließen. Die Sachlage, dass auch die biologische Tierhaltung beispielsweise für die Eierproduktion auf den Bezug von Küken aus Brütereien zurückgreift,  bei denen Küken unter offensichtlich hochgradig belastenden Bedingungen in großen Zahlen  nach Geschlecht ausgelesen, die männlichen Küken unbetäubt zerschreddert oder vergast und die weiblichen dann in die Bio-Betriebe transportiert werden, macht jedoch deutlich, dass den wirtschaftlichen Interessen überwiegendes Gewicht zugewiesen wird (siehe hier Erläuterungen von Bioland). Der nach eigener Lesart „respektvolle Umgang“ mit den Tieren in den Bio-Betrieben  schließt also selbst die Erzeugung hohen Leides nicht aus, wenn dies als wirtschaftlich opportun betrachtet wird.

 

Tatsächlich wird beim Bio-Fleisch oft das Leid der Tiere, von dem es stammt, nicht gesehen, sondern es wird an das von der Werbung verbreitete Bild der glücklichen Tiere gedacht, welches jedoch mit der Realität des Lebens der Bio-Tiere kaum etwas zu tun hat. Auch Bio-Tiere dürfen nur einen Bruchteil ihrer natürlichen Lebenszeit leben, werden getrieben und transportiert, unterliegen in ihrem Sozialleben der kompletten Kontrolle durch den Menschen und erleiden am Ende einen leidbesetzten Tod, wobei selbst bei optimaler Durchführung von Schlachtungen eine Betäubungssicherheit niemals für jedes Tier gesichert werden kann und daher nach wissenschaftlichen Befunden bei Festhalten am Fleischkonsum einzelne  Tiere immer einen Tod in Qualen erleiden werden. Von der Würdigung dieser Sachlage durch den Konsumenten wird aber durch das Marketing der Bio-Tierprodukte systematisch abgelenkt, was durchaus an die irreführenden Werbemethoden der konventionellen Tierausbeutungsindustrie erinnert.

 

Es soll hier nicht bestritten werden, dass es Tieren in der Öko-Tierhaltung im Durchschnitt und in der Gesamtbilanz mehr oder weniger besser geht als Tieren in der konventionellen Massentierhaltung. Die Öko-Tierhaltung tritt insofern ein für eine Verbesserung der Lebensbedingungen von Tieren im Vergleich zur industriellen Massentierhaltung, aber bei Aufrechterhaltung von Tierleid , sofern sich dieses sachlogisch aus den Produktionserfordernissen (z.B. Tötung für die Fleischgewinnung) ergibt  oder aber wirtschaftliche Interessen so deutlich einer Nicht-Zufügung des Leides entgegenstehen, dass das Leid aus ökonomischen Gründen in Kauf genommen wird.

 

Aus veganer Sichtweise geht es nicht darum, Leid dauerhaft aufrechtzuerhalten und dieses lediglich in Abhängigkeit von der wirtschaftlichen Profitabilität mehr oder weniger stark zu mindern, sondern die Zufügung von Leid und die Tötung von Tieren durch den Menschen soll auf Notwehrsituationen beschränkt bleiben. Für die menschliche Ernährung sind Tierprodukte verzichtbar, so dass die Öko-Tierhaltung gemäß der veganen Grundauffassung ethisch nicht gerechtfertigt ist. Vielmehr betrachten Veganer intentionale Leidzufügung und Tötung von Tieren außerhalb von Notwehrsituationen als ein Unrecht, welches es abzuschaffen gilt. Hier besteht ein Grunddissens zwischen der veganen Sichtweise und der Sichtweise der Nutztierhalter.

 

Fleischkonsum versus Fleischverzicht

 

Die Öko-Nutztierhaltung ist darauf angewiesen, dass Menschen Fleisch essen. Denn die Produktion von Milch und Eiern ist notwendigerweise und unauflösbar an die Fleischproduktion gekoppelt. Männliche Tiere dienen vorwiegend der Produktion von Fleisch, weibliche Tiere werden ebenfalls geschlachtet, wenn sich ihre Legeleistungen oder Milchproduktionsleistungen abschwächen und sie damit für die Betriebe nicht mehr profitabel sind. Kein Tier in der Öko-Haltung stirbt an Altersschwäche.

