Umfrage: Verbraucher sehen Tierleid als Problem

Umfrage: Verbraucher sehen Tierleid als Problem

Im Auftrag der Verbraucherzentrale Bundesverband e.V. wurde durch den Lehrstuhl für Marketing für Lebensmittel und Agrarprodukte der Universität Göttingen sowie die Zühlsdorf + Partner Marketingberatung eine repräsentative Verbraucherbefragung zum Thema Konsum und Tierschutz durchgeführt. Es wurden 1024 Verbraucher Online befragt, wobei die Stichprobe im Hinblick auf Alter, Geschlecht, Einkommen, Bildung, Haushaltsgröße und Region repräsentativ für die Allgemeinbevölkerung in der Bundesrepublik Deutschland war.

Das Ziel der Untersuchung war es nicht, Menschen über die vegane Lebensweise zu befragen. Entsprechend ging es auch nicht um die Identifikation von Strategien, um die Bevölkerung für die vegane Option zu sensibilisieren oder zu einer Umstellung ihrer Ernährung auf vegan zu motivieren. Dennoch erbrachte die Untersuchung zahlreiche auch aus veganer Perspektive interessante und nutzbare Ergebnisse.

Zusammenstellung einiger Befunde

Der Anteil der vegetarisch lebenden Menschen ist im Vergleich zu einer vergleichbaren Umfrage 2013 leicht auf nunmehr 3,9% gestiegen.

Immerhin 25% der Befragten gaben an, den Fleischkonsum künftig reduzieren zu wollen.

Zum Fleischkonsum ergaben sich in der Befragung folgende durchaus bereits bekannte Befunde: Frauen essen weniger Fleisch als Männer. Steigender Bildungsstand geht mit abnehmendem Fleischkonsum einher. Die jüngere Generation ist stärker polarisiert, mit mehr Vegetariern aber auch mehr Personen, die viel Fleisch essen. Am meisten Fleisch konsumiert die mittlere Einkommensschicht

Mehr als zwei von drei Verbrauchern halten nach ihren Angaben den Tierschutz in Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion für wichtig. Nur jeder Achte der befragten Verbraucher und Verbraucherinnen erklärte den Tierschutz für unwichtig.

In der Bevölkerung besteht offenbar durchaus bereits ein breites Wissen über tierschutzwidrige Praktiken in der Landwirtschaft. Gut 40% der Befragten vertraten die Meinung, es gehe den Tieren in der Landwirtschaft heute schlechter als früher. Die gegenteilige Position wurde nur von 20% der Befragten vertreten.

Der Anteil der Schnäppchenjäger, die ausschließlich auf den Preis achten, umfasst nach dem Befragungsergebnis offenbar deutlich weniger als ein Drittel der Verbraucher. 80% der Befragten gaben an, bereit zu sein, für das Tierwohl höhere Preise zu zahlen.

Eine deutliche Mehrheit der Verbraucher akzeptiert, dass der eigene Konsum Auswirkungen auf tierschutzwidrige Praktiken hat. Die Reihenfolge der Verantwortlichkeiten lautet nach der Mehrheitsmeinung: Staat [gt] Landwirtschaft [gt] Verbraucher [gt] Lebensmitteleinzelhandel [gt] Schlacht- und Verarbeitungsunternehmen. Demnach sind die Verbraucher durchaus offen für staatlichen Eingriffe wie auch für eine Veränderung des eigenen Konsumverhaltens.

