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Vegane Kontroversen

Die Begriffe vegan, Veganismus, veganer Lebensstil oder die Bezeichnung Veganer/Veganerin mögen verdecken, dass es die eine vegane Lebensweise gar nicht gibt, sondern dass auch unter Veganern durchaus unterschiedliche Vorstellungen und Praktiken vertreten werden, die teilweise sehr kontrovers - und manchmal bis hin zu persönlichen Beleidigungen gehend - diskutiert werden.

 

Solche Auseinandersetzungen, wenn sie verbissen geführt werden, mögen Interessierte erschrecken, sind aber nicht zu überschätzen. Unterschiedliche Meinungen wird es immer geben, wo Menschen aufeinander treffen. Bei Meinungsunterschieden bleiben, gerade wenn beide Seiten engagiert dabei sind, Übergänge zur persönlichen Ebene nicht immer aus. Die Auseinandersetzungen zwischen Veganern sollten nicht den Blick dafür trüben, dass die meisten Veganer bezüglich ihrer veganen Lebensstile gut miteinander auskommen und auftretende Differenzen im Regelfall sachlich ausgetragen und gegebenenfalls stehen gelassen werden, ohne zu Zerwürfnissen zu führen. Gerade in Anbetracht des geringen Anteils von Veganer an der Allgemeinbevölkerung erscheint es wenig sinnvoll, eine weitere Zersplitterung zu betreiben.

 

Die Auflistung der folgenden Kontroversen erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, soll aber einen Eindruck von Diskussionen und Meinungsverschiedenheiten innerhalb der veganen Community geben:

 

Welche Lebensmittel sind vegan?

Veganer lehnen den Konsum aus Tieren stammender Nahrungsmittel und grundsätzlich auch sämtlicher Nahrungsmittel, die tierische Produkte enthalten, ab. Trotz dieser scheinbar eindeutigen Grundhaltung gibt es aber diesbezügliche Divergenzen innerhalb der veganen Community, die sich auf Honig, mögliche Verunreinigungen von Nahrungsmitteln durch tierische Produkte, sowie auf die Frage beziehen, welches Ausmaß an Ausschluss tierischer Stoffe in Nahrungsmitteln im Hinblick auf den damit verbundenen Aufwand gefordert werden kann und sollte.

 

Honig ist ein zweifelsohne tierisches Produkt, welches von Bienen produziert wird. Dennoch essen einige Veganer Honig oder achten nicht streng auf einen Honigausschluss. Dies mag einerseits damit begründet werden, dass es sich bei Bienen um Insekten handele, von deren Leidensfähigkeit auch manche Veganer nicht überzeugt sind, andererseits mag argumentiert werden, dass Bienen für die Honigproduktion nicht getötet werden.  Allerdings ist die Annahme, dass Insekten nicht leiden können, rein hypothetisch und beinhaltet das Risiko eines Irrtums, zumal vermehrt Untersuchungen auch auf darauf hindeuten, dass Leidensfähigkeit selbst bei Insekten gegeben ist. Außerdem ist es falsch, dass Bienen bei der Honigproduktion nicht getötet werden. So sterben Bienen, wenn sie stechen, was bei der Imkerei gar nicht zu vermeiden ist. Ebenfalls werden nicht genug Honigertrag bringende

Völker typischerweise vernichtet. Ein Schwärmen der Königin wird durch das Stutzen von deren Flügeln verhindert und die Königinnen werden typischerweise in relativ kurzen Abständen getötet und durch neue Königinnen ersetzt. Vor diesem Hintergrund erscheint die Argumentation für eine Vereinbarkeit von Honigkonsum mit einer veganen Lebensweise für doch fragwürdig. Ebenso wenig überzeugend sind Argumente, dass die Imker für die Landwirtschaft benötigt würden, da eine Bestäubung von Pflanzen auch ohne künstliche Bienenhaltung zur Honigproduktion hinreichend möglich ist. Auch die Bereitstellung günstiger Bedingungen für Bienenvölker wäre in keiner Weise kritikwürdig. Beim Honig erscheint es insofern letztlich als die beste Lösung, auf seinen Konsum zu verzichten. Wer bis auf Honig auf tierische Produkte bereits verzichtet, dem wird dieser Schritt ohnehin leicht fallen. 

 

Einsatz tierischer Produkte als Zusatzstoffe in Nahrungsmitteln

In vielen Nahrungsmitteln sind tierische Produkte als essentieller Teil des Produktes bzw. notwendige Voraussetzung der Produktherstellung enthalten. Dies betrifft z.B. Gelatine in Süßwaren oder auch Lab aus Kälbermägen in Wein. Unter Veganern besteht im wesentlichen Einigkeit, dass derartige Produkte zu vermeiden sind, da sie nicht nur verunreinigt sind, sondern in ihrer Essenz als nicht vegan zu bezeichnen sind. Entsprechend sind die Zutatenlisten bei Nahrungsmitteln bei einer veganen Lebensweise zu studieren, wobei für alles, was man kaufen möchte, hinreichende Alternativen zur Verfügung stehen, gegebenenfalls auch ein Rückgriff auf   den veganen Versand sinnvoll ist. Dennoch unterscheiden sich Veganer im Ausmaß, in dem sie bei jedem Produkt auf die Abwesenheit tierischer Zusatzprodukte achten, gerade auch, wenn sie auswärts unterwegs sind. Grundsätzlich erscheint aber aus veganer Perspektive die Prüfung auf Zusatzstoffe beim Kauf für notwendig und auswärts sollten möglichst  Nahrungsmitteln, bei denen man weiß, dass Verunreinigungen zu erwarten sind, vermieden werden. Selbst bei großer Vorsicht wird es aber dennoch wohl nicht immer möglich sein, bei jedem jemals konsumierten Nahrungsmittel (einschließlich von Gerichten in Restaurants) alle möglichen Zusatzstoffe geprüft zu haben. 

