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Schulprojekt Schlachtung eines Rindes

Schulprojekt Schlachtung eines Rindes

Eine psychologische Betrachtungsweise aus tierrechtlicher Sicht

Im Walddörfer-Gymnasium in Hamburg wollte eine Schulklasse ein männliches Rind, welches sie für 1,5 Jahre adoptiert hatte, zur Schlachtung geben. Eine direkte Beobachtung der Schlachtung und der Ausweidung des Tieres wurde den Schülern ebenfalls angeboten. Durch den Widerstand von Tierschützern konnte - vorerst - das schlimmste verhindert werden. In diesem Artikel beschäftige ich mich mit der psychologischen Basis und den psychologischen Implikationen, die solche Schulprojekte haben können. Übergeordnete Thematik ist empathiegesteuertes Handeln. Parallelen zwischen Gewalttätigkeit oder Empathie gegen[ber  Tieren und Menschen werden herausgearbeitet. Der Artikel war bereits geschrieben, als die Schule noch fest entschlossen war, das Tier zum Schlachter zu bringen. Ich veröffentliche meinen Artikel daher in zwei Teilen, den Original-Teil, der noch von der Schlachtung ausgeht, und im Anschluss als Ergänzung eine abschließende Fortsetzung.

Bitte unterstützen Sie zunächst mit wenigen Klicks die ➨ Petition von Kathrin Hampf unter dem Titel "Freiheit für Goofy"!

Elf fröhliche Kinder und ein Rind

Auf dem Foto sind 11 lachende oder lächelnde Kinder oder Jugendliche gemeinsam mit einem männlichen Rind zu sehen, welches sie Goofy nennen. Sie werden sich dies Foto wohl auch noch in vielen Jahren anschauen. Dann wird aber Goofy bereits tot sein. Denn die, die sich hier mit Goofy präsentieren, haben selbst seinen Tod beschlossen.

Goofy ist für diese Kinder ein Projekt und als Projektende ist seine Schlachtung vorgesehen. Ausdrücklich lehnen sie die angebotene Übernahme von Goofy in einen Lebenshof ab. Sie wollen nach Plan handeln und ihr Projekt zu Ende bringen - für einen lebenden Goofy ist in ihrem Plan aber kein Platz.

Wertvolles pädagogisches Projekt?

Das Walddörfer-Gymnasium sieht dies alles als ein wertvolles pädagogisches Projekt. Medienartikel geben dieser Selbstsicht der Schule breiten Raum. Zitiert sei die Klassenlehrerin Barbara Damann:

  • "Sie werden selbstbewusster, haben eine emotionale Bindung und erleben etwas Echtes, eine echte Geschichte und nichts Konstruiertes aus dem Schulbuch."

Analogien zur Gewalt gegen Menschen

Ich habe 10 Jahre als psychologischer Gerichtsgutachter zur Begutachtung von Gewaltstraftätern gearbeitet. Ich kann nicht anders, als mich bei diesem Projekt und dem oben geschilderten Foto an folgende Zusammenhänge zu erinnern:

  • während ihrer Taten machen einige Täter von sich und ihren Opfern Fotos. Auch neigen sie dazu, ihre Taten als Projekte zu verstehen. Die verbleibenden Fotos werden zu Trophäen, an denen sie sich oft noch Jahre nach ihren Taten freuen. Die Opfer werden auf Objektstatus reduziert, ihre Funktion liegt in der Projekterfüllung. Der ihnen gegebene Lebenswert wird auf das Projektziel reduziert.

Ähnlich sind die Trophäen der Großwildjäger zu bewerten, die ebenfalls bestrebt sind, ihren Tötungshandlungen einen tieferen Sinn zuzusprechen.

Ich würde letzteres eher als Sadismus einstufen:

  • Sadismus ist die totale Machtausübung über ein wehrloses Opfer, eine Machtausübung, die genossen wird, wobei die Überschreitung der Grenze zur Tötung als bizarr-erregende Luststeigerung fungieren mag. Man mag sich sogar selbst etwas schauern, aber man will es doch jetzt zu Ende bringen.

Sadismus heißt auch, Mitleid auszublenden. Unter dem Mantel eines "Projekts" mögen Taten als wichtig, groß, notwendig, ja bewundernswert erlebt werden.

Eigene Ambivalenzen werden zurückgedrängt und rationalisiert. Man ist Teil eines größeren Projekts, welches ein größeres Ziel hat, dem Mitgefühl untergeordnet wird.

Größere Ziele lassen sich derweil subjektiv schnell konstruieren und das geringfügige mag subjektiv dennoch scheinbaren Sinn ergeben. Wir sollten also vorsichtig sein, von großen Worten auf große Ziele oder gar auf hehre Ziele zu schließen.

Ich halte meine assoziative Aneinandereihung dieser auf den ersten Blick unterschiedlichen Vorgänge weder für eine überzogene Polemik noch gar für eine Beleidigung.

Ich sehe diese Vorgänge psychologisch durchaus als analoge Sachverhalte>

  • das Gemeinsame besteht in der Ausblendung der Interessen eines Betroffenen - ob Mensch oder Tier - um die Wünsche der Akteure zu erfüllen.
  • die weitere Gemeinsamkeit ist die absolute Machtausübung, die bewusste und zelebrierte Entscheidung über Leben und Tod, die Hilflosigkeit der Objekte dieser Projekte, die tatsächlich leidensfähige Subjekte sind.

Lehrerin Damann will ihren Schülerinnen und Schülern etwas Echtes vermitteln, eine echte Geschichte und nichts Konstruiertes aus dem Schulbuch.

Auch hier ließe sich die Analogie fortsetzen - bei Übergriffen auf Menschen genügt den Tätern eines Tages ebenfalls nicht (mehr) der in diesen Kreisen verbreitete Konsum von Gewaltmedien, sondern sie wollen etwas Echtes, keine Fiktion mehr. Etwas "Echtes" heißt freilich keineswegs unbedingt etwas "Gutes".

Emotionale Bindung

Was aber hat es in diesem Zusammenhang mit der emotionalen Bindung auf sich, von der Damann spricht?

Die Kinder wollen die Tötung von Goofy, zu dem sie gleichzeitig eine emotionale Bindung haben.

Man sollte dies nicht vorschnell als Absurdität oder Heuchelei von sich weisen:

  • einige Täter, die Menschen töten, beschreiben ebenfalls eine emotionale Bindung zu diesen. Der Kannibale von Rotenburg fühlte sich nach seinen Aussagen seinem Opfer, das er verzehrte, sehr nah und verbunden.

Ähnliches ist von Geiselnehmern bekannt, die (manchmal sogar wechselseitig) mit ihren Opfern in eine emotionale Bindung eintreten.

Wichtiger als der Verweis auf das Bestehen einer emotionalen Bindung an sich, ist folgende Frage:

  • wohin führt diese emotionale Bindung und mit welchem Ziel ist sie verbunden?

