Vegan.eu > Vollständige Meldung

Schweiz: Tierschützerin wird Einbürgerung verweigert

(Kommentare: 8)

Nancy Holten bei Youtube

Soeben hat die Gemeinde Gipf-Oberfrick im Kanton Aargau in einer Bürgerversammlung einer Tierschützerin zum zweiten Mal die Einbürgerung verwehrt (siehe Presseartikel hier, hier, hier und hier).

 

Nancy Holten kam im Alter von 8 Jahren in die Schweiz. Sie stammt ursprünglich aus Holland und erfüllt alle Voraussetzungen für eine Einbürgerung in die Schweiz.

 

Das Vergehen der Nancy Holten:

 

Sie ist Vegetarierin, lebt fast vegan und setzt sich in der Öffentlichkeit gegen Tiere im Zirkus, Pferderennen, Schweinerennen und gegen Kuhglocken mit einem Gewicht von fünf Kilogramm ein, die den Tieren Schmerzen im Nacken bereiten.


Für 203 von 262 abstimmungsberechtigten Bürgern war dies Grund genug, um Nancy Holten – übrigens zum zweiten mal - die Einbürgerung zu verwehren. Nancy Holten respektiere die Schweizer Traditionen nicht. Sie sei daher nicht integriert. Sie solle doch dorthin zurück, wo sie hergekommen sei. Es gründete sich sogar eine Facebook-Gruppe namens "Nancy out! – Den Schweizern zuliebe", die offenbar erst nach rechtlichen Schritten geschlossen wurde.

 

Tradition, Fleisch und Fremdenfeindschaft

 

Wo Tradition zu schützen ist, da verhallen allzu oft andere Argumente. Dies kennen wir auch aus Deutschland. So setzen sich die AfD (siehe hier und hier), Ernährungsminister Christian Schmidt von der CSU uns sogar Bundeskanzlerin Merkel dafür ein, dass regelmäßig deutsches Schweinefleisch in Mensen und Kantinen serviert werde. Schweinefleisch stellt nach diesen Auffassungen eine deutsche Tradition dar, die es zu bewahren gelte. Der millionenfache Tod von Tieren, die in der Regel vor ihrem Tod einem Erstickungskampf in beißendem CO2-Gas ausgesetzt werden, wird ausgeblendet. So wie bei der Lederhose im Trachtenumzug das lebende Tier nicht mehr gesehen wird.


Das Beispiel der Schweizer Gemeinde Gipf-Oberfrick zeigt übrigens gleichzeitig, wie schnell Menschen zum Fremden und Integrationshindernis erklärt werden können. „Wer unsere Traditionen nicht respektiert, der hat hier nichts zu suchen“. Dieser Stammtisch-Slogan kann sich gegen alle wenden, die in irgendeinem Merkmal abweichen, ob bei Haarschnitt, Bekleidung, Religion oder Ernährung. Sozialpsychologische Experimente haben sogar gezeigt, dass es für das Entstehen von Ausgrenzung und Vorurteilen bereits genügt, Menschen per Zufall in Gruppen einzuteilen.


Veganer gehören mit zu denjenigen, die von Prozessen der Ausgrenzung am schnellsten betroffen sein können, weil ihr Lebensstil sichtbar von dem Lebensstil der Bevölkerungs-Mehrheit abweicht. Dass es nun in der Schweiz eine Tierschützerin und fast vegan lebende Vegetarierin getroffen hat, ist insofern nicht überraschend.


Veganer sind nach vorliegenden Umfragen und wissenschaftlichen Studien häufig Vorurteilen und Diskriminierung ausgesetzt. Vegane Eltern, die ihre Kinder vegan ernähren, sind von solchen Angriffen besonders oft betroffen. In Italien haben Rechtspopulisten gar einen Gesetzentwurf eingebracht, der solche Eltern künftig zu Kriminellen erklären würde. Bei Spiegel-Online ist in diesen Tagen ein Artikel der Autorin Juno Vai erschienen, der vegane Eltern letztlich zu Egoisten erklärt, die die Gesundheit ihrer Kinder gefährdeten, um Aufmerksamkeit für sich selbst zu erhalten. Dies ähnelt dem, wie andere über Schwarze, Juden oder ganz aktuell Nord-Afrikaner sprechen, wobei aktuell übrigens mittlerweile öffentlichkeitswirksam Menschen selbst dann zu Nord-Afrikanern erklärt werden, wenn sie gar nicht aus Afrika stammen. Vorurteile halten einer Faktenprüfung nicht stand, auch dies ist ein typisches Merkmal.