 

Während die Öko-Nutztierhaltung insofern einen moderaten Anteil an Vegetariern gut verkraften kann, weil sie diesen Milch und Eier und den Nicht-Vegetariern das Fleisch verkauft, würden ihre Grundlagen durch  eine allgemein vegetarisch lebende Gesellschaft gefährdet werden. Im Interesse der Öko-Nutztierhaltung liegt insofern die Aufrechterhaltung einer omnivoren Ernährungspraxis bei Akzeptanz eines moderaten Vegetarier-Anteils, während vegan lebende Menschen mit ihrer Lebensweise den Interessen der Öko-Nutztierhaltung zuwider handeln.

 

Da jedoch die schädlichen Auswirkungen von Nutztierhaltung auf die Umwelt und die gesundheitsschädigenden Auswirkungen von Fleischkonsum mittlerweile immer bekannter werden und die biologische Landwirtschaft eigentlich Umweltschutz und Gesundheitsförderung tatsächlich anstrebt,  gerät die Öko-Nutztierhaltung in ein Dilemma, welches sie versucht durch die Unterstützung der Forderung nach Fleischreduktion aufzulösen. Entsprechend treten auch Bio-Anbauverbände, wie Bioland, für Fleischreduktion ein.

 

Das Plädoyer für Fleischreduktion schadet den wirtschaftlichen Interessen der Öko-Nutztierhalter nicht, da diese ohnehin nur einen verschwindend kleinen Martkanteil besetzen und die Kosten für Bio-Fleisch  deutlich höher liegen als für konventionelles Fleisch.. Umgekehrt hilft dies Plädoyer aber bei der Reduktion von erlebter Dissonanz zu anderen eigenen Werten wie auch bei der Außendarstellung.

 

Der durch die Öko-Nutztierhalter offiziell propagierten Fleischreduktion  steht die vegane Forderung nach Fleischverzicht entgegen. Da Fleisch oder auch andere Tierprodukte für die menschliche Ernährung nicht erforderlich,  aber notwendigerweise mit Tierleid verbunden sind, streben Veganer keine Fleischreduktion, sondern einen Fleischverzicht an, was die vegane Sichtweise erneut von der Sichtweise und den Interessen der Bio-Nutztierhalter unterscheidet. 

 

Erreichbare versus unerreichbare Forderungen?

 

Auch aus Tierschützersicht mag gegen die vegane Position eingewandt werden, dass es komplett unrealistisch sei, dass die Menschen aufhören, Fleisch zu essen oder gar vegan zu leben, und dass daher die Förderung einer ökologischen Tierhaltung und einer damit verbundenen Fleischreduktion im Interesse der Tiere liege. Indem Veganer eine unrealistische Fundamentalposition verträten, schadeten sie am Ende  den Tieren, weil sie so Menschen nicht erreichen, sonder eher abschrecken würden, ließe sich fortsetzen.

 

Zu unterscheiden ist zwischen Strategie und Prinzip:

 

Wohl unstrittig sein dürfte, dass zum gegenwärtigen Zeitpunkt viele Menschen für einen Fleischverzicht und eine vegane Lebensweise nicht gewinnbar sind. Entsprechend sehen Veganer die angestrebte vegane Gesellschaft als ein Langzeitziel, dessen Möglichkeit sie bereits jetzt als lebende Modelle aufzeigen. Wenn Menschen nicht für Fleischverzicht oder eine vegane Lebensweise erreichbar sind, wären Fleischreduktion oder eine vegetarische Lebensweise in der Tat als ein Fortschritt im Sinne einer Annäherung an das Ziel zu bewerten.

 

Wenn auch aus veganer Sichtweise unter den gegenwärtigen Bedingungen bereits eine Fleischreduktion oder noch besser eine vegetarische Lebensweise als positive Zwischenschritte zu bewerten sind, bedeutet dies aber nicht, dass Veganer von daher Fleisch- und Tierproduktekonsum positiv gegenüber stehen oder diesen Legitimität zusprechen müssten. Fleischkonsum und Tierproduktekonsum im Allgemeinen sind aus veganer Sichtweise vielmehr ein Übel, wobei entsprechend Fleischreduktion nach wie vor ein Übel, wenn auch ein kleineres Übel ist.