Oder anders formuliert:

  • Was lernen die Kinder des Walddörfer-Gymnasiums nun tatsächlich von diesem Projekt ihrer Lehrer?

Emotionale Bindung?

Ganz offensichtlich nicht:

  • sich emotional binden konnten die Kinder bereits vorher, sonst hätte die Bindung an Goofy gar nicht erst entstehen können.

Eine positive und stabile emotionale Bindung führt psychologisch zu dem Impuls, dass wir diejenigen schützen, mit denen wir uns emotional verbunden fühlen. Wir möchten, dass es ihnen gut geht, dass sie kein Leid erleben, wir möchten ihnen helfen und sie unterstützen. Sind Sie vom Tode bedroht, möchten wir sie retten.

Je mehr es uns gelingt, diese emotionale Bindung handlungswirksam zu machen und sie  auf leidensfähige Wesen im Allgemeinen zu generalisieren, desto friedfertiger werden unsere Wünsche und unsere Handlungen sein.

Diese Schutzimpulse sind die natürlichen Konsequenzen von emotionaler Bindung. Diese natürlichen Konsequenzen emotionaler Bindung sind allerdings in gewisser Weise fragil. Wir können uns über sie hinwegsetzen.

Wir können sogar in einem bewussten Akt das Gegenteil dessen tun, was emotionale Bindung eigentlich von uns verlangt.

Ein forensisches Beispiel hierfür sind die sogenannten "Ehrenmorde":

  • die Brüder, Väter, Töchter oder Mütter, die sich zur Tötung einer Familienangehörigen verschwören, haben zu dieser in aller Regel ebenfalls eine emotionale Bindung. Aber sie setzen die natürlichen Konsequenzen dieser emotionalen Bindung in einem hochgradig gedanklich-rationalisierten Akt außer Kraft und schreiten zur Tötung der Familienangehörigen. Die Tötung verklären sie als für die Gewährleistung eines höheres Gutes notwendig und richtig. Dabei mögen sie durchaus Ambivalenzen erleben. Sie mögen sogar nach der Tötung weinen und trauern, aber sie machen sich dennoch vor, das richtige getan zu haben.

Abspaltung von Empathie

Nach meiner eigenen psychologischen Überzeugung liegt hier die Wurzel dessen, was die Kinder und Jugendlichen des Walddörfer-Gymnasiums tatsächlich durch dieses Schulprojekt lernen:

  • sich über die natürlichen Schutzimpulse einer emotionalen Bindung bewusst hinwegzusetzen
  • diese Umkehrung der natürlichen Handlungskonsequenzen von Empathie kognitiv zu rechtfertigen
  • auf dieser Basis im gefühlsabgespaltenen, rationalisierten Glauben, einem höheren Ziel zu dienen, ein Wesen, zu dem sie eine emotionale Bindung haben, der endgültigen und unwiderruflichen Vernichtung zuzuführen

Es handelt sich bei dieser bewussten Ausgrenzung von Mitgefühl aus den eigenen Entscheidungen und Handlungen um eine sogenannte kognitive Verzerrung.

So eine erworbene kognitive Verzerrung mag sich bei jedem dieser Schüler und Schülerinnen in der Zukunft übrigens jederzeit erneut zeugen - ob gegenüber einem Tier oder gegenüber einem Menschen.

Der Lernerfolg mag insofern (leider) durchaus Langzeitwirksamkeit erreichen.

Sicherlich lernen die Schüler und Schülerinnen des Walddörfer-Gymnasiums solches Potenzial zum mitleidsloses Handeln nicht nur in ihrer Schule, sondern die Gesellschaft als ganzes tritt als Lehranstalt und negatives Vorbild in Erscheinung - von Schlachtfeldern bis zu den Schlachthäusern, vom Fleisch auf dem Teller bis zur Hobby-Jagt, von der Massenvernichtung von Nerzen, Hühnern, Dachsen oder Schweinen bis hin zu Flüchtlingsabwehr und Ertrinkenlassen tausender Menschen im europäischen Mittelmeer.

Der Bogen gesellschaftlich-menschlicher Handlungen, bei denen Mitgefühl aus den Entscheidungen bewusst ausgegrenzt wird, ist weit gespannt.

Befreit von altbekannten oder auch immer wieder neuen Rationalisierungen und Rechtfertigungen, liegt der eigentliche Kern in dieser Frage:

  • Tritt der Mensch als mitfühlendes Wesen oder als rücksichtsloser Vernichter von Leben auf?

Die Gesellschaft tut es doch auch

Die Schlechtigkeit der Gesellschaft rechtfertigt die Schlechtigkeit des Handelns von Lehrern, Schülern und Eltern des Walddörfer-Gymnasiums nicht.

Dass die Gesellschaft schlecht ist, gibt diesem Projekt keine Legitimation für seine eigene Schlechtigkeit und eignet sich daher nicht als Entschuldigung.

Andere Kinder setzen sich bereits im frühen Alter für Mitgefühl in individuellen und gesellschaftlichen Handlungen ein.

Studien zeigen, dass Kinder schon im jungen Alter die Implikationen der Tötung von Tieren für den eigenen Konsum verstehen können. Manche Kinder leisten bereits früh Widerstand gegen die Objektifizierung leidensfähiger Wesen und den Konsum ihrer Körper:

So zeigt eine Studie der Psychologen Huserr & Harris, dass Kinder bereits in jungen Jahren dazu in der Lage sind, das Wohlergehen der Tiere bei der Wahl ihrer Ernährung zu berücksichtigen, und zwar im Sinne einer moralischen Entscheidung. Besonders häufig liegt eine solche moralisch fundierte Entscheidung von Kinder vor, wenn diese aus fleischessenden Elternhäusern stammten und sich bewusst entschieden haben, mit der dort praktizierten familiären Praxis des Fleischkonsums zu brechen.

Solcher moralisch reflektierter Widerstand wird aber eben nicht durch die Schlachtung von Tieren gefördert, sondern durch die handlungssteuernde Aktivierung von Mitgefühl.

Lehrer, Eltern und Schüler des Walddörfer-Gymnasiums haben sich zum Gegenteil entschieden:

  • die Schüler lernen nicht, mit Mitgefühl zu handeln, sondern sie werden angeleitet diejenigen, zu denen sie eine emotionale Beziehung haben, aus Projektgründen dem Tode preiszugeben.

Reflexion des eigenen Fleischkonsums?

Nun heißt es allerdings, die Schüler würden durch dies Projekt ihren eigenen Fleischkonsum überdenken und sich mit dem Lebensmittelkreislauf auseinandersetzen.