Die vegane Lebensweise wird von Fleischessern bewusst oder unbewusst als ein Angriff auf die eigene Lebensweise gewertet. Der Veganer am Nachbartisch macht allein durch seine Anwesenheit deutlich, dass das Schnitzel auf dem Teller ein Tötungsprodukt ist und dass wir dieses Schnitzel nicht brauchen, um uns zu ernähren. Dies führt zu kognitiver Dissonanz bei den fleischessenden Personen. Um sich selbst hiergegen zu schützen, wird mit der Abwertung der veganen Personen und des Veganismus insgesamt reagiert.


Studien zeigen, dass die Ablehnung des Veganismus besonders stark bei solchen Menschen vertreten ist, die sich als konservativ verstehen und die Bewahrung von Traditionen für wichtig halten. Interessanterweise sind dabei Diskriminierung von Ausländern, Homosexuellen und vegan lebenden Personen miteinander korreliert. Diejenigen, die also beispielsweise Ausländer diskriminieren, neigen in der Regel auch stärker zur Diskriminierung von Veganern. In diesem Sinne befinden sich vegan lebende Menschen im gleichen Boot mit anderen Minderheiten und können von der Mehrheit schnell als Quelle von Bedrohung der Mehrheits-Kultur wahrgenommen werden.


Eine vegane Mehrheits-Gesellschaft und Kultur gibt es nicht und hat es nie gegeben. Die vegane Lebensweise steht nicht für die Rückkehr zu einer alten Ordnung oder die Bewahrung einer bestehenden Ordnung. Vielmehr strebt der Veganismus die Überwindung der durch ihn als tiefgreifend gewalttätig und Ressourcen vergeudend bewerteten Nutztierhaltung und der mit dieser verbundenen Traditionen an – von der Geflügel-Ausstellung bis hin zu Schweinerennen und Stierkampf. Auch außerhalb der Tierhaltung liegende Nutzungen von Tieren sollen überwunden werden, von der Jagd bis zum Angeln. Dass dies aus konservativer Sicht als Angriff auf Traditionen verstanden wird, ist nicht erstaunlich, auch wenn die Motivation nicht in einer Schädigung, sondern in der Herstellung von Empathie und Menschlichkeit liegt.


Die Verweigerung der Einbürgerung von Nancy Holten ist die zutiefst konservative Reaktion einer Gemeinde, deren Traditionen durch Nancy Holten aus Tierschutzgründen in Frage gestellt werden. Konservatismus ist dabei aus psychologischer Sichtweise eine Angst motivierte Grundhaltung, die an Altem festhalten oder zu diesem zurückkehren möchte, weil sie Veränderungen fürchtet.


Wie kann aus veganer Perspektive hierauf reagiert werden?


Veränderungen werden insbesondere dann gefürchtet, wenn Verluste oder Schäden erwartet werden. Mögliche Verluste oder Schäden wären hoher Aufwand, Verlust von Geschmack oder Gesundheitsgefährdungen. Um die Menschen für die veganen Sache zu gewinnen, ist die Aufklärung über das Tierleid fraglos wichtig. Zusätzlich ist es aber ebenfalls von zentraler Bedeutsamkeit, die leichte Umsetzbarkeit einer gesunden und schmackhaften veganen Ernährung für Menschen aller Altersstufen immer wieder mit in den Fokus der Aufklärung zu rücken. Denn sonst besteht die Gefahr, dass Menschen aus Angst vor Verlust oder Schäden lieber ihre Augen vor dem Tierleid verschließen als sich für die vegane Sache zu öffnen. Genau dies hat die Gemeinde Gipf-Oberfrick im Kanton Aargau in der Schweiz uns soeben noch einmal eindringlich vor Augen geführt, als sie Nancy Holten zum Integrationshindernis erklärte.


Nancy Holten wird übrigens wohl doch noch per Erlass des Regierungsrats eingebürgert werden. Die Tradition der Nutzung von Tieren ist fest verwurzelt und wird von Konservativen als Teil der kulturellen Identität erlebt. Mit ihrem Einsatz für Tierschutz und für eine fleischfreie Ernährung wird Nancy Holten daher vermutlich weiterhin für ihre Gemeinde ein Ärgernis bleiben.

