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Verzicht auf Tierhaltung wäre für biologische Landwirtschaft förderlich

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Mit einem Verzicht auf die Nutztierhaltung würde der Biolandbau ein Zeichen für Nachhaltigkeit und Ethik setzen

Biologisch angebaute Pflanzenahrung ist Tierprodukten ökologisch überlegen

Prof. Matthias Zessner vom Institut für Wassergüte, Ressourcenmanagement und Abfallwirtschaft der Technischen Universität in Wien hat die Auswirkungen einer möglichen Reduktion des Fleischkonsumes auf Landverbrauch, Energieverbrauch, Treibhausgas-Emissionen, Nitrate, Phosphor-Verbrauch und Wasserverunreinigung berechnet. Er kommt zu dem Ergebnis, dass eine Reduktion des Fleischkonsumes um 50%, wie oftmals empfohlen, zu einer deutlichen Abnahme der negativen Auswirkungen in allen untersuchten Bereichen führen würde. Eine Reduktion des Fleischkonsumes wäre demnach hilfreich, um Ressourcen zu schonen und den Landverbrauch einzudämmen.

 

Die Ergebnisse von Prof. Zessner stimmen überein mit anderen Studien, die ebenfalls zu dem Ergebnis gelangen, dass der Fleischkonsum bzw. die durch ihn bedingte Nutztierhaltung einer der Hauptfaktoren der weltweiten Umweltgefährdung darstellt (siehe hier).

 

Ausdrücklich warnt Prof. Zessner allerdings davor, dem durch die Nutztierhaltung bedingten Umweltschaden durch eine Ausdehnung der biologisch-organischen Landwirtschaft zu begegnen. Zwar könnten durch eine biologisch-organische Landwirtschaft die Verbrauche von synthetischen Düngern reduziert werden, es ergäbe sich aber eine Ausdehnung des Landverbrauchs und damit eine größere Abhängigkeit von Lebensmittelimportanten, die im übrigen  - dies sei angemerkt - wiederum die Klimabilanz verschlechtern.

 

Mit dieser im Hinblick auf ihre ökologischen Folgewirkungen kritischen Bewertung der biologisch-organischen Landwirtschaft steht Prof. Zessner nicht allein. Vielmehr haben bereits mehrere Untersuchungen aufgezeigt, dass die Nutztierhaltung im Rahmen einer biologisch-organischen Landwirtschaft zu größeren Umweltschäden führt als die konventionelle Nutztierhaltung (siehe hier).

 

Die zunächst negative Bilanz der biologisch-organischen Landwirtschaft ergibt sich vorwiegend aus ihrer geringeren Produktivität, die in einem erhöhten Flächenverbrauch resultiert. Außerdem ist aber auch die Klimabilanz der biologisch-organischen Nutztierhaltung noch kritischer als die Klimabilanz der konventionellen Tierhaltung.

 

Das Problem des erhöhten Landbedarfs ist kein triviales Problem, da bereits jetzt weltweit mehr als 30% der nicht durch Eis oder Wasser bedeckten Erdoberfläche landwirtschaftlich genutzt wird, immer mehr Wälder weichen müssen, wobei die Nutztierhaltung mehr als 70% der weltweit landwirtschaftlich genutzten Flächen für sich beansprucht. Pro produziertem Kilogramm Fleisch beansprucht dabei die biologisch-organische Landwirtschaft mehr Fläche als die konventionelle Nutztierhaltung. Aber auch der Landverbrauch der derzeit mehr als 98% des weltweiten Fleisches produzierenden konventionellen Landwirtschaft hat bereits zu katastrophalen Schäden geführt und droht bei weltweit zunehmendem Fleischkonsum ein immer größer werdendes ökologisches Disaster anzurichten.

 

Welche Konsequenzen könnte die biologisch-organische Landwirtschaft aus diesen und vergleichbaren Befunden ziehen?

 

Die Idee der biologisch-organischen Landwirtschaft ist die der Nachhaltigkeit. Aber auch soziale und tierschützerische Motive sind mit der ursprünglichen Konzeption der biologischen Landwirtschaft verbunden. So ist es sicher kein Zufall, dass in Bio-Läden auch viele Fair-Trade Produkte zu finden sind und zudem der Anteil der Vegetarier unter den regelmäßigen Kunden von Bio-Läden deutlich höher ist als unter den Kunden konventioneller Geschäfte.

