Barrieren für vegan erkennen und überwinden

Barrieren für vegan erkennen und überwinden

In einem Artikel im Journal of Critical Animal Studies werden Barrieren für Wechsel und Aufrechterhaltung zu einer fleischfreien Ernährung aus soziologischer Sichtweise diskutiert. Der Übersichtsartikel bezieht sich vorwiegend auf die vegetarische Ernährung, die zugrunde gelegten Studien schließen aber tatsächlich Vegetarier und Veganer ein. Zudem wird deutlich, dass die identifizierten Barrieren für vegane Menschen nicht nur ebenso gültig, sondern sogar noch ausgeprägter sein dürften als für vegetarisch lebende Personen.

Hier werden nur einige Befunde des Artikels herausgegriffen, ein Lesen des ganzen Artikels ist auf jeden Fall sinnvoll. Neben der Darstellung der Befunde werden im Folgenden vor allem auch mögliche Strategien benannt, wie die Barrieren überwunden werden können.

Als wesentliche Hauptbarrieren gegen die vegetarische oder vegane Ernährung arbeitet der Artikel negative Reaktionen der Familie heraus. Negative Einflüsse können dabei vor allem von Eltern, Geschwistern, Kindern und Beziehungspartnern ausgehen.

Der Grund für den Druck, den das soziale Bezugsfeld erzeugen kann, liegt offenbar in der entscheidenden Rolle, den Essen, gemeinsames Essen, aber auch Kochen für soziale Beziehungen und Bindungen spielen. Dabei ist nach vorliegenden Befunden nicht nur die gemeinsame Tätigkeit des Essens, sondern gerade auch das gemeinsame Essen bestimmter Gerichte von besonderer Bedeutsamkeit. Entsprechend weisen Befunde auch von einem deutlich erhöhtem Druck an bestimmten Tagen (Festtagen) hin, die typischerweise mit einer besonders fleischhaltigen Kost verbunden sind.

Familiärer Druck ist nicht nur subjektiv unangenehm, sondern kann sich als ernsthafte Barriere für die Aufrechterhaltung einer vegetarischen oder veganen Ernährung erweisen. Je stärker der Druck und je geringer die Bewältigungsfertigkeiten für diesen Druck sind, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass die vegetarische oder vegane Ernährung wieder aufgegeben wird.

Allerdings sind negativer Reaktionen von Familienangehörigen nur eine mögliche Reaktion auf den Wechsel zu einer vegetarischen oder veganen Lebensweise eines Familienmitgliedes. Es werden ebenfalls neutrale und sogar unterstützende Reaktionen von Familienmitgliedern beschrieben. Oftmals verlieren sich negative Reaktionen außerdem im Verlauf. Wenn sich zeigt, dass implizite Befürchtungen, sich nicht bestätigen, kann offenbar Gewöhnung und Akzeptanz für eine vegetarische oder vegane Ernährung eintreten.

Bereits vegan lebende Personen mögen die Barrieren unterschätzen, denen sich andere Personen, die ebenfalls vegan leben möchten oder dies bereits tun, ausgesetzt sehen. Womöglich waren sie selbst nicht mit derartigen Barrieren konfrontiert oder sie erwarten, dass alle die gleichen Bewältigungsfertigkeiten aufweisen wie sie selbst. Dies kann zu einer unberechtigten Trivialisierung der aus den Barrieren resultierenden Probleme, mangelndem Verständnis und unzureichender Unterstützung führen.

Tatsache ist, dass sich die Dichte sozialer und familiärer Bezüge, die Reaktionen des sozialen Umfeldes sowie die Bewältigungsfertigkeiten einzelner Menschen (Selbstbewusstsein, soziale Kompetenz etc.) unterscheiden. Negative Reaktionen des sozialen Umfeldes können daher für Einzelne den Wechsel zu einer vegetarischen oder veganen Lebensweise erschweren oder sie können sogar zum entscheidenden Stolperstein werden.

Der Veganismus ist noch keine Massenbewegung, sondern wird derzeit erst von relativ wenigen Menschen praktiziert. Umso schwerwiegender ist der Verlust eines jeden einzelnen Menschen, der eigentlich die vegane Lebensweise für sich annehmen möchte.

Was kann getan werden, um Barrieren aus dem Weg zu räumen?

- Aufklärung über die vegane Lebensweise, ihren Gesundheitswert und über die Möglichkeit zu Gerichten, die traditionellen „Familiengerichten“ entsprechen, kann helfen, Vorbehalte gegen die vegane Ernährung abzubauen und dadurch die negativen Reaktionen von Familienangehörigen und anderen Personen des sozialen Bezugsfeldes verringern. Sinnvoll wäre die Entwicklung von speziellem Informationsmaterial für nicht-vegane Familienangehörige.