 

Gegenwind gegen veganen Trend

 

Der aktuelle europaweite Erfolg rechtspopulistischer Parteien und Strömungen ist auch für den veganen Trend der letzten Jahre ein deutlicher Hinweis, dass Gegenwind aufzieht. Essgewohnheiten gehören mit zum Kern dessen, was als Tradition erlebt wird. Die Verteidiger der „alten Ordnung“ sehen sich auf den Plan gerufen, um ihre Traditionen und Gepflogenheiten gegen alle tatsächlichen oder vermeintlichen Widerstände zu verteidigen. Die Verteidiger dieser Traditionen treten martialisch auf – ob in Spanien bei der Verteidigung des Stierkampfes, in der Schweiz bei der Verteidigung der Kuhglocken oder in Deutschland bei der Verteidigung des Schweinefleisches - aber im Hintergrund stehen Angst vor Veränderung und Vorurteile.


Was soeben Nancy Holten in Gipf-Oberfrick im Kanton Aargau in der Schweiz widerfahren ist, lässt keinen Zweifel daran entstehen, dass sich vegan lebende Menschen auf einen weiten Weg vorbereiten müssen , wenn sie für eine Zukunft einstehen, die Tierausbeutung und Fleischkonsum überwinden soll.

Zurück

Einen Kommentar schreiben

Kommentar von Gerlinde Rupp |

Wir Veganer haben bereits einen "weiten Weg" hinter uns: Ganze Meere sind mit Tränen und Blut der abgeschlachteten und gefolterten Tiere gefüllt und vermischen sich mit der Trauer und dem Mitgefühl der Menschen, die diese Gewaltorgien nicht verhindern konnten. NUR > vor 70 Jahren, mit Beginn der Massentierausbeutung war noch Zeit zum Umdenken. Heutzutage hingegen ist da nichts mehr mit "langem Weg" ! Der Weg bis zum totalen Kollaps ist nämlich nur noch sehr kurz: die massenhafte Fleischfresserei hat uns geplünderte Meere, abeholzte Urwälder, verseuchtes Grundwasser, zerstörte Böden, vergiftete Atemluft, Hunger, Krankheiten und Massenaussterben gebracht. Den Preis für die Fleischgier bezahlen wir ALLE > und einen weiten Weg wird es nicht mehr geben, der um die zarten Befindlichkeiten der ach so empfindlichen Schlachthofbefürworter rücksichtsvoll herumführt. Unsere Nachkommen werden mit Verachtung und Unverständnis auf ihre Vorfahren zurückblicken, die den gesamten Planeten verantwortungslos zerstört haben, wegen Leberwurst und Grillbratzen auf dem Teller. Die letzten Fleischfresser wird man vielleicht ins Gefängnis werfen > aber mit Sicherheit auf einem komplett verwüsteten Planeten, auf dem man vielleicht armselig überleben kann, aber mit Sicherheit nicht mehr angenehm LEBEN. Vielleicht macht aber auch der letzte Schnitzelvertilger hier das Licht aus. Ruhe sanft, Erde. Du warst einmal schön > bevor die Menschen mit dem Schlachtmesser über alles herfielen.

Kommentar von Gertraud Fauner |

Es ist sehr bedauerlich, wie auch heute noch in sogenannten zivilisierten Staaten mit den Tieren umgegangen wird, ob aus Tradition oder aus Profitgier, und dass man einer Tierschützerin die
Einbürgerung verweigert ist schon fast pervers.