 

Intentionale Verunreinigung veganer Nahrungsmittel

Obst gehört zu den Kernprodukten einer veganen Ernährung. Obst als nicht vegan zu klassifizieren, ist insofern hochgradig kontraintuitiv und unerwartet. Leider führt die komplette Ausrichtung unserer Gesellschaft und ihrer Produktion jedoch zu der Situation, dass selbst alles Obst nicht mehr als eindeutig vegan betrachtet werden kann. So mag Obst mit Wachsen behandelt werden, die tierische Produkte enthalten. Obstsaft mag unter Einsatz von Gelatine geklärt werden.  Es handelt sich hier nicht um eine ungewollte Verunreinigung, sondern um den intentionalen Einsatz tierischer Produkte durch die Hersteller. Einige Veganer erheben die Forderung, den Konsum derartiger eigentlich zum Kern einer veganen Ernährung gehörender Produkte zu vermeiden, wenn sie entsprechende tierische Verunreinigungen aufweisen, andere halten ein solches Vorgehen nicht für praktikabel. Insbesondere dann, wenn man nicht immer zu Hause ist und auch manchmal auswärts etwas essen muss, würde tatsächlich bei strenger Auslegung selbst der Konsum von Obst und sämtlichen Obstprodukten nicht mehr statthaft sein, da wohl kaum ausgeschlossen werden kann, dass tierische Produkte, z.B. Wachse, zu irgendeinem Zeitpunkt bei der Verarbeitung des Obstes hinzugezogen wurden. Vor diesem Hintergrund erscheint eine Kompromissposition als die Sinnvollste, die beinhaltet, mit tierischen Produkten behandeltes Obst und analog dazu andere pflanzliche Produkte dann zu vermeiden, wenn die Verunreinigung feststellbar ist und Alternativen zur Verfügung stehen. So können bei Säften trübe Säfte gewählt werden, Produktanfragen gestellt und möglichst diejenigen Säfte gewählt werden, bei denen eine Gelatineklärung nicht vorgenommen wurde. Auch beim Obst ist es sinnvoll, auf nicht gewachstes Obst zu achten, wobei die Aussichten für Tierproduktfreiheit grundsätzlich im Biohandel höher sind als im konventionellen Handel, der auch aus ökologischen und sozialen Gründen möglichst gemieden werden sollte. Die Situation, dass wir selbst bei Obst um seinen veganen Charakter fürchten müssen, verdeutlicht erneut das Ausmaß der gesellschaftlich praktizierten Nutzung von Tierprodukten, die selbst originär pflanzliche Produkte umfasst. Dieses Fehlverhalten der Gesellschaft sollte aber keinen Anlass für Streit zwischen Veganern geben und nach hiesiger Sichtweise sollten keine Forderungen als bindend erhoben werden, die im realen Leben für die übergroße Mehrheit der Betreffenden einfach nicht mehr umsetzbar sind.

 

Nicht intentional verunreinigte Produkte

Des Öfteren steht auf Packungsbeilagen, dass Spuren von Milch etc. enthalten sein können. Dies begründet sich damit, dass auf den entsprechenden Förderbändern auch andere Produkte verarbeitet werden und eine 100% wirksame Reinigung nicht garantiert werden kann. Während manche Veganer den Verzicht auch auf diese Produkte vorschlagen, dürfte die Mehrheit vegan lebender Menschen hier die Grenze der Umsetzbarkeit einer veganen Lebensweise erreicht sehen, zumal Verunreinigungen tatsächlich nirgendwo, wo auch andere Produkte verarbeitet werden, z.B. in keinem nicht veganen Restaurant, ausschließbar sind. Selbst in veganen Restaurants werden aber gegebenenfalls Produkte verwandt, die entsprechende Spuren an tierischen Substanzen enthalten können. Grundsätzlich ist es sicherlich aus veganer Perspektive sinnvoll, Betriebe zu unterstützen, die ausschließlich vegane Produkte verarbeiten, auch wenn selbst diese nicht unbedingt für eine lückenlos jedwede mögliche Verunreinigung ausschließende Verarbeitungs- und Transportkette garantieren können. Aufgrund dieser Situation erscheint die Forderung, verunreinigte Produkte zu 100% auszuschließen als überzogen und kaum umsetzbar. Aufgrund der Ausrichtung unserer gesamten Gesellschaft auf die Tiernutzung werden leider auch Veganer immer wieder  gezwungen sein, eigentlich vegane Nahrungsmittel zu konsumieren, die Spuren von tierischen Produkten enthalten.