Während die befragten Verbraucher mehrheitlich ihre eigene Bereitschaft zur Veränderung des Konsumverhaltens betonten, zogen sie allerdings die Veränderungsbereitschaft ihrer Mitmenschen in Zweifel. Jedenfalls stimmten 80,5% der Befragten der Aussage zu „Auch wenn viele Verbraucher behaupten, dass ihnen Tierschutz wichtig ist – beim Einkauf achten sie doch nur auf den Preis.“

Bedeutung der Befunde

Aus veganer Sichtweise positiv ist, dass die Bevölkerung grundsätzlich die Perspektive der Tiere als eine wichtige Angelegenheit bejaht. Der Bevölkerung ist sich mehrheitlich bewusst, dass Tiere leiden und mehrheitlich ist sie damit unzufrieden. Mehrheitlich besteht zudem die Bereitschaft, das eigene Konsumverhalten zu verändern. Dabei zeigt eine langsam wachsende Zahl von Vegetariern, dass der Anteil der Bevölkerung, die zu grundlegenderen Veränderungen bereit ist, offenbar wenigstens ebenfalls zunehmend ist. Zudem wollen 25% der Bevölkerung ihren Fleischkonsum mindestens reduzieren.

Beim Eintreten für die vegane Lebensweise kann also an ein Bewusstsein über beklagenswertes Tierleid angeschlossen werden. Es ist nicht notwendig, den Veganismus vorwiegend aus gesundheitlichen Gründen zu vertreten. Die Thematik „Tierleid“ kann für die Erreichbarkeit der Bevölkerung mit in den Vordergrund der Argumentation gestellt werden. Mit gesundheitlichen Argumenten kann eine zusätzliche Motivbasis geschaffen werden und es können insbesondere unberechtigte Ängste gemindert werden.

Auffallend ist die Vermutung von mehr 80% der Bevölkerung, dass die jeweils anderen Verbraucher in Wirklichkeit nur zu verbalen Bekundungen, nicht aber zu wirklichen Veränderungen bereit seien. Dieser Sachlage entspricht die Stagnation des Fleischkonsums und des Konsums anderer Tierprodukte auf sehr hohem Niveau. Dieses Niveau ist nur durch die Massentierhaltung erreichbar. Der weiterhin hohe Fleischkonsum widerspricht dabei übrigens Eigenbekundungen von immerhin 44 Millionen Menschen in der Bundesrepublik Deutschland, dass sie Flexitarier seien. Erkennbar wird hieraus, dass tatsächlich offenbar Veränderungen oft rein verbal bleiben und womöglich vielen Verbrauchern verbale Bekundungen genug ist, um ihr Gewissen zu erleichtern. Hieraus könnte sich die Meinung von 80% der aktuell Befragten erklären, dass die meisten Verbraucher nicht zu tatsächlichen Konsumänderungen bereit seien. Womöglich handelt es sich um eine Projektion des bei der eigenen Person ebenfalls beobachteten Verhaltens. Damit geben die Befunde zur Veränderungsbereitschaft des Konsumverhaltens unter den gegenwärtigen Bedingungen nur Anlass zu einem sehr begrenztem Optimismus.

Die Haupt-Zielstellung der Umfrage war die Erfassung der Bereitschaft der Verbraucher, Verbesserungen im Tierwohl mit höheren Preisen zu belohnen. In der Studie wurden dazu auch Einstellungen zu verschiedenen Tierwohl-Ansätzen und Initiativen erhoben, die in der Originalpublikation nachgelesen werden können. Gemeinsam ist allen diesen Ansätzen, dass sie Tierleid höchstens reduzieren, nicht aber über die vegane Perspektive eines Ausstieges aus Nutztierhaltung und Konsum von Tierprodukten nachdenken. Die Gefahr solcher Ansätze ist es, Scheinlösungen zu präsentieren, die letztlich die Akzeptanz von Tierausbeutung und Tierwohl zu Konsumzwecken aufrechterhalten mögen.

Aus veganer Sichtweise folgt, dass die Unvereinbarkeit von Tierwohl mit dem Konsum von Tierkörpern und Tierbestandteilen in der Argumentation in den Fokus gerückt werden sollte - gerade gegenüber denjenigen, die über das Tierwohl besorgt sind. Geht dies einher mit konkreten Tipps und Hilfestellungen für die Umstellung auf eine bezahlbare, gesunde und schmackhafte vegane Ernährung, könnte es gelingen, mehr Verbraucher für die vegane Ernährung zu gewinnen. Die vegane Ernährung kann dabei als direkter Weg zur Beseitigung vermeidbaren Tierleids dargestellt werden.