Kommentar von Birgit Müller |

Hallo Vegan-eu,

Eure hier gelesene Stellungnahme zur Nicht-Einbürgerung der Tierschützerin Nancy Holten
in die Gemeinde Gipf-Oberfrick (Schweiz) ist in ihrer Darstellung ebenso informativ wie analytisch auf den Punkt gebracht. Ihr ist wirklich nichts hinzuzufügen.
Aber vielleicht doch ein paar wenige Gedanken und Fragen dazu.
Natürlich kenne ich die Gesetzeslage in der Schweiz nicht , doch erlaubt es die deutsche Verfassung, eben unser Grundgesetz, doch wohl nicht eine derartige Diskriminierung durchzusetzen. Hier würde doch eine Klage vor Gericht gegen die Gemeinde Erfolg haben ?
Diese Haltung dürfte eigentlich auch in der Schweiz nicht zum Erfolg führen, denn was in einer konservativen , sehr traditionellen Gemeinde gewünscht wird, kann nicht der Maßstab für das 21. Jahrhundert sein .
Das heißt nicht, dass Traditionen grundsätzlih schlecht sind und abgeschafft gehören. Es gibt sicherlich liebgewonnene und bereichernde Dinge und Abläufe, Sitten und Gebräuche innerhalb der Kulturen , auf die man stolz sein kann und welche tatsächlich bewahrenswert sind. Ganz sicher nicht stolz sein kann eine Gesellschaft auf eine Kultur , welche einen schädigenden und inhumanen , sowie nicht wertschätzenden Umgang mit leidendsfähigen Mitgeschöpfen pflegt. Hätten über Jahrhunderte und Jahrtausende hinweg die Traditionen über eine sozial-inteligente Weiterentwicklung des Menschen gesiegt, so hätten wir z.Bsp. immer noch die Sklaverei und die in Europa öffentlich zur Schau gestellten Quälereien, über die sich die Massen tatsächlich belustigt und unterhalten gefühlt haben.
Es hat immer Minderheiten gegeben und Veränderungen haben immer mit ihnen angefangen. Ich bin unsagbar stolz auf auf Euch, auf alleTierschützer,Tierschutzorganisationen , Veganer und Vegetarier und solche, die daran arbeiten , ihren Fleischkonsum zu reduzieren.
Zum Abschluss noch eines . Unsere Zukunft sind vorallem die Kinder und ihre Sensibilisierung .
In diesem Zusammenhang ebenso junge Eltern , Erzieher und Lehrer. Ich würde mir wünschen, dass das Thema Tierschutz und seine Aufklärung immer stärker in Kitas, Schulen und ähnliche Einrichtungen einzieht.
Alles liebe und viel Erfolg dafür im Jahr 2017,
wünscht Euch und uns
Birgit

Kommentar von Gschwender, Dr. med. Hans |

Bitte weniger Fundamentalismus auf beiden Seiten!
Nancy wird zu REcjt abgelehnt nicht wegen ihrer veganen Lebensweise, sondern wil sie sich militant gegen landsmännisch Bräuche wendet. Ist Sie ein Kuh? und kann beurteilen ob bei einem fast tonnenschweren Tier der Nacken bei lächerlichen 5 kg schmerzt?
Ich arbeite energetisch und habe ein Diagnostiksystem mit den Hexagrammen des Yiging, dem ältesten Weisheitsbuch der Menschheit entwickelt. Darunter ist auch ein Resonanzmittel für Sucht jeglicher Art. Die Behandlung ist immer dann erfolreich, wen das Energiefeld gerade haslbiert wird. Das bezeichen ich als "Lebensqualität". Unter meinen Patienten gibt es aujch Veganer. Interessanter Weise reagiert bei dieser Personengruppe die Sucht nicht. Daraus schließe ich: Veganer haben keine Lebensqualität, also lassen wir diese armen Geister in Ruhe. Aber militanter Misionarismus ist abzulehnen.

Kommentar von Melanie Schneider |

Irgendwie komplett abstrus. Muss man das verstehen?

Kommentar von Geronymo |

Natürlich darf die Ferndiagnose des Kaffeesatzlesers aus Wolkenkukucksheim nicht fehlen. Erstaunlich, was man als Dr. med. alles verbreiten darf. Was Lebensqualität ist, weiss jeder Veganer besser, als dieser selbsternannte Spökenkieker.

Kommentar von Klaus Grünseich |

@Geronymo: „selbsternannter, kaffeesatzlesender Spökenkieker aus Wolkenkukucksheim“! ;-) Musste gerade drei Mal die Unterhose wechseln, hoffentlich nicht noch ein 4. Mal! ;-) Übrigens, alles soll käuflich sein! Vielleicht hat „s. k. S. a. W.“, neben seinem Kaffeesatz - womöglich hat er auch noch ne' Glaskugel - auch einen „guten Draht“ zu irgend einer Bananenrepublik! Obwohl, Wolkenkukucksheim, liegt das nicht irgendwo „hinterm Mond“? Denn, dort hat der Herr bekanntlich nicht all' zu viel Hirn regnen lassen, zudem nahm niemand den „Bewohnern“ die Regenschirme weg! Vielleicht findet sich deshalb immer wieder dieses „intellektuell überragende“ Geschreibsel von „Mr. Spökenkieker“? Beste vegane Grüße!

Kommentar von Klaus Grünseich |

@Melanie Schneider: Abstruses KANN man nicht verstehen! Beste vegane Grüße, Klaus