 

Kochen und Einladen von, für und mit Freunden und Bekannten

In Diskussionen unter Veganern wird immer wieder die Frage gestellt, wie man mit nicht veganen Freunden umgeht, für die man kocht oder die man in Restaurants zum Essen einlädt. Dabei werden durchaus unterschiedliche Positionen vertreten. Während Konsens darüber besteht, dass eine vegan lebende Person selber keine nicht veganen Lebensmittel gemeinsam mit ihren Freunden konsumieren wird, wird andererseits durchaus argumentiert, dass ein Kochen nicht veganer Lebensmittel für Freunde aus Gründen von Toleranz und Anerkennung statthaft sei. Ebenfalls wird auch von Veganern die Meinung vertreten, dass der Einkauf nicht veganer Produkte (einschließlich Mahlzeiten in Restaurants) zwar für Veganer selbst nicht, wohl aber von Veganern für deren Freunde und Bekannte legitimiert sei. Ebenso wird aber auch die umgekehrte Position vertreten, dass der Einkauf nicht veganer Produkte die Tiernutzung unterstütze und durch dieses Verhalten gegenüber Freunden zudem der Eindruck vermittelt werden, dass es sich beim veganen Lebensstil lediglich um einen alternativen Lebensstil unter mehreren und nicht um die moralisch gebotene Lebensweise handele. Die Mehrheit wird wohl nicht direkt Fleisch oder andere nicht vegane Produkte kaufen oder selber kochen, auch nicht für Freunde und Bekannte. Demgegenüber dürften aber Einladungen zum Essen und Trinken doch auch von Veganer recht oft ausgesprochen und dann ebenfalls eine Bezahlung nicht veganer Produkte erfolgen, was bei strenger Auslegung ebenso als Unterstützung für eine nicht vegane Lebensweise betrachtet werden kann und dies im Grunde - wie eine sachliche Analyse zeigt - auch ist. Oftmals besteht die Befürchtung, dass Freunde oder Bekannte es einem übel nehmen würden, wenn man für sie nicht vegan kocht oder sie nicht zu nicht veganem Essen einlädt. Dadurch komme es zu einer Isolation und nicht vegan lebende Menschen würden letztlich von einer veganen Lebensweise abgeschreckt. Andererseits berichten wiederum Veganer, die sich hier für einen stringenteren Maßstab entscheiden, dass bei transparenter Erklärung und Offenlegung nahezu alle Bekannte und Freunde dies nachvollziehen können und dadurch nahezu nie ein echte Beeinträchtigung von Freundschaften zu befürchten ist.  Sollte dies anders sein (was demnach aber nur höchst selten der Fall ist), stellt sich tatsächlich die Frage, ob diese Art von Freunde und Bekannten, die den eigenen veganen Lebenswandel und seine Implikationen nicht akzeptieren wollen, die Richtigen sind.  Unterschiedlich gehandhabt wird von Veganer aber auch die Fragestellung, inwiefern in der eigenen Küche bzw. Wohnung nicht vegane Freunde und Bekannte nicht vegan kochen können und inwiefern ebenfalls, inwiefern man mit ihnen gemeinsam essen wird, wenn sie Tierprodukte konsumieren. Während das Verbot nicht veganer Lebensmittel in den eigenen vier Wänden vielen als unmittelbar legitim und einleuchtend erscheint, sehen andere dies anders, zumal auch viele Veganer gemeinsam mit nicht vegan lebenden Familienangehörigen oder anderen Personen leben, wo eine entsprechende Praxis nicht durchsetzbar sein dürfte. Die Mehrheit der Veganer wird letztlich ebenfalls auswärts auch dann zusammen mit Freunden und Bekannten essen, wenn diese Fleisch oder andere Tierprodukte verzehren, auch wenn es ebenfalls die Tendenz gibt, nur oder wenigstens möglichst vegane oder mindestens vegetarische Restaurants gemeinsam zu besuchen. Manche Veganer - wobei dies eine Minderheit sein dürfte – finden den Anblick ihre fleischessenden Freunde und Bekannten unerträglich und verzichten lieber auf ein gemeinsames Essen, wenn diese ihrerseits auf den Konsum von Tierprodukten nicht verzichten möchten, was im Übrigen von sich aus mehr Fleischesser beim gemeinsamen Essen mit veganen Freunden tun als wohl gemeinhin vermutet wird. Es handelt sich hier um individuelle Entscheidungen, für die allseits Argumente vorgebracht werden können und die von daher Anlass zur Diskussion, nicht aber zu Streit zwischen Veganern führen sollten und schon gar nicht dazu, den anderen den Veganer-Status abzusprechen oder - umgekehrt – den Opponenten als einen intoleranten Fanatiker zu beschimpfen. Veganer haben zu viel gemeinsam im Interesse der ausgebeuteten Tiere zu erkämpfen, als dass sie sich über Themen veganen Grenzverhaltens auseinanderdividieren sollten.

 

Spezialthema: Essen in Restaurants

Ein Gericht in einem nicht veganen Restaurant wird immer Gefährdungen der Verunreinigung durch tierische Produkte ausgesetzt sein. Hinzu kommt, dass in vielen Restaurants als Würzmittel tierische Produkte zum Einsatz kommen, ob als Grundsuppe oder Fischsoße, wie z.B. in Thai Restaurants. In vielen türkischen Restaurants wird außerdem z.B. das Brot mit Ei bestrichen. Es besteht weitgehende Einigkeit unter Veganern, dass in Restaurants auf die eigene vegane Ernährung hinzuweisen ist, diese erklärt werden sollte und auch explizit auf die Notwendigkeit des Ausschluss von Fleischbrühe, Fischsoße, Bestreichung mit Ei, Verwendung von Butter, Sahne etc. hingewiesen werden sollte. Ebenfalls ist es aber bekannt, dass manche Restaurants sich trotz Zusagen nicht strikt an solche Vorgaben halten oder sich bei Verwendung von Fertigprodukten im Hinblick auf deren veganen Charakter irren. Während manche Veganer vor diesem Hintergrund argumentieren mögen, Veganer sollten ausschließlich in veganen Restaurants essen, dürfte dies für die Mehrheit der Veganer kaum praktikabel sein, zumal es keineswegs in jeder Stadt und schon gar nicht in jedem Ort ein veganes Restaurant gibt. Zudem kann die offensive Einforderung veganer Gerichte in nicht veganen Restaurants durchaus auch im positiven Sinne zur Bekanntmachung der veganen Lebensweise beitragen, wobei andererseits zu erwägen ist, dass der Besuch vegane Restaurants diejenigen wirtschaftlich fördert, die ein ethisch verantwortbares Essen anbieten.  