 

In den letzten Jahren hat sich eine deutliche Steigerung der ökologischen Fleischproduktion ergeben. Während früher in Bio-Läden Fleisch nicht oder nur sehr wenig Fleisch vorhanden war, gehören ein vielfältiges Fleischsortiment mittlerweile in Bio-Läden und insbesondere in den größeren Bio-Märkten zum Standard. Nun beginnen sogar die Reformhäuser (siehe hier), die jahrzehntelang den Verkauf von Fleisch ablehnten, Fleischprodukte in ihr Sortiment aufzunehmen.

 

Diese Entwicklung - das machen auch die Forschungsergebnisse von Prof. Zessner deutlich -  steht jedoch im Widerspruch zu der eigentlichen Idee der Nachhaltigkeit und darüberhinaus auch zu den tierschutzbezogenen und sozialen Prinzipien der biologisch-organischen Landwirtschaft.

 

Für die Herstellung jedes Kilogramm Biofleisches wird ein Vielfaches der Energie aufgewendet und ein Mehrfaches an pflanzlichen Nahrungsmittel verbraucht, die hinreichend wären, um uns pflanzlich zu ernähren. Jedes Kilogramm Biofleisch ist dabei auch mit einem Vielfachen des Landverbrauches verbunden als er entstehen würde, wenn nicht Fleisch, sondern direkt pflanzliche Kost konsumiert würde. In einer Welt, in der immer stärker die natürlichen Lebensgrundlagen des Planetens gefährdet werden und in der gleichzeitig zahlreiche Menschen von einer angemessenen Ernährung abgeschnitten werden und hungern müssen (siehe hier), erscheint diese Sachlage schwerlich mit der Idee der Nachhaltigkeit, aber auch schwerlich mit sozialen Aspekten vereinbar.

 

Die Nutztierhaltung ist ein wesentlicher Preistreiber für pflanzliche Nahrungsmittel und trägt dadurch zu mangelnder Ernährungssicherheit und Hunger der ärmeren Menschen in unserer Welt bei. In der Biohaltung wird den Tieren Bio-Getreide gefüttert. Die hierdurch erzeugte Nachfrage steigert den Preis pflanzlicher Bio-Produkte, was auch bei uns den armen Teil der Bevölkerung von einer Ernährung mithilfe von biologisch-organisch produzierten Nahrungsmitteln weitgehend abschneidet.

 

Aber auch aus Tierschutzsicht ergeben sich gegen die biologisch-organische Tierhaltung erhebliche Bedenken:

 

Transport und Schlachtung sind für "konventionelle"- und "Bio-Tiere" im wesentlichen identisch. Ihr Zusammentreiben oder "Einsammeln", wie bei den Hühnern, ist mit der gleichen Angst verbunden wie ihr Transport und ihre Schlachtung, bei der beispielsweise die Hühner noch vor jedem Bewusstseinsverlust an ihren Füßchen aufgehängt werden. Bei einem kleinen Prozentsatz der Tiere wird auch immer die Betäubung nicht greifen, so dass sie bei Bewusstsein geschlachtet werden.

 

Auch wenn die Lebensbedingungen der "Bio-Tiere" sicher teilweise besser sind als die der konventionell gehaltenen Tiere, werden auch die biologisch gehaltenen Tiere letztlich reduziert zu Objekten, deren Leben und Sterben der Erzielung eines wirtschaftlichen Gewinnes untergeordnet ist.

 

Die biologisch-organische Landwirtschaft befindet sich durch die durch sie praktizierte Nutztierhaltung im Widerspruch zu ihren eigentlichen Grundprinzipien. Eine weltweite erhebliche Ausdehnung der biologisch-organischen Landwirtschaft wäre daher unter den gegenwärtigen Umständen nicht wünschenswert, da sich - bei Festhaltung an der Nutztierhaltung - hieraus keine Senkung, sondern eine Steigerung von Umweltschäden ergeben würde. Ebensowenig kann aber die Fortsetzung der ebenfalls unsere Umwelt zerstörenden und Tieren noch höheres Leid zufügenden konventionellen Landwirtschaft zur Lösung des Problems beitragen.

 

Die negativen Auswirkungen der Nutztierhaltung - und zwar auch der biologischen - sind erst in den letzten Jahren in diesem Umfang wissenschaftlich untersucht worden und bekannt geworden. Als die organisierte biologisch-organische Landwirtschaft und der Naturkosthandel einstmals die Entscheidung trafen, die Nutztierhaltung stark auszudehnen und massiv in die Fleischproduktion einzusteigen, waren die negativen ökologischen Folgen noch nicht bekannt. Heute sind sie es und sie könnten und sollten zu einem Umdenken der biologisch-organischen Landwirtschaft führen.

