Vegan bleiben

Kein Verhalten und keine Einstellung werden sakrosankt für immer gegeben sein, ohne dass man hierfür noch etwas tun muss. Mit der Beendigung des Konsums von Tieren ist es ganz ähnlich wie dem Stop des Rauchens oder anderer schädigender Gewohnheiten. Passt man nicht auf, ist man gegebenenfalls recht schnell wieder dabei, auch wenn bezüglich des veganen Lebensstiles sicherlich der moralischen Komponente, die auch dann wirksam bleibt, wenn Verleitungen entstehen, ein Schutzgewicht zukommen kann.

 

Anderseits handeln Menschen nicht selten gegen ihre ethischen Überzeugungen. Nicht selten führt die dadurch erlebte innere Dissonanz dann nicht zur Verhaltensänderung, sondern zur Änderung der ursrünglichen Überzeugung im Sinne eines Suchens nach Legitimation für das eigene Fehlverhalten.

 

Letztlich ist der Konsum von Tierprodukten, wenn seine moralische Unzulässigkeit eingesehen, er aber dennoch fortgesetzt wird, als ein Suchtverhalten zu klassifizieren. Von daher können aus der Suchttherapie abgeleitete Methoden auch hilfreich zur Aufrechterhaltung der veganen Lebensweise sein, was durchaus nicht selten in den Anfangsstadien ebenfalls bedeuten mag, aus einem eingetretenen Rückfall zu lernen, um so durch wirksame Strategien des Umganges mit künftigen Rückfallsituationen die Stärke gewinnen zu können, weiteren Rückfälle zu widerstehen.

 

Das soll aber keineswegs bedeuten, dass ein veganes Leben bedeutet, ständig gegen Impulse zum Konsum nicht veganer Lebensmittel oder anderer Produkte ankämpfen zu müssen. Denn mit der Zeit und je öfter bereits anfänglich noch mehr oder weniger brisante Rückfallsituationen bestanden wurde, desto mehr nimmt das erlernte Verlangen nach dem Konsum tierischer Produkte ab. Dennoch gibt es Verläufe, wo auch nach jahrelangem veganen Leben ein Rückfall auftritt oder gar eine vollständige Aufgabe des veganen Lebensstiles erfolgt. Insofern ist es sinnvoll, mit sich selbst achtsam zu sein und eine gesunde Wachsamkeit zu behalten, auch gegenüber Rechtfertigungsstrategien eines nicht veganen Konsums, die sich bei reflektierter Betrachtung einfach widerlegen lassen. .

 

Auf der Einstellungsebene ist es sinnvoll, sich die Begründung für einen veganen Lebensstil immer wieder bewusst zu machen, auch angesichts des fortdauernden Tierkonsums nicht zu resignieren, sondern sich das positiven Beispiele der weltweit sich zunehmend verbreitenden veganen Lebensweise vor Augen zu führen.

 

Aktive Arbeit in den Bereichen Menschenrechte, Tierschutz und Tierrechte kann ebenfalls helfen, die gewonnene Einstellung weiter zu entwickeln, zu stabilisieren und auch emotional immer wieder als bedeutsam zu erleben. Dabei sollten Veganer keinerlei Scheu haben, sich mit den Argumenten der Gegenseite auseinanderzusetzen, zumal die offensichtliche Schwäche aller möglichen Gegenargumente den positiven Kern des Veganismus nur unterstreicht.

 

Zu empfehlen ist es ebenfalls, den eigenen veganen Lebenswandel auch nach außen zu vertreten, wodurch die Bindewirksamkeit der eigenen Einstellung für das eigene Verhalten zunimmt.

 

Sozial ist es dringend anzuraten, in einer Gesellschaft, in der Veganer in der absoluten Minderheit sind, dennoch den Kontakt zu anderen Veganern und Veganerinnen zu pflegen. Vegane Freunde und Bekannte, der Besuch veganer Veranstaltungen und die Mitgliedschaft in veganen Organisationen können helfen, die eigene vegane Lebensweise zu bestärken und gegen mögliche, eigentlich nicht gewollte Impulsdurchbrüche und Verleitungssituationen abzusichern.

 

Eine der sicherlich häufigsten Rückfallsituationen ist, wenn man Hunger hat und dann an Lebensmittelauslagen, die man vielleicht noch vor Kurzem regelmäßig konsumiert hat, vorbeikommt. Es ist wichtig, solche Situationen bereits vorher gedanklich durchzuspielen und sich selbst klare Regeln zu geben und Verhaltensweisen zu planen, die einem Rückfall entgegen stehen.

 

Sinnvoll kann es sein, sich eigene Instruktionen und Stop-Signale zu überlegen, gegebenenfalls die unmittelbare Örtlichkeit (wenn möglich ) zu verlassen und sich stattdessen (wenn möglich) auf die Suche nach veganen Alternativen zu begeben. Tatsächlich ist es meistens die unmittelbar nicht gegebene Verfügbarkeit veganer Alternativen, die einen Rückfall begünstigen kann. Insofern ist es anzuraten, sich gegebenenfalls als positiv bewertete vegane Alternativen mitzunehmen, um gar nicht erst in eine solche Situation zu kommen.

 

Wenn es dann doch zum Rückfall gekommen sein sollte, ist es ratsam, sich dieser Sachlage zu stellen, zu untersuchen, was zu dem Rückfall führte und sich verbesserte Strategien für die Zukunft zu überlegen. Hilfreich sein kann hier auch das Gespräch mit veganen Freunden.

 

Der Rückfall sollte nicht bagatellisiert oder entschuldigt werden – dies kann Wiederholungen eher fördern – er sollte aber ebenfalls nicht als unverrückbare Katastrophe betrachtet werden. Der sinnvollste Umgang mit einem Rückfall besteht vielmehr darin, ihn zum Ausgangspunkt zu nehmen, um über eine verbesserte Vorbereitung auf künftige Komplikationen eine dauerhafte Abstinenz von Tierprodukten zu erreichen.

 

Ein Rückfall in ein nicht-veganes Verhalten ist nicht das Ende des eigenen Vegan-Seins, sondern nicht mehr als ein zu beseitigendes oder künftig zu umgehendes Hindernis auf dem Weg zum Ziel.

 

Diese Ausführungen sollen in keiner Weise den Eindruck vermitteln, als sei es eine Belastung, vegan zu leben. Das Gegenteil ist der Fall. Aber andererseits wäre es eine Illusion, anzunehmen, dass ein vorheriger lebenslanger Konsum von Tierprodukten spurlos an unserem Bedürfnis-System vorbeigehen würde, so dass mit dem Auftreten von Rückfallsituationen zu rechnen ist. Je mehr sich Veganer dieses vorab bewusst machen und desto reflektierter sie mit tatsächlich auftretenden Rückfallsituationen umgehen, desto einfacher wird es für sie werden, ihr Vegan-Sein dauerhaft aufrechtzuerhalten; zum Nutzen von sich selbst, Tier, Mensch und Menschlichkeit.