 

Umgang mit Bekleidung

Es besteht unter Veganern Einigkeit, dass Lederprodukte in einem veganen Lebensstil nichts zu suchen haben, ebenso wenig wie Pelze. Die meisten Veganer wenden sich ebenfalls gegen die Ausbeutung und Tötung von Insekten, wie den Seidenraupen, die für die Herstellung von Seide ausgekocht werden, wenden. Gelegentlich wird die Notwendigkeit, auch auf Wolle zu verzichten, auch von Veganern angezweifelt, da sich die Wollschafe oft scheinbar frei bewegen und ein glückliches Leben führen können. Eine nähere Analyse zeigt aber, dass das Scheren oft zu schmerzhaften Verletzungen und Infektionen führt und auch die meisten Wollschafe beim Schlachter enden, so dass die Mehrheit der Veganer die Verwendung von Wolle ablehnt, was auch als angemessen zu bewerten ist. Uneinigkeit besteht allerdings darüber, wie mit bereits im Besitz befindlichen Leder- oder Wollwaren zu verfahren ist, wobei die Vorschläge von Tragen bis sie verbraucht sind, Verschenken bis hin zum Wegwerfen reichen. Schon aus finanziellen, aber wohl auch aus grundsätzlichen Gründen dürfte die Mehrheit der Veganer sich für das Tragen der Produkte bis sie verschlissen sind und weggeworfen werden können, entscheiden.  Ein reines Verschenken dient lediglich der Gewissensberuhigung, da dadurch letztlich nicht vegane Kleidungsstücke weiter verbreitet werden. Wegwerfen ist nicht nur aus finanziellen, sondern auch aus ökologischen Gründen oftmals bedenklich. Dennoch sind ebenfalls mit dem Tragen bis zum Verschleiß ethische Probleme verbunden, da mit der Modellwirkung des Tragens tierischer Produkte deren weitere Verbreitung mit gefördert werden könnte. Deutlich wird, dass immer Ambivalenzen und Unklarheiten bestehen bleiben und nicht alle Dilemmata lösbar sind. Diskussionen sind jederzeit erlaubt, aber Veganer sollten sich über diese individuell unterschiedlich beantwortbaren Fragestellungen sicherlich nicht verstreiten und dadurch der Ausbreitung der veganen Idee und Lebensweise Schaden zufügen.

 

Tierische Produkte in Kosmetika und Reinigungsmitteln

Grundsätzlich ist von einem veganen Konsens auszugehen, dass das Leben von Tieren weder für die Ernährung noch für Kleidung oder die Hautpflege verbraucht werden darf. Insofern werden Veganer beim Reinigungsmittel- und Kosmetikkauf auf Freiheit von Tierprodukten achten, was über den veganen Handel, die Selbstherstellung oder auch im Öko-Handel mit minimalen Aufwand ohne weiteres möglich ist. Dennoch unterscheiden sich Veganer in dem Ausmaß, in dem sie den Kontakt zu Kosmetika oder Reinigungsmitteln vermeiden, die gegebenenfalls auch Tierprodukte enthalten. Während einige die Seife oder die Zahnpasta im Hotel oder bei Freunde ungebraucht liegen lassen, handhaben dies andere nicht ganz so streng und beschränken sich auf den Nicht-Erwerb entsprechender Produkte.  Ganz den Kontakt mit tierische Produkte enthaltenen Reinigungsmitteln und Kosmetika kann dabei niemand vermeiden, denn die Reinigung des Hotelzimmers oder des Bürobodens in der Firma wird wohl kaum vegan kontrollierbar sein. Erneut werden Grenzen des Versuchs, auf Tierprodukte zu verzichten, erkennbar, die sich aus der Eigenart der nicht veganen Gesellschaft ergeben, für nahezu alle möglichen Produkte gegebenenfalls auch Stoffe tierischen Ursprunges zu verwenden.

 