 

Die kritische Frage ist, ob das Eintreten für eine vegane Lebensweise – und damit auch die Ablehnung der Öko-Nutztierhaltung – einer Reduktion des Fleischkonsumes am Ende entgegenstehen und damit auch aus veganer Sichtweise schädigend sein könnte?

 

Wäre dies der Fall, müssten sich Veganer aus strategischen Gründen im Interesse der Tiere tatsächlich überlegen, ob sie ihr Eintreten für eine vegane Gesellschaft unter den gegenwärtigen Bedingungen beenden sollten..

 

Für eine solche Annahme, dass das Eintreten für eine vegane Lebensweise eine Fleischreduktion verhindert und damit den Fleischkonsum stabilisiert, gibt es jedoch keinerlei Belege.

 

Sozialpsychologische Studien zum Einfluss von Minderheiten durch Moscovici weisen darauf hin, dass Minderheiten am ehesten dann eine Mehrheit langfristig beeinflusssen, wenn sie ihre Position entschieden und konsistent vertreten, während Minderheiten eher dem Mehrheitseinfluss unterliegen, wenn  sie die Entschiedenheit ihrer Position abmindern. Minderheiten, die Einfluss auf die Gesellschaft nehmen wollen, sollten daher ihre Positionen nicht deshalb entschärfen, weil diese derzeit in der Gesellschaft nicht als durchsetzbar erscheinen, sondern sie sollten, wenn sie echten Einfluss ausüben wollen,  gerade aufgrund ihrer Abweichung von der Mehrheitsmeinung ihre Position umso klarer, entschiedener und konsistenter vertreten.

 

Angewandt auf das Ziel der Abschaffung des durch die Nutztierhaltung bedingten Tierleides bedeutet dies,  dass die ethische Illegitimität jedes Fleisch- und Tierproduktekonsumes, auch  der Produkte aus Öko-Tierhaltung, konsequent durch vegan lebende Menschen vertreten werden sollte, ohne dass der Vorwurf berechtigt wäre, dass diese damit einer Verbesserung der Haltungsbedingungen und damit den Interessen der Tieren entgegenstünden.

 

Allerdings gilt hier das Prinzip „Das eine tun und das andere nicht lassen“. Einerseits ist auf den Unrechtcharakter der Tiernutzung hinzuweisen und an dieser Position festzuhalten, andererseits ist dennoch im Interesse der Tiere  anzuerkennen, dass Fleischreduktion oder Verbesserung von Haltungsbedingungen positive Teilschritte sind, die  zu würdigen sind, auch wenn gleichzeitig herauszustellen ist, dass diese Teilschritte nicht genug sind, sondern ein, wenn auch kleineres, Übel fortbesteht und ebenfalls beseitigt werden sollte. Hier kommt sicherlich auch der Verbreitung von positiven Informationen über die vegane Lebensweise und ihre Umsetzbarkeit maßgebliches Gewicht.

 

Im übrigen ist es zweifelhaft, dass die  Öko-Haltung zu einer Fleischreduktion oder der Reduktion der noch stärker mit Leid besetzten Massentierhaltung beitragen würde. Im Gegenteil mag die bloße Existenz der Öko-Tierhaltung bereits genügen, um die  Unrechts-Assoziation, die mit Fleisch verbunden ist, zu senken und damit einen Fleischkonsum mit besseren Gewissen zu ermöglichen. So mag auch der ganz gelegentliche Einkauf von Öko-Fleisch ein gutes Mittel sein,  um innere Dissonanzen zu mindern und den ansonsten mehrheitlich auf den Konsum von Fleisch aus Massentierhaltungen ausgerichteten Ernährungsstil mit geringeren Bedenken fortzusetzen. Diese Möglichkeit ist nicht nur theoretisch, wenn bedacht wird, dass in Diskussionen mit fleischessenden Menschen sehr oft auf Öko-Fleisch verwiesen wird und zwar auch von solchen Personen, die selber kein oder fast kein Öko-Fleisch konsumieren. Allein die Existenz des Öko-Fleisches scheint zu genügen,  um auch Fleisch im Allgemeinen mit besserem Gewissen zu konsumieren. Damit ist es möglich, dass das Bio-Fleisch am Ende nicht zur Fleischreduktion beiträgt,  sondern de facto, gegen die eigentliche Intention, der Stabilisierung des Fleischkonsums und sogar der  Massentierhaltung dient. 

