Posse um Vegan-Abneigung eines Schweizer Gastronomen

Posse um Vegan-Abneigung eines Schweizer Gastronomen

Ein Schweizer Gastronom offenbart medienwirksam seine Vegan-Abneigung. So sehr dies als eine Posse erscheint, so besteht der ernste Hintergrund in anhaltender Diskriminierung veganer Menschen und damit ausgerechnet der Lebensweise, die am besten dazu geeignet ist, die Klimakatastrophe aufzuhalten.

Unser Gewohnheiten prägen unser Denken. Insofern ist es nicht verwunderlich, dass ein Großteil derjenigen, die in der Gastronomie täglich Fleischgerichte zubereiten, der veganen Ernährung kritisch gegenüberstehen. Andernfalls hätten sie womöglich bereits auf vegan umfirmiert, würden darüber nachdenken oder hätten mindestens für jedes Fleischgericht auch eine passende Alternative.

In der Schweiz ist nun der Fall des Gastronomen Paul Zünd viral gegangen und erhält von Fleischesser:innen viel Zuspruch.

Dabei eignet sich dieser Fall eigentlich vornehmlich um eines aufzuzeigen:

  • dass es weiterhin starke Vorurteile gegenüber der veganen Ernährung gibt und dass das Wissen breiter, Fleisch essender Bevölkerungskreise nach wie vor gering ist.

Was ist geschehen?

Dem Bericht der Kreiszeitung.de ist Folgendes zu entnehmen:

  • Eine Besucherin des Hotel-Restaurant „Belfort“ habe im Graubündener Alvaneu eine vegane Variante der „Zucchettipiccata mit mediterranem Gemüse und Kräuterkartoffeln“ bestellen wollen. Der Wirt Paul Zünd habe dies abgelehnt und habe stattdessen drei alternative Gerichte angeboten, worauf die Besucherin Pommes bestellt habe.

Einer der Begleiter schrieb daraufhin folgenden Review bei Google:

  • „Als 1 von 4 Personen nach einem Gemüseteller gefragt hat, wurde er sehr unhöflich und hat gemeint, dass das ‚nicht Ihr Stil‘ sei, ebenso wie: ‚Unsere Gerichte gibt es ganz oder gar nicht‘. Sehr enttäuschend im Vergleich zum letzten Besuch. Von einem guten und auch genug teuren Restaurant kann man mehr erwarten.“

Auf seiner Facebook-Seite entgegnete Paul Zünd, in einer Piccata seien immer Ei und Käse drin. Wenn er alles nicht vegane weglassen würde, würde ein unvollständiges, unausgewogenes Gericht resultieren, welches er nicht bereit sei zu servieren.

Soweit so gut oder besser schlecht:

  • Natürlich müssen in einer Piccata nicht immer Ei und Käse enthalten sein, sondern nur dann, wenn der Koch diese verwendet. Hier ist ein Rezept für eine vegane Piccata als Beispiel.
  • Es kann allerdings der Fall sein, dass ein Koch Schwierigkeiten hat, eine vegane Variante zuzubereiten, wenn er sich damit vorher nicht beschäftigte und die Anforderung unerwartet kommt.

Aber darum geht es offenbar nicht oder nicht vorwiegend:

  • Denn aus der Antwort des Wirtes wird deutlich, dass der kritische Review wohl nicht ganz falsch war. Schließlich schreibt er selbst, er sei nicht bereit, ein unvollständiges, unausgewogenes Gericht zu servieren.
  • Dies ist jedoch keine Tatsachendarstellung, sondern ein Werturteil des Wirtes, welches wiederum passt zu den Schilderungen des Gastes, der sagte, der Wirt sei unhöflich gewesen, habe gesagt, der Wunsch der Besucherin entspreche nicht dem Stil des Hauses.