Tierprodukte außerhalb der Bereiche Kleidung, Ernährung & Kosmetik

Medizinische Behandlungen

Zahlreiche Medikamente enthalten Stoffe tierischen Ursprunges, ob als Hauptsubstanz oder als Hilfsstoff, oder ab Medikamente enthalten keine tierischen Substanzen mehr, wurden aber unter Einsatz tierischer Stoffe hergestellt. Veganer unterscheiden sich im Ausmaß, in dem sie ihren veganen Ansatz auch auf die Inanspruchnahme medizinischer Behandlungsmaßnahmen übertragen. Auf der Extremseite stehen diejenigen wenigen Veganer, die mindestens verbal nahezu alle schulmedizinischen Behandlungsmaßnahme ablehnen und bei sämtlichen doch durchgeführten Behandlungen auf die Nicht-Verwendung tierischer Substanzen achten. In Wirklichkeit dürfte ein solcher Ansatz weder möglich noch wünschenswert sein, da am Ende durch die Nicht-Inanspruchnahme erforderlicher medizinischer Behandlungsmaßnahmen Veganer ihr Leben verkürzen würden und zudem mit so einer Argumentation die Ausbreitung der veganen Lebensweise sicherlich nicht gefördert werden würde. Insofern ist die Extremposition der Sicherstellung einer gänzlich veganen medizinischen Versorgung zum gegenwärtigen Zeitpunkt in unserer Gesellschaft kaum durchhaltbar, zumal man dann ja selbst bei stationären Krankenhausaufenthalten oder Operationen zunächst für jedes verwandte Produkt, einschließlich der Desinfektionsmittel etc., seinen veganen Status vorab überprüfen müsste. Andere Veganer sparen daher den Bereich der Medizin gänzlich aus und konzentrieren sich stattdessen auf die Bereiche Ernährung, Kleidung und Kosmetik  wie auch weitere Alltagsbereiche, um die Nutzung von Tierprodukten so weit als möglich, wenn auch nicht vollständig zu vermeiden. Ein solches gänzliches Aussparen des medizinischen Bereiches erscheint allerdings aus veganer Sichtweise letztlich doch schwer begründbar. Als eine besser begründbare und gleichzeitig aber auch umsetzbare Praktik ist es demgegenüber zu betrachten, medizinische Behandlungen auf das Ausmaß des wirklich Notwendigen zu beschränken (dies ist keineswegs selbstverständlich) und immer dann, wenn es möglich ist, auf tierproduktfreie Alternativen zu wechseln (z.B. Tablette anstatt Kapsel mit Gelatine). Deutlich wird auch bezüglich des medizinischen Bereiches, dass Veganer in unserer Gesellschaft immer wieder auf Grenzen und moralische Dilemmas stoßen, zu deren Lösung keine einfache und allein wahren Strategien zur Verfügung stehen. Dies betrifft auch den Umgang mit Tierversuchen. Während Veganer im Regelfall mindestens Tieren Leid zufügende und sie tötende Tierversuche, was die große Mehrheit sein dürfte, aus ethischen Gründen ablehnen und von der Gesellschaft fordern, auf sie zu verzichten, werden sie trotzdem Medikamente nehmen, für die auch Tierversuche durchgeführt wurden, weil dies für nahezu alle existierenden medizinischen Wirkstoffe der Fall ist, so dass eine Vermeidung entsprechende Stoffe ohne Verzicht auf eine medizinische Behandlung nicht möglich ist.

 

Eine 100% vegane Lebensweise ist nicht umsetzbar, eine so weit als mögliche Annäherung hieran ist es aber, was diejenigen Menschen anstreben, die sich dennoch die Bezeichnung Veganer geben.

 

Alltagsgegenstände & Alltagsleben

Überall im Alltag lauern Tierprodukte. Unter Veganer besteht sicherlich weitgehende Einigkeit, dass Möbel etc. aus Tierprodukten zu vermeiden sind, dass überhaupt alle Gegenstände, die eindeutig als Tierprodukte zu identifizieren sind von Veganern nicht erworben und soweit möglich auch nicht genutzt werden sollten. Dennoch werden Veganer nicht ausschließen können, im Alltag gegebenenfalls auf Ledersesseln zu sitzen etc., wobei es zum Ausmaß der diesbezüglichen Kontrollanstrengungen unterschiedliche Positionen zwischen Veganern gibt. In Wirklichkeit sind die meisten Tierprodukte aber gar nicht offensichtlich erkennen, sondern sie können sich in nahezu jedem Alltagsprodukt verwenden, welches wir nutzen, ob in Farben, Tapeten, Klebern oder in Plastikflaschen und Kugelschreibern. Das Ausmaß der Durchdringung unserer gesamten Gebrauchsgegenstände mit aus tierischer Quelle stammenden Zusatzstoffen ist so enorm, dass eine völlige Vermeidung entsprechender Produkte selbst bei vollständigem nicht Wissen nicht möglich sein dürfte. Dennoch gibt es Veganer, die sich einzelne Produktgruppen heraussuchen (z.B. Klebstoffe oder Wachse) und dann anderen Veganer vorwerfen, keine Veganer zu sein, weil sie nicht hinreichend konsequent diese Stoffe vermeiden würden. In Wirklichkeit würden wir aber bei jedem Veganer den Besitz oder den Gebrauch nicht gänzlich veganer Alltagsprodukte nachweisen können, wenn wir intensiv genug seinen/ihren Alltag untersuchen würden. Veganer können sich nicht aus dieser Welt verabschieden, wenn sie in ihr leben und sich in ihr für eine Ausbreitung der veganen Lebensweise einsetzen wollen. Insofern dürfte es die Mehrheitsposition unter Veganer sein, sich zu informieren und möglichst auch außerhalb der Ernährung, Kleidung und Kosmetik auf vegane Produkte zurückzugreifen, auch wenn dies in der Gesellschaft, in der wir leben, niemals zu 100% gelingen kann. Die Sachlage, dass Veganer in dieser Gesellschaft nicht zu 100% vegan leben können, ist dabei aus dieser Sichtweise nicht den Veganern, sondern der Gesellschaft mit ihrem Fokus auf die Tiernutzung anzulasten.

 