 

Öko-Fleisch mag ebenfalls zu einer Steigerung des Fleischkonsums führen, wenn eigentlich bereits vegetarisch lebende Menschen erneut beginnen, Fleisch zu konsumieren, weil sie der Auffassung sind, dass durch das Bio-Fleisch  die ethischen Probleme des Fleischkonsums beseitigt würden.

 

Vegan lebende Menschen sollten für alle Möglichkeiten eintreten, unnötig durch Menschen erzeugtes Tierleid auch dann bereits zu mindern, wenn es noch nicht abgeschafft werden kann. Ein Einsatz für bessere Tierschutzbestimmungen, verbesserte Haltungsbedingungen, kürzere Transporte oder eine höhere Betäubungssicherheit bei der Schlachtung ist insofern im Interesse der Tiere gerade auch von vegan lebenden Menschen zu erwarten, ohne dass diese sich damit aber zufrieden geben müssten oder sollten.

 

Vielmehr ist die eindeutige Stellungnahme für die vegane Lebensweise, einschließlich der Kritik am Bio-Fleisch,  im Interesse der Tiere und der Arbeit am Ziel einer künftigen veganen Gesellschaft zu erwarten, was aber einhergehend sollte mit dem zusätzlichen Einsatz für eine Verbesserung realer Haltungsbedingungen.

 

Umweltverträglichkeit der Bio-Tierhaltung?

 

Typischerweise besteht die Vorstellung, dass die Bio-Tierhaltung besonders umweltverträglich sei. Nicht selten ist dies ein wichtiges Argument für Bio-Produkte, zumal mittlerweile etabliert ist, dass die Nutztierhaltung ein führender Faktor der weltweiten Umweltzerstörung,, einschließlich Entwaldung, Wasserverschmutzung und der Freisetzung klimaschädlicher Gase ist (siehe vorherige Beiträge auf vegan.eu hier, hier, hier, hier und hier).

 

Wissenschaftliche Befunde lassen jedoch großen Zweifel an der Umweltverträglichkeit der Bio-Nutztierhaltung aufkommen, zumal diese sogar mit höheren Landerfordernissen einhergeht als die konventionelle Tierhaltung. Ebenso wenig gibt es Belege für eine geringe Klimaschädlichkeit der Öko-Nutztierhaltung.

 

Bereits jetzt werden 70% aller landwirtschaftlich genutzten Flächen weltweit für die Nutztierhaltung verwandt, wobei die Landwirtschaft bereits ca. 30% der nicht durch Eis und Wasser bedeckten Erdoberfläche einnimmt. Die Öko-Nutztierhaltung trägt nicht zu einer Entschärfung dieser Probleme bei, sondern würde bei bedeutsamer Ausdehnung eher sogar spezifisch die Probleme des Flächenbedarfes und damit die Zerstörung von Naturlandschaften weiter forcieren.

 

Wissenschaftliche Befunde zeigen, dass die vegane Lebensweise die umweltverträglichste Form der Ernährung ist, wobei eine vegane Ernährung, die auf Produkte der konventionellen Landwirtschaft zurückgreift, nach wie vor umweltverträglicher ist als eine vegetarische oder gar omnivore Ernährung, die Produkte der Bio-Landwirtschaft  nutzt. Dies ist kein Plädoyer für die konventionelle Landwirtschaft, sondern für eine vegane Lebensweise, deren umweltverträglicher Effekt noch gesteigert werden kann, wenn sie auf der Basis einer bio-veganen Landwirtschaft stattfindet.