Das jedoch erscheint freundlich formuliert weit hergeholt, um nicht zu sagen, dass es kompletter Unsinn ist:

  • um uns mit der Sklaverei auseinanderzusetzen, brauchen wir keine Sklaven zu halten
  • um Kriminalität zu studieren, brauchen wir keine Verbrechen zu begehen
  • um uns mit unserem Fleischkonsum auseinanderzusetzen, brauchen wir keine Tiere zu töten

Die Rechtfertigung für die geplante Tötung von Goofy widerspricht jeder Logik und ist den Prinzipien eines durch Mitgefühl gesteuerten Handelns entgegengesetzt.

Was aber sagt es uns, dass Lehrer, Schüler, Eltern und auch Medien diese Argumentation so unkritisch wiederholen, anstatt sie kritisch zu hinterfragen?

Es zeigt uns erneut - was freilich längst bekannt ist - wie gering der Status von Tieren in unserer Gesellschaft ist.

Das Projekt des Walddörfer-Gymnasiums macht ein weiteres Mal deutlich, dass wir Tiere zu Objekten unserer eigenen Bedürfnisbefriedigung machen, deren Leben wir hemmungslos für unsere eigenen Interessen instrumentalisieren - und wenn es sich um das narzisstische Bedürfnis einer Schule handelt, ein scheinbar tolles Schulprojekt zu betreiben, was ihr viel mediale Aufmerksamkeit gibt.

Ich lese, dass auch die sich (angeblich) zwischenzeitlich vegetarisch ernährenden Schüler und Schülerinnen der Schlachtung zustimmten. Dies wiederum zeigt nach meiner Einschätzung zusätzlich auf, wie wenig tragfähig die Behauptung ist, die Schüler hätten sich mit irgendetwas auseinandergesetzt:

  • es gibt Trend-Vegetarier oder Veganer, die sich mit den tierethischen Aspekten nicht auseinandersetzen und von denen bekannt ist, dass sie ihren (angeblichen) Vegetarismus oder Veganismus ebenso schnell an den Nagel hängen wie andere Dinge auch.
  • wenn überhaupt haben einige der Schüler diesen Status erreicht - die Wertigkeit des Lebens des von ihnen gehaltenen Goofy und aller anderen durch Menschen gehaltenen und ausgebeuteten Tiere haben sie nicht einmal im Ansatz begriffen.

Wie ich zu dieser Schlussfolgerung gelange?

Die Bejahung der Tötung von Goofy zeigt, dass die Schüler und Schülerinnen ihm kein Lebensrecht zusprechen und seinen Wert auf ihr eigenes Ziel, ein Projektziel zu erreichen, reduzieren.

Sie denken und verhalten sich so, wie man sich in der tierausbeutenden Gesellschaft verhält, von Reflexion keine Spur. Ihre emotionale Beziehung zu Goofy wollen sie im Schlachthaus enden lassen.

Ihr Vegetarismus - wenn er überhaupt vorliegt - kann daher nur oberflächig sein und wird vermutlich schnell mit der Zeit verloren gehen.

Gefährliche Rechtfertigungen

Ich halte die Tötungs-Rationalisierung, die den Schülern des Walddörfer-Gymnasiums mit diesem Projekt vermittelt wird, für gefährlich.

Es sind genau solche Rechtfertigungs-Prozesse, die auch im allgemeinen geeignet sind, Empathie und Mitgefühl abzublocken und Menschen zu höchster Grausamkeit und sogar schlimmsten Verbrechen fähig machen.

Mir ist bewusst, dass das Handeln der Schüler und Schülerinnen, Lehrer und Lehrerinnen und Eltern keine Straftat darstellt, was ich bedaure. Ich würde mir eine Rechtsordnung wünschen, die nicht nur Menschen, sondern ebenfalls Tiere schützt.

Das Tierschutzgesetz leistet hierzu keinen Beitrag, wie uns dies Schulprojekt erneut vor Augen führt. Aber um dies zu erkennen, genügt bereits ein Gang in den Supermarkt.

Dass ein solches Projekt überhaupt als ein Schulprojekt angepriesen werden kann, dürfte nur in einer endemisch auf Tierausbeutung beruhenden Gesellschaft möglich sein.

Das Walddörfer-Gymnasium ist insofern ein Spiegel der Gesellschaft und damit gleichzeitig der schlechtest möglichen menschlichen Eigenschaften in Form von Grausamkeit, Selbstdarstellung und Egoismus.

Wenn ich von Mitgefühl oder Empathie spreche, verwende ich diese Begriffe in einem allgemeinen Sinne, der sich auf das Nachempfinden und das Bewegtsein durch das Erleben aller erlebensfähigen Wesen bezieht.

Dies ist nicht einfach eine besondere Ansicht meinerseits, sondern es ist empirisch gestützt, dass Mitgefühl und Mitleid gegenüber Tieren mit Mitgefühl und Mitleid gegenüber Menschen korreliert:

  • diejenigen, die mehr Mitgefühl für Tiere erleben, erleben im Durchschnitt auch mehr Mitgefühl für Menschen.

Dies zeigt sich auch in der Vorauswertung unserer aktuell laufenden Umfrage zu Persönlichkeit, Religion, Politik, Beziehungsgestaltung und Ernährung (deren Ergebnisse wir später veröffentlichen werden):

  • die Antwort auf die Frage "Wenn Sie vom Leid anderer hören oder damit konfrontiert werden, erleben Sie ein Gefühl von Mitleid?" korreliert statistisch hochgradig signifikant mit der Antwort auf die Frage "Sie wissen, dass morgen eine Kuh geschlachtet werden wird - verursacht dies bei Ihnen Mitleid?".
  • die Antwort auf beide Fragen korreliert wiederum statistisch signifikant mit dem eigenen, tatsächlich geleisteten Einsatz für Umweltschutz, Tierrechte/Tierschutz, Überwindung der Armut in der dritten Welt, Geflüchtete und Verfolgte oder Obdachlose.
  • beide Fragen korrelieren zudem signifikant damit, wie sehr die Beantworter folgende Ziele als Herzensangelegenheiten betrachteten: Gleichberechtigung Homo- und Bisexueller, einschließlich Heirats- und Adoptionsrecht, Einsatz für Flüchtlinge - Beendigung der Abschottungspolitik, Chancengleichheit für Menschen mit Behinderungen und Erkrankungen, Überwindung von Rassismus, Überwindung von Antisemitismus, Gleichberechtigung der Geschlechter, Überwindung patriarchalischer Strukturen, Gesellschaftliche Emanzipation von Transgender und drittem Geschlecht (Intersexualität), Rechtspopulismus und Rechtsradikalismus stoppen.
  • je weniger Mitgefühl mit Menschen und Tieren die Beantworter formulierten, desto mehr wollten sie sich demgegenüber einsetzen für die Ziele Nationalstolz fördern und Flüchtlinge fernhalten und abschieben, desto eher stimmten sie der Todesstrafe zu und desto häufiger waren sie der Meinung, dass jeder sich selbst der nächste sei.