Ausblick

Positiv ist, dass ein Bewusstsein über Tierleid und ein Beklagen dieses Leides bei den meisten Verbrauchern vorhanden sind. Mindestens verbal besteht auch eine Bereitschaft zur Änderung des eigenen Konsumverhaltens. Leider sind aber tatsächliche Verhaltensänderungen bisher nur sehr eingeschränkt erkennbar. Dies macht es umso wichtiger, das Tierleid, dessen Vermeidbarkeit und die Alternative der heute sehr einfach praktizierten veganen Ernährung in der Diskussion mit tierwohlsensitiven Verbrauchern konsequent zu betonen.

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5 Kommentare auf "Umfrage: Verbraucher sehen Tierleid als Problem"

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Dana
Gast

"Alles ganz furchtbar schlimm, die armen armen Tiere aber es schmeckt halt so gut, was kann man denn überhaupt noch essen"?
BlaBlaBlubb – ich kann es nicht mehr hören.
Und auch immer wieder gerne genommen: "Ich kaufe beim Schlachter meines Vertrauens um die Ecke und ich kenne den Bauer, der das Tier großgezogen hat."
Ich frage mich, warum dann 95% des Fleisches aus Massentierhaltung kommt. Und auch eine Bio-Kuh oder ein Bio-Schwein wird nicht zu Tode gestreichelt…

Sibylle Grauer
Gast

Ich bewundere Ihr Engagement. Machen Sie so weiter; der Weg ist das Ziel. Das Ergebnis Ihrer Arbeit trägt immer mehr Früchte. Ich esse seit meiner frühesten Kindheit kein Fleisch, und ich bin mit 64 Jahren gesund und munter.

Martin
Gast

"Womöglich handelt es sich um eine Projektion des bei der eigenen Person ebenfalls beobachteten Verhaltens." – Das sehe ich auch so. Meiner Erfahrung nach behaupten viele Menschen, dass man etwas im Tierschutz machen müsse, tun es aber selbst nicht. Sie machen es sich halt einfach, indem sie anderen (Industrie, Staat, Billigpreisjäger) die Schuld geben. Und diese Statistik, dass ein Großteil der Deutschen Flexitarier ist, bleibt bisher nichts weiter als ein Lippenbekenntnis.

Klaus Grünseich
Gast

Hallo Dana, genau wie Du es beschriebst, so ist es, ich kann dieses Geschwätz auch nicht mehr hören! Hast noch einen dämlichen Spruch von diesen tiere(fr)essenden „Tierfreunden“ vergessen mit aufzuzählen: „…essen nur noch ganz wenig, fast überhaupt kein Fleisch mehr“! Auch wenn’s um Milch geht, auch hier wie vorprogrammiert…vorhersehebar, „…trinken so gut wie keine Milch, auch kein Käse“! Ich frage mich dabei allerdings, wenn die alle ganz wenig, oder fast überhaupt kein Fleisch mehr essen, kaum Milch, kein Käse, die müssten doch dann nach und nach verhungern! Oder? Vielleicht schaust Du auch Mal bei http://www.veganbook.info vorbei. Beste vegane Grüße, Klaus

Andrea
Gast

Danke wiedermal für den wie immer sehr informativen Artikel!
Ich wundere mich nur gerade, wie es dazu kommt, dass laut dieser Umfrage nun 3,9% der Bevölkerung (nach Anstieg seit 2013) VegetarierInnen sind (Ich nehme an, da sind VeganerInnen mit eingerechnet?), wo doch der VEBU Anfang 2015 von 10% VegetarierInnen und 1,1% VeganerInnen ausging. Die Diskrepanz zwischen 3,9% und 11,1% finde ich schon krass (und enttäuschend vor allem). Jemand ne Idee, woran das liegen kann? … Außer der naheliegenden Erklärung, dass der VEBU vielleicht einfach schlecht im Schätzen ist …
Menno, ich dachte, wir wären mehr!

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