Haustierhaltung

Die vegane Ernährung an sich steht nicht unbedingt gegen Haustierhaltung. Allerdings lehnen Veganer die Tötung von Tieren durch den Menschen für seine menschliche Ernährung und seinen Konsum ab. Damit tritt aber auch im Hinblick auf diese Kerncharakteristik der veganen Lebensweise eine Problematik auf, soweit es Haustiere betrifft, die Fleisch und andere tierische Produkte konsumieren. Kann es illegitim sein für den Menschen, Tiere für seine eigene Ernährung und seinen Konsum zu töten, aber legitim sein, das Gleiche für andere Tiere zu tun? Wohl alle Veganer sehen das Dilemma, aber die Antworten sind nicht immer gleich. Ein Teil der vegan lebenden Menschen löst dies Problem dadurch, dass auch fleischessende Tiere, wie Hunde oder Katzen, mit spezieller Nahrung vegan ernährt werden. Die Gegner dieses Ansatzes verurteilen dieses jedoch als Tierquälerei, da dies der natürlichen Nahrung nicht entspreche oder gar die Gesundheit der Tiere schädige. Demgegenüber zeigen allerdings Untersuchungen, dass bei Hunden relativ einfach und bei Katzen bei guter Planung eine fleischfreie und auch vegane Ernährung möglich ist, ohne dass es zu Gesundheitsschäden kommt, wobei sogar lebensverlängernde Auswirkungen diskutiert werden (siehe xx). Aber selbst wenn der Verzicht auf Fleisch und Tierprodukte für die betreffenden Tiere ein Übel wäre, argumentieren andere Veganer, dass dies Übel mindestens noch kleiner ist als das Übel, was Tieren zugefügt wird, die für andere Tiere durch Menschenhand sterben müssen. Unstrittig ist die Sachlage, dass Hunde und  Katzen natürlicherweise Fleisch essen. Dennoch können aus Naturargumente nicht direkt ethische Schlussfolgerungen gezogen werden, da ein Schluss von Ist auf ein Soll unzulässig ist. Schließlich nutzen wir auch Errungenschaften von Wissenschaft und Medizin, anstatt beispielsweise auf natürliche Art und Weise an z.B. mit Antibiotikum behandelbaren Erkrankungen zu versterben. Auch nutzen wir künstliche Gelenke und Gliedmaßen, um uns natürliches Leid zu ersparen.  Aber selbst wenn Natürlichkeitsargumente akzeptiert würden, bliebe die Sachlage, dass und Katzen in der Natur eben keine Rinder und Schweine essen und das außerdem ebenfalls Hundehalsbänder, Katzentoiletten, geschlossene Türe etc. nicht zum natürlichen Lebensspektrum von Hunden oder Katzen gehören.

 

Selbst wenn das Ernährungsproblem hinreichend lösbar wäre, wie es z.B. bei pflanzenessenden Tieren, wie Kaninchen, zweifelsohne der Fall ist, stellt sich dennoch die Frage der Leidzufügung durch die Haltung. Das Ausmaß von Lebenszufriedenheit und Leid von Haustieren hängt sicher stark von ihren Lebensbedingungen ab, aber von vielen vegan lebenden Menschen wird bezweifelt, dass Haustierhaltung möglich ist, ohne die Lebensbedingungen von Tieren letztlich doch leidvoll zu beschneiden. Dies ist aber nicht allgemeiner Konsens, da es umgekehrt ebenfalls viele Veganer mit Haustieren gibt, die die Meinung vertreten, dass es Haustieren sehr wohl gehen und sie zufrieden zusammen mit Menschen leben können.

 

Über die Frage der Tötung und Leidzufügung hinausgehend, lehnen sich eine Reihe von Veganern an die tierrechtliche Argumentation einer notwendigen Tierbefreiung an, wobei sie der Haustierhaltung vorwerfen, in Wirklichkeit ausschließlich den Interessen des Menschen zu dienen und die Tiere einer totalen Fremdbestimmung zu unterwerfen, die von der Einschränkung der Bewegungsfreiheit bis hin zur Restriktion sozialer und sexueller Beziehungen oder der Durchführung operativer Eingriffe zum Zwecke von Kastration und Sterilisation geht. Bereits der Begriff der Haustierhaltung wird dabei kritisch reflektiv, immerhin würde man in einer partnerschaftlichen Beziehung beispielsweise kaum von einer Partnerhaltung sprechen. Aus dieser Perspektive wird für eine völlige Aufgabe der Haustierhaltung plädiert, wobei diese allerdings von der „Opferversorgung“ unterscheiden wird, wo verletzte, kranke oder von Menschen besonders schlechten Bedingungen unterworfene Tiere aufgenommen werden, um ihr Leid zu mindern und ihnen ein so weit als möglich glückliches Leben zu ermöglichen.

 

Die Kritik an der Haustierhaltung bezieht sich ebenfalls auf die Kritik an Züchtung und Verkauf von Tieren im Rahmen einer regelrechten Industrie, die das Leben der Tiere rein monetären Bedürfnissen des Menschen unterwirft, einzelne Tiere ständig aus ihren sozialen Bezügen herausreißt und tierisches Leben dabei als Käufliches und Verkäufliches präsentiert, ganz abgesehen von den unzähligen darüber hinausgehende Missständen, die es im Tierhaltungs- wie im Tierzuchtbereich gibt. Veganer werden daher, wenn sie mit Tieren leben wollen oder Tiere aufnehmen, sich im Regelfall nicht an der Nutzung dieser Tierindustrie beteiligen, sondern werden Tiere aus Tierheimen oder von anders wo aufnehmen, die einer anderen  menschlichen Obhut bedürfen, um so zufrieden wie möglich zu leben. 

 

Es gibt innerhalb der veganen Community bezüglich der Thematik der Haustierhaltung letztlich keinen Konsens. Wenigstens ist aber eine hohe Sensibilisierung für Fragen der Lebenszufriedenheit der betreffenden Tiere in der veganen Community zweifelsohne nahezu universal vorhanden. Auch wird letztlich wohl auch weitgehend die Problematik der Bereitstellung einer nicht veganen Ernährung für Tiere gesehen, da dadurch die Ernährung von Tieren auf Kosten anderer Tiere erfolgt, denen durch den Menschen Leid und Tötung zugefügt wird. In der Gesamtbilanz neigen Veganer vermutlich doch eher zu der Forderung nach einer langfristigen Abschaffung der Haustierhaltung bei beizubehaltender Versorgung aller bereits lebenden Haustiere wie auch dauerhafter Beibehaltung von Hilfeleistung für verletze oder kranke Tiere.