Wenn das Walddörfer-Gymnasium also seinen Schülern und Schülerinnen lehrt, im Umgang mit einem Tier gegen ihr Mitgefühl zu handeln, ist die Wahrscheinlichkeit durchaus hoch, dass bei einigen der Schüler dieser "Lernerfolg" auf andere Bereiche generalisieren wird, einschließlich des Umgangs mit Menschen.

Die Tötung von Goofy als Schulprojekt ist insofern dazu geeignet, bei den Teilnehmenden eine allgemeine Basis für unempathisches Handeln zu etablieren.

Stimme des Gewissens

Warum kommt ein Gnadenhof für die Schüler nicht infrage?

  • "Wir würden uns selbst anlügen, wenn wir dieses eine Tier retten, nur weil wir eine Bindung zu ihm aufgebaut und ihm einen Namen gegeben haben". Goofy verschonen und weiter Fleisch zu essen, passe einfach nicht, meint laut Zeitungsartikel ein Schüler namens Nils. 

Es ist fraglos korrekt, dass der weitere Konsum von Fleisch unverändert ein Ausdruck von Gewalt gegen Tiere und der Missachtung von Leben wäre.

Aber was ist das für eine Ehrlichkeit gegen sich selbst, die der Schüler hier fordert?

Es erinnert mich an das, was in Gefängnissen als Verbrecherehre bekannt ist:

  • man ist zu jeder Gewalttat bereit, legt aber Wert auf eine angebliche Ehrlichkeit, die man als Ehre bezeichnet.

Psychologisch gesprochen läuft hier ein anderer Prozess ab, der dem Schüler sicherlich nicht bewusst ist:

  • handeln wir inkonsistent, verspüren wir sogenannte kognitive Dissonanz, die als unangenehm erlebt wird und die wir reduzieren oder am besten gar nicht erst aufkommen lassen wollen.
  • manche ändern ihr Verhalten, andere aber unterdrücken die Stimme des Gewissens und setzen das Verhalten, welches diese Gewissensbisse hervorruft, fort.
  • irgendwann verstummt die Stimme des Gewissens und mit ihr die kognitive Dissonanz, weil das eigene Verhalten erfolgreich gerechtfertigt wird.

Weil Nils weiter sorglos Fleisch essen will, muss Goofy sterben, denn alles andere würde Nils als inkonsistent erleben und es gäbe ihm Anlass zu kognitiver Dissonanz.

Nils meint, ehrlich mit sich selbst sein zu wollen. Doch in Wirklichkeit möchte er sich dieser kognitiven Dissonanz nicht stellen und aufgeben will er seinen Fleischkonsum  auch nicht.

Also möchte er Goofy töten lassen, damit er selbst (irrationalerweise) den Eindruck von sich selbst haben kann, ehrlich mit sich selbst zu sein.

Es geht nicht um Goofy, es geht um Nils und hierfür soll Goofy sterben. Egoismus ist also eine weitere Lektion, die dieses Schulprojekt vermittelt.

Was schwerer wiegen würde, sich selbst zu belügen oder zu töten, dieser Frage scheint sich der Schüler demgegenüber nicht zu stellen.

Pädagogisch haben die Lehrer es versäumt, ihre Schüler zu echter Reflexion anzuregen und haben sie stattdessen bei der Herausarbeitung eines nach meiner Einschätzung pathetischen Rechtfertigungsschemas unterstützt, welches nicht das Reflexionsniveau eines ethisch-sensitiven Menschen erreicht.

Vergleichbare Handlungen

Mir ist bewusst, dass bei vielen in der Gesellschaft die hier angestellten Vergleiche oder Analogien zwischen gegen Menschen gerichteten Gewalttaten und der durch das Schulprojekt in Hamburg geplanten Schlachtung von Goofy als unangemessen bewertet werden dürften.

Aber nicht immer ist etwas tatsächlich unangemessen, was von einer Mehrheit so erlebt wird. Gilt Unrecht als Recht, wird dies subjektiv mehrheitlich als Recht erlebt, bleibt in seiner Struktur jedoch dennoch Unrecht.

Vor nicht allzu lang zurückliegender Zeit wäre eine Schule womöglich nicht aufgefallen, wenn sie einen Sklaven erworben und 1,5 Jahre bis zum Weiterverkauf als Schulprojekt gehalten hätte. Vielleicht hätte so eine Schule sogar Sklavenzucht betreiben und die resultierenden Kinder zwischenzeitlich verkaufen können.

Hätte man einer solchen Schule, den Lehrern, Schülern und Eltern damals vorgeworfen, damit Unrecht zu tun, hätten die Mitglieder der Sklavenhaltergesellschaft vermutlich mehrheitlich mit Unverständnis reagiert.

Sogenannte Nutztiere befinden sich in der Sklaverei des Menschen und das Handeln des Walddörfer-Gymnasiums, seiner Lehrer, Schülerinnen und Schüler und der dies duldenden Eltern entspricht der Mentalität einer Sklavenhaltergesellschaft mit dem einzigen Unterschied, dass nicht Menschen, sondern Tiere die Opfer sind.

Unkritische Berichterstattung

Anstatt sich kritisch mit dem Projekt zu beschäftigen, werden in Zeitungsartikeln vorwiegend die Rechtfertigungen der Schüler zitiert:

  • "Die Entscheidung der Schüler, „ihren“ Stier zu schlachten, fand außerhalb der Schule nicht überall Zustimmung. Gegenwind kam beispielsweise aus der „veganen Szene“, wie Lehrerin Damann berichtet. Dem hält Nils entgegen, dass mancher Kritiker, den Sinn des Projektes offenbar nicht ganz verstanden habe. Laura, die selbst vegetarisch lebt, war schon früh klar, „dass wir Goofy nicht retten können“. Ihr selbst ist durch die Zeit im Museumsdorf auch bewusst geworden, „was Landwirtschaft wirklich bedeutet“. Die Schüler aus der 10c haben auch die Möglichkeit, nach dem Schlachten beim Zerlegen des Tieres zu helfen. Dabei gehe es darum, so Jonas, „eine Würde im Produkt Fleisch zu entdecken“."

Wenn Menschen getötet und in seltenen Fällen zerstückelt und gegessen werden - wie beim Kannibalen aus Rotenburg oder im Fall des Japaners Issei Sagawa - gibt dies Anlass zu Schock und Entsetzen.

Durch das Ausweiden und Zerschneiden eines Tieres, welches eine Schulklasse 1,5 Jahre großgezogen hat, soll demgegenüber eine Würde im Produkt Fleisch entdeckt werden?

Die berichtenden Zeitungen scheinen dies nicht merkwürdig zu finden und unternehmen nicht einmal einen Versuch, zu erklären, wo diese Würde durch Tötung und Ausweidung eigentlich genau entstehen soll?

Ich erlebe solche Assoziationen als bewusste Verkehrung einer gänzlich anderen Wirklichkeit in ihr Gegenteil.

