Essen gegen die Zukunft – wie lässt es sich ändern?

Essen gegen die Zukunft – wie lässt es sich ändern?

Fleischkonsum bzw. die mit ihm zusammenhängende Nutztierhaltung ist einer der stärksten Einzel-Faktoren des Klimawandels, trägt aber darüber hinaus zu Umweltverschmutzung mit Chemikalen und Gülle, Wüstenbildung, Entwaldung, Entstehung antibiotikaresistenter Keime und Wasserverschmutzung bei. Ebenfalls geht Fleischkonsum mit massiver Ressourcenvergeudung einher, wobei dies zu weltweiter sozialer Ungerechtigkeit führt, indem pflanzliche Lebensmittel aus den Ländern der dritten Welt abgezogen werden, um sie Nutztieren in den Industriestaaten zu verfüttern.

Vor diesem Hintergrund ist die vegane Lebensweise, die auf alle Produkte der Nutztierhaltung verzichtet, nicht nur die ökologisch verträglichste, sondern auch die sozial verträglichste Ernährungsweise in einer Welt, in der fast 1,5 Milliarden Menschen nicht genug zu essen haben.

Die Popularität der veganen Ernährungsweise ist in den zurückliegenden Jahren angewachsen, wobei aber nach wie vor ein nur sehr kleiner Anteil der Bevölkerung sich vegan ernährt. Der Veganismus hat seine zunehmende Popularität bisher nicht zu einer handlungsbezogenen Massenbewegung ausweiten können.

Tatsächlich sind die meisten Fleischesser nicht nur nicht bereit, vegan zu leben, sondern lehnen es sogar ab, ihren Fleischkonsum zu reduzieren. Wie dies kommt, wurde von einer soeben im Fachjournal Appetite veröffentlichten Studie untersucht. Der bezeichnende Titel lautet: "Eating like there's no tomorrow: Public awareness of the environmental impact of food and reluctance to eat less meat as part of a sustainable diet."

In der Studie fanden strukturierte Gruppeninterviews mit Fleischessern sowie Einzelinterview statt. Die Diskussionen bezogen sich vorwiegend auf die Klimaauswirkungen des Fleischkonsums. Die Meinungsäußerungen wurden aufgezeichnet und im Anschluss einer qualitativen inhalts-analytischen Auswertung unterzogen.

Im Ergebnis ließen sich drei Argumentationslinien identifizieren, die einer Reduktion des Fleischkonsums entgegenstehen:

- Unkenntnis über die Klimaauswirkungen des Fleischkonsums

Die diskutierenden Fleischesser schienen nicht zu wissen, dass der Fleischkonsums das Kima schädigt. Andere glaubten, dass die Auswirkungen des Fleischkonsums nur minimal seien. Oft wurde auch zu direkten Leugnungs- und Angriffsstrategien übergegangen, indem vorliegende Befunde einfach in Abrede gestellt oder ohne nähere Differenzierung deren Aussagekraft in Zweifel gezogen wurde. Zu unterscheiden ist demnach zwischen tatsächlichem Nicht-Wissen und Nicht-Wissen-Wollen. Beides scheint bei Fleischessern weit verbreitet zu sein und dem Enstehen einer Veränderungsbereitschaft des Ernährungsverhaltens entgegenzuwirken.

- Minimierung der eigenen Verantwortung

Selbst wenn die negativen Auswirkungen von Fleischkonsum und Nutztierhaltung auf die Umwelt eingeräumt wurden, neigten die Diskutanten dazu, die minimalen Auswirkungen des eigenen Verhaltens zu betonen. Dargelegt wurde, dass eine eigene Verhaltensänderung keinen Unterschied machen würde. Es wurde auch auf den steigenden Fleischkonsum in den Entwicklungsländern verwiesen, weshalb eine eigene Verhaltensänderung nicht wirksam sei. Demnach tendieren Fleischesser dazu, sich als Teil einer Masse zu definieren, welcher einen so geringen Beitrag zum Massenverhalten leistet, dass eine individuelle Verhaltensänderung nicht sinnvoll sei. Ebenfalls wird unter Verweis auf den steigenden Konsum in den Entwicklungsländern die Verantwortung auf andere Länder delegiert, in denen tatsächlich sehr viel weniger Fleisch gegessen wird als in den Industrieländern.

- Ablehnung künftiger Fleischreduktion

Die meisten Diskutanten lehnten es rundheraus ab, ihren Fleischkonsum zu reduzieren. Sie taten dies insbesondere mit Verweis auf den für sie positiven Auswirkungen des Fleischkonsums, wie Genuss und Geschmack, so wie dessen Einbettung in ihr soziales Umfeld und die übergeordnete Kultur. Andere Diskutanten gaben an, sowieso nur geringe Mengen an Fleisch zu essen oder ihren Konsum bereits in der Vergangenheit reduziert zu haben. Nach diesen Befunden reagieren Fleischesser auf die Aufforderung zur Fleischreduktion offenbar häufig mit Widerstand, wobei der Hinweis auf die Genussaspekte des Fleischkonsums sowie seine soziale und kulturelle Einbettung im Vordergrund steht. Andere verweisen auf (angeblich) ohnehin bereits geringe Konsummengen oder eine bereits umgesetzte Fleischreduktion. Zahlen für den Konsum von Fleisch in westlichen Industrieländern zeigen, dass der Konsum auf hohem Niveau stagniert, von einer bedeutsamen Reduktion kann keine Rede sein. Dennoch geben beispielsweise in Deutschland ca. 42 Millionen Menschen, Flexitarier zu sein. Erkennbar wird, dass der Verweis auf angeblich bereits geringen Fleischkonsum oder eine bereits umgesetzte Fleischreduktion, als Schutzargument dienen können, umsich Verhaltsänderungen für die zukunft zu entziehen. Die dominante Reaktion von Fleischessern auf die Aufforderung, ihren Fleischkonsum zu reduzieren, scheint aber eher in der Idealisierung des Flesichkonsums mit einem Rückgriff auf hedonistische Genussaspekte und die den Fleischkonsum fördernde soziale Umgebungsstruktur zu sein.

