Pflanzen, die sich gegen “Fressfeinde” wehren – schlechte Nachrichten für Veganer?

Pflanzen, die sich gegen “Fressfeinde” wehren – schlechte Nachrichten für Veganer?

Bei Heise findet sich unter dem Titel „Schlechte Nachrichten für Veganer“ ein Artikel, der über experimentelle Untersuchungen berichtet, gemäß derer sich die Ackerschmalwand, ein sogenanntes „Unkraut“, durch die Produktion von Senfölen gegen Raupen schütze, die es anhand ihrer Vibrationen wahrnehmen könne. Dass sich Pflanzen gegenüber „Fressfeinden“ durch die Produktion von Chemikalien schützen und dabei sogar untereinander Signale aufnehmen, ist tatsächlich bereits bekannt, wird durch diese neue Untersuchung aber nun auch für Vibrations-Signale bestätigt.

Dass dieser Befund eine schlechte Nachricht speziell für Veganer sein sollte, ist jedoch ein Missverständnis. Jedenfalls dann, wenn damit gemeint ist, dass es nunmehr keinen Sinn mehr machen würde, auf das Essen von Tieren zu verzichten. Wenn überhaupt, könnte dieser Artikel eine schlechte Nachricht für uns alle und noch stärker für die Fleischesser unter uns sein, allerdings nur under Voraussetzung, dass die Empfänglichkeit für Vibrationen auch eine Schmerzempfindlichkeit der Pflanzen bedeuten würde. Hierfür gibt es bisher nach wie vor keinen Hinweis.

Eine schlechte Nachricht für uns alle wäre eine Schmerzempfindlichkeit von Pflanzen, weil hierdurch das bereits bekannte Leid in der Welt noch einmal in einem enormen Ausmaß ausgedehnt werden würde. Außerdem wären unsere Handlungsmöglichkeiten zur Leidminderung dadurch begrenzt. Während wir nämlich die Nutztierhaltung, die immer mit Tierleid und Tötung verbunden ist, vermeiden können, können wir die Tötung von Pflanzen nicht vermeiden, wenn wir überleben wollen. Wenn hiermit für die Pflanzen Leid verbunden wäre, wäre dies daher fraglos tragisch und würde deutlich machen, dass wir einen größeren Anteil an Leid als gedacht selbst durch umsichtiges Verhalten nicht vermeiden können.

Spezifisch wäre eine Schmerzempfindlichkeit von Pflanzen zusätzlich eine schlechte Nachricht für Fleischesser. Denn die Nutztiere, deren Fleisch, Milch und Eier sie essen, verzehren weitaus mehr pflanzliche Nahrung als ihnen an tierischer Nahrung entnommen werden kann. Würden Pflanzen also Schmerzen erleiden, wäre dies ein weiteres Argument für eine vegane Ernährung und gegen den Fleischkonsum. Wer sich vegan ernährt, erspart Tieren ihre leidbesetzte Haltung und Tötung und reduziert gleichzeitig dramatisch die Anzahl der konsumierten Pflanzen. Wenn Pflanzen leidensfähig wären, wäre die Umstellung der Ernährung auf vegan umso zwingender.

Aber vielleicht hat der Verfasser des Artikels mit seinem Titel „Schlechte Nachrichten für Veganer“ doch Recht, allerdings auf eine andere Art und Weise, als er es vermutlich beabsichtigte:

Vegan lebende Menschen sind vorrangig motiviert, Leid zu mindern. Sie haben Mitgefühl für die leidenden Tiere und entscheiden sich deshalb für die Umstellung ihrer Ernährung und ihrer Lebensführung auf vegan. Sollten Pflanzen leiden, wäre dies tatsächlich besonders für Menschen, die in hohem Ausmaß Mitgefühl empfinden und hieraus Konsequenzen ziehen, eine schlechte Nachricht. Obwohl sie Mitgefühl mit allen leidensfähigen Wesen haben, müssten Veganer dennoch, um zu überleben, weiterhin Pflanzen töten und ihnen, wenn sie leidensfähig sein sollten, insofern Leid zufügen.

Glücklicherweise gibt es bisher keine ernsthaften Hinweise oder gar Belege dafür, dass die Abwehrreaktionen der Pflanzen gegen „Fressfeinde“, die fraglos ein faszinierendes Phänomen sind, mit einem den Tieren oder Menschen vergleichbaren Schmerzerleben auf der subjektiven Seite einhergehen.

Aus Sichtweise einer veganen Ethik ist die Vermeidung des belegbaren Leidens der Tiere, die für unsere Ernährung sinnloserweise sterben, nach wie vor vorrangig, aber – zumal eine Restunsicherheit bezüglich Schmerzempfinden verbleibt – ist ein sorgsamer Umgang mit Pflanzen, im Übrigen auch aus Gründen des Umweltschutzes, ebenfalls erforderlich.

Ohne zwingenden Grund sollten wir auch pflanzliches Leben nicht vernichten, wobei die Sicherstellung unserer Ernährung einer von mehreren zwingenden Gründen ist. Die Tötung von Tieren wird durch diesen Grund demgegenüber nicht legitimiert, weil eine rein pflanzliche Ernährung möglich und die Leidensfähigkeit der Tiere sicher ist, zudem durch eine Ernährung auf der Basis von Tierprodukten mehr Pflanzen vernichtet werden, als wenn wir uns direkt von Pflanzen ernähren. Ein sorgsamer Umgang mit Pflanzen erfordert daher von uns zuallererst, uns pflanzenbasiert vegan zu ernähren.

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