Solche Strategien sind als Rechtfertigung von Tierausbeutung durchaus bekannt. Eindrückliches Beispiel hierfür ist eine Arbeit der beiden Anthropologinnen Deborah Heath und Anne Meneley, die die Produktion von Stopfleber (Foie Gras) als Ausdruck von Vertrauen zwischen Tier und Mensch umdefinierten.

Es sei dahingestellt, dass dieser hochtrabende Würde-Jargon für einen Schüler befremdlich klingt (eben wie durch Lehrer in den Mund gelegt).

In jedem Fall scheint er jedenfalls im Rahmen des Projektes nicht gelernt zu haben, dass Goofy kein Produkt, sondern ein empfindungsfähiges Lebewesen ist, welches nicht sterben, sondern leben will.

Issei Sagawa, der eine Studentin erschoss, um sie zu zerlegen und zu verzehren, hatte sich übrigens vor der Tat im Urlaub von einem Fleischer detailliert erklären lassen, wie man einen Körper zerlegt. Er schickte dem Fleischer nach der Tat eine Dankeschönkarte, für die er nie eine Antwort erhielt.

Auch beim Kannibalen von Rotenburg gibt es einen Zusammenhang zum Schlachten von Tieren:

  • er erlebte Schlachtefeste in seiner Kindheit als ein geradezu mythisches Ereignis, für welches er später die Sehnsucht entwickelte, es auf den Menschen zu übertragen. Die Tötung und Zerlegung seines menschlichen Opfers war nach seinem Erleben ebenfalls ein Akt der Würde, weshalb er seine Verurteilung wegen Mordes auch inhaltlich nie annehmen konnte.

Für mich ist es eine frappierende Parallelität, dass Schüler des Walddörfer-Gymnasiums in der Tötung und Zerstückelung von Goofy einen Ausdruck von Würde zu erkennen meinen.

Dies korrespondiert gleichzeitig mit meiner psychologisch begründeten Ansicht, dass durch dieses Schulprojekt eine Abspaltung von Empathie und Handlung gelehrt wird.

Wo Mitgefühl das Gegenteil von dem verlangt, was man tut, muss atsächlich oft der Begriff der Würde herhalten, um unmenschliches Handeln zu legitimieren - ob im Krieg, im Schlachthaus oder bei diesem Schulprojekt. Dass der Begriff auch für dieses Schulprojekt verwandt wird, sollte daher alle Alarmglocken läuten lassen.

Hohes Ausmaß an Konformität

Beunruhigend ist, dass offenbar (so stellt es sich jedenfalls in den Medienberichten dar) alle Beteiligten im Walddörfer-Gymnasium mitmachen oder schweigen - kein Schüler streikt, kein Lehrer protestiert und kein Elternteil widerspricht.

Diese Konformität in Anbetracht der geplanten Tötung von Goofy spricht sowohl gegen das pädagogische Konzept der Schule (welches offenbar nur Ja-Sager produziert) wie auch gegen die ethische Reflexionsfähigkeit aller Beteiligten.

Studien bestätigen Generalisierung

Es sind nicht nur Einzelfälle und theoretische Analogien, die eine Parallelität zwischen Gewalt gegen Tiere und Gewalt gegen Menschen implizieren und damit auch meine Vergleiche in diesem Artikel nach meiner Überzeugung begründen und legitimieren:

So weisen Studien mit Straftätern auf eine bedeutsame Beziehung zwischen Tierquälerei im Kindesalter und späterer Gewalttätigkeit im Erwachsenenalter hin (Belege für die im Folgenden genannten Artikel hier):

  • eine Untersuchung der Psychologen Overton, Hensley & Tallichet mit Strafgefangenen in den USA ergab, dass fast zwei Drittel der befragten Strafgefangenen in der Kindheit mindestens einmal Tiere quälten. Vor allem aber zeigen die Befunde, dass die Häufigkeit tierquälerischer Handlungsweisen im Kindesalter in dieser Stichprobe mit der Häufigkeit späterer gewalttätiger Handlungsweisen gegenüber Menschen korrelierte.
  • gemäß einer vorherigen Studie von Henderson, Hensley & Tallichet ist zudem davon auszugehen, dass je früher im Kindesalter Tierquälerei auftritt mit, desto größerer Wahrscheinlichkeit später im Erwachsenenalter gegen Menschen gerichtete Gewalttaten begangen werden.
  • ebenfalls berichtet eine Schweizer Studie mit 3600 Schülern der Klassenstufen 7 - 9 über signifikante Zusammenhänge zwischen Tierquälerei, Vandalismus und Gewalttaten gegen Menschen. Diese Befunde stimmen wiederum mit den Bewertungen von im Kinder- und Jugendschutz beruflich tätigen Personen überein, die nach einer kanadischen Studie das Auftreten von Tierquälerei als einen bedeutsamen Faktor für zu erwägende Interventionsmaßnahmen ansehen.

Manch einer mag einwenden, in diesen Studien gehe es um Tierquälerei und nicht um Schlachtung. Abgesehen davon, dass ich Schlachtung für Tierquälerei halte, verfehlt dieser Einwand den Hauptaspekt, um den es geht:

  • die Generalisierung eines Verhaltens über die Artgrenzen vom Tier (auch über verschiedene Tierarten) zum Menschen

Wie wir uns gegenüber Tieren verhalten, so mögen wir uns ebenfalls gegenüber Menschen verhalten. Was wir lernen, mit Tieren zu tun, mögen wir später mit Menschen tun.

Die Schüler und Schülerinnen des Walddörfer-Gymnasiums lernen in diesem Projekt, Mitgefühl bei ihrer Handlungsplanung außer Acht zu lassen und ein Tier zur Schlachtung frei zu geben, was sie 1,5 Jahre großzogen.

Es wird ihnen angeboten, auch bei dessen Zerstücklung dabei zu sein, was mindestens einige von ihnen als eine offenbar besonders würdevolle Handlung erleben.

Explizit haben die Schüler und Schülerinnen es abgelehnt, Goofy auf einem angebotenen Platz in einem Lebenshof ein glückliches und langes Leben zu ermöglichen.

Solch ein Verhaltensmuster subjektiv dennoch mit Begriffen, wie emotionale Beziehung oder Würde, verbinden zu können, zeigt nach meiner Ansicht ein erschreckendes Ausmaß einer womöglich (auch) durch dieses Projekt konditionierten und durch unkritische Rationalisierungsprozesse aufrechterhaltenen Gefühllosigkeit aller Beteiligten.

Es wäre nach meiner Überzeugung eher erstaunlich, wenn diese Lektion in gefühlskaltem Handeln bei den Schülern und Schülerinnen nicht auch in ihrem Umgang mit Menschen langfristig Spuren hinterlassen würde, die in ganz besonderen Einzelfällen sogar bis hin zu einer sadistischen Lust an Kontrollausübung über ein wehrloses Wesen und dessen Tötung und Ausweidung gehen mögen.