Im Grunde wiederholt der Wirt dies in seiner Antwort und bestätigt damit die Kritik. Aber dabei bleibt er nicht stehen, sondern geht weiter – Zitat aus dem Bericht der Kreiszeitung:

  • "Es sind Leute wie Sie, welche Gastronomen dazu bewegen (werden), dem ganzen Vegan-Zirkus aus dem Weg zu gehen, weil es gar nicht um die vegane Ernährung geht – was ohnehin ein absoluter Irrsinn ist und nicht der Natur des Menschen entspricht – sondern nur das Lechzen nach Aufmerksamkeit.“

Spätestens jetzt lässt sich das ganze Geschehen vermutlich folgendermaßen rekonstruieren:

  • Eine Besucherin eines durchaus teuren und jedenfalls in der eigenen Sichtweise anspruchsvollen Restaurants wünschte sich ein veganes Gericht, welches auch vegan gekocht werden kann.
  • Dem Wunsch der Besucherin stellte sich der Wirt entgegen, der die vegane Ernährung für einen absoluten Irrsinn hält. Diese Überzeugung konnte oder wollte er nicht verbergen. Stattdessen belehrte er die Besucherin über den Stil des Hauses, woraufhin diese wohl erzürnt war und nur noch Pommes bestellte.
  • Der negative Review entsprach also den Tatsachen. In seiner Antwort bekräftigte der Wirt seine vorurteilsbehafteten Einstellungen noch einmal.
  • Dabei projizierte er sein eigenes Problem mit der veganen Ernährung auf seine veganen Gäste, die nichts weiter getan haben, als den Versuch zu unternehmen, ein veganes Gericht zu erhalten, was ihnen nicht serviert wurde – und zwar deshalb, weil der Wirt es nicht für vollständig und ausgewogen hielt.

Das eigentlich Bemerkenswerte ist die Reaktion einiger Fleischesser:innen im Netz:

  • Dem Wirt schlägt offenbar von Fleisch essender Seite kaum Kritik, sondern eine Welle der Zustimmung entgegen. Demgegenüber wird den veganen Besucher:innen kurzerhand bescheinigt, dass man auf solche Gäste verzichten könne.

Auch Gastronomen solidarisieren sich - Zitat aus der Kreiszeitung:

  • „Weltklasse Retourkutsche von Ihnen Herr Zünd! Endlich mal die richtigen Worte gefunden! Gruß aus Deutschland.“

Ernster Hintergrund

Der traurige Hintergrund dieser Posse ist, dass vegan lebende Menschen sich weiterhin erheblicher Diskriminierung in der Gesellschaft ausgesetzt sehen.

Eine Umfrage von vegan.eu aus dem Jahr 2014 unter 1071 Teilnehmenden gelangte damals zu folgenden Ergebnissen:

  • "Lediglich 7,3% der Befragten gaben an, dass sie noch niemals im Alltag wegen ihrer veganen Lebensweise diskriminiert oder ausgegrenzt worden seien. Demgegenüber berichteten entsprechend mehr als 92% der befragten Veganer, bereits Ausgrenzung oder Diskriminierung erlebt zu haben. ... Am häufigsten beklagt wurden in unserer Umfrage Verspottung (92,1%), der Vorwurf des Extremismus (71,7%) und die Forderung, ein nicht veganes Gericht zu essen (48,5%). Veganismus ins Lächerliche zu ziehen oder als Extremismus zu bezeichnen, stellen insofern besonders häufige negative Verhaltensweisen dar, mit denen nicht-vegan lebende Menschen auf die vegane Lebensweise reagieren können. Seltener berichteten die von uns befragten Veganer über allgemeine Beschimpfungen (24,9%), Vorwürfe des Kindesmissbrauches (19,7%), sowie Kontaktabbrüche oder Ausladungen (17,8%). "

Die Reaktion des Wirtes eines angesehenen Hotel-Restaurants in der Schweiz und die Solidarisierung, die er in den sozialen Netzen erlebt, machen deutlich, dass sich an dieser Situation noch nichts Grundsätzliches geändert hat.

Übrigens machen wir zu diesem Thema, und zwar speziell zu den Erfahrungen von veganen Eltern aktuell eine weitere Umfrage.

Vegane Mütter und Väter sind herzlich eingeladen, sich hieran zu beteiligen:

▶ Hier zur Umfrage

Bitte um Weiterempfehlung

Wir bitten auch um Weiterempfehlung dieser Umfrage bei Freunden, Bekannten und in den sozialen Netzwerken.

Wir werden die Ergebnisse auf vegan.eu, aber auch in Form einer Presseerklärung veröffentlichen. Wir gehen aufgrund vorheriger Erfahrungen davon aus, dass dadurch auch eine Medien-Berichterstattung erfolgen wird.

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