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Veganer und Vegetarier: Verbündete oder Gegner?

(Kommentare: 4)

Veganer essen keinerlei tierische Produkte, verzichten also auf Fleisch, Fisch, Milch und Eier. Vegetarier essen demgegenüber kein Fleisch und keinen Fisch,  wohl aber Milch  und Eier. Es ist bekannt, dass Veganer meistens eine kritische Haltung gegenüber Fleischessern haben. Sie halten Fleischkonsum für unmoralisch und fühlen sich oft von Fleischessern diskriminiert. Eine Umfrage der durch uns betriebenen psychologischen Partneragentur www.Gleichklang.de unter ihren veganen Mitgliedern zeigte entsprechend auch, dass 85% der befragten Veganer keine Partnerschaft mit einem Fleischesser wollten.

 

Wie aber stehen Veganer zu Vegetariern?  Sehen sie diese als Verbündete oder Gegner? 

 

Unsere  fortlaufende Umfrage zu Einstellungen von vegan lebenden Personen ist dieser Frage nachgegangen. Ganz aktuell haben sich an der Umfrage 1114 Veganer, unter ihnen  811 Frauen und 294 Männer im Alter von 16 bis 83 Jahren, beteiligt. 

 

Das Ergebnis ist eindeutig:

 

Mehr als drei von vier Veganern betrachten Vegetarier als Verbündete (78%) und sehen mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede. (78,4%) Lediglich 10,6% der befragten Veganer gaben demgegenüber an, Vegetarier seien Gegner, und 22,2% sahen mehr Unterschiede als Gemeinsamkeiten zwischen Vegetarier und Veganern.

 

Eine sogar noch positivere  Einschätzung des Vegetarismus durch Veganer zeigte sich in den stärker emotional geprägten Sympathiebewertungen:

 

Nahezu jeder der befragten Veganer (99,2%) betonte, dass er vegan lebende Personen für sympathisch halte. Fast neun von zehn der befragten Veganer (89,6%.) hielten aber ebenfalls Vegetarier für sympathisch. Ganz anderes wurden demgegenüber Fleischesser bewertet, für die lediglich 14,1% der Befragten eine Sympathie berichteten.

 

Nach unserer Einschätzung ergibt sich die hohe Wertschätzung von Veganern für Vegetarier sowohl aus der Gemeinsamkeit des Fleischverzichts in einer ganz auf Fleischkonsum ausgerichteten Gesellschaft als auch aus einem oftmals gemeinsamen Werdegang. Denn fast drei von vier der befragten Veganer (73,5%) hat angegeben, vor dem Wechsel zur veganen Lebensweise Vegetarier gewesen zu sein. Zwar ist aus anderen  Umfragen bekannt, dass fast alle vegan lebenden Personen früher auch einmal Fleisch gegessen haben, der Schritt zum Fleischverzicht ist  für viele von ihnen dann aber der erste entscheidende Schritt auf dem Weg zur veganen Lebensweise gewesen. Trotz aller Unterschiede – immerhin 61,5% der befragten Veganer bewerteten den Vegetarismus als inkonsequent – führt vermutlich die Erinnerung an diesen eigenen Entwicklungsweg bei den meisten vegan lebenden Personen zu einer positiven Einschätzung des Vegetarismus.

 

Übrigens lässt sich aus den Daten ein statistisch signifikanter Trend dahingehend erkennen, dass Personen, die erst vor Kurzem mit der veganen Lebensweise begannen, öfter direkt vom Fleischkonsum zum Veganismus wechselten als Personen, die schon längere Zeit  Veganer waren. Aber auch bei den Befragten, die erst seit weniger als einem Jahr vegan lebten, gaben 70% an, zuvor vegetarisch gelebt zu haben. Obwohl der Trend die statistische Signifikanz wegen der hohen Stichprobenanzahl erreichte, ist er also dennoch nur äußerst schwach ausgeprägt. Auch aktuell gilt, dass die meisten neuen Veganer zuvor Vegetarier waren. Die zunehmende Medienberichterstattung über die vegane Ernährungs- und Lebensweise hat hier demnach bisher zu keinen grundlegenden Veränderungen geführt.

 

Der Hauptgrund für die negativen Einstellungen zu Fleischessern und die positiven Einstellungen zu Vegetariern dürfte  in  moralischen Motiven liegen. Für nahezu jeden der befragten Veganer waren die Minderung von Tierleid (98,6%) und der Schutz der Umwelt (98,6%)  bedeutsame Gründe für ihre vegane Lebensweise gewesen. Deutlich seltener wurden demgegenüber die Verbesserung von Gesundheit (58%) und Fitness (57,4%) genannt . Nur 16% der Befragten haben eine angestrebte Gewichtsabnahme als wesentliches Motiv für ihre vegane Lebensweise genannt, lediglich 0,8% gaben an, vegan zu leben, weil dies "trendy" sei.