Psychische Integrität wird gefährdet

In der Petition zur Rettung des Lebens von Goofy heißt es:

  • "Wir bitten für das Tier, aber auch für diese Jugendlichen, lassen Sie das Projekt mit einem guten Abschluss für alle Lebewesen enden. Zeigen Sie Herz! Ersparen Sie den Kindern die Lebenslast, am Tod beziehungsweise der Gefangenschaft eines von ihnen einst geretteten Kälbchens mitschuldig zu sein. Gewähren Sie Goofy Freiheit und ein artgerechtes Leben auf einem Lebenshof!"

Anders als die Lehrkräfte erkennt die Verfasserin der Petition einen weiteren psychologischen Sachverhalt, der gegen dieses Projekt spricht:

  • Menschen können sich ändern. Dies gilt auch für die beteiligten Jugendlichen. So sehr sie heute das Leben von Goofy nicht zu schätzen wissen, so mögen sie später einmal anders darüber denken. Der Anteil vegan lebender Menschen steigt, zunehmend verstehen Menschen, dass das durch die Nutztierhaltung verursachte Leid unnötig und unerträglich ist.
  • womöglich werden dies künftig auch manche der nun beteiligten Schülerinnen und Schüler erkennen und müssten sich dann berechtigt selbst Vorwürfe machen, sich an diesem Projekt beteiligt zu haben und durch Schweigen oder aktives Mittun Mitschuld an dem Tod eines Tieres auf sich geladen haben.
  • die Schülerinnen und Schüler müssten sich fragen (und fragen lassen), wie sie mit dieser Schuld umgehen wollen und wie es so weit kommen konnte, dass sie damals jedes Mitgefühl außer Kraft setzten und Goofy dem Tod auslieferten, ja aktiv eine bereits angebotene Möglichkeit seiner Rettung blockierten.
  • auch rückwirkend kann so etwas noch traumatisierend wirken und eine dauerhafte Gewissensqual bewirken, von der sie niemand befreien wird können. Nur weil die beteiligten Schülerinnen und Schüler es heute womöglich "cool" finden, Herrschende über Leben und Tod zu sein, bedeutet dies nicht, dass ihnen daraus nicht künftig eine Gewissenslast entstehen wird.

Auch vor diesem Hintergrund handelt es sich bei diesem Schulprojekt nach meiner Überzeugung um eine verantwortungslose Pädagogik, die dazu geeignet ist, Tier und Mensch zu schädigen.

Wende im Fall Goofy

Der Protest von Tierschützern hat zu einer Wende im Fall geführt. Zitiert sei aus der Presseerklärung des Leiters des Walddörfer-Gymnasiums Jürgen Solf:

  • "die Schlachtung des Tieres war für alle in der Klasse ein herausfordernder und akzeptierter Teil des Lebens auf einem landwirtschaftlichen Hof. Dann wurden Ende November, ausgehend von einem Zeitungsartikel, plötzlich die sozialen Netzwerke, Tierschützer und Veganer auf „Goofy“ aufmerksam. Der öffentliche Druck durch Kampagnen und eine Überflutung durch Mails wurde so groß, dass die Schule und das Museumsdorf Volksdorf den pädagogischen Schutzraum für die betroffenen Schülerinnen und Schüler nicht mehr gewährleisten können. Massive Verurteilungen und Anfeindungen lassen keinen Raum mehr für eine fruchtbare und kontroverse Auseinandersetzung innerhalb des Projekts. Das Projekt wird daher vorzeitig beendet, auch unter dem Protest des Museumsdorfes Volksdorf, das das Projekt wie vereinbart gerne zu Ende führen wollte.
  • „Goofy“ bleibt am Leben und wird auf dem Museumsdorf Volksdorf zu einem Zugochsen umgeschult. Für die Schülerinnen und Schüler der mittlerweile 10. Klasse bleibt auch der Abbruch des Projekts eine herausfordernde Bildungsaufgabe, bei der nicht nur die Diskussion um Tierhaltung und Fleischkonsum, sondern auch die Erfahrung mit Medien und sozialen Netzwerken für kritische Erkenntnisse sorgen wird."

Forderung der Freigabe bleibt

Natürlich ist diese Nachricht zunächst einmal Grund zur Freude:

  • die Schlachtung von Goofy konnte verhindert werden.

Ohne den entschiedenen und organisierten Protest von Tierschützern wäre das Schicksal von Goofy besiegelt gewesen. Dies zeigt, dass Engagement und Widerstand nicht zwecklos sind.

Allerdings soll Goofy nach wie vor ein Nutztier sein und es soll ausgerechnet von denjenigen zum Zugochsen trainiert werden, die seinen Tod unbedingt wollten und nur unter Protest zustimmten, von der Tötung abzusehen.

Dass die gleichen Personen und Institutionen, die die Schlachtung dieses Tieres zu einer - wenn auch pervertierten - Herzensangelegenheit machten, nun Goofy einstmals an Altersschwäche sterben lassen werden, bleibt zu bezweifeln.

Die Schlachtung ist aktuell abgewendet, aber in Sicherheit ist Goofy nicht. Unter diesen Voraussetzungen wird Goofy im besten Fall dort dauerhaft versklavt werden und womöglich schwere Güter ziehen müssen, wo man ihn eigentlich hatte töten lassen wollen.

Die Forderung bleibt daher an die Schule und Schüler und Schülerinnen, Goofy freizugeben und ihm das zu ermöglichen, was ihm zusteht:

  • ein langes und glückliches Leben bei Menschen und mit Artgenossen, die ihn lieben und nicht nutzen wollen.

Schule reklamiert die Opferrolle

Aus der Stellungnahme der Schule ergibt sich, dass keine Reflexion und keine Einsichtsprozesse aufseiten der Schule stattgefunden haben.

Stattdessen reklamiert der Schulleiter für seine Schule und alle Beteiligten die Opferrolle.

Schulleiter Jürgen Solf spricht selbstgefällig von Kampagnen, einer Überflutung durch Mails oder Anfeindungen, sodass man habe den pädagogischen Schutzraum für die betroffenen Schülerinnen und Schüler nicht mehr gewährleisten können.

Stattdessen hätten sich Jürgen Solf besser auseinandersetzen sollen, wie es geschehen konnte, dass das Walddörfer-Gymnasium seinen Schülerinnen und Schülern die Abspaltung von Mitgefühl lehrt, dafür ein Tier instrumentalisiert und mögliche Folgeschäden für die Schülerinnen und Schüler in Kauf nimmt.

Den Schutzraum hat in Wirklichkeit die Schule von Anfang selbst niedergerissen, indem sie ihre eigenen Schülerinnen und Schüler für ein aufmerksamkeitsheischendes Projekt einsetzte, dessen Kern bei näherer Betrachtung nichts als Grausamkeit, Tierverachtung und damit auch Menschenverachtung war und ist.