 

Soziale Folgen der Nutztierhaltung

 

Jede Form der Ernährung auf der Basis von Tierprodukten ist eine Ressourcenverschwendung. Denn die Tiere benötigen den größten Teil der aufgenommenen Energie, um ihre eigenen Lebensprozesse aufrechtzuerhalten und nur ein kleiner Anteil wird in durch den Menschen verwertbare Produkte, wie Fleisch, Milch oder Eier umgesetzt.

 

Alle Nutztiere essen bei weitem mehr pflanzliches Protein als ihnen an tierischem Protein entnommen wird.  Auch ist es eine Illusion, dass die Tiere von Gras leben würden , ganz zu schweigen davon, dass es keineswegs aus Umweltsicht wünschenswert ist, wenn Wälder Weiden weichen müssen. Tatsächlich wird in der konventionellen wie auch in der Bio-Tierhaltung Getreide oder extra für die Tiere angebautes Futter, was wiederum Flächen verbraucht, zugefüttert. Weltweit konsumieren die Nutztiere sogar 90% der Sojaernte und ungefähr ein Viertel der weltweiten Getreideernte, wobei zahlreiche  weitere Flächen durch den Anbau ausschließlich für Tiere gedachter Futterpflanzen belegt werden.

 

Während eine Milliarden Menschen in Hunger lebt, verfüttern wir ein Vielfaches der Menge an pflanzlichen Nahrungsmitteln, die diese Menschen zum Überleben bräuchten,  an unsere Nutztiere, denen wir wiederum Leid zufügen, damit wir sie konsumieren können. Der Preis pflanzlicher Lebensmittel steigt dabei als Folge weltweit, weil er durch die Nutztierhaltung aufgrund der durch sie bedingten Nachfrage nach pflanzlichen Lebensmitteln und  Böden, die für ihre Erzeugung erforderlich sind, in die Höhe getrieben wird. So können sich die ärmeren Menschen oftmals die für ihr Überleben dringend erforderlichen pflanzlichen  Lebensmitteln nicht mehr leisten (siehe hier zu den Zusammenhängen von Nutztierhaltung und Hunger).

 

Hinzu kommt, dass pflanzliche Lebensmittel leichter und mit weniger Energieaufwand lagerbar und transportierbar sind, was die Umwelt entlastet und gleichzeitig auch die notwendige Verteilung an die Menschen, die sie zum Überleben benötigen, erleichtert.

 

Die Grundprobleme sind für die konventionelle und die Bio-Tierhaltung die gleichen. Die Fokussierung auf Tierhaltung, ob konventionell oder bio, steht der notwendigen Fokussierung auf die Produktion und Verteilung preiswerter pflanzlicher Lebensmittel entgegen und fördert den Hunger in der Welt.

 

Schlussfolgerungen

 

Obwohl Menschen, die vegan leben, und  Menschen, die sich für die biologische Landwirtschaft einsetzen, vielfältige Ähnlichkeiten in ihren Einstellungen aufweisen,  werden sie doch durch die Frage der Nutztierhaltung auseinanderdividiert. Dabei stehen Veganer im Interesse der Tiere, der Umwelt und der Menschen der Nutztierhaltung ablehnend gegenüber, was ebenfalls die Bio-Tierhaltung betrifft, da diese in Wirklichkeit keinem der Grundprobleme der Nutztierhaltung abhilft.

 

Wenn vegan lebende Menschen daher gegen Bio-Fleisch argumentieren, tun sie dies nicht als Gegner der biologischen Landwirtschaft, sondern als Befürworter derjenigen Ziele, die eigentlich auch die Vertreter der biologischen Landwirtschaft mit ihnen teilen, deren Umsetzung aber durch den aus veganer Sichtweise zu bedauernden Einbezug der Tierhaltung in die biologische Landwirtschaft verhindert wird.

 

Der Veganismus tritt daher ein für eine biologische Landwirtschaft ohne Tierhaltung als bestem Weg, um den Interessen der Menschen und der Tiere sowie dem damit zusammenhängenden notwendigen Schutz unserer Umwelt gerecht zu werden.Hierzu gehört es auch, mit Vertretern der biologischen Landwirtschaft in einen Dialog zu treten, um diese grundsätzlich für Nachhaltigkeit und Tierschutz aufgeschlossene Personengruppe von Sinn und Möglichkeit einer biologischen Landwirtschaft zu überzeugen, die die eigentlichen Ideale einer ökologischen Landwirtschaft erfüllt und deshalb auf Nutztierhaltung verzichtet.