 

Vor dem Hintergrund, dass der erhöhte Energieverbrauch der biologisch-organischen Landwirtschaft und ihr erhöhter Flächenbedarf sich zu einem großen Teil aus der Nutztierhaltung ergeben, wodurch die positiven Auswirkungen (Einsparung von Düngemitteln) mehr als kompensiert werden, wäre der Verzicht auf die Nutztierhaltung ein wichtiger Schritt, um die ursprünglichen Gedanken von Nachhaltigkeit, Tierschutz und sozialer Orientierung zum Tragen zu bringen und dadurch die ökologischen wie auch die ethischen Voraussetzungen für eine weltweite Ausdehnung der biologisch-organischen Landwirtschaft zu schaffen.

 

Längst ist gezeigt, dass eine bio-vegane Landwirtschaft möglich ist. Es ist nicht notwendig, Tiere zu halten, um auf landwirtschaftlichen Flächen ausreichende Erträge pflanzlicher Nahrungsmittel zu erzielen (siehe hier). Auch das Düngemittelproblem ist ohne die Nutzung von Gülle und anderer im übrigen die Verbreitung von Infektions-erkrankungen fördernder Ausscheidungsprodukte oder Körperbestandteile von Tieren lösbar (siehe hier).

 

Eine biologisch-organische Landwirtschaft, die auf die Nutztierhaltung verzichten würde, würde ein starkes Zeichen setzen, dass nicht ausschließlich kurzfristige Gewinninteressen, sondern wahrhaft ökologisches, tierschutzbezogenes und soziales Denken diese Art der Landwirtschaft kennzeichnet und von ihrem konventionellen Konkurrenten unterscheidet. Eine solche Revision der gegenwärtigen Fleischorientierung der biologisch-organischen Landwirtschaft würde gleichzeitig vermutlich viele Menschen für eine pflanzenbasierte Kost erreichen, die sich auch deshalb weiterhin von Fleisch und Tierprodukten ernähren, weil diese im Naturkosthandel angeboten werden.

 

Zurück zur Berechnung von Prof. Zessner:

 

Dieser legte eine 50% Reduktion des Fleischkonsumes zugrunde. Bei bereits jetzt hohen Schadwirkungen und wachsender Weltbevölkerung wird dies nicht hinreichend sein, um einen ausreichenden Schutz unserer natürlichen Lebensgrundlagen gewährleisten zu können. Hätte Prof. Zessner aber eine vegane Lebensweise zugrunde gelegt, wäre es ihm möglich gewesen, ein Vielfaches an positiven Auswirkungen im Sinne einer stark erweiteren Schadensreduktion prognostizieren zu können.

 

Natürlich ist jede Fleischreduktion zu begrüßen und zu fördern, da sie die Umwelt schont und die Anzahl der betroffenen Tiere reduziert. Jedoch ist vielen Menschen noch nicht bewusst, dass eine vegane Lebensweise, die auf den Konsum tierischer Produkte verzichtet, ohne weiteres möglich ist. Eine vegane Lebensweise ist die im positiven Sinne humane, ökologische, soziale und tierschützerische Alternative zu einer tierbasierten Ernährung und Lebensweise, deren Bekanntheitsgrad vor allem bezüglich ihrer Umsetzbarkeit allerdings noch viel zu gering ist.

 

Der Weg zu einer sich vegan ernährenden Gesellschaft wird ein weiter sein und Teilschritte, wie Fleischreduktion, werden erforderlich sein. Der biologisch-organische Landbau könnte jedoch einen maßgeblichen Beitrag zur Erreichung des Zieles leisten, indem er sich auf seine ursprünglichen Ziele rückbesinnen und vor dem Hintergrund der Berücksichtigung neueres Forschungsergebnisse eine Revision seiner Orientierung auf Tierhaltung und Fleischkonsum vornehmen würde. Umgekehrt wäre in diesem Fall eine massive Ausdehnung der biologischen Landwirtschaft eine sinnvolle Zielsetzung, während bei Beibehaltung der derzeitigen Orientierung auf Nutztierhaltung eine starke Ausdehnung des ökologischen Landbaus aus ökologischen Gründen nicht verantwortbar wäre.

 

Der kurzfristige Verzicht auf einige Gewinne und die Aufwendung der Kosten für die notwendige Restrukturierung könnte so zur besten Investition für die Zukunft der biologisch-organischen Landwirtschaft werden.

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Kommentar von Silke |

Starker Artikel! Werde ich uneingeschränkt weiterempfehlen. Vielen Dank dafür!