 

Zoos & Zirkusse

Alle Bedenken, die aus veganer Perspektive gegen die Haustierhaltung vorgebracht werden, gelten auch für Zirkusse und Zoos, zumal dort in oft noch deutlicherer Art und Weise das Leben Tiere rein ökonomischen Überlegungen unterworfen wird, was ebenso Tötungen wie auch Tierverkäufe begründen kann, die die Tiere aus ihren Settings herausreißen und mit vielfältigem Stress verbunden sind. Ebenfalls entstehen die Problematiken der Ernährung fleischessender Tiere sowie die Problematiken der Einschränkungen von Bewegungsfreiheit und Lebensstil. Auch in Zoos und Zirkussen sind Tiere einer totalen Fremdkontrolle unterworfen,  dienen letztlich ausschließlich der Unterhaltung und Belustigung von Menschen. Auch aus pädagogischer Sichtweise mag dabei bezweifelt werden, ob die Betrachtung eingesperrter Tiere durch Kinder tatsächlich einem Respekt vor dem Leben der Tier dient. Die Mehrheit der Veganer dürfte für eine Abschaffung von Zoos und Zirkussen plädieren, wobei die weitere Versorgung bereits dort lebender Tiere unter maximal die Lebenszufriedenheit förderlichen Bedingungen aber dennoch als Notwendigkeit zu betrachten ist. Allerdings gibt es auch Veganer, die unter strengen Auflagen Zoohaltungen, z.B. auch aus Gründen des Artenschutzes, für vertretbar halten, die aber dennoch die Notwendigkeit zu einer weitreichenden Verbesserung der Lebensbedingungen der dortigen Tiere betonen.

 

Weitere grundsätzliche Themen

Kurzfristige und langfristige Zielstellungen

Zielstellung der veganen Lebensweise ist eine Gesellschaft, in der Menschen Tieren kein Leid und keine Tötung zwecks Konsum von Tierprodukten oder zwecks anderwärtiger Nutzung von Tieren zufügen. Weitreichende gesellschaftliche Veränderungen werden notwendig sein, um eine derartige Gesellschaft zu erreichen. Als unmittelbarer Schritt wird aber die individuelle vegane Lebensweise propagiert, die sofort beginnen kann. Während über das Langzeitziel und wie auch über die Notwendigkeit der individuellen veganen Lebensweise Einigkeit besteht, unterscheiden sich Veganer aber ansonsten deutlich bei ihren tierrechtbezogenen Prioritäten. So wird einerseits der Vorschlag unterbreitet, sich auf die den größten Teil der ausgebeuteten und getöteten Tiere beziehenden Ernährungs- und Bekleidungsbereich zunächst zu fokussieren, während andere Veganer alle Bereiche gleichzeitig angehen wollen und auch so schnell als möglich z.B. eine Beendigung von Haustier- und Zootierhaltung fordern, was allerdings nicht einmal als Forderung von allen Veganern geteilt wird. Bei der Auseinandersetzung über die Ziele und deren Priorisierung kommt es zwischen Veganern nicht selten zu Auseinandersetzungen, die gelegentlich, z.B. auch in Internetforen auch aggressiv und persönlich geführt werden, die aber nicht von dem in Wirklichkeit bestehenden Konsens über die Notwendigkeit einer veganen Lebensweise ablenken sollten. Eine vollständige Übereinstimmung ist nicht erzielbar und Veganer sollten es vermeiden, sich über inhaltliche, aber in Wirklichkeit großenteils strategische Frage so stark auseinander zu dividieren, dass ihre gesellschaftlichen Einflussmöglichkeiten sinken.

 

Veganismus, Umweltschutz & Artenschutz

Naturschutz und Umweltschutz wenden sich gegen die Zerstörung und Vergiftung der natürlichen Lebensgrundlagen auf unseren Planeten. Ob gegen die Rodung der noch verbleibenden Urwälder, den Schutz der Ozeane, die Reduktion von Industrie-Emissionen oder die Förderung der regenerativen Energien. Der Artenschutz kämpft für den Schutz bedrohter Pflanzen- und Tierarten, setzt sich für Schutzgebiete und Wiederansiedlungen ein. Der Veganismus ist in wesentlichen Punkten der natürliche Verbündete von Umwelt- und Artenschutz. Denn der Schutz des einzelnen Tieres setzt voraus, dass seine Lebensräume erhalten bleiben. Die Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen unseres Planeten wendet sich gegen alle Lebensformen, ob pflanzlicher oder tierischer Art und schließt dabei natürlich auch den Menschen ein. Veganer werden sich daher gemeinsam mit Umwelt- und Artenschützern hiergegen wenden und für die Erhaltung der Natur als unserer aller Lebensvoraussetzung eintreten. Aber der Veganismus geht über reinen Umweltschutz und Artenschutz hinaus und mag daher in besonderen Fällen mit ihnen Konflikt geraten. Indem der Veganismus nicht nur das abstrakte Ganze oder Kollektive in den Mittelpunkt stellt, sondern das Leben des einzelnen Tieres, möchte er einerseits die allgemeinen Lebensgrundlagen erhalten, andererseits aber auch das Leben des einzelnen Tieres. Dort, wo im Namen von Umweltschutz einzelne Tiere gequält oder getötet werden, sei es bei der Ausmerzung ganzer Populationen, wie Ratten oder anderer eingewanderter Tierarten,  tritt der Veganismus für das Primat des Schutzes des einzelnen Wesens und gegen alle Maßnahmen ein, die im Namen des Ganzen den Einzelnen vernichten wollen. Glücklicherweise besteht dennoch kein wirklich unauflösbarer Widerspruch zwischen Naturschutz, Artenschutz und Veganismus. Denn wenn Maßnahmen zum Schutze unserer Natur ergriffen werden, die sich auf die Beendigung der massenhaften Naturzerstörung durch den Menschen beziehen, konsequent angegangen werden, werden diese Maßnahmen bei Weitem mehr an Naturschutz erreichen als die begrenzten oder sogar scheinbaren Fortschritte, die durch gegen einzelne Tiere gerichtete Maßnahmen erreichbar sein werden. Der Kampf gegen einzelne Tieren, wie eingewanderte Kröten oder Raten, dient tatsächlich vorwiegend der Ablenkung von den eigentlichen Problemen und steht damit einem tragfähigen Naturschutz und Artenschutz mehr entgegen als er ihn fördert. Der Veganismus ermöglicht so mit seiner humanen Grundhaltung im Sinne des Schutzes des Einzelnen Lebens einen maximalen Schutz vor Grausamkeit ebenso wie einen maximalen Natur- und Artenschutz.