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Kommentar von Betti |

Die kritische Gegenüberstellung Bio-Nutztierhaltung und Veganismus ist hier oben sehr präzise wiedergegeben worden. Gratulation. Bio-Tierhaltung ist nur ein schöneres Wort, um gleichermassen (mit äusserst gerinfügigen besseren Tierhaltungs-Methoden als inakzeptabler und lauwarm versuchter Werbegag, um Augenwischerei zu treiben und den menschlichen Kunden das schlechte Gewissen ein wenig zu nehmen), eine Art Rechtfertigung für die Tierausbeutung auf dem Bio-Markt. Wir haben die Biomilch-Lüge, die Biofleisch-Lüge, die Bio-Eierlüge, die gesamthafte Bio-Tierhaltungs-Lüge, die mit nichts zu rechtfertigen ist. Zuletzt sterben auch Bio-Tiere einen gewaltsamen, grauenhaften und schmerzvollen Tod. Teilzeit-Vegetarier und Milch- und Eier konsumierende Vegetarier sind pseudoargumentierende Menschen, die sich nicht mit dem Leid der Bio-Tierhaltung und schon gar nicht mit der grausamen Ausbeutung der Massentierhaltung auseinandergesetzt haben. Weitere Aufklärung über den veganen Lebensstil zum Schutze unserer Tierbrüder und Tierschwestern ist auch hier weiterhin dringend notwendig.

Kommentar von Betti |

Die kritische Gegenüberstellung Bio-Nutztierhaltung und Veganismus ist hier oben sehr präzise wiedergegeben worden. Gratulation. Bio-Tierhaltung ist nur ein schöneres Wort, um gleichermassen (mit äusserst gerinfügigen besseren Tierhaltungs-Methoden als inakzeptabler und lauwarm versuchter Werbegag, um Augenwischerei zu treiben und den menschlichen Kunden das schlechte Gewissen ein wenig zu nehmen), eine Art Rechtfertigung für die Tierausbeutung auf dem Bio-Markt. Wir haben die Biomilch-Lüge, die Biofleisch-Lüge, die Bio-Eierlüge, die gesamthafte Bio-Tierhaltungs-Lüge, die mit nichts zu rechtfertigen ist. Zuletzt sterben auch Bio-Tiere einen gewaltsamen, grauenhaften und schmerzvollen Tod. Teilzeit-Vegetarier und Milch- und Eier konsumierende Vegetarier sind pseudoargumentierende Menschen, die sich nicht mit dem Leid der Bio-Tierhaltung und schon gar nicht mit der grausamen Ausbeutung der Massentierhaltung auseinandergesetzt haben. Weitere Aufklärung über den veganen Lebensstil zum Schutze unserer Tierbrüder und Tierschwestern ist auch hier weiterhin dringend notwendig.

Kommentar von betti |

Sehr gut verfasster Artikel über die widersprüchliche Bio-Tierhaltung. Tierhaltung kann nie Bio sein, wir haben die Bio-Milch-Lüge, die Bio-Eier-Lüge, die Bio-Fleisch-Lüge und die unsinnigen Labels über "art- und tiergerechten" Fischfang. In Wahrheit sterben und leiden die Bio- Tiere genauso grauenhaft wie armen Tiere in der konventionellen Haltung. Da haben sich das Marketing und der Tierschutz lauter Lügen auf die Fahne geschrieben, um alles ein wenig zu verharmlosen und den Konsumenten das schlechte Gewissen ein wenig zu nehmen. Welches Tier möchte schön "artgerecht" leiden und sterben, auch wenn es als Bio-Tier zehn Zentimeter mehr Platz im Stall hat? Weitere Aufklärung ist absolut notwendig, nicht die Verklärung durch die durchtriebenen Marketing-Strategen oder einen widersinnigen Tierschutz als Deckmäntelchen für die geldgierige Tierausbeutungsindustrie.