Fleischkonsum trotz Tierleid: Woran liegt es und was kann getan werden?

Fleischkonsum trotz Tierleid: Woran liegt es und was kann getan werden?

Die Verbreitung der veganen Lebensweisegehört zu den wichtigsten Aufgaben unserer Zeit, wenn wir uns nicht mit einer durch Tierblut durchtränkten Welt, einer zerstörten Umwelt und einer Gefährdung der weltweiten Ernährungssicherheit abfinden wollen. Die Ziele von Veganismus und Tierrechten sind nur bei einem globalen Wechsel zur veganen Lebensweise im Sinne einer konsequenten Entnutzung von Tieren (siehe Artikel über Taureck) erreichbar. Es sind daher noch weitaus größere Anstrengungen erforderlich, um die Menschen dort abzuholen, wo sie derzeit stehen, und sie so für die vegane Lebensweise zu gewinnen.Erkenntnisse der Psychologie können helfen, um optimierte Strategien hierfür zu entwickeln. Hierzu können auch die Befunde einer neuerlich im Fachjournal Food Quality and Preference unter dem Titel „When indifference is ambivalence: Strategic ignorance about meat consumption“ veröffentlichten Studie herangezogen werden. Die Studie hilft unter anderem auch, die Frage zu beantworten, warum Fleischesser an ihrem Fleischkonsum festhalten, obwohl ihnen das damit verbundene Tierleid durchaus Unbehagen bereitet.

Ergebnisse der Studie

Im Rahmen einer Fragebogenstudie wurden mehr als 3000 Niederländer zu ihren Einstellungen zu Fleischkonsum, ihrem Konsumverhalten, ihrem Wissen über Probleme des Fleischkonsums (Antibiotika-Einsatz, Tierleid), negativen mit dem Fleischkonsum verbundenen Gefühlen, Verantwortungsübernahme für Missstände, sowie ihre Bereitschaft, Wissen über diese Thematik zu erwerben, befragt.

Mithilfe einer statistischen Auswertung ließen sich vier Hauptgruppen von Konsumenten identifizieren:

- Kämpfende Konsumenten berichten ein hohes Ausmaß an negativen Gefühlen, zeigen eine Bereitschaft, Wissen zu erwerben, und bringen zudem zum Ausdruck, dass andere, aber auch sie selbst für die erfragten Missstände verantwortlich sind.

-Bewältigende Konsumenten berichten über wenige negative Gefühle, hohe Verantwortungsübernahme und die Bereitschaft, sich Informationen zu verschaffen.

-Indifferente Konsumenten zeigen wenige negative Gefühle, haben keine Bereitschaft, Wissen zu erwerben und machen ausschließlich andere für mögliche Missstände verantwortlich.

-Ignorierende Konsumenten zeigen wenige negative Gefühle, verneinen die Bereitschaft, sich Informationen zu verschaffen, zeigen aber dennoch eine Verantwortungsübernahme.

Wie sah es mit dem Fleischkonsum in den identifizierten Gruppen aus?

-Kämpfende und bewältigende Konsumenten zeigten den geringsten Fleischkonsum und das höchste Vorkommen einer vegetarischen oder semi-vegetarischen Ernährung - zwischen vegetarisch und vegan wurde in der Studie nicht unterschieden.

-Indifferente Konsumenten zeigen den höchsten Fleischkonsum und den geringsten Anteil an vegetarisch oder semi-vegetarisch lebenden Personen

-Ignorierende Konsumenten zeigen einen höheren Fleischkonsum und weniger Vegetarismus als kämpfende und bewältigende Konsumenten, aber einen geringeren Fleischkonsum als indifferente Konsumenten.

In der Interpretation deuten diese Befunde darauf hin, dass kämpfende Probanden aufgrund ihrer negativen Gefühle, der Verantwortungsübernahme und der Bereitschaft, sich zu informieren, einen eher niedrigeren Fleischkonsum zeigen. Da sie aber nicht komplett vegetarisch oder vegan leben, treten weiterhin negative Gefühle bezüglich des eigenen Konsums auf. Sie befinden sich in der Phase der Auseinandersetzung, wobei es ihnen noch nicht gelungen ist, die negativen Gefühle zu bewältigen.

Bewältigende Konsumenten scheinen demgegenüber negative Gefühle durch eine Verhaltensänderung überwunden zu haben. Tatsächlich zeigte diese Gruppe sogar den geringsten Fleischkonsum, was die Interpretation stützt, dass eine Bewältigung durch Verhaltensänderung erfolgte. Dabei scheint es einem maßgeblichen Anteil der Probanden aber zu gelingen, trotz nach wie vor vorhandenen Fleischkonsums, negative Gefühle zu blockieren. Dies Muster zeigt sich z.B. auch bei Personen, die weiterhin Fleisch, aber Öko-Fleisch, essen, was offenbar dazu geeignet ist, negative Gefühle bezüglich des eigenen Konsums zu reduzieren.