Dass der Schulleiter für den Protest derjenigen, die dies nicht zulassen wollten, nicht das geringste Verständnis zeigt, belegt nach meiner Einschätzung erneut, dass es den Verantwortlichen von Anfang an an jeder empathiegeleiteten pädagogischen Reflexion mangelte.

Weder Mitgefühl mit dem Tier noch Mitgefühl mit denjenigen, die Mitgefühl haben, scheint das Agieren der Schule zu charakterisieren.

Öffentlichkeit ist notwendig

Die Verantwortlichen für solche Schulprojekte sollten nicht erwarten können, dass sie mit ihren Handlungen nur Aufmerksamkeits-Lorbeeren einer tierverachtenden Gesellschaft ernten können, ohne auf den Protest und den Widerstand derjenigen zu treffen, die sich für eine tier- und menschenwürdige Gesellschaft einsetzen.

All denen, die sich an dem Protest beteiligten und Widerstand leisteten, sei gedankt dafür, dass sie es nicht erlaubt haben, diese schulisch organisierte Brutalität unter dem Mantel eines pädagogischen Anspruchs durchkommen zu lassen.

Konformität versus Zivilcourage

Der Schulleiter behauptet nach wie vor, dass es sich bei diesem Projekt um eine herausfordernde Bildungsaufgabe gehandelt habe.

In Wirklichkeit hat die Schule dafür Sorge getragen, dass Schülerinnen und Schüler keine Zivilcourage und kein Mitgefühl zeigten, sondern zu Mitläufern und Mitläuferinnen wurden.

Der mangelnde Widerspruch der Schüler und Schülerinnen ist der beste Beleg für diese Schlussfolgerung.

Psychologisch verwunderlich ist dies allerdings nicht. So monströs ihr Handeln auch scheinen mag, wir müssen den Schülerinnen und Schülern nicht unterstellen, Psychopathen oder Monster zu sein. Sie sind es nicht, sondern sie unterlagen dem gleichen Phänomen, was die Sozialpsychologen Stanley Milgram und Philip Zimbardo   in ihren berühmten Experimenten so eindrucksvoll demonstrierten:

  • Menschen laufen Gefahr, Autoritätseinflüssen zu unterliegen und dabei selbst gegenüber brutalen Vorgaben keinen Widerstand zu leisten.

Genau so scheint es auch bei den Schülerinnen und Schülern des Walddörfer-Gymnasiums gelaufen zu sein, die die autoritative Vorgabe der Schlachtung nicht infrage stellten und bereit waren, diesem vorgegebenen Weg bis zum bitteren Ende zu folgen.

Dass die Schule allerdings dies Beispiel für die Ausschaltung von Mitgefühl durch Autoritäts- und Konformitätseinflüsse als geradezu herausragendes pädagogisches Konzept darstellen möchte, ist mehr als Selbstbeweihräucherung und lässt Zweifel an ihren pädagogischen Fähigkeiten aufkommen.

Jedenfalls ist eine Lehrerschaft wie diese sicherlich nicht geeignet, um ihren Schülerinnen und Schülern den Weg zu Verantwortung, Empathie und Selbstreflexion zu weisen.

Resümee und Ausblick

Abschließend bleibt die Hoffnung, dass einzelne Schülerinnen und Schüler über ihre Rolle in diesem Projekt reflektieren und sich von Mitläufern zu Menschen mit Zivilcourage entwickeln werden.

Es ist durchaus möglich und notwendig, sich in Form von Schulprojekten sinnvoll und wirkungsvoll mit dem Thema der Nutztierhaltung und unserem Fleischkonsum auseinanderzusetzen, wie dies beispielsweise eine Schule in Schweden in Form eines in Information und Diskussion eingebundenen veganen Schulmonats tat.

Eine eigene Beteiligung an Tierausbeutung und Tötung ist für Schulprojekte weder notwendig noch verantwortbar oder zielführend.

Die in den Medien berichteten Worte der Klassenlehrerin vor Abbruch des Projektes klangen wie die Ankündigung einer Wiederholung:

  • "Barbara Damann hofft, dass weitere Projekte folgen. Sie kann sich nach den guten Erfahrungen der vergangenen Monate vorstellen, weitere Klassen für die Museumsdorf-Arbeit zu begeistern. Durchaus auch wieder mit der Begleitung eines Tieres von der Geburt bis zum Schlachthof. „Das war pädagogisch unglaublich fruchtbar.“ Sachtexte lesen sei das eine, die Realität kennenlernen etwas ganz anderes."

Es ist zu hoffen, dass diese Ankündigung mit dem jetzigen Projektabbruch ihre Gültigkeit verloren hat.

Vorsicht ist aber angesagt und Tierschützer sollten sich dafür einsetzen, dass derartige Schulprojekte künftig verboten werden.

 

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23 Kommentare auf "Schulprojekt Schlachtung eines Rindes"

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Ute Esselmann
Gast
Ute Esselmann

“In Wirklichkeit hat die Schule dafür Sorge getragen, dass Schülerinnen und Schüler keine Zivilcourage und kein Mitgefühl zeigten, sondern zu Mitläufern und Mitläuferinnen wurden.”

Genauso ist es. Starker und wichtiger Text, Herr Gebauer, ich danke Ihnen ganz herzlich dafür.

Dipl. Psych. Ute Esselmann

steven
Gast
steven

Danke, für die Fachliche zusammenfassung. Ähnliches habe selbst ich als Erzieher auch schon im Ansatz erkannt – nicht so im Detail aber dafür hast Du das ja Studiert. Ich habe beiden Einrichtungen Emails geschrieben, mal sehen ob Sie darauf noch eingehen, ich denke nicht.
Zum Thema Schlachten an Walldorf Einrichtungen kann ich nur sagen; das ist dort gang und gäbe.
Selbst in den Grundschulen werden Schafe geschlachtet um Leder, Fell und Fleisch für das Sommer Grillen zu haben, also das mit Goofy kommt nicht von ungefähr!
Liebe Grüße

Silke Brunner
Gast
Silke Brunner

Hallo Steven, das ist keine Waldorfschule sondern die Walddörfer sind die Hamburger Stadtteile Volksdorf, Sasel und Meiendorf. Mit der Waldorf-Pädagogik hat das nichts zu tun. Grüße, Silke

Klaus Grünseich
Gast
Mord eines nichtmenschlichen Kindes, welches als Säugling der nichtmenschlichen Mutter geraubt und Zeit ihres Lebens immer und immer wieder vergewaltigt wurde, deren Säuglinge immer und immer wieder geraubt wurden – wie es jährlich auch anderen Hunderttausenden anderen nichtmenschlichen Müttern erging/ergeht – die wohl längst selbst ermordet wurde, als Projekt zu bezeichnen, u n f a s s b a r, im negativst möglichen Sinne! Was muss bei den für das „Projekt” verantwortlichen „Lehrer:innen“ moralisch und intellektuell wohl alles defekt sein? Was ist mit der Gesellschaft los? Man bleibt immer wieder eigentlich sprach- und fassungslos zurück! Unfassbar auch der Artikel, unfassbar… Read more »
Klaus Grünseich
Gast