 

Deutlich seltener als Verminderung von Tierleid und Schutz der Umwelt wurde allerdings ein weiteres moralisch fundiertes Motiv, nämlich die Minderung des Welthungers, als bedeutsam für die vegane Lebensweise angeführt. Dies hängt vermutlich damit zusammen, dass noch nicht im gleichen Maß bekannt ist, dass die vegane Lebensweise ein effektives Mittel gegen den Welthunger ist, während allgemein bekannt ist, dass die vegane Lebensweise Tierleid mindert und die Umwelt schützt.

 

Veganer haben vor allem deshalb kritische Einstellungen zu Fleischessern, weil sie den Fleischkonsum als unmoralisch bewerten und gleichzeitig aufgrund  ihrer eigenen Verzichtsleistung auch für andere diesen Verzicht für zumutbar halten. Da Vegetarier bereits  eine, wenn auch geringere, Verzichtsleistung erbringen, werden diese aus veganer Sichtweise weitaus positiver bewertet.

 

Der Begriff "Verzicht" soll in diesem Zusammenhang übrigens nicht implizieren, dass die vegane Lebensweise eine Art der Askese sei. Im ersten Schritt ist die Beendigung von langjährigen Gewohnheiten zwar ein Verzicht, dieser Verzicht wird aber im Verlauf als Gewinn erlebt.

 

Ein zusätzlicher Grund für die kritischen Einstellungen von vegan lebenden Personen zu Fleischessern mag in den häufig erlebten Diskriminierungen durch die fleischessende Mehrheitsgesellschaft liegen, die von Veganern berichtet werden.

 

Die Frage der Bewertung des Vegetarismus und des Umganges mit Vegetariern wird innerhalb des Veganismus durchaus unterschiedlich gesehen. Während weitgehende Einigkeit besteht, dass eine vegetarische Lebensweise unzureichend ist, reichen die Bewertungen des Vegetarismus von Verdammung bis hin zu Zustimmung. Unsere Umfrage zeigt, dass die Mehrheit der Veganer durchaus positive Einstellungen zur vegetarischen Lebensweise und zu vegetarisch lebenden Personen hat, dennoch aber Wert darauf legt, nicht beim Vegetarismus stehen zu bleiben. Entsprechend stimmten auch mehr als 90& der befragten Veganer (92,7%) der Aussage zu, dass der Veganismus eine konsequente Form des Vegetarismus sei.

 

Insgesamt scheint es auch vor dem Hintergrund der Sachlage, dass für die allermeisten Veganer der Vegetarismus der erste entscheidende Veränderungsschritt gewesen ist, wenig sinnvoll, mit Verdammungsstrategien auf Vegetarier zu reagieren. Vielmehr dürfte es der Ausbreitung der veganen Lebensweise am ehesten förderlich sein, wenn die Menschen dort abgeholt werden, wo sie stehen, und dabei wertschätzend auf erkennbare positive Schritte reagiert wird. Zu einer solchen Strategie gehört aber selbstverständlich auch, vegetarisch lebende Menschen über die negativen Auswirkungen der Milch- und Eierproduktion wie jeder Form der Nutztierhaltung überhaupt auf das Tierwohl und die Umwelt zu informieren. Bei Vegetariern ist meistens bereits eine höhere Bereitschaft vorhanden, zu einer pflanzenbasierten Lebensweise zu wechseln, als diese bei Fleischessern gegeben ist. An dieser kann und sollte in einem positiv motivierenden Sinne angeknüpft werden, der die gemeinsame Errungenschaft des Fleischverzichts herausstellt und gleichzeitig einen Anreiz für die konsequentere vegane Lebensweise gibt.

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Kommentar von Achim Stößer |

"dass für die allermeisten Veganer der Vegetarismus der erste entscheidende Veränderungsschritt gewesen ist, wenig sinnvoll, mit Verdammungsstrategien auf Vegetarier zu reagieren." Im gegenteil, gerade weil kaum jemand Vegetarier vernnüftig kritisiert, sondern lieber mit den Ausbeutern kuschelt, werden diemeisten "zuerst Vegetarier" (und davon die meisten bleiben es auch), Siehe http://vegetarier-sind-moerder.de/sofort-vegan und http://vegetarier-sind-moerder.de/vegetarier-auf-dem-weg , Überhaupt dürften die meisten der "veganer" in diese umfrage keine sein, sondern sich lediglich als solche ausgeben. >>Es muß endlich Schluß sein mit der falschen Dichotomie, der Zweiteilung, bei der die Nichtvegetarier auf der einen und die Vegetarier*
und Veganer gemeinsam auf der anderen Seite stehen. Tatsächlich stehen nämlich die Vegetarier auf der falschen, auf der gleichen wie die Leichenfresser: auf der Seite der Tierausbeuter nämlich, derjenigen, die Tiere gefangenhalten, mißhandeln und umbringen*, um Teile ihrer Körper, ihre Menstruationsprodukte oder Drüsensekrete zu konsumieren. << http://maqi.de/txt/vegetariersindmoerder.html