- Immer wieder wird in den Medien über Einzelfälle von schwer beeinträchtigten Säuglingen berichtet, die auf die vegane Ernährung zurückgeführt werden. In Wirklichkeit lag hier bei der Betrachtung aller Fäller ausnahmslos keine reguläre vegane Ernährung, sondern eine Fehlernährung vor. Insbesondere wurde die erforderliche Vitamin B12-Supplementierung nicht durchgeführt. Dennoch können solche Berichte Angst erzeugen und familiäre Vorbehalte verstärken. Dem ist am besten zu begegnen durch eine transparente vegane Ernährung, die eine Vitamin B12-Supplementierung einschließen muss.

- Fast alle Veganer aßen in der Vergangenheit selbst Fleisch – wichtig ist, die Menschen dort abzuholen, wo sie stehen. Aggressive Vorwürfe und Beschimpfungen helfen kaum weiter, auch eine Distanzierung von Familie und Freunden ist nicht sinnvoll. Sie würde nur zu einer Isolation und Ausgrenzung von vegan lebenden Personen führen. Dadurch würden aber lediglich Vorbehalte verstärkt. Stattdessen sollte ein sozial-verträglicher und freundlicher Zugang gewählt werden, der den positiven Beispielwert der veganen Ernährung in den Vordergrund stellt und Ängste mindert.

- Vegan lebenden Menschen, die unter dem Druck ihres Bezugsfeldes leiden, sollte Verständnis und Unterstützung entgegengebracht werden. Hilfreich sein kann hier auch der Verweis auf die vielfach gemachte Erfahrung, dass sich familiäre Reaktionen meistens bei Standhaftigkeit beruhigen oder es sogar manchmal zu einer Übernahme der veganen Ernährung durch Mitglieder des zunächst ablehnenden sozialen Bezugsfeldes kommen kann.

- Um negativen Druck des sozialen Bezugsfeldes auszugleichen, ist der Aufbau von Freundschaften mit anderen vegan lebenden Menschen sinnvoll. Es geht nicht darum, sich von dem alten Bezugsfeld abzugrenzen, sondern es geht darum, mit dessen negativen Reaktionen besser umgehen zu können, ohne die eigene vegane Lebensweise aufzugeben.

Es ist zu hoffen, dass mit dem – trotz einiger Gegenbewegungen – zunehmend positivem Bild der veganen Ernährung Vorbehalte innerhalb von Familien- und Freundeskreisen veganer Menschen zunehmend abnehmen werden. Dennoch ist das Ausmaß der aktuell noch bestehenden Vorbehalte und deren Auswirkungen auf Menschen, die neu zur veganen Lebensweise finden wollen, nicht zu unterschätzen. Je früher Tipps für einen positiven Umgang mit dieser möglichen Problematik gegeben werden, desto wirksamer könnte es möglich sein, den Abbruch eines beginnenden veganen Lebensweise zu verhindern.

Demnächst werden wir bei vegan.eu - wenn die aktuelle Umfrage „Warum vegan leben?“ abgeschlossen ist - eine Umfrage zum Thema „Vegan, Familie und Freunde“ starten. Damit wollen wir herausfinden, wie verbreitet das Problem ist und wie es am besten gelingen kann, das Problem zu lösen oder besser mit ihm umzugehen.

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2 Kommentare auf "Barrieren für vegan erkennen und überwinden"

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Andrea
Gast

Für mich persönlich gehört immer noch zu den perfidesten Hürden die Tatsache, dass es vielen FleischesserInnen und VegetarierInnen offenbar legitim erscheint, in jeder Lebenslage und gerne wiederholt ihr Urteil über die Entscheidung zum Veganismus kundzutun, während VeganerInnen, wenn sie das gleiche tun/täten, als "militant" abgestempelt werden. Und wenn man dann in die Diskussion einsteigt, kommt ganz schnell: "Na ja, das muss ja jeder für sich entscheiden."
Für solche Leute ist "Offenheit" anscheinend nur so lange ein wichtiger Wert, als sie heißt dass andere offen für ihre undurchdachten Schnellschüsse sein müssen.

Müller Katrin
Gast

Seit ich vegan lebe, werde ich oft von Vegetariern mit den Begriffen "extrem" und "übertrieben" betitelt. Ich denke, diese wollen den Mangel an Konsequenz zum letzten entscheidenden Schritt damit überdecken. Eigentlich schade. Ich bleibe vegan, auch wenn ich da unn dort anecke – sei es bei Einladungen oder im Restaurant, weil ich z.B. keine Eierteigwaren oder Omelette essen will. Mit veganen Grüssen Katrin Müller

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