…nichtmenschlichen Mutter geraubt und die Zeit ihres Lebens

Dipl. Psych. A. Huth
Gast
Dipl. Psych. A. Huth

Eine ausführliche und treffende Analyse, Herr Kollege. Es wäre wünschenswert, würde sie den Sprung aus der veganen Echokammer in die Mainstream-Medien schaffen. Dort würde sie vermutlich jedoch dem tldr zum Opfer fallen.
Wer weiß, wie viel Wahrheitsgehalt in der mediealen Berichterstattung liegt? Die Schüler sind geprägt vom Zeitgeist in Elternhäusern und Schule. Schulmilch…
Eine verpasste Chance, davon produzieren wir in unserer Gesellschaft furchtbar viele. Unser Umgang mit Tieren ist katastrophal.

Klaus Grünseich
Gast

Und nicht „nur” mit den Tieren, auch mit den hungernden und verhungernden Menschen, dem Klima und gesamten Planeten, wofür ebenfalls die Tierqualindustrien und deren Auftraggeber:innen die Verantwortung zu tragen haben!

Tamara Jasinski
Gast
Tamara Jasinski

In einer “karnistischen” Gesellschaft ist es traurig, aber kein Wunder, dass die Lehrerin den Schülern die “Normalität” des Tierkonsums beizubringen versucht und sie mit der scheinbaren Notwendigkeit der Tötung von Tieren konfrontiert. Sie hat vielleicht nicht damit gerechnet, dass inzwischen viele Menschen die Grausamkeiten dieser Haltung erkannt und entsprechende Konsequenzen daraus gezogen haben. Die Schüler tun mir Leid, da sie scheinbar herzlos sind, in Wirklichkeit sich in Konformität mit ihrer Lehrerin und der Gruppe wohl keine eigene Meinung zutrauten oder glaubten, ihren Tierkonsum konsequent verteidigen zu müssen. Ich bin mir sicher, dass einigen von ihnen mulmig dabei zumute war.

Gabi Völkel
Gast
Gabi Völkel

Hallo
es gab vor ein paar Wochen einen Film über ein Dorf in Thüringen, das 4 Wochen vegan oder vegetarisch leben sollte, es haben nicht alle im Dorf daran teilgenommen, aber da fand ich es auch sehr komisch, dass die Teilnehmer dabei zuschauten, wie ein Schwein geschlachtet wurde und es hat auch keiner eingegriffen, da waren auch Kinder dabei. Leider finde ich das nicht mehr , glaube es war bei zdf. oder youtube.

Klaus Grünseich
Gast
„Einige Einwohner:innen ärgerten sich über die Aktion, es gab sogar eine Demonstration. Die Protestierenden aßen demonstrativ Wurstbrote und trugen T-Shirts mit der Aufschrift „Von wegen ‚Weida Fleischlos‘!!! Nicht mit uns.” „Vier Wochen kein Fleisch: Galileo sendet spannendes Experiment aus einer Kleinstadt”: https://www.prosieben.de/tv/galileo/videos/310-sonntag-galileo-spezial-willkommen-in-fleischlos-ganze-folge Min. 03:48: „Käse, Eier, Milchprodukte… für den Proteinbedarf… Quark, Feta oder Hüttenkäse… aber es ist auch schöner wenn man die Zeit nutzt, um sich gesünder zu ernähren… mehr Gemüse, gesündere Fette”. Diesen Unsinn faselte eine „Ernährungswissenschaftlerin” (stand da tatsächlich so)! „Alles über Keto Ernährung – Die ketogene Ernährung ist der absolute Boost für die Fettverbrennung.” / „Was ist dran… Read more »
Klaus Grünseich
Gast
Martina Stirnal
Gast
Martina Stirnal

Vielen lieben Dank für die ausführliche Betrachtung der pädagogischen und psychologischen Folgen,es wird für die meisten ein zu langer Text sein, aber notwendig um das Thema von allen Seiten zu betrachten. Ganz herzlichen Dank dafür. Meine Tochter hat bereits mit 7 im Supermarkt sich aufgeregt über eine Frau die Kalbfleisch oder Lamm kaufte, da war ich noch lange kein Vegetarier oder Veganer, sie fand es einfach zu traurig Tierkinder zu töten.

Klaus Grünseich
Gast

Kälber, Ferkel, Lämmer, Zicklein, „Küken” sind nichtmal „nur” nichtmenschliche Kinder, sondern Säuglinge!

Monika Braun
Gast
Monika Braun

das ist echt abartig und pervers. Gottseidank wird es noch verhindert. Dies hier geht an alle Lehrkörper. Schämen Sie sich zutiefst!!!

Klaus Grünseich
Gast

Dem schließe ich mich an. Nicht nur, aber insbesondere den letzten beiden Anmerkungen!!!

Pat
Gast
Pat

Was für ein großartiger Artikel. Alles auf den Punkt gebracht. Das sollte großflächig für alle Menschen lesbar sein. Ich bin die Anfeindungen so leid. Mich macht es ganz krank, wie wir mit den Tieren und unserem wunderschönen Planeten umgehen.

Klaus Grünseich
Gast

So ist es… unerträglich, all diese unsäglichen und barbarischen Verbrechen, welcher sich die Tierqualindustrien und deren Auftraggeber:innen an den nichtmenschlichen Tieren, den hungernden, verhungernden und verhungerten Menschen, dem Klima und dem gesamten Planeten schuldig machen!

Andrea Eggert
Gast
Andrea Eggert
Welch profunde Analyse, vielen Dank für Ihre Arbeit, dank derer man die Verhältnisse immer besser zu verstehen lernt. Die Tierausbeutenden hängen einer Quasi-Religion an, die wirkmächtiger ist als jede sonstige noch so abstruse Heils- und/oder Glaubenslehre. Die karnivore Religion eint fast die gesamte Menschheit. Da drehen und winden sich dann sogar vorgeblich gebildete, empathie-begabte Menschen neben denen, die Tiere sinnlos und in Unmengen in sich hineinstopfen, um irgendwie eine pseudo-aufgeklärte und -intellektuelle Rechtfertigung des Ermorden der nichtmenschlichen Mitgeschöpfe zu konstruieren. Dabei vergessen sie, dass zu einer ordentlichen Begründung unseres Treibens vor allem die Frage gehören muss, ob es dabei Opfer… Read more »
Klaus Grünseich
Gast

Hervorragender Beitrag, vielen Dank dafür!

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