Wie lassen sich Fleischreduktion und vegane Lebensweise fördern?

Diese und andere Studienergebnisse können Veganern Hinweise und Handlungsanleitungen geben, wie sich die Verbreitung der veganen Lebensweise und Fleischreduktion besser fördern lassen:

-Nach wie vor ist das Wissen von Fleischessern über die negativen Auswirkungen von Fleischkonsums und Nutztierhaltung äußerst gering. Während geringere Faktoren, wie Verkehr, Verpackungsmaterial oder Lebensmittelverschwendung, deutlich bekannter sind, ist den meisten Fleischessern das Umweltproblem ihres Konsums nicht bewusst. Hiergegen kann nur Aufklärung helfen, z.B. eine Verbreitung des Films "Cowspiracy".

- Selbst wenn das Problem grundsätzlich bekannt ist, neigen Fleischesser zu Abwehrstrategien, wie zur Minimierung der eigenen Verantwortung oder Delegation der Verantwortung auf die Entwicklungsländer. Diese Abwehrstrategien sind zu identifizieren und den entsprechenden Personen bewusst zu machen. Globale Änderungen können immer nur durch die Verhaltensänderung Einzelner erreicht werden. Das Festhalten an einem unsozialem Verhalten wird nicht dadurch besser, dass andere es auch tun. Zudem ist bezüglich der Entwicklungsländer herauszustellen, dass diese bei weitem weniger Fleisch essen und dass gerade wegen des dort wachsenden Konsums die Menschen in den Industriestaaten ihren Flesichkonsum umso dringlicher reduzieren müssen, auch im Sinne eines positiven,Beispiels. Fleischesser, die auf Abwehrstrategien setzen, sollte darauf hingewiesen werden, dass mit solchen Strategien die Beteiligung an jedem Unrecht gerechtfertigt werden kann und übrigens auch immer wieder wird. Wer sich an solchen Strategien beteiligt, trägt damit zur Fortdauer von Unrecht und dessen Legitimierung bei. Umgekehrt besteht aber die Chance, durch eine individuelle Verhaltensänderung zu einem positiven Modell zu werden. Diese Chance wird derzeit noch von vielen Fleischessern übersehen und sollte ihnen daher stärker vor Augen geführt werden, einschließlich der damit verbundenen innerpsychischen Gewinne, die darin bestehen, nicht ständig ein Verhalten auszuführen, von welchem einem eigentlich selbst bekannt ist, dass es ethisch kaum zu rechtfertigen ist. Durch die Befreiung vom Fleischkonsum können Fleischesser Abwehrstrategien überwinden, die tatsächlich mit umso mehr innerer Dissonanz und psychischer Belastung verbunden sind, desto reflektierter eine fleischessende Person eigentlich ist.

- Auf den Widerstand gegen Fleischreduktion kann mit einer Dreifach-Strategie reagiert werden: (1) Alternativen zum Fleischkonsum in Form veganer Gerichte und Ersatzprodukte aufzeigen, (2) Modellfunktion für die positive soziale Integration mit der eigenen veganen Lebensweise bieten, um hierdurch Ängste vor sozialer Isolation und Ausgrenzung zu nehmen, (3) Angaben zum (angeblich) reduzierten Fleischkonsum kritisch als Legitimation für fortgesetzten Fleischkonsum hinterfragen oder aber diese, wenn sie tragfähig sind, als Ansatzpunkt für eine weitere Reduktion und den Beginn einer nunmehr ja erleichterten veganen Lebensweise verstärken.

Grundsätzlich wird ein aggressiver Umgang mit Fleischessern wenig Ergebnisse erzielen, da diese darauf nur mit Abwendung oder verstärkten Abwehrstrategien reagieren werden. Zu empfehlen ist daher neben der eigenen positiven Modellfunktion eine freundliche Art der Auseinandersetzung, in deren Verlauf Denkfehler und Abwehrstrategien aufgezeigt werden können, ohne den anderen zu verletzen. Sehr hilfreich ist dabei auch immer der Verweis auf die eigene Vergangenheit als Fleischesser, der deutlich macht, dass es nicht um Herabwürdigung und Belehrung, sondern um Unterstützung und Hilfestellung dabei geht, selbst zu einem Motor für eine gerechtere und umweltverträglichere Welt zu werden, anstatt durch fortgesetzten Fleischkonsum zu Umweltzerstörung und sozialer Ungerechtigkeit weiter beizutragen.

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1 Kommentar auf "Essen gegen die Zukunft – wie lässt es sich ändern?"

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Drawida
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Der natürlichste Weg zum Veganismus ist das Mitleid mit allem empfindsamen Leben, egal, ob menschlich oder nicht-menschlich. Wenn das verschüttet, bzw. von anderen Dingen zu sehr überlagert ist und man es bei den betreffenden anspricht, fühlen sie sich angegriffen und greifen sofort ihrerseits an. Man wird dann oft als "Pharisäer" oder "Missionar" beschimpft und dies seltsamerweise meist von Atheisten, obwohl dies Worte aus der patriarchalischen Kirchengläubigkeit sind, die diese Personen ja koplett ablehnen. Die Diskussion ist also deshalb auch so schwierig, weil sie nicht so einfach logisch geführt werden kann. Das eher zu lösende Problem wäre da das häufigste Vorurteil… Read more »
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