 

Veganismus & politische Positionierung

Grundsätzlich ist zunächst die mit der veganen Lebensweise verbundene Forderung an den Menschen, zu seinem Konsum keinen Tieren Leid zuzufügen und keine Tiere zu töten, nicht eindeutig im politischen links-rechts Spektrum zu verorten. Veganer und Veganerinnen mögen insofern Unterstützer und Mitglieder verschiedener Parteien und gesellschaftliche Positionen sein. Allerdings ist eine entsprechend unpolitische Sichtweise des Veganismus, die durchaus von einigen Veganern vertreten wird, doch letztlich zu allgemein und zu oberflächlich, weil zum einen die Zielstellung einer veganen Welt eine politische Forderung ist und zum anderen mit dem Veganismus ebenfalls in engem Zusammenhang auch die Zielstellung der Errichtung einer Gesellschaftsordnung steht, in der nicht nur Menschen keine Tiere mehr ausbeuten und töten, sondern natürlich auch Menschen kein intentionales Leid mehr zufügen und sie nicht mehr ausbeuten. Der Veganismus strebt daher ebenso die Befreiung der Menschen wie die Befreiung der Tiere an und ist insofern in seiner Gesamttendenz im linken emanzipatorischen Spektrum verortet, ohne dass aber eine spezifische parteipolitische Bindung vorliegt. Trotzdem ist es eine Sachlage, dass es Veganer gibt, die sich ansonsten eher als konservativ oder wirtschaftsliberal verstehen, so dass die Grundtendenz des Veganismus zwar links lokalisiert ist, aber es ebenfalls eine Minderheit von Veganern gibt, die sich ausschließlich auf die Tiere bezogene Aspekte beziehen, ansonsten aber mit einer Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung übereinstimmen, die mit vielfältigem menschlichen Leid verbunden ist. Allerdings tun sie dies vermutlich nicht, weil dieses Leid durch sie gewollt ist, sondern weil es von ihnen als unvermeidbar oder durch andere gesellschaftliche Ansätze sogar zunehmend betrachtet wird. Vor diesem Hintergrund ergibt sich im Interesse der veganen Lebensweise die Schlussfolgerung, dass Menschen unterschiedlicher politischer Positionen miteinander zusammen arbeiten können, um den Veganismus zu fördern. Eine klare Abgrenzung ergibt sich allerdings gegenüber rechtsradikalen, rechtsextremistischen, aber ebenfalls bereits gegenüber nationalistischen Positionen, da diese mit der Universalität des veganen Strebens nach Tier- und Menschenrechte unvereinbar sind. Denn  Veganer wollen die Menschenrechte nicht auf spezifische Gruppen eingrenzen und somit beschneiden, sondern wollen sie sogar auf die Tiere ausdehnen. Jedes Postulat, was Menschen aufgrund ethnischer, sprachlicher oder kultureller Aspekte diskriminiert, ist von daher mit dem ethisch motivierten Veganismus unvereinbar. Wer Hetze und Hass gegen Menschen anderer Herkunft vertritt oder bestimmten Völkern mehr Rechte als anderen zuweisen möchte, vertritt eine Position, die im diametralem und unauflösbaren Gegensatz zur ethischen Motivation der veganen Lebensweise steht.

 

Vegane Lebensweise und Religion

Vegan zu sein, bedeutet nicht einer bestimmten Religion anzugehören oder spezifische religiöse Positionen zu vertreten. Vegan sein können Mitglieder aller Religionen, ebenso wie Agnostiker und Atheisten. Allerdings werden Veganer Aspekte einer Religion, auch wenn sie ihr angehören, dann ablehnen und für ihre Abschaffung eintreten, wenn sie die Leidzufügung oder die Tötung von Tieren zum Inhalt haben. Bezüglich religiöser Themen werden unter Veganern insofern ebenso unterschiedliche und kontroverse Positionen vertreten wie unter Nicht-Veganern. Während ein Teil der Veganer beispielsweise ausdrücklich religionskritische Positionen vertritt, gibt es ebenfalls sehr viele Veganer, die sich religiösen Glaubenssystemen zugehörig fühlen. Betonen einige Veganer eine Orientierung an Rationalismus und Naturwissenschaftlichkeit, treten andere für Spiritualität und Esoterik ein.  Wenn es darum gehen soll,  für eine Welt mit weniger Leid von Menschen und Tieren durch die Verbreitung der veganen Lebensweise einzutreten, macht es keinen Sinn, sich über religiöse Vorstellungen zu verstreiten oder gar nicht mehr miteinander kooperationsfähig zu werden.