Ignorierende Konsumenten schützen sich vor negativen Gefühlen, indem sie sich strategisch entscheiden, entsprechende Informationen nicht zur Kenntnis zu nehmen, obwohl sie grundsätzlich durchaus zur Verantwortungsübernahme bereit sind. Sie halten ihren Fleischkonsum ohne negative Gefühle aufrecht, indem sie relevante Informationen vermeiden und sich so mit der Thematik nicht auseinandersetzen. Sie setzen sich mit der Thematik gerade deshalb nicht auseinander, weil ihnen eigentlich das Tierleid nicht egal ist und sie deshalb lieber nicht wissen wollen, was tatsächlich geschieht.

Indifferenten Konsumenten ist die Thematik egal. Sie sehen alle Verantwortung für mögliche Probleme ausschließlich bei anderen, nicht aber bei sich selbst, so dass sie keinerlei Notwendigkeit für eine Verhaltensänderung erleben. Sie haben keine negativen Gefühle aufgrund ihres Fleischkonsums und haben keine Motivation, sich mit der Thematik auseinanderzusetzen.

Erreichbarkeit für vegane Lebensweise

Für die Verbreitung der veganen Lebensweise ist es wesentlich, Informationen zu präsentieren, die die Menschen dort abholen, wo sie sind. Hierzu lassen sich die Studienergebnisse verwenden, wobei sich folgende Handlungsimplikationen ergeben:

-Die Herausstellung der persönlichen Verantwortung von Konsumenten für die Folgen ihres Konsums, wie des Tierleids, mag indifferente Konsumenten wachrütteln und sie aus ihrem Leugnungszustand herausbringen. Da sie sich Informationen nicht selbst suchen werden, müssen diese Informationen ihnen deutlich vor Augen geführt werden. Entscheidend ist dabei die Verbindung zwischen den dargestellten Missständen und dem eigenen Konsum.

-Gut sichtbare Informationen zu Tierleid und den anderen negativen Auswirkungen von Fleischkonsum können auch dazu beitragen, ignorierenden Konsumenten zu erreichen. Diese neigen dazu, solche Informationen zu vermeiden, so dass sie ihnen nicht übersehen präsentiert werden müssen. Grundsätzlich ist diesen Konsumenten bereits bewusst, dass sie als Konsumenten Verantwortung tragen. Durch eine klare Verbindung zwischen dem darzustellenden Tierleid und dem eigenen Konsum ist es aber möglich, indifferente und ignorierende Konsumenten über eine einzige Informations-Maßnahme zu erreichen.Ziel ist es mindestens, einen Wechsel von der Gruppe der indifferenten oder ignorierenden Konsumenten in die Gruppe der kämpfenden Konsumenten anzuregen, um sodann in einem weiteren Schritt eine Verhaltensänderung (vegane Lebensweise) zu erreichen.

-Klare Informationen zu Tierleid und Verantwortung hierfür wenden sich auch gleichzeitig an die kämpfenden Konsumenten, indem diese in ihren negativen Gefühlen und der personalen Verantwortung als Konsumenten für Missstände bestärkt werden. Wichtig ist es, in solchen Informationen bereits fundierte praktische Hinweise für den Wechsel zur veganen Lebensweise zu geben, damit die kämpfenden Konsumenten nicht hilflos bleiben, sondern durch eine Verhaltensänderung im erwünschten veganen Sinne ihre negativen Gefühle überwinden können.

-Informationen, die die ethischen Probleme von Öko-Fleisch und Öko-Tierhaltung, Milch- und Eierkonsum, ovo-lacto Vegetarismus sowie flexitarischer Ernährungsweisen thematisieren, sollten vorwiegend den bewältigenden Konsumenten dargeboten werden. Diese sind derzeit mit ihrem Verhalten zufrieden, z.B. weil sie ihren Fleischkonsum reduzierten oder meinen, vegetarisch sei genug. Entsprechend ist es wesentlich, ihnen Informationen zu präsentieren, die ihre Zufriedenheit erschüttern, so dass negative Gefühle zunächst aktiviert werden und dadurch eine erneute, verbesserte Bewältigung im Sinne der veganen Lebensweise etabliert werden kann. Wichtig ist es, diese Konsumenten nicht durch destruktives Verhalten, wie wüste Beschimpfungen, zu verschrecken. Es handelt sich um Personen, die durchaus zur personalen Verantwortungsübernahme bereit sind und bereits erste Schritte in die richtige Richtung getan haben. Sie stellen daher eine zentrale Basis für die neue Gewinnung weiterer Veganer dar.