Kommentar von l. edward |

Das Ergebnis sieht etwas positiver aus, als vor einer Woche. Weiterhin wird unterstellt, daß alle Vegetarier Ovo - /Lactos sind. Normale Vegetarier haben es gar nicht nötig, zu einer pflanzenbasierten Lebensweise zu wechseln! Die haben wir schon. :)

Kommentar von Guido (Team Vegan.eu) |

@ Achim Ich sehe zwei Probleme mit deiner Argumentation:

1. ) Am Ende rechnet sich die Anzahl der Veganer gegen Null. Die von uns Befragten haben nicht nur angegeben, keine Milch, keine Eier, kein Fleisch, natürlich auch nicht von Fischen, zu essen, sondern nahezu jeder hat z.B. ebenfalls angegeben, keine Produkte mit dem Inhaltsstoff Gelatine zu konsumieren. Die große Mehrheit verneinte auch Leder, Wolle und immerhin 3/4 auch Honig. Keine Tierprodukte in Farben, Leim und anderen Renovierungsmaterialien gaben allerdings deutlich weniger als 50% an. Wenn wir einen "Strenge-Wert" über 15 solcher Kriterien bilden, zeigt sich, dass sie Strenge mit den Jahren der veganen Ernährung zunimmt. D.h. Personen scheinen mit den Jahren immer stärker Tierprodukte auch in Dingen, an die man nicht sofort denkt, zu vermeiden. Übrigens weisen Personen, die vor ihrer veganen Ernährung Vegetarier waren (die allergrößte Mehrheit, vermutlich du auch) einen höheren Strengegrad auf als Personen, die sofort zu vegan wechselten. Vegan erscheint insofern durchaus als eine quantitative DImension. Wenn wir uns auf den gegenteiligen Standpunkt stellen, dass nur der vegan ist, der alle potentiellen, auch nur irgendwie erkennbaren und vermeidbaren Tierprodukte vermeidet, dann würde sich die Anzahl der Veganer von derzeit wohl ca. 0,3% in der Bundesrepublik Deutschland wahrscheinlich auf eine handvoll reduzieren. Ich erinnere daran, dass beispielsweise eine "vegane Operation" mit Krankenhausaufenthalt (überhaupt jeder vegane Krankenhausaufenthalt) derzeit nicht möglich ist, da dies gesellschaftlich nicht angeboten wird. Man kann selbstverständlich Operationen vermeiden - es ist also nichts unvermeidbares, so dass nicht argumentiert werden kann, wir könnten halt nur vermeiden, was vermeidbar ist. Es scheint mir letztlich für die vegane Sache kontraproduktiv, wenn wir durch überzogene Kriterien den Veganismus als praktisch existierende Bewegung abschaffen.

2. ) Vegetarier haben bereits einen ersten wichtigen Schritt getan, an den angeknüpft werden kann. Eine vegetarische Welt wäre übrigens bereits deutlich leidfreier, z.B. würde der Fischozid enden. Es ist wichtig, jede Annäherung an das Ziel zu verstärken, um ein Ziel zu erreichen, anstatt sie zu schwächen und dadurch vom Ziel eher abzuschrecken.

@ Edward Vegetarier ernähren sich nur dann wirklich pflanzenbasiert, wenn sie vegan leben. Du hast recht, es gibt auch noch ovo Vegetarier und lacto Vegetarier, aber wenn sie sich wirklich pflanzenbasiert ernähren, sind sie bereits vegan.

Kommentar von suchenwi |

Der Begriff "pflanzenbasiert" greift genau genommen nicht weit genug. Ich bevorzuge "ohne Tierprodukte", denn Pilze esse ich sehr gerne,aber Pflanzen sind das nicht.
Wikipedia: "Pilze (Fungi) sind eukaryotische Lebewesen, deren Zellen Mitochondrien und ein Zellskelett enthalten. In der biologischen Klassifikation bilden sie neben Tieren und Pflanzen ein eigenständiges Reich, zu dem sowohl Einzeller wie die Backhefe als auch Vielzeller wie die Schimmelpilze und die Ständerpilze gehören."