Grundsätzlich ist es sinnvoll und möglich, Informationsmaterial bereitzustellen, welches alle vier Konsumentengruppen individuell dort abholt, wo sie sind. Allerdings sollte mindestens die Gruppe der Bewältiger auch separat angesprochen werden, da diese Gruppe sich von den anderen Gruppen durch eine bereits gezeigte Bereitschaft zur Verhaltensänderung kennzeichnet, an die angeknüpft werden kann. Zudem zeigt sie ein Verhalten (z.B. vegetarisch Ernährung), welches womöglich bei den anderen Gruppen als Zwischenergebnis der Informationsvermittlung resultieren könnte, aber tatsächlich noch unzulänglich ist.

Beispiel für solch eine zielgruppenbezogene Strategie wären sich ausschließlich an Vegetarier wendende Informationen, um diese zu einem Wechsel zur veganen Lebensweise als Ausdruck konsequenten Vegetarismus zu bewegen. Es gibt auch nach verschiedenen Umfragen, die wir von vegan.eu zusammen mit der Kennenlern-Plattform www.Gleichklang.de durchgeführt haben keine andere Bevölkerungsgruppe, die derartig positiv über die vegane Lebensweise denkt, wie die der Vegetarier. Gleichzeitig äußern viele vegetarisch lebende Menschen eine grundsätzliche Bereitschaft, über eine vegane Lebensweise nachzudenken. Umso wichtiger ist es, einerseits ihren Schritt zum Vegetarismus zu bestärken, sie aber dazu zu ermutigen, es bei der vegetarischen Lebensweise nicht bewenden zu lassen, sondern ihre gegenwärtige (Schein)bewältigung aufzubrechen und sie so für den Wechsel zur veganen Lebensweise anzuregen.

Insgesamt zeigt die Studie, dass Fleischkonsum aufrechterhalten wird durch die Entscheidung, Informationen zu seinen negativen Folgen zu ignorieren oder die personale Verantwortung als Konsument zu leugnen. Eine dritte Strategie ist es, Bewältigungsverhalten zu zeigen (z.B. Fleischreduktion), welches aber tatsächlich nur unzureichend das Problemverhalten korrigiert. Die vollständige Bewältigung ist nur durch die vegane Lebensweise möglich, wobei aber auch hierdurch aufgrund der Identifikation mit den geopferten Tieren negative Gefühle nicht vollständig abgestellt werden können. Es macht aber einen bedeutsamen innerpsychischen Unterschied, ob jemand sich für einen Missstand als persönlich verantwortlich erlebt oder nicht. Veganer sind durch ihre vegane Lebensweise für das Tierleid und die anderen Folgen des Fleischkonsums nicht mehr persönlich verantwortlich, was ein erheblicher emotionaler Gewinn ist. Die weiterhin bestehenden negativen Gefühle (Traurigkeit, Wut) können durch einen Einsatz für die Ausbreitung der veganen Lebensweise und Tierrechte weiter konstruktiv kompensiert werden.

Manche Verbraucher entscheiden sich auch dazu, die mit dem Fleischkonsum verbundenen negativen Gefühle auszuhalten, ohne ihren Konsum zu ändern und so auf der Stufe der kämpfenden Konsumenten zu verharren. Sie bezahlen dies mit einem dauerhaft schlechten Gewissen, dessen Überwindung eine wichtige Motivation für eine doch noch durchgeführte Verhaltensänderung sein mag.

Letztlich kennzeichnen sich alle nicht-veganen Konsumenten dadurch, dass sie vollständige Informationen, Handlungsmöglichkeiten und Handlungsumsetzungen ignorieren:

Während die indifferenten Verbraucher alles ignorieren, sogar ihre persönliche Verantwortlichkeit, blenden andere Verbraucher selektiver Sachinformationen aus, die ihren Fleischkonsum erschüttern könnten.

Die kämpfenden Verbraucher ignorieren die Möglichkeit, ihre negativen Gefühle durch eine tragfähige Verhaltensänderung tatsächlich zu überwinden.

Flexitarier und Vegetarier wiederum hegen sich in der Illusion, dass sie bereits genug getan und damit ihrer Verantwortung gerecht geworden wären, was es umso wichtiger macht, auch ihnen das nach wie vor durch ihren Konsum erzeugte Tierleid, die personale Verantwortung hierfür und die vegane Handlungsoption als echte Bewältigung vor Augen zu führen.

Eines sollten Veganer aber nie vergessen:

Fast alle vegan lebenden Menschen waren einmal in ihrem Leben Fleischesser und Vegetarier. Wenn sie auf Menschen zugehen, die nach wie vor Fleisch essen und vegetarisch leben, sollten sie sich von Selbstgerechtigkeit fernhalten und stattdessen in einen wirklich die Menschen dort, wo sie stehen, abholenden und mit ihnen empathisch umgehenden Dialog eintreten. Denn nur so wird es möglich sein, die Anzahl der Veganer in den nächsten Jahrzehnten dramatisch zu erhöhen und so die Basis für einen globalen Wandel und eine vegane Welt zu schaffen.

Verfasser: Guido F. Gebauer

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